Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Scheitern der Avant-Garde: Wenn es der Avant-Garde beim Vorstoß in einen unerforschten kulturellen Raum nicht gelingt, Formen zu etablieren, die dem Ansturm der Massen standhalten, bilden sich in der Folge Fronten aus, die einen langen sinnlosen Krieg führen; es vollzieht sich das groteske Schauspiel eines Kampfes zwischen zwei dem Namen nach verfeindeten, aber in ihrer Praxis sich gleichenden Lagern. Eine Verständigung zwischen den beiden Seiten ist nicht möglich, weil sie so genau gleich sprechen. Der besprochene Konflikt ist auch nicht durch Aktion lösbar, weil seine Substanz nicht existiert.

Sieger ist nie eine der zwei Fraktionen, die das Erbe der gescheiterten Avant-Garde antreten. Sieger ist die beschädigte Kommunikationspraxis, die beide Fraktionen teilen müssen, weil sie alles ist, was noch wirkt. Diese Prozesse sind in keiner Weise unvermeidlich, man kann auch erfolgreich Avant-Garde machen — das fällt dann nur nicht auf, weil der gewaltsame Scheinkonflikt ausbleibt.

[Was der Surrealismus wirklich mit Viva Zwei oder Weblogs gemein hat]

Link | 17. Mai 2012, 0 Uhr 40 | Kommentare (4)


4 Kommentare


Wann ist eine Avantgarde denn erfolgreich?

Comment by goncourt | 12:18




Natürlich stimmen solche Groß-Schemata immer in etwa so oft, wie sie nicht stimmen, aber ich probiere mal.

Also, abstrakt: Eine erfolgreiche Avantgarde strukturiert einen neu aufgegangenen Raum so weit, daß die nachziehenden Massen einziehen können und „richtige Probleme“ vorfinden — also nicht die Probleme, die sie mitbringen von dort, wo sie kommen (die sind durch den Umzug gelöst), sondern schon die Probleme des neuen Raums.

Konkret zu machen ist das schwieriger — die von erfolgreichen Avantgarden erschlossenen Räume fallen als erschlossen eben nicht auf, weil in ihnen einfach gearbeitet wird und die Fronten, die entstehen hätten können, absurd wirken. Wer hätte vor zehn oder mehr Jahren die Vorstellung davon, daß „die Autoren“ und „die Bürger“ sich einen hasserfüllten Kampf auf allen Kanälen liefern, nicht vollkommen irre gefunden?

Die Produkte erfolgreicher Avantgarden werden everyone’s darling, weil sie die alten Problemräume transzendieren und für die neuen Probleme einfach Werkzeug sind. Als Beispiele erfolgreicher Avantgarden fallen mir ein: Das Bauhaus. Quentin Tarantino. Die kalifornische Personal Computing-Unternehmerszene. Die deutsche Ökologie.

Man kann sich schon Welten vorstellen, in denen diese Avantgarden gescheitert wären. Eine Welt, in der das Industriedesign Wilhelminismus-style Üppigkeitsmoden folgt, weil Einfachheit mit Elend assoziiert geblieben wäre (alternativ: In der die Vereinnahmung der Moderne durch die „schick, hell und teuer“-Verbrecher gleich zu Beginn stattgefunden hätte.) Eine Welt, in der schwarzes Cool den Weißen nie erschlossen worden wäre. Eine Welt, in der Rechenzeit von einer Behörde verteilt würde und es eine 8-Prozent-Partei gäbe, deren Programm es wäre, dem Recht auf Rechenzeit Verfassungsrang zu geben. Eine Welt, in der das Problem der Stabilität des Ökosystems nicht anhand von „richtigen Problemen“ wie Energiehaushalt und Atmosphärenphysik behandelt würde, wie es hierzuland sogar eine konservative Regierung kann und muß, sondern anhand falscher (alter) Probleme, nämlich ob einer Bäume lieber als Schornsteine mag und seinen Prius lieber als den Hummer seines Nachbarn. (Jaa, Polemik.)

Comment by spalanzani | 15:56




Guten Tag. Lese bisweilen eher still mit und hoffe, dass der Kommentar unbekannterweise nicht als unhöflich empfunden wird.

Zum Thema: Ist es denn nicht weiteres Kennzeichen einer Avantgarde, eben keineswegs erfolgreich zu w e r d e n? Sozusagen stehengeblieben und weitergemacht zu haben, wo „der Rest“ einen Schritt zurückging, feststeckte? Sich dahingehend über allseitige Ablehnung definierend?
Im Kern sind diese Zwischenkriegsavantgarden wie der Surrealismus deshalb so ohne bleibende Formen geblieben, weil sie sich einzig aufgrund eines Überbrodelns im Inneren nach Außen gebracht haben, Manifeste veröffentlichten und künstlerische Richtlinien zu etablieren versuchten. Alles Entscheidende war schon verbraten: der empfindsame Widerstand, die Ungerechtigkeit, die Langeweile – auf einmal heißt alles Avantgarde und Pfitzner schimpft Busoni in der Futuristengefahr (was auch immer die gemeinsam haben mögen…).

Der Begriff einer erfolgreichen Avantgarde, wie ich ihn hier herauslese, wie PCs oder das ökologische 80erjahre-Gewissen, erscheinen mir wie an den Fortschritt (technischer Art) und an seine Gegenreaktion gebundene zivilisatorische Phänomene. Bis auf einige performative Aspekte hat das nicht viel mit dem Surrealismus zu tun. Interessant sind dann eher tatsächlich die Blogs, die sozusagen mit dem technischen Fortschritt und einem exklusiven JeKaMi-Esprit auf einmal überall aufgetaucht sind und genauso schnell, mit den intelligenten Leserkommentaren in der ZEIT, wieder an Enthousiasmus und Ausdauer in sich zusammenfallen mussten. Weil tatsächlich Jeder Mitmachen Konnte.

Viele Grüße zum Dienstag.

Comment by Sanna | 15:14




Unhöflich? Aber bitte!

Mal sehen. Die Auffassung von Avantgarden als Das-was-notwendig-scheitert, weil es gleichzeitig von der Wirklichkeit überholt und vom immer vorwärtsrollenden Ungeist zurückgerissen wird, ist ja gewissermaßen die Standardauffassung, und ich will nicht bestreiten, daß sie sehr plausibel ist.

Ich mag nur das Spiel mit der Idee sehr gern, daß es aufs Denken wirklich ankommt, daß also Avantgarden reüssieren können und ihr Erfolg sie als Avantgarden nur rückwärts gradezu unsichtbar macht.

Vor allem aber: Der technische Fortschritt ist, glaube ich, mit jedem anderen Fortschritt (pathosfrei, als beobachtbares Rationalisierungsphänomen) jederzeit identisch. Ich glaube nicht, daß es einen Fortschritt im reinen Denken oder „nur in der Kunst“ geben kann, der nicht eine Kehrseite hat in einem Fortschritt-im-Leben, und da ist immer Technologie im Spiel und immer die Frage des Zusammenlebens und immer die Frage der Selbsterfahrung des Einzelnen. Die Zwischenkriegsavantgarden hatten da natürlich ein Fortschrittspensum zu erschließen, das technisch und sozial und medial und und religiös gewaltig war.

So richtig viel verstehe ich nicht davon, aber kann man nicht genau die spezifische Form der Politisierung des Pariser Surrealismus — den Streit um den KPF-Anschluß und die wenig überraschende Tatsache, daß das schief ging — als ziemlich wesentlichen Kern seines Scheiterns lesen?
Kann man sich nicht, rückwärts blickend, eine Avantgarde wünschen, der schneller geleistet hätte, was heute ja weitgehend geleistet ist, die Entzauberung und Ironisierung des Pathos der Totalität und der Massen und Maschinen? Ist ja nicht so, daß das nicht schon gesehen worden wäre, als gestelltes Problem. Man hat sich nur eben bewusst entschieden, zwar innovativ und subversiv zu träumen, aber lieber orthodox kommunistisch handeln zu wollen. (Oder, Scheitern in Reinform in Italien, gleich den Faschismus zu erfinden aus der Beschäftigung mit diesem neuen Pathos.)

Daß irgendwann Jeder Mitmachen Kann, ist ja klar. Aber die Leserkommentare in der ZEIT hätten sich ja nicht genau so als Form etablieren müssen — diese Form haben die Weblogs (oder allgemeiner: die Teilnehmer am Web bis Version 0.9) gestaltet.

Und zwar bewusst als anonym, kurz, persönlich, anti-professionell, kostenlos, unautorisiert, mit Anspruch auf Veröffentlichung formuliert (sonst „Zensur“). Das war genau so gewollt als Teil einer Ideologie mit ganz bestimmten Vorstellungen davon, was „Offenheit“, Gemeinschaftlichkeit, Demokratisierung von Kommunikation, etc, in der gerade aufzubauenden Neuen Öffentlichkeit bedeuten soll.
Und wenn die Praxis mal festgeschrieben ist, totalisiert sie sich eben, und dabei kam beim „Social Web“ genau die Abomination Facebook/Twitter/Onlinemedien heraus, die wir jetzt an der Backe haben. Das sind ja verfestigte, ältere Formen.

Das Problem ist doch nie „Jeder“, wenn er plötzlich mitmachen kann. Dieser Jeder ist immer da draußen (und in meinen Schuhen steht er auch schon!), und irgendwann macht er natürlich mit. Das Problem ist doch: Was ist es, das er nachahmt, wenn er erstmal ahnungslos anfängt zu fummeln?

Naja: Ich will das alles nicht überstrapazieren.

Comment by spalanzani | 19:04