Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Um ein Uhr morgens wurde ich durch jähes Anschalten des Kabinenlichts geweckt und mit einem Nudelgericht in heißer Aluminiumschale behelligt. Es roch nach in der Mikrowelle erwärmtem Ei. Da die von ihrem eigenen Management offenbar nie benutzte Airline China Airlines es außerdem für angezeigt hält, ihren nervösen Fluggästen in den Nachtstunden unbegrenzt Salznüsse in dicken knatternden Metalltüten zur Verfügung zu stellen, Wasser aber nur auf Nachfrage auszuschenken, war an Schlaf nach erfolgter Pastabehelligung erst Recht nicht mehr zu denken. Ich begnügte mich statt dessen damit, die Tütenknack-, Schmatz- und Trappelgeräusche mit der Dungeon/Bunker/Beton & Dröhnmusik der präzise benannten Gruppe Menace Ruine zu übertönen. Der genau achsensymmetrische, mit wenigen dürren Lichtern durchsetzte, abgedunkelte Flugzeugkanal ruckelte sich schläfrig und dröhnend vor mir gen Asien.

In den frühen Morgenstunden in einem Starbucks im graufeuchten Taipeh las ich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, und mit besonderer Aufmerksamkeit das wunderbare Sonderfeuilleton zur Beziehung von Geld und Schriftstellerei. Auffällig darin war die Disziplinierung der deutschen Schriftsteller, eine Art schriftstellerisches Reinheitsgebot, das ihnen nur zwei Modi der Textproduktion zu erlauben scheint: Aus Zwang oder aus einem Kult der Literatur heraus. Ich muß schreiben, sagen sie, oder: Die Literatur ist das Größte, das wollte ich unbedingt machen, an das Größte heran!

Eine Gekränktheit, ein Zweifel am eigenen Wert, scheint also doch ein Kennzeichen des Autorseins zu sein, was auch, zum Beispiel von Dietmar Dath, direkt angesprochen wird: Selbstverständlich wirkt sich das auf die Literatur aus, wenn ein Autor sein Schreiben zu rechtfertigen hat oder sich zumindest dafür rechtfertigen muß, daß er sich nicht rechtfertigt — und rechtfertigen soll sich nun einmal, der nicht Anerkennung erfährt im primären Mittel der Anerkennung in dieser Gesellschaft, Geld.

Auffällig war ebenfalls der Text von Rafael Horzon, der wieder einmal nur sagt, wie sehr er uns verachtet, weil wir nicht merken, wie dreist er uns Klischees serviert. Brav bemerken wir es nicht, halten’s für Ironie und so erntet Horzon die Verachtung, von der er, spärlich spärlich, sorgsam haushaltend, sich nährt. Horzon, das Gesamtkunstwerk, Mr. Brainwash von der Torstraße.

Jedenfalls wollte mir die scheinbare Alternative Schreiben oder Geld Verdienen, weil mit Schreiben kein Geld zu verdienen ist, nicht in den Kopf: Schließlich ist das Geldverdienen doch eine durchaus mögliche Nebenfolge des für die Literatur ohnehin wünschenswerten In-der-Welt-Seins. Selbstverständlich verträgt sich die Romanproduktion nicht besonders gut mit dem In-der-Welt-Sein — man muß es, wenn es denn ein Roman werden soll, für eine Weile aussetzen, und das mag zwar strapaziös sein, aber daß Mühelosigkeit irgendjemandes Recht sei, dem sich ein fremdes Bewusstsein lesend anvertrauen soll, ist nun wirklich schwer zu verteidigen.

Bei meiner Reise im abgedunkelten, von düsteren Schwaden bedrohlicher Dröhnmusik ganz ausgefüllten Flugzeugrumpf kehrten im Halbschlaf meine Träume von abstürzenden Düsenjagdflugzeugen wieder: Die eleganten, tief anfliegenden Flugzeuge, deren Bahn zunehmend gefährlich wirkt, dann die schnell aufeinander folgenden Momente, in denen das Gehirn das Geschehen begreift: Jetzt ist ein Unfall unvermeidlich. Jetzt, unglaublicherweise, vollzieht er sich, in phantastischer Gewalt. Jetzt bemerke ich das Ausmaß des Geschehens, und daß es meine ästhetisierende Beobachterposition infrage stellt und mich zum unmittelbar Bedrohten macht: Scheiße! Renn! Im Hotel angekommen, forschte ich möglichen Ursachen dieser seit Jahren wiederkehrenden, in ihrer Klarheit und Schärfe unübertroffenen Traumsequenzen nach, und neben der Katastrophe von Rammstein ist auch der Absturz eines französischen Mirage-Kampfjets in meiner Heimatstadt Biberach im Sommer 1983, als ich vier Jahre alt war, ein Kandidat: Ob ich, so dachte ich, vielleicht auf dem Rücksitz eines Fahrzeuges saß, das sich auf der Landstraße nach Biberach auf der Höhe von Birkendorf befand, als die Mirage mit einem kleinen Privatflugzeug kollidierte? Ob ich verdrängt haben könnte, daß ich, was doch immerhin absolut im Bereich des Möglichen wäre, Zeuge des Unfalls war?

In einem Wochenspiegel, der über den Absturz berichtet, versucht ein Polizist, konfrontiert mit einem explodierten französischen Kampfflugzeug und einem Reporter namens „Krieg“, verzweifelt, auf keinen Fall „Hitler Hitler Hitler“ in die Kamera zu schreien.

Der Pilot der kleinen Cessna-Maschine, die damals von der Mirage buchstäblich aus dem Himmel gefetzt wurde, so lese ich heute, war der Geschäftsführer des in Biberach wohlbekannten Unternehmens Baby-Walz, dessen Gründer Alfons Walz nach dem Tod seines Managers das Interesse an Babywaren gänzlich verlor und in Bolivien und anderen Sehnsuchtsorten des Abenteurertums sein beträchtliches Vermögen und seinen Jaguar E Type mit Goldschürfunternehmungen und Immobilien in kürzester Zeit verlor. Das Geld, so wollte mir scheinen, benahm sich nicht nur gegenüber Schriftstellern undankbar.

Link | 10. Oktober 2011, 17 Uhr 30 | Kommentare (3)


3 Kommentare


LIKE: „aber daß Mühelosigkeit irgendjemandes Recht sei, dem sich ein fremdes Bewusstsein lesend anvertrauen soll, ist nun wirklich schwer zu verteidigen.“ und den Rest auch.

Comment by froschfilm | 21:54




Immer noch LIKE, aber man kann natürlich doch wiedersprechen. Man könnte sagen, dass nur freie Menschen gute Kunst produzieren können. Dass man sie fördern müsse, damit sie, locker leicht und fluffig ihre schönen Sentenzen backen können, oder den Rest der Welt aus sicherer Distanz anschauen, anstatt mit ihm kämpfen zu müssen.

Comment by froschfilm | 10:29




Oh, diese dummen Schriftsteller!

Comment by Boegi | 11:08