Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Aus dem ausgezeichneten Paper Science-Laden Theory von Fabio Gironi (via k-punk), das eine frühe metawissenschaftliche Einordnung der jungen Speculative Realism-Bewegung vornimmt:

However, to identify this enemy precisely seems to be a tricky business, since we cannot always safely invoke the spectre of correlationism, and since different ontological commitments will make it hard to delineate what or who counts as an enemy. If it would perhaps be more correct to say that the common enemy is any form of antirealism, it is precisely in the evaluation of what counts as ‘real’ that speculative realists diverge.

Spot-on: Während ich mit dem größten Teil dessen, was jetzt Spekulativer Realismus heißt, alles andere als einverstanden bin, ist es das Projekt, das es unbedingt zu unterstützen gilt. Und das kann nicht die Zurückweisung des Korrelationismus sein, sondern die Wiederentdeckung des viel zu lange aus viel zu sonderbaren Gründen verleugneten Wirklichen.

Der Korrelationismus kann nicht der Gegner sein, weil er ein Strohmann ist. Quentin Meillassoux erbt in After Finitude die Absurdität der Missverständnisse, gegen die er argumentiert: Das Argument der arch-fossils wäre wertvoll (und offensichtlich), hätte Kant wirklich eine materiell-ontologische Abhängigkeit der Dinge von menschlicher Wahrnehmung behauptet. Zwar gibt es dieses Missverständnis, und so spricht nichts dagegen, ihm hin und wieder entgegenzutreten, die Relevanz der ganzen absurden Debatte für eine kantianisch informierte Metaphysik ist aber (anders als Meillassoux zu glauben scheint) aus meiner Sicht gering: Kant selbst gibt sich für die etwas simple Idee eines solchen Korrelationismus einfach nicht her. Unabhängig davon, ob man überzeugt ist, daß Kant seine dritte Antinomie wirklich aufgelöst hat, macht er in seiner Auflösung sehr klar, daß der primitive Korrelationismus, der ihm gern von Alliierten und Gegnern unterstellt wird, nicht seiner ist.

Unabhängig von der ärgerlichen dauernden Vereinnahmung Kants auf Positionen, die er selbst für explizit problematisch hält, kann ein einfacher Naturwissenschaftsoptimismus nicht die Lösung aller Probleme einer die Wirklichkeit bearbeitenden Metaphysik sein. Die Wirklichkeit ist ein problematisches Konzept, genau deswegen kann die Naturwissenschaft, ohne sich zu kompromittieren, dazu aus eigenen Mitteln heraus nicht aussagefähig sein und braucht spekulativ-philosophischen Flankenschutz. Daß man über die Wirklichkeit nicht mehr sagen könne, als die Naturwissenschaft sagt, ist offenbar falsch (es geschieht dauernd), daß man nichts sinnvolles sagen könne, ist wie alle Behauptungen dieses Typs zwar geeignet, die Debatte zu beenden, macht aber nicht klüger. Vielleicht sollte man schweigen, aber ach, wie schwach sind wir Menschen, wenn wir neugierig sind.

Während die zwei großen Namen des Spekulativen Realismus, Meillassoux und Brassier, beide aus meiner Sicht keine interessanten Probleme anzubieten haben — der eine argumentiert gegen offenbaren Unsinn, der andere nur für das offenbar Richtige — bieten ihre Texte einen gemeinsamen Ausgangspunkt an für alle, die genau dieses „offenbar“ teilen. Denn natürlich wird der unsinnige Korrelationismus, gegen den Meillassoux argumentiert, tatsächlich vertreten, und natürlich gibt es den Scientismus, dem sich Brassier annähert, überall.

Mein eigenes bescheidenes Angebot wäre nach wie vor, daß das metaphysische Problem, das die Naturwissenschaft (dankenswerterweise) in der Philosophie aufgerissen hat, sich in der Deutung des Imperativs im reduktionistischen Programm versteckt: Die Philosophen, auch die Philosophen in den Reihen der Naturwissenschaftler, vermischen Methode und Metaphysik. Der methodische Imperativ des (naturwissenschaftlichen) reduktionistischen Programms lautet „Finde ein materielles Korrelat für das Phänomen“. Der ontologische Imperativ des (genuin philosophischen) eliminativ-reduktionistischen Programms lautet „Behaupte, daß nur das materielle Korrelat des Phänomens wirklich ist“.
Mit anderen Worten, es ist die Philosophie (gleich von wem sie betrieben wird), nicht die Naturwissenschaft, die die Materie überschätzt und ontologisch auflädt, während sie für die Naturwissenschaft nichts ist als die „Ebene des Messbaren“. Über die mögliche oder unmögliche Wirklichkeit des So-Nicht-Messbaren (sagen wir: Qualia) spricht die Naturwissenschaft nicht, zu solchen Aussagen befähigt sie ihr methodisches Rüstzeug nicht, was zu ihrer Stärke gehört.
Auf der anderen Seite sind alle Intuitionen, die wir uns (beim Anfassen von Tischen) bezüglich Materie erworben haben, für einen Umgang mit dem naturwissenschaftlichen Materiebegriff vollkommen wertlos, spuken in der philosophisch-eliminativen Spielart des Reduktionismus aber immer wieder herum. Die ganze Idee, daß es etwas zu eliminieren gäbe und daß das bedeute, daß am Ende alles eigentlich aus so einer Art sehr kleiner Steine gemacht sei, deutet schon auf die kryptodualistische Konzeption des eliminativen Reduktionismus hin, die dem rein methodischen Reduktionismus fehlt.

Eine die Wirklichkeit beschreibende Formulierung muß nicht in Materiebegriffen formuliert sein. Tatsächlich sind diese in den allermeisten Fällen ungeeignet. Ihr einziger und wesentlicher Vorteil ist der der Kompatibilität untereinander, gleich was sie beschreiben. Eine erfolgreiche Reduktion im Sinne des methodisch-reduktionistischen Programms beweist nur logische Kohärenz im Sinne des Monismus und ist keine Aussage über Wirklichkeit.
Ein echter Monismus wiederum ist nicht das ideale Forschungsergebnis einer an ihrem Ziel angekommenen Naturwissenschaft (die keine Ziele kennt), sondern eine logisch geforderte Annahme für das sinnvolle Nachdenken über die Wirklichkeit überhaupt.

Eine Zusammenfassung meiner ungeliebten Magisterarbeit (von 2006, also prä-Spekulativer Realismus) könnte sein:

– Wir müssen Monisten sein.
– Wir müssen Realisten sein.
– Wir müssen sicherstellen, daß alle unsere Beschreibungen der einen Wirklichkeit im Prinzip aufeinander abbildbar sind (sonst werden wir inkonsistent, d.h. wir behaupten versteckt, daß die Wirklichkeit sich selbst widerspricht, was wir nicht dulden können).
– Wir müssen das praktisch nicht tun, weil manche der Abbildungen so komplex werden würden, daß sie nicht mehr regelmäßig aussehen könnten.
– Naturgesetze regieren nicht die (eine, wirkliche) Natur, sie sind nur unsere bescheidenen Mittel, sie vorherzusagen. Wirklichkeit und Naturgesetze sind nicht notwendigerweise, auch nicht am Ziel der Wissenschaftsgeschichte, dasselbe. (Eine solche Annahme ist durch nichts gerechtfertigt.)
– Bottom Line: Reduktion und Regelhaftigkeit sind in manchen Teilen der Wirklichkeit unvereinbare Ziele bei der Organisation von Information (a.k.a. Wissenschaft). Erzwingt man eine vollständige Reduktion, sieht die Wirklichkeit unregelmäßig aus (Unregelmäßigkeit und Komplexität sind dasselbe), erzwingt man vollständige Regelhaftigkeit, muß man mit rebellischen Ausnahmen rechnen. Die berüchtigte „explanatory gap“ ist ein Fragment des Versuchs, diese Unschärferelation des Verstehens entweder aus krypto-dualistischer oder im Gegenteil primitiv-materiemonistischer Position heraus zu ignorieren.
Ob die Unschärfe eine Eigenschaft einer denkbaren „boshaften“ Wirklichkeit ist, die sich einer vollständigen Organisation in einfache Regeln entzieht, oder nur eine Eigenschaft unserer bestehenden Systematisierungen, lässt sich nicht feststellen.

Link | 5. September 2010, 16 Uhr 04 | Kommentare (10)


10 Kommentare


//Über die mögliche oder unmögliche Wirklichkeit des So-Nicht-Messbaren (sagen wir: Qualia) spricht die Naturwissenschaft nicht, zu solchen Aussagen befähigt sie ihr methodisches Rüstzeug nicht, was zu ihrer Stärke gehört.//

Die Naturwissenschaft nicht, jedoch die, die sie melken. Die zweifeln die Nützlichkeit all dessen, was nicht messbar ist, nach wie vor an, was zur Folge hat, dass die Philosophie für schlechtes Geld den Dreck wegräumen darf.

Sonst habe ich herzlich wenig verstanden, aber das muss ich ja auch nicht.

Comment by fabe | 10:21




Ohne mich mit spekulativem Realismus näher befasst zu haben:
Ich denke doch, dass es eine sehr nützliche Information ist, dass eine Aussage außerhalb des Geltungsbereichs der Wissenschaft geradezu definitionsgemäß Fiktion ist und insofern nur noch sehr bedingt etwas mit der Realität zu tun hat. Ob diese Erkenntnis klüger macht, ist sicher eine definitionsfrage, aber darüber zu schweigen hielte ich für eine denkbar schlechte Idee.
Oder verstehe ich mangels Fachkenntnis die ganze Sache sowieso falsch?

Comment by Muriel | 15:18




Ich meine hier Messbarkeit in strengem Sinne, was bedeutet, daß Nichtmessbarkeit bei sehr gewöhnlichem Vokabular beginnt: Der Geschmack von Milch ist keine als solche messbare Größe, und trotzdem bedeutet das Wort eindeutig was und die Sache ist auch nicht Fiktion.

Niemand hat mehr so richtig Zweifel, daß der Geschmack von Milch naturalisierbar ist, also auf messbare Parameter, auf die Chemie von Milch und die Physiologie der Zunge zurückzuführen: So geht das eben mit der Reduktion. Die Frage ist jetzt, ob man dem Phänomen Geschmack seine eigenständige Realität deswegen abspricht (schließlich ist das Phänomen auf Materiekonfigurationen reduziert worden) oder denkt, daß es so etwas wie Geschmack /gibt/.
Das ist zunächst eine innerphilosophisch-technische Frage, also keine Sache, die man in der Welt erforschen kann, sondern lediglich eine Frage, über die man „leer“ streitet: Wie bauen wir unseren Katalog von „Dingen, die wir als existent betrachten“?. Kommt da alles rein, was wir irgendwie benennen können, oder, am anderen Ende der Möglichkeiten, nur der kleine Teilchenzoo der Partikel des Standardmodells? Wir haben heute eine eindeutige intuitive Vorliebe für letzteres. „Eigentlich besteht die Welt aus Atomen, nicht aus Tischen und Stühlen.“

Aus der bloß „ontologietechnischen“ Frage wird dann erst Ernst, wenn sich rausstellt, daß manche Begriffe, die nicht ganz unwichtig sind, bei der Naturalisierung unüberschaubar werden. Wenn ich die vollständige Physik der Freiheit durchverfolge, habe ich nichts gelernt darüber, was eine Entscheidung richtig oder falsch macht. Das kann ich nur auf einer Ebene tun, die mir den Umgang mit ihr „nichtnaturalisiert“, in ihren eigenen Gesetzen, erlaubt. Und da werden die Behauptungen von Eigentlichkeit („eigentlich ist Freiheit nur dies und das, und deswegen…“) offensichtlich problematisch.

Nicht daß ich das Freiheitsfaß aufmachen möchte, es ist nur das prominenteste (und schillerndste) Beispiel für eine „eliminative“ Behauptung von Eigentlichkeit.

Comment by spalanzani | 00:41




Vielleicht bin ich da zu kleinlich, aber ich finde, wenn du oben von ohne Einschränkung von Wissenschaft sprichst, während du (so verstehe ich deine Erläuterung) eigentlich nur Messbarkeit in diesem sehr, sehr begrenzten Sinne völliger Reduktion meinst, riskierst du damit, den Eindruck zu erwecken, eine zu naive Vorstellung von Wissenschaft zu haben.
Auch die subjektive Wahrnehmung (wie zum Beispiel Milchgeschmack oder – ein insbesondere von Gläubigen gerne ad nauseam wiederholtes Beispiel, was übrigens möglicherweise damit zu tun hat, dass ich bei dem Thema manchmal zum wütenden Pedanten werde, aber ich will nicht zu weit abschweifen – Liebe) ist nach meinem Verständnis tauglicher Gegenstand der Wissenschaft, so wie eben die gesamte Wirklichkeit.
Ich muss aber zugeben, dass ich dieses Thema Qualia bisher nur sehr oberflächlich durchstöbert und deshalb für mich noch nicht ganz den Sinn dieser Konstruktion erkannt habe.

Comment by Muriel | 08:41




Das ist wieder so ein Realismus, gegen den ich gar nichts habe. Nur ist er kein Realismus, finde ich. Der einzige Realismus, der einer ist und gegen den ich was habe, ist der, der besagt, dass unsere besten wissenschaftlichen Theorien wahr seien. Und der dies mit Formen des No-Miracles-Argument untermauern will. Aber das tun die spekulativen Realisten ja gar nicht. Der passt ja anscheinend ganz gut zu einer erklärungspragmatischen Theorie der Emergenz: Für viel Phänomene ist es schlichtweg nicht sinnvoll, sie über Atome oder andere kleinste Teilchen erklären zu wollen. Ob man überhaupt über „Wirklichkeit“ reden sollte, steht auf einem anderen Blatt. Ich meine, nein. Aber verlockend ist es ja schon, sonst würde die Debatte nicht ewig weiterlaufen.
Bald wieder mehr davon, herbei, mein kleines Geistesleben, herbei!

Comment by froschfilm | 22:34




@Muriel: Nicht „völliger Reduktion“, sondern „völliger Reduzierbarkeit“. Wenn ich ein Phänomen beschreibe und dann behaupte, es sei nicht reduzierbar auf die Ebene des Messbaren, behaupte ich erstens, es sei nicht naturalisierbar, und zweitens, daß ich nicht angeben könnte, wie jemand meine Theorie über mein Phänomen falsifizieren könnte. Und damit bewege ich mich außerhalb der Naturwissenschaft. Ich mache möglicherweise interessantes Zeug und leiste einen wertvollen Beitrag, es ist nur keine Naturwissenschaft. (Wieder: Diese Trennung zwischen Naturwissenschaft und allen anderen Wissenschaften ist eine rein technische Angelegenheit zur Verbesserung der Ordnung im Denken, ohne Wertung. Egal wie wir’s nennen, wir brauchen einen Namen für Wissenschaft, die sich darauf festnageln lässt, daß man nachmessen und naturalisieren kann, was sie behauptet, und einen Namen für Wissenschaft, die das nicht tut.)

@froschfilm: Natürlich ist es ein Realismus, wenn ich sage: Dieser Baum ist ein Baum. Was ich über den Baum weiß, stimmt vermutlich. Er ist so und so viele Jahre alt, eine Pappel, so und so dick, im Frühjahr fusselt er ziemlich und im November verliert er Laub. Er ist nicht das Abbild eines unzugänglichen Dings-An-Sich, wir müssen auch nicht annehmen, daß die Nachbarn ihn als einen Saurier sehen, oder als einen Toaster. Wenn wir die Naturwissenschaft bemühen, in diesem Fall die Biologie, wird sie eine Weile messen und beobachten, und zu dem Schluß kommen, daß es sich um einen Baum handelt, eine Pappel, die besteht aus Kohlenstoffverbindungen und Wasser, und alles, was die Pappel tut und lässt, lässt sich hervorragend erst biologisch, dann chemisch, und dann physikalisch beschreiben, alles ist in allerbester Ordnung: Es ist einfach ein Baum, und das ist dann erstmal die Wahrheit.
Die einzigen, die ein Problem damit haben, sind Philosophen, die’s einfach nicht zugeben wollen, weil es so verdammt schick ist, über eine simple Sache wie einen Baum noch eine Theorie zu haben, die sagt: Das ist eigentlich doch kein Baum. Das sieht nur für uns so aus. Was bin ich nur für ein crazy Schwerdenker, daß mir das aufgefallen ist!
Wenn ich also mal den Realisten spiele hier: Nicht die besten Wissenschaftlichen Theorien sind wahr. Aber es gibt wahre Theorien, und bei den besten ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie stimmen, einfach am höchsten. Die Einschränkungen des Positivismus denken wir dabei mit: Ja, geschenkt, Theorien haben fuzzy Ränder, wo sie nicht mehr funktionieren und ergänzt oder durch etwas Komplizierteres ersetzt werden müssen, und es kann sein, daß wir irgendwann einen Paradigmenwechsel machen müssen und die ganze Information, die wir gemessen haben, nochmal quer zur bisherigen Organisation neu organisieren, aber alles in allem kann man sagen, eine Theorie, die sagt, daß der Baum vor meinem Fenster eine Pappel ist und nächstes Frühjahr fusseln wird, so genau die Wahrheit sagt wie das eben geht.

Comment by spalanzani | 12:52




Falls du keine Lust haben solltest, das hier endlos zu diskutieren, verstehe ich das natürlich, aber ansonsten wäre ich froh, wenn du noch mal erläutern könntest, welche Phänomene du für nicht messbar und nicht naturalisierbar hältst und inwiefern man damit dann „Theorien“ entwickeln könnte.
Ein Beispiel würde helfen, und vielleicht eine Erläuterung, was du unter Messbarkeit und Naturalisierbarkeit verstehst. Aber wie gesagt, wenn dir das zu mühselig ist, können wir auch gerne abbrechen. Ich will nicht nerven.

Comment by Muriel | 22:32




Nehmen wir einen Vertreter einer hypothetischen psychologischen Schule an, der behauptet: Wenn ein Mensch von einem Bagger träumt, bedeutet das, daß er Angst hat. Auf die Frage, woher er das weiß, sagt er: Die Seele signalisiert mit großen gelben Gegenständen, daß sie sich fürchtet. Das Große ist die Autorität, das Gelbe ist die Gefahr. Wird er gefragt, woher er das weiß, sagt er: Das ist nun mal meine Theorie. Wann immer ich mit Menschen gesprochen habe, die von Baggern geträumt haben, hatte ich tief verängstigte Menschen vor mir. Alles was ich tun musste, war, mit ihnen auf einer Baustelle Baggerfahren gehen, und es ging ihnen wieder gut. Auf die Frage, was die Seele sei, und wie man ihr auf die Schliche kommt, antwortet er: Man muß die Menschen kennen und verstehen. Nur ein verblendeter Materialist kann so eine Frage überhaupt stellen. Würdest du die Menschen kennen, wüsstest Du’s.

Dieser Psychologe hat klar eine Theorie, nämlich über den Zusammenhang von Baggern und Angst. Er ist aber kein Naturwissenschaftler: Er will nicht sagen, wie die Angst und die Bagger mit dem Rest der Natur widerspruchsfrei zusammenhängen (d.h. statt seine Theorie zu naturalisieren, behauptet er, das sei nicht möglich oder nötig). Seine Theorie ist auch nicht falsifizierbar, d.h. er kann nicht sagen, welches Experiment (welche Messung) jemand durchführen müsste, um herauszufinden, daß er sich irrt. Theorien, die das nicht können, sind nicht Teil der Naturwissenschaften.

Ich sage nicht: Unser hypothetischer Psychologe hat Unrecht. Ich sage nicht, er kann nicht den Menschen helfen und ist ein Scharlatan. Alles was ich sage ist: Wenn er behauptet, er mache Naturwissenschaft, irrt er sich.

Wenn er sich einreihen wollen würde in die Naturwissenschaft, müsste er sehr viel vorsichtiger werden. Er könnte damit anfangen, „verängstigt“ über physiologische Parameter zu definieren oder sich auf die entsprechende Forschung zu berufen. Danach würde er eine Studie planen und schauen, wie viele Menschen, die verängstigt sind, von Baggern träumen, wie viele Menschen, die von Baggern träumen, verängstigt sind und, wenn er seine Sache gut macht, testet er das Ganze mit einer Kontrolle, sagen wir: mit Geranien statt Baggern. Er befände sich immer noch im generellen Schlamassel der Psychologie, daß nämlich viele Phänomene extrem schwer physiologisch wiederzufinden sind, aber es hat ja keiner verlangt, daß man als Naturwissenschaftler schon alles wissen muß, lediglich, daß man das Richtige wollen muß.

So viel zum Thema Naturwissenschaft – die ist sozusagen inhärent, von ihrer Methode her monistisch, geht also davon aus, daß es nur eine Substanz gibt (in diesem Fall: keine Seele, die irgendwie, auf eine nicht weiter verstehbare Weise, die Materie regiert.)
Die Philosophie könnte jetzt immer noch sagen: Das ist eben eine Folge der angewandten Methode, in Wirklichkeit gibt es die Seele natürlich, die Naturwissenschaft kann sie nur eben nicht messen, qua Definition.
Wenn man dagegen Monist sein will, sagt man ja: Die Seele ist reduzierbar, d.h. wenn ich dieses Universum hier kurz abschalte, alle physikalischen Parameter des Gehirns, in dem ich meine Seele vermute, aufschreibe und nach diesem Bauplan in einem anderen Universum dasselbe Gehirn wieder einbaue, ist die Seele mit umgezogen und sitzt nicht (jetzt ohne Gehirn im Freien) im alten Universum herum. So, und jetzt ist die Frage, was bedeutet das? Ist die Seele also „nichts als das Gehirn und Elektrizität“? (Das wäre die eliminative Spielart der Reduktion.) Oder ist die Seele zwar reduzierbar, hat aber eine eigene Existenz? Hier wird es offenbar brenzlig für einen Monisten. Wenn er jetzt ja sagt, behauptet er zwei Substanzen.

Bzw: Das würde er, wenn Materie die eine Substanz wäre. Der Trick ist, das Wissen über die eine Substanz (das Ermessene, nicht die Materie) anders zu systematisieren, anders auf dieselbe Sache draufzugucken. Bei Kant: Es gibt gleichzeitig die ungebrochene Naturnotwendigkeit und die Freiheit. Keins von beiden ist richtiger oder eigentlicher als das andere: Je nachdem, wie ich Menschen angucke und was ich ausblende (was mich also gerade interessiert und wo ich den Fokus der Vereinfachung hinschwenke), ist das eine oder das andere die beste Theorie zur Beschreibung dessen, was ich sehe.

Wenn man das ernst nimmt, bekommt man die rigidestmögliche Naturwissenschaft, die man nicht mit irgendwelchem philosophischem Mumpitz verfälschen muß, und ein echtes Recht der Philosophie (erweitert: Der Geisteswissenschaften) über den Menschen als Menschen zu sprechen.

Das Einzige, was man opfern muß, ist das materielle Vorurteil, daß die Welt also eigentlich aus einer Art kleiner Steine (naiv verstandener Atome) gemacht sei. Wenn die Welt Information ist, im Wesentlichen eine lange Zahl, die man im gleichen Recht mit allen möglichen Theorien komprimieren kann, bekommt man eine wirkliche „Demokratie der Wissenschaften“ (oder „Demokratie der Gegenstände“), ohne den Monismus und, noch besser, den Realismus aufgeben zu müssen.

Comment by spalanzani | 23:49




Ich hoffe, das kommt nicht zu polemisch rüber, aber nach meinem Verständnis hat der Psychologe in deinem Beispiel keine Theorie, oder höchstens eine im umgangssprachlichen Sinne. Was er sich da ausgedacht hat, ist frei erfunden und damit rational betrachtet nichts anderes als Fiktion, solange es sich nicht überprüfen lässt.
Insbesondere die These dieses Psychologen ließe sich in meinen Augen übrigens wunderbar naturwissenschaftlich prüfen. Und wenn dabei keine Daten herauskommen, die sie unterstützen, dann ist sie nicht besser als meine Theorie, dass kleine Sockengnome nachts in meiner Unterwäscheschublade ihr Unwesen treiben: Aberglaube.
Das meinte ich weiter oben: Natürlich gibt es Dinge außerhalb der Naturwissenschaft, aber die sind in keinem bedeutungsvollen Sinne real, denn alles, was einen Einfluss auf unser Leben und uns hat, ist der Naturwissenschaft prinzipiell zugänglich. Ob wir dann auch real die Mittel und Möglichkeiten haben, es zu erforschen, ist eine andere Frage.

Comment by Muriel | 13:50




Ich lese jetzt erst mal den Artikel von Gironi. Über meinen simplen Thesen würde ich am liebsten in Ruhe und mit Zeit reden und nicht hier kommentieren. Wann?

Comment by froschfilm | 10:21