Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Zum ersten mal war ich vor fünf Jahren in der Gegend. Ich kam mit der U-Bahn aus Biesdorf. Biesdorf liegt mitten in Marzahn, fühlt sich aber nicht wie Marzahn an. Mehr als ein „Da drüben ist es und droht“ bekommt man nicht mit davon. Aber Biesdorf ist öde, vom Schuß, nachts kaum zu erreichen und so ein klassisches Problem, das sich Provinzler und Ausländer beim ahnungslosen Zuzug nach Berlin einhandeln. Ich kam also aus diesem Unort hier an, eines Nachts, stieg in der Schönhauser Allee aus und wunderte mich, wie anders alles war. Ich war eingeladen in die unsanierte und kohlenbeheizte Wohnung eines ganz jungen polnischen Malers – es war das einzige Mal, daß all die Klischees wirklich funktionierten. Ich saß da dann mit diesem klugen Menschen, der schon richtig Postmoderne gelesen und verstanden hatte und mit noch ein paar Schnelldenkern und redete über Kunst und KI. (Die Schnelldenker erwiesen sich wenig später als ziemliche Arschgesichter, während der Maler, der ein feiner Kerl war, leider nach Hamburg verschwand.)

Jedenfalls war das Licht braun, die Wände auch, das Klo war auf dem Treppenabsatz und die Elektrik dubios. Draußen roch es dunkel nach Laub, Zement und Benzin, drinnen saßen wir und spielten uns Boheme vor, jung genug waren wir und also ernsthaft. Das alles war die letzte Ahnung von etwas, es war gerade noch zu spüren. Als ich her zog, war es schon weg.

Während meiner Zeit hier war die Simulation von Boheme keine mehr. Daraus war eine Simulation von London oder Hipness geworden oder ich weiß nicht wovon. Die furchtbare Sendung Polylux, auf die ich damals prompt selbst hereinfiel, fühlte sich jedenfalls genau so an.

Etwas für Leute, die nicht akzeptieren wollen, daß sie einfach nur so Leute sind in so einer Stadt, die tun, was sie tun, weil sie’s können und weil sie müssen. (Wie ordentliche Menschen es von jeher hielten.)

Also eher etwas für die unrasierten Adidasträger und ironischen Bad-Taste-Mädchen. Für die Zahnarztkinder mit den Sowjetstern-T-Shirts, und so ist es immer noch. Die müssen gar nichts, die kommen auch nicht auf die Idee, sich wegen irgend etwas mal ernsthaft zu quälen. Immer frisch, die Bande, immer hip. Alles nicht so bedeutend.

Deswegen von hier zu verschwinden, wäre zwar ein Widerspruch in sich. Gottseidank aber liefert die Charlottenburger Wohnung allein schon genug legitime Gründe für einen Umzug.

Link | 29. Juni 2004, 15 Uhr 19 | Kommentare (9)


9 Kommentare


Junger Mann, als ich 1996 nach sechs Jahren aus der Gegend fortzog, kam sie mir schon so tot vor. Später lernte ich dann Leute kennen, die es schon 1987 dort nicht mehr aushielten. Gab es jemals Boheme in Berlin? Ist Boheme nicht immer aufgesetzt?

Ha — Biesdorf — das find ich lustig.

Comment by d. | 15:50




Lieber Großvater D. – ich weiß das nicht. Sie sind hier zu Hause, Sie haben sicher Recht. Und Boheme ist natürlich immer aufgesetzt, aber trotzdem noch die erträglichste Art, nicht mehr zum Bruttosozialprodukt beizutragen, als der Welt gut tut.

Zumindest wenn Boheme, die ich nie auch nur von außen gesehen habe, so ist wie, sagen wir, in Gaddis‘ Recognitions .

Es gibt Stimmen, die sagen, daß der Prenzlauer Berg überhaupt nie mehr war als eine schöne Legende – ich bin geneigt, das zu glauben. Es ist aber nicht so wichtig, ob an Berlin seit der Wende oder davor irgend etwas real war – mit einer anregenden Lüge wäre ich ja zufrieden.

Aber dafür braucht man wohl eine gewissen kritische Masse an schlauen Leuten, die das Spiel weit genug durchschauen, um es am Leben halten zu können. Das Studentenvolk hier hat daran sicher kein Interesse. Die wollen ihren fröhlichen Alkoholkonsum mit guten Abschlüssen vereinbaren, das scheint so der ernsteste Konflikt zu sein, den ich freitagabends in ihren Gesichtern finde. Und das Gefühl haben, daß der Punk abgeht, wo sie sind. Um mal ganz billig zu verallgemeinern. Ich glaube, Friedrichshain ist noch schlimmer inzwischen.

(Heute habe ich geträumt, fällt mir grade ein, daß die Zebranobar – eine sehr schöne Lüge – in einen pseudoalternativen hart rockenden Technorockerschuppen verwandelt worden sei.)

Comment by spalanzani | 16:28




Kleiner,

es sind sicher nicht Studenten, die die Welt voranbringen. Zumal sich diese nur dadurch vom Rest unterscheiden, daß sie studieren. Will sagen, s gibt solche und solche und eine soziale Schicht ist das schon gar nicht. Aber Sie haben recht — es gibt schon sehr penetrante solche.

Bei Zebranos war ich gerade gestern seit langer Zeit wieder. Zum Glück ist es noch kein Rockerschuppen (zumindest tagsüber mag ichs auch, abends find ich’s unerträglich), haben guten preiswerten Kaffee und leider ein ärmliches Zeitungsprogramm.

Schick: die Liegestühle, deren Position es ermöglicht, sich am Treiben der Leute auf der Kreuzung zu ergötzen.

Wo wir gerade beim Abschweifen sind: Nach meiner Rückkunft aus dem Schwäbischen hatte sich das Café am Schiffbauerdamm, das vorher durch Stil und ca. 30 Tageszeitungen glänzte, in einen überteuerten Schuppen mit arrogantem Personal, dem blöden Namen „Machiavelli“ und dem Tagesspiegel als einziger Lektüre gewandelt.

Außerdem furchtbar: der Trend zu Strandbars. Wir haben jetzt hier auch eine. Sand hinkippen und Bier in Flaschen verkaufen. Stadt am Fluß geht auch liebevoller.

Uncool: Wenn ich nicht wüßte, daß du es ablehnst, würde ich dich für Sonntag zum Fußballkucken und grillen bei mir im Garten einladen.

Wer ist Gaddi? Der einzige, der mir im Kontext einfällt, ist Ronald Galenza, der zusammen mit Heinz Havemeister zwei wundervolle Jugendbücher geschrieben hat. Google liefert noch Taddeo Gaddi, einen italienischen Maler des 14. Jhdts.

Comment by d. | 17:15




Der Mann heißt William Gaddis, ist Amerikaner und der Größte.

„The Recognitions“ ist sein erster Roman, deutsch heißt er „Die Fälschung der Welt“. Voller palavernder Village-Bohemiens. Und nach allem, was ich darüber weiß, ist das unmittelbar Gaddis‘ Milieu, das da palavert. Er hat auch die etwas eitle Angewohnheit, sich selbst als armselige eitle Boheme-Figur in seine Bücher einzubauen.

Trotzdem ist das alles sehr sympathisch in der „Fälschung“. Man hat immer den Eindruck: Die spinnen da alle und reden Unsinn, aber sie tun wenigstens so, als sei da Tiefe. Und bei einigen stimmt’s dann sogar.

Zebraobar abends: Kenne ich nicht. Vermutlich halt das modisch zottelige Friedrichshainer In-Crowd-Gesocks. Ist aber gleich, solange es das barocke schwarzgoldene Klo noch gibt.

Mit Fußball locken Sie mich tatsächlich nicht, mit dem Garten durchaus. Ohne mich schon entscheiden zu können, danke ich jedenfalls für die Einladung.

Comment by spalanzani | 17:53




Ach spalazani, langweilst du dich in Berlin? Es gibt da doch mehr angenehme Plätze und interessante Leute als anderswo. Die nervigen kann man überhören. Bohemian wirst du übrigens nie, du wirst weiter tun was du musst.

Comment by I know the dj | 18:02




@I know: Mag sein, mag sein. Ich will ja gar nicht ungerecht sein, und schon gar nicht wieder simples Berlinbashing betreiben. Wollte nur erklären, warum mich im Prenzlauer Berg nicht mehr viel hält und wie er sich ganz zu Anfang mal anfühlte.

Comment by spalanzani | 18:09




Ganz Berlin ist eine einzige Simulation. Am Ende gewinnen immer die Schwaben. Nur den Wedding, den konnten sie nie so richtig erobern. Zwischen Müllerstraße und Seestraße ist simulationsbefreite Zone.

Neulich war ich zufällig am Omnibusbahnhof am Kaiserdamm. Da gibt’s ne Pommesbude mit ‚ner traurigen Frau drin. Zu ihr sollte man all die Adidas-Retro-Reutlinger zuerst schicken, bevor man sie auf die Schönhauser loslässt.

Comment by SUB | 16:46




Oje. Diejenigen meiner Leser, die mich persönlich kennen, denken sich grade: Wenn der spalanzani jetzt nicht auf der Stelle bekennt, wo er herkommt, ist er ein verdammter Heuchler. Da werd‘ ich wohl müssen: Ja. Wo ich herkomme, trinken die Menschen neuerdings gerne „Broh-säggoh“ und erwarten, daß man in der Fremde Botschafter ihrer Tüchtigkeit und Bodenständigkeit, also ihres feisten Wesens ist. Immerhin ist es nicht Tübingen oder Reutlingen, aber trotzdem ein extremschwäbisches Städtchen. Hängt einem an wie ein lahmes Bein. Und das Verhältnis, das man zu so einem Ort hat, ist natürlich komplett bernhardesk: Man kann nicht einmal einfach die Klappe halten.

„Wir in Wolfsegg sind ja von den meisten Kriegen in Europa verschont geblieben und die ausgebrochenen Brände im vorigen Jahrhundert sind immer gleich gelöscht gewesen, eine der berühmtesten und tüchtigsten Feuerwehren Österreichs ist in unserem Ort, habe ich zu Gambetti gesagt.“

Comment by spalanzani | 17:42




„Das Peinlichste am Schwabenland, mal von der Landschaft abgesehen, sind sicherlich die Schwaben.“

Ach was. Gegen Schwaben, die herkommen, furchtbar schlaue Sachen machen und ihren Weltschmerz in Weblogs verarbeiten haben wir genausowenig wie gegen solche, die mit seltenen Instrumenten Feste erst zu solchen machen.

Andersherum kann man fragen, ob nicht wir, die nie richtig von hier weggekommen sind, die wahren Provinziellen sind.

Man kann aber auch das Fragen seinlassen. Es ist möglich, den Klischees zu trotzen. Als Nicht- und als Schwabe.

Comment by d. | 19:03