Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Mairegentagsfarben: Frisches Platanenlaub, die Büsche, ungeschnittenen Gräser, naß. Die Straßenbahn besonders gelb, der Asphalt schwarz. Pfingsten, ich bin nicht in Leipzig. Die Straßenbahn fährt Unbekannte von A nach B, immer dieselben Unbekannten Mitte zwanzig, seit Jahren. Woran erinnert man sich, wenn man sich an Einsamkeit erinnert? Den Stolz, niemanden zu brauchen? Oder die Erleichterung, als man bemerkte, daß das immer ein Irrtum gewesen war? Die unvorhergesehene Zuneigung für alles Menschliche, die Streits an verregneten Samstagnachmittagen; eine Art, den Rucksack aufzusetzen; wo die Socken liegen; das Schweigen in Parks, die etwas zu kühl sind für den Spaziergang?

Ich höre, wie jedes Jahr irgendwann im Mai, Tiamat, Wildhoney natürlich, die Regengeräusche, die singenden Stahlgitarren, die ich nirgendwo sonst ertrage und die aus dieser einzigen Platte ihr Freudebudget bestreiten, und draußen synchronisiert sich der Wind. Wasserkaskaden fallen, unhörbar rollen die Wogen an, steigen die Warschauer Straße entlang, und die Platanen wedeln in ihrem Strom wie Wasserpest, und die silbernen Fahrzeuge schwimmen zwischen ihren Zweigen wie Forellen in der Zwiefalter Aach, lautlos vor dem Rechen.

Ich wende mich ab, lächelnd, und denke: Du bist nichts mehr gewohnt, Alter.

[Dann das Verlangen, Auto zu fahren, etwas zu schnell über die Landstraßen, Metal hören und Landstraßen fahren, Sonne auf den Unterarmen und das ganze instinktive trueness-Ding der Jungs vom Land kurz selbst wiederfinden, oder eben jetzt im Regen mit leicht beschlagenen Scheiben; anhalten an der Donau und ein Stück Holz verfolgen, wie es im Strom bleibt, die Römer, die Wälder, die Burgen, die Armut, der Wurstsalat. Ich glaube, ich bin reif für ein Auto, Berlin hin oder her, eins, das ich nie benutze außer um herumzufahren am Samstagmittag.]

Link | 18. Mai 2013, 14 Uhr 48