Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Es gelingt mir nicht, mich aufzuregen. Es gelingt mir nicht.

Die Volksbühne ist demontiert, OST verschwunden und das Räuberrad und Sophie Rois, die „Parole“ singt – und natürlich war die Volksbühne mein Theater, wegen Marthaler, wegen Pollesch, wegen Castorf, und viel öfter noch als ich dort Theater gesehen habe, habe ich Musik gehört, Current 93 immer wieder, Anthony and the Johnsons, die Tindersticks, an Abenden irre blauflimmernder Intensität. Die Volksbühne war wichtig. Ich hatte immer alle Liebe und alle Angst dabei dort, aber mehr Liebe.

Aber wie seltsam wäre es, wenn die Zeit sie weiter verschont hätte.

In Leipzig kann man zum WGT, ich glaube jedes Jahr, eine Ausstellung zur Beobachtung der Gruftszene durch die DDR-Staatssicherheit sehen. Es ist ein fröhlich-grusliges Vergnügen, einer untergegangenen Geheimpolizei über die Schulter zu schauen, wie sie in berückender Befremdung versucht herauszufinden, ob Jugendliche wirklich Tote ausgraben auf den Friedhöfen der DDR, und ob das Hören der Gruppe „The Cure (engl. Das Heilmittel)“ politisch neutral zu bewerten ist, und ob das eine oder andere die Sicherheit der Deutschen Demokratischen Republik bedroht.

Was man dabei auch noch einmal vorgeführt bekommt: Wie ernst die DDR die Sphäre des Symbolischen zu nehmen in der Lage war. Man versteht das nicht gleich als Westler: Das Symbolische lief nicht zum Eigentlichen parallel in der DDR, wie das in der Bundesrepublik der Fall war und in der Berliner Republik der Fall ist, das Symbolische war das Eigentliche. Eine Störung der symbolischen Ordnung durch eine unverständliche, nicht anschlußfähige Jugendkultur war ernst, weil dieser Staat fortwährend gedacht wurde und deswegen verstehen musste.

Der Berliner Republik ist selbstverständlich völlig egal, was in der Sphäre des Symbolischen geschieht: Sie kann sich darauf verlassen, daß ihre funktionierende Wirtschaft sie beieinanderhält. Solange der rechtsstaatliche Ausgleich der Interessen funktioniert, ist sie stabil. Was am Theater oder auf den Friedhöfen passiert, hat keine Relevanz. Ein Staat dagegen, der in permanenter Revolte gegen die Grundmechanismen des Wirtschaftens menschlichen Geist aufbringen musste, brauchte das Theater.

Daß so ein Theater, von der nachwirkenden titanischen Autorität von Heiner Müller konserviert, in die Berliner Republik bis ins Jahr 2017 hineinragen konnte als funktionierender Symbolreaktor erscheint mir im Nachhinein so unwahrscheinlich, daß ich kaum verstehen kann, wie das erst jetzt passiert: Daß die Wellen der weltläufigen Halbgescheitheit über der Volksbühne zusammenschlagen.

Nicht vergessen: Dies ist Berlin, die Stadt, die hartnäckig darauf besteht, ihren Sieg über einen Sozialismus, der sich friedlich wegdiskutieren ließ, mit der Errichtung eines Stahlbeton-Hohenzollernschlosses zu feiern, und die, als ihr schwante, wie weit sie den Kopf damit in der Arsch der eigenen Geschichte gesteckt hatte, als sozusagen besänftigende Strategie darauf verfiel, ihn innen mit echter Negerkunst zu dekorieren (Bredekamp verbrämen Sie) – jetzt, sagt die Stadt treudoof, ist doch wieder alles im Lot, Neger findet ihr Denkleute doch gut, und ihre tolle Kultur. Man kann es den Denkleuten einfach nicht recht machen.

Die Bundesrepublik hat Vorteile: Sie schießt nicht auf ihre Bürger und hetzt keine Nachbarn auf gegeneinander, und wenn einer The Cure (engl. Das Heilmittel) hören will, darf er das in Ruhe tun. Daß dieses Land Theater haben soll, in denen der Geist drinnen vom Ungeist draußen klar unterscheidbar wäre, finde ich viel verlangt. Die Sphäre des Symbolischen ist in dieser Gegenwart nun einmal: „Kunst“, korrekt beschrieben als ein dauerschlapper Versuch, Leute zu unterhalten, die schon viel gesehen haben und wollen, daß die Welt das weiß. Kunst ist unrockbar, und hat sich nun eben auch die Volksbühne geholt.

Mit anderen Worten: Er ist tot, ist tot, ist mi-ma-mause-tot. Kein Grund zur Aufregung, Kunst ist Mist und unaufhaltsam und ohne Alternative, wenn die Zeit gekommen ist.

Link | 11. August 2017, 21 Uhr 55