Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ein böses gelbes Licht lag schon im Innenhof, und doppelt düster fiel es durch die Kunststoffplanen in das staubige, nach Gips riechende Berliner Zimmer, das, durch Hinzufügung zweier Trockenbauwände für Küche und Bad, irgendwann nach dem Krieg in eine Wohnung verwandelt worden war. Seit Jahren war ich nicht dort gewesen, nachdem beim Nachhausekommen von einer süddeutschen Reise ein unbezwingbarer Schrecken vor den in meiner Wohnung versammelten Möbeln mich überfallen hatte beim Drehen des Schlüssels im Schloß. Ich hatte die kleine Behausung, wie sie war, zurückgelassen damals, fliehend mit meinem Koffer vor der eigenen Tür, die zu öffnen mir nicht mehr möglich gewesen war noch bevor ich die verendete Ratte entdeckt hatte im Winkel. Heute lagen dort Zigarettenreste und drei zerknüllte Papierbecher mit der Signatur einer innenstädtischen Kaffeehauskette, in deren Filialen man auf mokkafarbenen Kunstlederhockern saß und darum immer eine unangenehme Perspirationsspur zu hinterlassen meinte, wenn man sich erhob und die Tasse in ihr Wägelchen stellte.

Diese Zigaretten und Becher, Jahre schon dort zurückgebliebene Reste eines gescheiterten Sanierungsversuchs, wie die Gerüste im Innenhof und die groben Planen vor den Fenstern, störten niemanden mehr: Die Tür zur Nachbarwohnung stand offen und saß fest auf geschwollenen Dielen. Eine Fasertapete, mit der die Decken beklebt gewesen sein mussten, sandte in verschiedenen Graden der Auflösung wehende Schnüre in den halbdunklen Raum. Ein verdorbener Jugendstilschrank stand da noch in diesen Deckenfäden: Auch meine Nachbarn, die ich kaum gekannt hatte, schienen von meinem über meine eigene Wohnung hinausgehenden und sich gewissermaßen verselbständigenden Schrecken nicht verschont worden zu sein.

Bei mir selbst sah es aus, wie ich es erinnerte: Eine blaue Couch, die mir als Bett gedient hatte und noch wie frisch zerwühlt in der gelben Hitze sich zeigte, ein Ivar-Schrank voller Kleidungsstücke, auf die zu verzichten nicht schwer gewesen sein konnte seinerzeit, ein Möbelhausteppich in blau mit geometrischen Formen darin, meine Sammlung von hundert leeren Coladosen und mit Heißkleber zu einem großen Gebilde verbundenen Gerolsteiner-Sprudel-Kunststoffflaschen, alles staubig-gipsig und gelb überzogen. Ich versuchte, ein Fenster zu öffnen gegen den toxischen Honig, aber Bauschaum draußen hielt es fest in seinem Rahmen. Es gab nichts zu retten für mich an diesem Ort. Das mongolische Restaurant im Erdgeschoss, das ich niemals zu besuchen gewagt hatte, war ebenfalls geschlossen. Die wenigen Mitarbeiter der mongolischen Botschaft, welche einen Block weiter in einem schwer zu heizenden Plattenbau untergebracht war und zu der immer nur die beiden selben etwas schon abgewirtschafteten Mercedesse vorgefahren waren, mussten sich nun, wie es schien, selbst verpflegen aus mitgebrachten Plastikbehältnissen.

Ich habe mich des Schlüssels im Anschluß an diesen letzten Besuch dann auf der Toilette eines veganen vietnamesischen Restaurants in der Torstraße entledigt, wo er vielleicht heute noch im Spülkasten liegt – schließen wird er nichts mehr, das ganze Mietshaus ist in einem vielbeachteten Vorfall einige Monate später vom Erdboden verschluckt worden.

[Variante]

Link | 12. Juli 2019, 11 Uhr 29 | Kommentare (0)


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