Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Spätestens das Accelerate Manifesto etabliert den Akzelerationismus als Ding. Wie immer man sonst zu diesem Manifest steht, zumindest kurzfristig erzeugt es Aufmerksamkeit für die Möglichkeit eines aufbau- statt zerstörungsorientierten linken Projekts und der politischen Auswertung eines Energieschubs aus der Philosophie. Strategisch könnte das ausgesprochen wertvoll sein, weil ein überzeugendes akzelerationistisches Projekt bis weit ins Bürgertum hinein anschlußfähig wäre.

Unglücklicherweise ist das Manifest ein Produkt uneingestandener Ehrfurcht und Sorge. Die philosophischen Energien, die es in ein politisches Projekt zu kanalisieren sucht, sind nicht leicht zu beherrschen, und das Unheimliche spukt schon wütend im Untergrund der Strömung.

At ease zu sein with a mod­ernity of ab­strac­tion, com­plexity, glob­ality, and tech­no­logy heißt auch sich nicht darauf zu verlassen, daß die Subjekte einer Geschichte, in der eine solche Moderne entfesselt ist, menschlich bleiben, sondern mit abstrakten Subjekten zu rechnen. Menschen schwärmen, befreit und offen für neue Zwecke, über modernisierte Territorien, und ihr einzelner menschlicher Wille bleibt dabei zunächst wirkungslos. Menschen treten nicht als Heroen, sondern als Funktionselemente abstrakter Subjekte auf: In der Moderne sind historische Subjekte auf Menschen implementiert. Die Geschichte ist die Arena, in der diese Abstrakta gegeneinander antreten, ohne Rücksicht auf ihre Substrate.

Wer das Kapital als Subjekt der Geschichte ignoriert, steckt mit dem Kopf tief im Sand eines humanistischen Ponyhofs. Es ist eine nach wie vor hochinteressante Frage, wo es ursprünglich codiert ist — in der solaren Ökonomie der Realität selbst, in der Struktur menschlichen Begehrens oder in den Büchern seiner Theoretiker und Ideologen, aber daß das Kapital in der Geschichte ununterbrochen und stabil wirkt, seit die wichtigsten Feedbackdämpfer demontiert wurden, ist schwer zu leugnen. Die Krisen des Kapitalismus sind dann auch niemals Krisen des Kapitals, sondern immer Krisen unserer naiven Erwartungen an seine Verpflichtung auf menschliches Heil.

Humanistische nichtmenschliche Subjekte der Geschichte, definiert als abstrakte Formen genuin menschlichen Willens, sind indeß immer wieder kollabiert. Nur zwei davon, die Partei und die liberale Demokratie, waren überhaupt über längere Zeit stabil. Die Partei ging schließlich an ihren inneren Widersprüchen zugrunde (ironischerweise — der Kapitalismus wächst an den seinen, während die Unken unbelehrbar weiter unken). Die liberale Demokratie als Versuch einer friedlichen Koexistenz des Menschlichen mit dem Kapital und Feedbackdämpfer der letzten Linie zeigt Auflösungserscheinungen.

Das Accelerate Manifesto allerdings sagt „we“, als wisse es, wen es damit meine und als versammelten sich Hundertschaften hinter seiner gereckten Faust. Nun ist es der Zweck von Manifesten, historische Subjekte aus Sprache und Begeisterung zu erschaffen, und man kann diesem darum seine Aufforderung, eine ecology of effective accelerationist left organizations zu rekonstruieren, nicht vorwerfen. Auch performativ etabliert das Manifest aber, daß es kein „we“ mehr gibt, das dem „it“ des Kapitals begegnen könnte, und, in der Metapher des Manifests, das Netzwerk zu einer Heirat mit dem Plan zwingen. Noch problematischer ist, daß es die Subjektheit des Kapitals selbst nicht sehen will — alles in Ordnung: Da sind nur wir Menschen und ein böser Zauber; wir sind nur ein bisschen verwirrt. Wenn wir uns endlich besinnen, können wir alles haben: Die beschleunigte Technozivilisation, sogar in besser und schneller, und unsere menschlichen Zwecke, also Freiheit und weniger Arbeit: alles.

Alex Williams hat auch auf dem Berliner Akzelerationismus-Symposium vorletzte Woche vitalistische Auffassungen des Kapitals noch einmal abgelehnt. Daß es sich bei Kapital um eine außerirdische Intelligenz handle, die sich auf dem Planeten niedergelassen habe, hat er spöttisch, als Hirngespinst eines verrückt gewordenen (leider immer noch inspirierend schreibenden) Philosophen, vorgetragen. Aber selbst in dieser zu Zwecken der Lächerlichmachung verzerrten Darstellung ist ein solches handelndes, auf Menschen implementiertes Kapital interessanter und analytisch ergiebiger als eine weitere Versicherung, daß wir es nur mit einem sehr verbreiteten Denk- oder Charakterfehler zu tun hätten, daß wir ein Subjekt sei und es nicht.
Das Gegenteil bleibt der Fall.
Wir alle lieben die unschuldige Phase der Moderne, militant modernism, eine vom Menschen mit seinen gefügigen technischen Werkzeugen frei gestaltbare Welt, hell erleuchtet von der warmen Flamme der Vernunft, und Nostalgie für dieses Pathos ist verständlich und vertraut.

Aber die Hilflosigkeit des Wackeren gebiert das Dämonische, und das Dämonische genießt die Grausamkeit der Wahrheit. Davon wurde die Moderne mit Wucht getroffen; die Postmoderne hat sich dagegen versichert, indem sie die Wahrheit vermieden und das Wackere vor Komplexität und Abstraktion gut beschützt hat. Das Kapital machte einstweilen Geschichte ohne, aber weiterhin auf uns. Wer die Realität (und die Wahrheit und die Komplexität), begrüßenswerterweise, zurückholen will, wird auch mit den Dämonen wieder leben müssen, und keine Nostalgie für die unschuldige Moderne wird ihn retten.

Die Traditionslinie Nietzsche – Bataille – Deleuze/Guattari – Land findet die Beschleunigung in einer Welt vor, die sehr viel dunkler und unheimlicher ist als die, in der das Accelerate Manifesto sie umarmen möchte. Der Grund für den Wunsch nach dieser Umarmung scheint dann auch gar nicht analytische Rigidität zu sein, sondern die Attraktivität der dämonischen Energie, die in dieser Traditionslinie freigesetzt wurde. Akzelerationismus ist der Versuch, etwas noch einmal in Gut zu machen, was jenseits von Gut und Böse zuvor schon so schrecklich glühte und begehrenswert funkelte.

Zu wacker, zu erschrocken, hoffnungsgetrieben, settembrini.

Wer immer noch (und immer wieder) „wir müssen“ sagt, ist ein Nostalgiker; wer einen Plan mit dem Netzwerk verheiraten will dagegen: Ein Unternehmer. (We re­quire funding, whether from gov­ern­ments, in­sti­tu­tions, think tanks, unions, or in­di­vidual benefactors. Well come on in.)

Der Neoliberalismus präsentiert normative Kategorien des Kapitals als Wirklichkeit. Das ist Capitalist Realism, ein Kategoriefehler. Die Realität des Kapitalismus zu ignorieren allerdings bedeutet, denselben Kategoriefehler unter umgekehrten Vorzeichen noch einmal zu machen. Zu dieser Realität gehört, daß es kein „wir“ als Subjekt der Geschichte mehr gibt und daß kein Manifest je wieder eines erzeugen wird.

the space-time of hypercommoditisation is a nomoid zone of mad clusters where the polis disintegrates into unintelligible webs of swarmachinery.

Link | 27. Dezember 2013, 2 Uhr 08