Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ok, dann lasst uns eben doch über Wulff sprechen. Bitte Geduld. Trivialitäten vom Tisch: Diese Affaire ist keine Amigo-Affaire. Es ist nicht so, daß in der weitgehend ehrlichen Welt der Politik ein unehrlicher Politiker entdeckt wurde von der vierten Gewalt. Über solche Erzählungen sind wir weit hinaus. Es geht auch nicht um einen Zensurversuch. Das Bundespräsidialamt hat meines Wissens kaum auf Springer anwendbare Drangsale im Arsenal. Weder formell noch de facto.

Es geht bei dieser Sache um die Ermittlung einer Antwort auf die Frage, wen man für blöd verkaufen kann und wen nicht, und um das Guttenbergtrauma.

Wulff also: Da ist einer Ministerpräsident gewesen, und das hat ihm Vorteile gebracht. Wie das so ist mit der Macht: Man hat einflussreiche Freunde, Sachen werden einfacher. Das ist die Macht. Weil das so natürlich ist, trennt das Konzept Korruption erlaubte Einflußnahme von unerlaubter: Es formuliert, wann eine Gefälligkeit aktiv zurückgewiesen werden muß. Das zu können, ist Teil der Eignung für ein öffentliches Amt. Wer es nicht schafft, ist ungeeignet für das Amt, weil auf ihn mehr Einfluss genommen wird, als es die Aufgabe verträgt. Er muß, wenn sich herausstellt, daß er sich der Nettigkeiten nicht mehr erwehren kann, fortan etwas anderes machen. So weit, so gut, aber natürlich ist es so einfach nicht. Nicht nur gibt es einen breiten unscharfen Rand dessen, was in Ordnung ist und was nicht — wenn man sich nun einmal anfreundet mit reichen Leuten, wie es geschieht: Soll man auf Übernachtungsentgelt bei Besuchen bestehen? Und wie wäre es bei normalwohlhabenden Leuten? Dürfte man bei Studenten noch Gast sein? Schlimmer: Tatsächliche Einflußnahme ist eben schwer zu messen.

Man ist deswegen in der informierten Öffentlichkeit stillschweigend dazu übergegangen, das Ammenmärchen vom redlichen, unverstrickten Politiker durch eine realistischere Idee vom Mächtigen zu ersetzen: Wir wissen alle genug darüber, wie Macht auch in der Demokratie funktioniert, um uns nichts vorzumachen.

Neben der informierten Öffentlichkeit gibt es aber noch die Leserschaft der BILD. Die glaubt das Ammenmärchen vom redlichen Politiker erst recht nicht, ist aber laut tönend dazu übergegangen, so zu tun als glaube sie es, um ab und zu einen Mächtigen fallen zu sehen, was bekanntlich ergötzlich ist.

In dieser Aufteilung der Öffentlichkeit lebte es sich lange kommod. Dann passierte der Fall Guttenberg. Die BILD hatte sich entschlossen, diesen Mächtigen auf keinen Fall fallen zu sehen, und er fiel doch. Das lag daran, daß die informierte Öffentlichkeit zwar aus einer Reisemücke hier und da keinen Skandalelefanten macht und Macht in ihrer unvermeidlichen Verstrickung akzeptiert — aber akademischen Betrug eben nicht. Und das liegt daran, daß sie in Deutschland aus einer weitgehend stillen Schicht akademisch ausgebildeter, ziemlich kluger Menschen besteht. Die ertragen die natürliche Dreistigkeit der Macht, weil sie einsehen, daß sie regiert werden müssen; sie ertragen nicht, wenn die Macht das wichtigste Element ihres Selbstwertgefühls und ihrer Lebensfreude — Bildung — mit Füßen tritt und so tut, als ließe sich Bildung simulieren und ergaunern wie sich politische Glaubwürdigkeit simulieren und ergaunern lässt. Es war deutlich zu bemerken, wie Guttenberg und die BILD-Leute einfach gar nicht verstehen konnten, auf welche Mine sie da getreten waren. Sonst war doch so schön Stille, die Akademiker hörte man höchstens mal quietschen, wenn man ein Institut schloß oder ein Theater?

Aber da waren sie plötzlich, ganz nah, und hatten ihn am Schlips: We teach your kids, we save your lives, we do your research and write your newspapers, we actually manage your economy, we are the viewers that arte and 3sat supposedly do not have, we invent the stuff you make money with. Do not. fuck. with us.

Bitte weiterhin nur mit BILD-Lesern rumfucken. Wir wollen ein anständiges Leben, das wir normalerweise bekommen in diesem Land, und ab und zu ins Konzert — und daß man uns nichts vom Pferd über das Schreiben von Doktorarbeiten erzählt. Ein paar unserer Freunde haben das nämlich tatsächlich gemacht, und nicht weil es schick war, sondern weil es sie interessiert hat, unter ernstzunehmenden persönlichen Opfern. Und jetzt raus.

Großes Kopfkratzen, denke ich mir, bei Springer. Was war denn da jetzt passiert? Eine Schlacht verloren gegen einen Gegner, den man schon vergessen hatte, weil man politisch mit dem bürgerlichen Lager lange verbündet war und es normalerweise auch einfach nur seine Ruhe wollte und BILD machen ließ. Die Annahme, daß man zynisch geworden sei im Bürgertum ist aber nicht wahr. Mitnichten. Illusionslos, aber das ist etwas anderes.

Und dann, ein Gottesgeschenk: Die Sache mit der Mailbox. Eine absolute B-Affaire, vollkommen im Rahmen dessen, was in der allgemeinen Illusionslosigkeit toleriert wird, ließ sich zu einer Medienaffaire, einem Zensurversuch gar, aufblasen. Doppelter Gewinn: Die übliche „Politiker sind alle Schweine“-Nummer für die Stammleserschaft, und die Akademiker zurück- und dazuholen mit etwas, das ihnen doch so sehr am Herzen liegt: Der heiligen Pressefreiheit.

Wie es mit Wulff ausgeht, ist egal. Der Mann hat kein Format, er ist so uninteressant wie die traurige Behausung, die er sich mit seinem etwas zu billigen Kredit da gebaut haben wird. Er taugt nicht zum Exempel gegen eine allgemeine Verkommenheit in der Politik. Er ist nur die übliche, nicht ganz saubere, aber auch nicht aufregend dreckige, Politfigur. BILD dagegen verkalkuliert sich schon wieder, wenn ich mich nicht irre. Der Friede mit dem bürgerlichen Lager ist gekündigt, nicht einmal der WELT-Mob, der reaktionäre Kern der gebildeten Demographie, verzeiht die Guttenberg-Katastrophe. Pressefreiheit mein Arsch, Kretins.

[Der Tonfall der Bescheidwisserei übrigens: Schon klar. Ich betrachte das aber als Defensivmaßnahme gegen die ja überall aufgefahrenen Beflissenheitsgroßgeschütze: Würde des Amtes? Im Ernst?]

Link | 12. Januar 2012, 19 Uhr 45