Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ich weiß nicht, wie ich mir in den fremden Städten die Lokale aussuche, in die ich einkehre. Einerseits bin ich zu wählerisch und gehe stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe ich mich entscheiden kann; andererseits gerate ich zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehre dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein mir in keiner Weise zusagendes Gericht. (Sebald)

Ich durchquerte Taipeh zu Fuß, von der ZhongXiao-Brücke zum Taipei 101. Auf dem nur mit dem Boot erreichbaren Schwemmland am Pfeiler in der Mitte der Brücke hat jemand Gemüse gepflanzt, sechs säuberliche Reihen in einem freigeräumten Beet zwischen Schilf, Schlick und Unkraut.

Im Taipei 101 wollte ich mir einen neuen grauen Wollsweater kaufen. Ich plante meinen geliebten alten grauen Wollsweater mit den durchgescheuerten Ärmeln, um über ihn hinwegzukommen, im Taipei 101 zurückzulassen: An der Kasse gleich wollte ich den neuen anziehen, weltmännisch lächelnd can you dispose of this one? fragen, und mit meinem neuen grauen Wollsweater hinausgehen als ein neuer Mann, und mir im Keller des Turms ein Taxi nehmen.

Nur bei Brooks Brothers gab es allerdings vernünftige Sweater, und die waren mir eigentlich zu dünn, und plötzlich wollte es mir wie großer Unsinn vorkommen, in Taipeh einen dünnen grauen Wollsweater einer neuenglischen Marke in Taiwan-Dollars zu bezahlen und mich womöglich sogar noch um taiwanesische Umsatzsteuer zu kümmern hinterher. Auch hatte ich Hunger, seit Stunden nichts gegessen, war an verschiedenen mobilen Küchen mit interessanten Gerichten vorbeigegangen, zahllosen Restaurants, auch zwei verlockend einfachen Burger Kings. Im Keller des Taipei 101 durchquerte ich, erschöpft und unterzuckert, die niedrige Restaurantebene dreimal, um endlich bei einem Inder zu landen, einer kleinen Theke, die sich eine Plastikstuhlzone mit einem knallbunten, eklig aussehenden Burgerladen und einem Süßigkeitengeschäft teilte. Zwischen taiwanesischen Schülerpärchen aß ich verdrießlich Reis mit Zeugdrauf und ließ die gutangezogenen Geschäftsfrauen am Dim-Sum-Stand auf der anderen Seite des Ganges nicht aus den Augen. Tröstlich zu wissen war: Ich musste nicht nach Taipeh fahren, um zu lange zu warten und am Ende schlecht zu essen, in Frankfurt geht es mir, wie ich wohl wusste, immer noch jedesmal genauso.

Ich trage zur Stunde meinen alten Wollsweater, meine Mutter hat mir, als ich zu Hause Station machte, hellgraue Flicken auf die Ärmel genäht, leicht versetzt, weil die dünnen Stellen nicht die Freundlichkeit hatten, symmetrisch zu erscheinen.

Link | 17. Juli 2011, 2 Uhr 05 | Kommentare (5)


5 Kommentare


„Auch hatte ich Hunger, seit Stunden nichts gegessen, war an verschiedenen mobilen Küchen mit interessanten Gerichten vorbeigegangen, zahllosen Restaurants, auch zwei verlockend einfachen Burger Kings.“

Aufgepasst, meine lieben Leser! An dieser Stelle wird der autobiographische Pakt aufgekündigt.
Eine Welt, in der unser Autor mehrere Stunden lang nichts isst und an interessanten Gerichten vorbeigeht, ist nicht denkbar.

Comment by Der klatschlustige Informant | 17:50




Was ist denn hier eigentlich los? Warum wollen plötzlich alle an meinem alleinigen Privileg teilhaben und auf den armen Erzähler einhauen und -stechen? Da könnte ja ein jeder dahergelaufene Internetrandaleur kommen. Husch, zurück ins Körbchen, aber fix!

Comment by zak | 20:59




Entschuldigung, ab jetzt übernehmen gerne wieder Sie.

Comment by Der klatschlustige Informant | 23:10




Geht doch.

Comment by zak | 23:15




Laubumhüllt ließ jener ein Mal nur ohne Verletzung./
Waffe darauf ist der andern ein Stein: der aber, im Fluge/
Von dem vereinigten Klange der Stimm‘ und der Leier bezwungen,/
Legt, als bät‘ er in Reu‘, zu verzeihn so wütendes Wagnis,/
Jenem zu Füßen sich hin.

Comment by E. | 23:44