Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Augsburg. Auf der Fahrt „Strahlungen II“, bis Dezember 43: Das zerstörte Hannover; die Hotels Majestic und Raphael in Paris und das dortige Dotter-des-Leviathans-Milieu, der tiefe Eindruck von unvermeidlichem Verhängnis, den die auch unter Beschuss wie auf Schienen ziehenden Bombergeschwader hinterlassen; die rohen Träume eines Toten. Zwischen Nürnberg und Augsburg schleift der Zug die Sonne über die Wälder, so tief und orange, daß man bloßen Auges bequem hinsehen kann. Die übliche Kette: Feuerball und Fusion, rund wegen Gravitation, Fragment einer gewaltigen Explosion, und dahinter eben nur noch: Diese ergreifende Ratlosigkeit. Selbst mit dem anthropozentrischen Argument: es müsste halt alles nicht sein. Es ist so unelegant, zuzulassen, daß ein Dreiunddreissigjähriger, der zu wenig schläft, in einem weißlackierten Stahltrog, der von fernen Windrädern und Kernspaltung durch die Landschaft gedrückt wird, so in die Sonne starrt und sich wundert. Das könnte doch weggelassen werden ohne Verlust, wozu der Aufwand, wozu diese endlose Ziselierung der Existenz; Multiversen und anthropozentrisches Argument geschenkt: Eleganter wäre Schwarz und Stille, warum dieses wilde Geschenk? Augsburg.

Augsburg ist nicht zerstört. Ich nehme ein Taxi, weil ich im Haus Sankt Ulrich wohne und die Frau an der Rezeption extra auf mich warten muß. Ich bin die einzige Anreise heute, die Rezeption ist nur bis acht besetzt, eigentlich, der Zug kommt aber erst zehn nach acht in Augsburg an. Ich bin mir sicher, daß mir verziehen werden wird, wenn ich ankomme. Die Leute an solchen Orten lieben mich normalerweise.

Das Haus Sankt Ulrich ist das Tagungshotel der Diözese Augsburg. Es atmet diese deutsche Mischung aus kühler Moderne, ruhiger Religiosität, großer Gemeinschaft und reichlichem Essen, und, in der ästhetischen Distanz zu Rom, Reformiertheit. Weiße Wände, lange Gänge, viele Türen, kräftige abstrakte Malerei, metallene, handwerkliche Kreuze über den Betten. Ein nüchterner Kamin und Sessel. Herzliche Leute. Ein Mann verstaut noch einen HILTI-Koffer hinter dem Tresen. Die Frau, die extra ihren Feierabend für mich verschoben hat, freut sich. Sie freut sich, daß ich da bin, daß ich mich bedanke, daß ich an ihren Feierabend denke, daß ich das tagesfrische Laub der Kastanie im Hof erwähne, daß sie mir Augsburg erklären darf, daß mir das Haus empfohlen worden ist. Sie freut sich nicht aus Hotelfachschulgründen, sondern wegen mir.

Man vergisst immer, daß Städte wie Augsburg real sind. Sie werden nicht abgeschaltet, wenn niemand aus Berlin oder Taipeh zu Besuch ist. Die sind hier immer, jeden Sonntagabend: Diese Häuser. Die Frauen mit Schuhen und Mackern, aber auch die lässigen Frauen in breiten Jeans, die erst weggucken, wenn wir schon aneinander vorbei sind. Das Gruftipärchen mit der Bierdose, denen ich am liebsten versuchsweise No tears for the creatures of the night zurufen würde. Ich bin neidisch auf ihr intensives Aussenseitertum in einer kleinen Mittelstadt, ihre Nachmittage in Zimmern mit schrägen Decken und den Lakaien, ihre Abende am Wasser. Hinter ihnen das spektakuläre dunkle Tropenholz-und-Chrom-Apothekeninterieur, das hier eben nicht wegverbessert wurde. Die Steakhouses, die Straßenbahnen, die Bars, die Kirchen. Das Ligne Roset-Geschäft. Der Moritzpunkt, wo man auch in die Kirche eintreten kann. Ich habe Lust, in die Kirche einzutreten, bin aber nie ausgetreten (meine stille Rache an Leuten, die es wegen Geld tun). Vier BMW Z4 in verschiedenen Farben nebeneinander. Der Tesla Roadster vor der Eisdiele. Die Gymnasiasten in der Eisdiele. Die drei Zausel mit Gitarre vor dem Rathaus. Zwei Buchläden, und die Fürst Fugger Privatbank. All das ist echt, unglaublicherweise, eine lebende ökonomische Einheit, vielmehr: das ist eine lebende ökonomische Einheit, Berlin eben nicht. Vor den Türen der Basilika, die weit offen stehen und in den halbdunklen Sonntagabend hinausstrahlen: Eine große raunende Menschenmasse, die sich langsam zerstreut. Die Altstimme, sagt der Mann zu seiner Begleiterin, die ein Tuch um die Schultern trägt, auf dem Weg zum Auto, in einer Gasse, war etwas dünn, aber ja auch fast nicht eingesetzt. Sonst war es doch schön! Ich überhole, damit die beiden sich nicht beunruhigen müssen wegen der einsamen Schritte hinter ihnen, und schaue den Bewohnern der Gasse in die Fenster. Ein Frauenportrait, zwei Biedermeierschränke, farbige Tischtücher, Obst. Auf den Fenstersimsen Gegenstände aus Draht und Prismen und groben Stoffen. Tröste Dich Europa, Dein Name wird unsterblich sein.

Link | 17. April 2011, 22 Uhr 51 | Kommentare (3)


3 Kommentare


Die Hybris, die darin liegt, dass man das immer vergisst.

Comment by Moeste | 23:13




Hohoho. Spalanzani in bestform, so mag ich das.

Comment by dust | 18:13




Hach. Kleinstädte! Die haben auch immer Möbelhändler, die es ernst meinen. Die sogar sagen: Nein, wir verkaufen nur in der Region. In Berlin lacht man über sie.
Danke!

Comment by froschfilm | 22:37