Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Das geheime Arbeitstreffen in Heringsdorf begann auf einem Turm der Strandwache, dessen stählernes Einbein von der Ostsee beleckt wurde, mit einem Streitgespräch über den Begriff der Wertigkeit, den ich verdammte und den die anderen verteidigten, wobei sie darauf bestanden, daß wir uns nur missverstünden und ich, aggressiv, darauf bestand, daß wir uns sehr wohl verstünden und ich ganz genau Bescheid wisse über diese trübe, omnipräsente und überhaupt intelligenzbeleidigende Vortäuschung von Wert im billigen Gebrauchsgegenstand, die Wertigkeit nun einmal sei.

Offenbar mussten wir essen, bevor wir weiterstritten. In Heringsdorf schließen die Restaurants ihre Küchen um neun. Wir waren mit dem Auto angereist, aus unseren Berliner Umstellungen am Freitagabend geflohen in einem zusammengesackten schwarzen Polo, den wir geliehen hatten, weil Dust als der einzige von uns, der selbst ein Auto hält, einen Roadster hält.
Wie sich zeigte, hatten wir gleich viel Hunger und unterschiedlich viel Geld auszugeben, und die Uhrzeit ließ uns schließlich die Wahl zwischen dem typographisch und preislich seinen gehobenen Anspruch ankündigenden Restaurant des Hotels Esplanade und einem kleinen bunten Cocktailladen namens „Alex“.

Alles im Alex war farbig, rotkariert und glitzerblau und schimmergrün. Die Wände, die Tischdecken, die Strohhalme, die alkoholisch geblähten Gesichter der anderen Gäste. Ich bestellte eine Ofenkartoffel mit Quark und Lachs, Windheuser war mutiger und erhielt ein Steak, das zu loben er nicht müde wurde. Etwas hier war in Ordnung, wenn man in diesem Laden gut essen konnte. Wir waren auch sehr froh, nicht nach Rügen gefahren zu sein, wo man bekanntlich überhaupt nur Mitgebrachtes essen kann.

Auch das Esplanade schloß ich ins Herz. Das Interieur war so fake wie jedes Hotelinterieur der letzten Jahre, mit Ausnahme des Hauses St. Ulrich in Augsburg, aber die Fassade war echt, der polnische Akzent des Mädchens an der Rezeption (Beschriftung: „Reception“) war echt, sie hatten außer der Welt auch die FTD, und der etwas linkische, zu klein geratene Grandhotel-Charme des Esplanade vermied die arg mittelstandsstreberische Wellness-Großkotzigkeit der anderen 4-Sterne-Häuser am Ort, die vorwiegend von S-Klasse-Fahrern besucht werden.

Tags darauf redete ich mich, im salonhaften Zimmer des vom Esplanade aus unklaren Gründen stark bevorzugten Windheuser rastlos auf- und abgehend, in eine normative Rage hinein, einen wahren Urteils- und Forderungsrausch, den deutschsprachigen Wortjournalismus und die daran ja in Empfindbarkeit und Deutung immer noch angeschlossene Wirklichkeit betreffend. Besonders schäbige Großmißverständnisse markierte ich dabei mit einem slowenisch intonierten „My God!“. Ein scheußlicher australischer Minibar-Weißwein enragierte mich zusätzlich; noch so etwas, das man doch weglassen kann, wenn man es nicht ordentlich machen will.

Die Stunden davor, eine arg verlängerte Mittagspause, hatten wir am Strand verbracht, mit einer Frisbee, die eigentlich kein Frisbee war, sondern ein sogenannter Aerobie-Ring, ein leichtes Stück Kunststoff, das man mit wenig Übung und großer Lässigkeit aus dem Handgelenk weit über den Strand jagen kann. Schwarzblaue Wolkenhaufen bauten sich über der Seebrücke und den Frachtschiffen draußen auf und ab, und vor dieser Kulisse schleuderten wir in wechselndem Licht stundenlang unsere Scheibe, kühner und schneller werdend, mißglückte Würfe der anderen erlaufend oder eigene Fehleinschätzungen mit entschlossenen Hechtsprüngen in letzter Sekunde korrigierend, mit einer Hand werfend, mit derselben Hand den schwer sichtbar ansirrenden Gegenstand am langen Arm wieder aus der Luft greifend.

Für Augenblicke sah ich uns befreit aus der schlammigen Flut von Furchtsamkeit und Hässlichkeitsbesessenheit und Zerstörungswut und Kleinlichkeit und fauler Unfugdenkerei, in der wir alle ja seit langer Zeit knietief zu waten gezwungen sind. Wir bewegten uns frei und richtig über diesen fast leeren Strand von Usedom, unseren Flugring hin- und herzackend, und nur gelegentlich liefen wir eine gutmütig und verunsichert lachende Rentnerin über den Haufen.

Link | 5. Juli 2011, 21 Uhr 36 | Kommentare (1)


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noch immer t%!r?

Comment by manüma | 00:19