Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

«Das Problem ist doch gar nicht, wie man die Welt vor Unheil bewahrt, das Problem ist doch, wie man im Wald verschwindet, wie man sich unsichtbar macht für das große Auge und ein ganz und gar lokales Leben führt und die Welt ganz und gar tilgt» sagte die rote Dame.

Die rote Dame war einige Viertelstunden zuvor in den Saal getreten und hatte sich seither leise mit uns ausgetauscht zum Stand der Dinge. Die Fresken in der Saaldecke verschwanden in der Dunkelheit, da der mächtige Raum nur auf Knie- und Brusthöhe von einigen wie zufällig an ihren Standorten vergessenen FLOS Glo-Balls beleuchtet wurde, deren Reflektionen auf den schwarzweißen Fliesen froren. Der Auftritt der roten Dame war dieser Kulisse entsprechend theaterhaft gewesen: man ist ja ohnehin keine roten Damen mehr gewohnt, keine Gleichaltrigen in Abendgarderobe, keine Messer im Strumpfband, keine beiläufig mit zwei Fingern zwischengeschobenen russischen Eier.

Es war nicht leicht, ihrer Wachheit auszuweichen und jede Spur von Gegenwartsideologe zu tilgen aus dem Modell-Gesprächspartner, der man ihr sein wollte, schon des Raums wegen. Ich empfand es trotzdem als reinigend, so wachsam auf der Hut zu sein vor der eigenen Plapperneigung.

Natürlich hatte sie Recht, der wehrlosen Dreizehnjährigen eingeredete und dann von ewiger Adoleszenz bewahrte Messiaskomplex führt zu nichts als schlechten Manieren und Bitterkeit, aber nicht jeder hat einen jahrhundertealten Wald aus Fresken und Fliesen und Verwandten zur Verfügung: Manche von uns müssen dem großen Auge mit bescheideneren Mitteln entkommen.

Link | 10. März 2019, 12 Uhr 47