Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Rügen: Der Rügentourismus hat, das war mir schon bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren aufgefallen, eine besonders schäbige Komponente. Vielleicht ist es auch nur der Kontrast. Wie so oft in Deutschland ist Geld jedenfalls nicht das Problem: Die Badeorte sind zurechtgemacht, stahlgebürstet und saubergeleckt wie süddeutsche Kleinststädte, die Bahnhöfe glänzen zufrieden in der Sonne und frisch geweißte Holzarchitektur leuchtet über die Strandpromenaden und Wasser. Andererseits ist vermutlich nirgendwo in Deutschland die Affenbahn-Dichte so hoch wie auf Rügen. Dazu kommt: Die etwas lästige Freizügigkeit älterer Ostdeutscher in Bezug auf nackte Körper widersetzt sich jedem Zähmungsversuch durch Ausweisung expliziter Schrumpelschwanzzonen, und in den zahlreichen italienischen Restaurants gibt es nicht nur die übliche überteuerte rotweißgrüne Trashküche unterm grell bestrahlten Ristorante-Pappschild, sondern auch die gottlob nicht mehr überall üblichen Italianita-Beweise durch diese Dreitagebart-Stimme, hinter der ich den teuflischen Herrn Celentano vermute.

Die Sorte mondänen Urlaubs, für die die Rügener Badeorte einst gebaut wurden, existiert nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr hierzuland, aber den Rügentourismus soll es geben, und so putzen sich die Gemeinden aufwendig heraus zu einer erstaunlichen Mischung kaiserzeitlicher Sehnsucht nach Leichtigkeit, DDR-Sanddornseligkeit und geriatrischem BRD-Kurortchic. Diese Mischung macht den eigentlich so stillen Ort Rügen erschreckend lärmig.

Die nichtitalienische Gastronomie scheint sich auf gefälschten Fisch und Softeisnostalgie geeinigt zu haben, aber dann flötet die komplett augenkontaktresistente Bedienung beim Einsammeln der Karte ein ZDF-Grand-Hotel-taugliches „Haben Sie gewählt?“ — so ein wenig Unsicherheit herrscht offenbar wirklich noch, was dem Touristen auf Rügen eigentlich vorgespielt werden soll: Badeorts-Mondänität a la belle epoque, sozialistische Volkserholung oder braves Bad Schwarzwaldhausen.

[Nebenbei: Alle Busse auf Rügen tragen die Nummer 414. Das hat den Vorteil, daß man nie in den falschen Bus steigt und den Nachteil, daß man trotzdem nie weiß, wohin man eigentlich gerade gebracht wird. Nebenbei 2: Das „Historische Museum Prora“ ist wenigstens so putzig wie ein ganzes Rudel Kaninchen, aber dazu später mehr.]

Link | 30. August 2005, 22 Uhr 20