Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Der Einzige von uns dreien, der sich auf dem prosanova so Recht wohl fühlte, war ich: Schon prinzipiell musste ich mich nicht verhalten zu meiner spezifischen Form der Anwesenheit, ich war also nicht eingeladen, nicht nicht eingeladen, oder entsandt, ich kannte niemanden aus dem Betrieb und erwartete nichts von niemandem. Ich war einfach nur da. Außerdem war ich so erschöpft nach zehn Tagen Bahnreise, die mich nach Freiberg, Nürnberg, Mühldorf, Biberach, Konstanz, und Mannheim geführt hatte, daß ich willen- und meinungslos auf dem Festivalgelände herumstehen und die Atmosphäre aufsaugen konnte.

Das prosanova 2011 fand auf dem Gelände der Mackensen-Kaserne in Hildesheim statt. Dort wird demnächst abgerissen, und die Stadt hatte den Veranstaltern das Gelände zum, nun, Spielen überlassen. Wie alle aufgegebenen Militäreinrichtungen hatte das Gelände etwas vage Russisches, und ich sah den Hubschrauberlandeplatz mit einer Ecke schon ein bisschen im Sumpf versinken zwischen Birken. Das Gelände war viel zu groß für das kleine Festival, was noch mehr russische Stimmung verbreitete: Da konnte man zwei, die mithalfen — eine berockte Kleine und einen wuschelhaarigen Jungen — einen zappelnden Einkaufswagen voller Teller eine Flucht zwischen Panzergaragen entlangschieben sehen, wobei sie kleiner wurden und immer knuffiger. Auf zwei Tischtennisplatten unter einem Baum wurde mit Büchern und Brieftaschen Wetz gespielt. Fetzen von am Tag zuvor zerrissenen Büchern wirbelten herum, ich griff ein Gespräch mit einem blasierten alten Grafen, das ich nicht identifizieren konnte. An mehreren Metalltoren gab es Kühlschrankpoesie, aber da fast nur Leute mit literarischen Ambitionen anwesend waren und sich gegenseitig beobachteten, war nichts entstanden außer schnell zusammengesetzten ulkigen Obszönitäten. Die Frau bei den Getränken hatte eine riesige Brille, keine Cola mehr da, und die Entschuldigung anzubieten, daß sie hier alle sehr verwirrt seien. Die Alternative war eine Kirschbrause, die haargenau wie Caprisonne Kirsch mit Blubber schmeckte. Es war alles ausgesprochen friedlich und nett, wenn man nicht dazugehörte.

Rabea Edel, die auch ihre friedliche Frisur trug, also nicht den krassen Rabea-Edel-Minimaldutt, sondern den Bob, aus dem der Minimaldutt gemacht werden kann, bereitete sich mit Acetylsalicylsäure auf eine weitere lange Nacht voll Blut und Sünden vor. Sonst erkannte ich niemanden, vielleicht ein paar Gesichter ohne Namen aus der zweiten und dritten Bekanntenhalo.

Ich hörte den Text „Wacht am Totengrund“ von Robert Wenrich, der im ersten Teil gescheit, atmosphärisch dicht und bilderstark seinen Imaginationsraum aufmachte, ihn im zweiten Teil dann aber leider mit Metaliteratur für Literaturleute füllte; es kamen da vor: Sinn und Sprache — das sind Worte der Poetik, die nur für Poeten Poesie haben. Da aber das Publikum aus Literaturleuten bestand, war der Text ein Beitrag zu einem engen Diskurs, aber ein Beitrag, und man fühlte sich wohl und beleuchtet. Die am Boden ausgelegten Neonröhren, die in der Dunkelheit der Halle flackerten, erhellten in kurzen Blitzen die ätherischen Gesichter wahnsinnig schöner junger Dichterinnen. Ich nippte am Caprisonnekirschblubber.

Das ist ganz klar ein Milieu, zwischen Leipzig und Hildesheim, abgeschlossen, sehr jung und sensibel, mit undeutlichem literarischem Auftrag, aber viel Antrieb. Die Literatur, die da entsteht, hat möglicherweise vor allem die Funktion einer Legitimation und sozialen Strukturierung dieser Existenzform, also: Die Gruppe muß außen Bücher produzieren, um sich innen zu ordnen. Ich überlegte mir, mit welchen Leuten ich wohl sprechen müsste, um dem schreibenden Festivalpublikum eine sich in den nächsten Monaten langsam entfaltende Idee einzupflanzen: Das Schreiben über Sprache, Sinn, und Figuren, die irgendwelche halben Krimis oder Existenzkrisen erleben, aufzugeben, und statt dessen nur Geschichten davon zu erzählen, wie eine Gruppe schöner, sensibler und talentierter junger Menschen auf einem aufgegebenen Kasernengelände Tischtennis spielt.

Link | 3. Juni 2011, 1 Uhr 40 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Ja. Vielen Dank für diese Reportage. Alles gesagt, scheint mir.

Comment by fabe | 20:26