Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ja, das ist es schon: Wenn man schon irgendwo sitzt und Alkohol in sich hineingießt, soll was auf der Netzhaut bleiben und nachglimmen hinterher. Wenn man dann ein Buch in die Hand nimmt mit einem Leben drin, damit man sagen kann: Ja, so ist das bei dem da, das ist interessant, er scheint ein guter Kerl zu sein, bei mir ist das ja so: – und dann schließt man nur die Augen und da schwankt noch was, irgendwas, und zum Beispiel eben: Eine schwachsinnige Tapete, Wandschmuck wie ihn Menschen machen, die nichts mit sich anzufangen wissen, unpraktisches Licht — das sind alles keine Insignien der Hipness, wie man glauben könnte, keine Waffen in einem Gerangel um Distanz zur Bürgerlichkeit, keine Provokationen, nicht einmal Zitate, nur Nachverwertungen einer optisch gehaltvollen Vergangenheit. Denn die Bilder des junk space bleiben nicht, und wenn sie bleiben, dann als kränkliche Alptraumfluchten; Orte, wo man ausgekratze Joghurtbecher an die Ecken stellt.

Die Frage, ob man sich für ein Urteil auskennen muß, ist falsch gestellt. Man kennt sich nie gut genug aus für ein Urteil. Punkte gibt’s nicht für die Korrektheit — alle ästhetischen Urteile sind gleich richtig — sondern für die Qualität des Gedankens, mit dem es begründet ist. Dabei ist immer interessant, wo die Gültigkeitsansprüche der beteiligten Erwartungen wurzeln und wie fest. Etwas so oder so zu finden: jagut, gerne. Gegen die dreissig Abende im junk space erhebt allerdings niemand Ansprüche, die will niemand so oder so finden, die sind einfach. Das gefährliche am Raum ist, daß man eben keine Schwelle überschreitet, wenn man ihn betritt. Die Tücke des Raums, in dem nichts passieren kann, weil er glatte Grenzen hat, wo keine Bilder sich zu Geschichtsbatzen zusammenklumpen können, ist, daß er überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Geschichten sind ein weitgehend monopolisiertes Gut. Die Bewusstseinsindustrie wird gerne behandelt als ein Mittel der Macht, die aber selbst ökonomisch motiviert ist (Marxismusfolgen vielleicht) — müsste man heute nicht sagen, daß die ökonomische längst nicht mehr die primäre Manifestation der Macht ist, sondern der Monopolisierung der Geschichten untergeordnet? Diese ballen und suchen sich das Geld, das sie weitererzählt und formatiert in möglichst vielen Köpfen — während die Räume glattgeschliffen werden gegen die Wildheit der Möglichkeiten?

[Der ewige Verdacht: Das wirklichere Leben ist nicht da draußen. Es existiert nicht. Oder nur in sehr engen Raumblasen. Leben findet vor allen Dingen pauschal statt.]

[Ach, was weiß ich. Nur ist die ewige Metaphysik der Ökonomie unerträglich, darum geht es nicht. Das wesentliche Gut ist das Erlebte, die wesentliche Kontrolle die Kontrolle über das Erleben.]

Link | 25. September 2005, 3 Uhr 05