Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Warum wir heute natürlich keine plots könnten, selbst wenn wir’s versuchten: Sie sind nicht glaubwürdig zu kriegen vor uns selbst, es ist nichts zu machen, wer würde denn Psychologie betreiben oder das Außergewöhnliche ertragen. (Der Sohn eines russischen Oligarchen, Sauerstoffdiners unter goldbelegten Kuppeln etc, will in Stuttgart die Normalität lernen und gerät in bildungshedonistisches Milieu, man spielt Klavier, singt und kann es, eine Liebesgeschichte, knarzendes Parkett und Licht hinter Flügeltüren, er kommt zurück ins Russland Putins, spricht Deutsch mit schwäbischem Akzent; er findet seinen Vater kurz vor der Verhaftung; heimatlos tritt er in die Armee ein –? es geht nicht.)

Sie behelfen sich, kings of setting: Die Besten trashen (das ist eine Lösung, die mir sympathisch ist) drastisch und bekennend, die schlechtesten erzählen Räuberpistolen, die nach Hollywooddrehbuch klingen oder nach aufgeblasener Bewältigung von Wohlstandskleinkramproblemen.

Vielleicht sollte man eine neue 70-Seiten-Form machen, soweit kommt man ohne Psychologie und Behelfe, vielleicht 3 mal 70 Seiten, drei kluge Autoren, die sich verstehen und eine Sache ausleuchten und ihr Talent für settings rauspfeffern können ohne den Zwang zur Plausibilität.

[Wenn ich einmal einen Verlag leite]

Link | 19. Januar 2006, 4 Uhr 56 | Kommentare (4)


4 Kommentare


Oh ja, ein Verlag. Und: Wie arg dies Elend doch auch an mir knabbert, seit Wochen, ach, seit Monaten, Jahren schon. Und überhaupt: kings of setting, wo haben Sie das denn her?

Comment by zak | 12:45




Aus Ihrer Küche, glaub‘ ich, es ist treffend. Allerdings kein Elend, denn es ist ja nicht so, daß es jemanden gäbe, der das könnte zur Zeit. Das Plotproblem ist ein natürlicher Zustand in der Gegenwart, scheint mir. Was auch bedeutet, daß der Kult um den Roman ein Relikt ist.

Man muß ja Menschen haben, wie man sie kennt, wenn man richtige Geschichten erzählen will, aber die heutigen Menschen sind merkwürdig überdefiniert, sie scheinen, wenn dargestellt, immer aus Drehbüchern zu kommen und nur Instanzen flacher Vorlagen zu sein. Settings funktionieren noch, weil sie nur ein Raum für die Projektion der eigenen Person sind, und die ist glaubwürdig, die letzte glaubwürdige Person geradezu.

Man muß sich nur mal ansehen, wer da alles scheitert: Sogar Reitz. (Fürchterliche Klischees in Heimat 3, flache Figuren, Autounfall als dramatisches Element, etc. Bei Reitz!) Kracht. (Sagt nicht umsonst über 1979, daß er kaum glauben konnte, was für einen fürchterlichen Kitsch er da schrieb — das Ding ist gut, aber es funktioniert, weil er dauernd offensichtlich mogelt und wir das sympathisch finden und ihm das mit dem rumänischen Geheimdiensttypen und dem Tunnel gerne halt auch noch abnehmen.) Krausser und Dath. (Großartig nicht nur, aber eben auch, im Bekenntnis zum Trash.)

[Ich weiß ja auch nicht. Aber sieht’s nicht ganz so aus?]

Comment by spalanzani | 14:21




Was Sie vorschlagen ist Pulp Fiction. Oder sind wir jetzt auch in der Blogwelt per Du?

Comment by froschfilm | 11:28




Dann darf ich meinem „Kings of Setting“ noch ungefragt eine weitere ratende Weisheit hinzufügen: „Sachbuch ist the new Roman“. Und: Plot und Setting sind Substitutionsprodukten so unähnlich nicht. Jetzt aber ..

Comment by Jens | 20:30