Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Nördlich von Pasewalk, im Zug sitzend, lese ich in der „Südharzreise“ des vortrefflichen Frank Fischer, und es beruhigt mich, daß er das Gescheitsein und Herumfahren auch nicht erfunden hat und dem Café Kolditz seine Referenz erweist, wie ich es täte, verschlüge es mich wieder nach Sangerhausen. Auch gefällt mir die ISBN des kleinen Buches, die nämlich 3-942592-12-4 lautet: 943592, sechs Stellen, ist Sukultur, 12, zwei Stellen, ist die Südharzreise, die 4 ist nur, damit sich der Buchhändler nicht irrt. „Geister abschütteln“ fällt mir ein, das ist noch so eins, noch bescheidener verlegt, und natürlich die Weblogs. Es ist zudem der Sommer, in dem ich Sebald lese, zu dem ich morgen zurückkehren werde. Das Herumfahren, Herumfahren in der Kultur möglicherweise, hat den Vorteil, leicht zu entschuldigen zu sein: Es macht keine Kunstbehauptung nötig, die wir vermeiden möchten in der Inflation der zu Kunst erhobenen Zeitvertreibe der Erbengeneration.

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Ich beende die „Südharzreise“ kurz vor Stralsund und bemerke die anmaßende Vereinnahmung, derer ich mich im vorigen Absatz zweifellos schuldig gemacht habe.

Ein riesiger Mond hängt, grausilbern umschuppt, in der Dämmerung über den mächtigen Kirchen Stralsunds. Wieder denke ich über eine Organisation der gescheiten Herumfahrer nach, die die Textproduktion des Gescheiten Herumfahrens an zentraler Stelle bündeln müsste, so daß das ohnehin schon nicht eben zahlreiche Publikum nicht wegen der unsteten Veröffentlichungspraxis der gescheiten Herumfahrer weiter entwöhnt würde. Auch stelle ich mir den stetigen Strom eines vom Aufhängerzwang vollkommen befreiten Feuilletons vor, in dem die Reisetätigkeit der Autoren hinreichender Grund und Impulsgeber für die Produktion von Text wäre; Text, der ja unvermeidlich das Leben derjenigen bereichern müsste, die zwar täglich aus schierer Gewohnheit und Hoffnung im Internet lesen, vom Themenbouquet und dem Tonfall der im Netz sonst verbreiteten Besprechung der Welt aber gelangweilt und angewidert sein müssen; kurz, der versprengte Adel sollte sich endlich organisieren, statt auf neue Plattformen zu hoffen, die doch in kürzester Zeit überrannt werden von aufdringlichen Selbständigen und jener Sorte rechthaberischer Internet-Bescheidwisser, die allzeit bereit sind, ihren Kampf gegen die Zudringlichkeit besagter bizarrer Selbständiger oder die eine oder andere Passage in den Nutzungsbedingungen der neuen Plattform lautstark, und, man kann es nicht anders sagen, bemerkenswert genügsam zu heroisieren.

Später brumme ich in einem dunklen Bus durch die Alleenkanäle Rügens. Die Sitzpolster der überscharf sich abzeichnenden, allesamt leeren Sessel zeigen kleine Segelboote und die Kontur der Insel, allerdings geostet und damit einer hier eher unerwarteten Kartentradition folgend. Der wohlfeilen Erklärung, daß hier nur beim Bezug nicht auf Geographie geachtet worden sei, widerspricht die Orientierung der Segelboote: Wären die Inseln genordet, zeigten die Maste der Boote alle sinnlos nach Russland und führen die Boote selbst gradewegs zur Hölle. Man muß mit einem Schabernack des Stoffgestalters rechnen, der jetzt vermutlich bei jeder Busfahrt auf Rügen bei seinen Freunden damit prahlt, daß der Polsterer sich für die Boote und gegen die ihm möglicherweise auch ganz unbekannte Inselkontur entschieden hat.

Link | 9. September 2011, 19 Uhr 03