Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Je älter man wird und je länger man eine Umgebung bewohnt, desto schlechter wird die Auflösung der Wahrnehmung. Wenn dann noch äußerer Druck dazu kommt, verliert die Welt ihre nicht-funktionalen Eigenschaften, also gewissermaßen ihre Sinnlosigkeit. Man kann zum Bahnhof gehen und einen Zug besteigen, ohne eine einzige sinnlose Sache wahrgenommen zu haben. Der Zug war ein Zug, insofern er erst nicht da war und dann da war, also das reine Zu-Erwartende, die Tür war eine Tür, insofern sie durchschritten werden musste. Farbe hatte der Zug nicht. (Er wird rot gewesen sein, im Allgemeinen sind sie rot.)

Vom Standpunkt der Effizienz, also dem einzig gültigen Standpunkt, ist dieses Verhalten des Wahrnehmungsapparats folgerichtig und begrüßenswert. Vom Standpunkt des Charakters ist der resultierende Zustand gefährlich.

Man ist aber nicht hilflos. Ein Trick, der fast immer funktioniert, ist beiläufig irgendwo zwischendurchzuschauen. (Es gibt normalerweise keinen Grund, irgendwo zwischendurchzuschauen. Sic.) Bringt man sich dazu, derart den Fokus zu verlieren, platzen die Qualitäten aus den Funktionen; im schmalen nutzlosen Streifen Wirklichkeit zwischen Brücke und Dach zeigen Blätter Silberbäuche und Schwarmverhalten. Die Welt ist unsinnig kleinteilig. Der Zug hat nicht nur Farbe, er hat Persönlichkeit: Genau dieser Zug wäre morgen wiederzuerkennen. Er ist nicht die Instanz einer Regionalbahnlinie, er ist ein Gegenstand mit eigens zerkratzten Scheiben, der abends in eine Garage gefahren wird und dort im Dunkeln knisternd auskühlt.

[wenn ich einmal Guru bin]

[Haptischer Kanon des Mitteleuropäers, „platzen“: Impatiens noli-tangere]

Link | 29. Juni 2006, 1 Uhr 26 | Kommentare (2)


2 Kommentare


Ohje, die Zweckrationalität des Systems dringt in die Lebenswelt ein! Furchtbar.

Wenn man sich die Habermasbrille aufsetzt muss man beachten, dass drunter zwei Hasenzähne hängen.

Schnell einen Diskurs dazwischen. Oder wie Du vorschlägst… Dekonstruktion?

Comment by amh | 19:52




Oh Gott, ausgerechnet Hasenzähne?

Also nee, da schlag‘ ich garnix vor, wo die Lebenswelt und das System sich immer noch befeinden.

Es ist ja alles noch viel schlimmer als die alten Hasen sich das vorgestellt hatten: Die Verwertungslogik, die sie sich zum Feind erkoren haben, wird (schreck) gar nicht vom fiesen System da draußen produziert. Das Zeug ist überall und man kann das weder gut noch schlecht finden. Die Zweckrationalität dringt also garnirgendwo ein. Mitnichten.

Allerdings ist es eben so, daß man nichts vom Leben hat, wenn man es lokal richtig macht, und verstehen tut man auch nix. Die Frage ist sozusagen, was die global optimale Strategie ist, lokal Quatsch zu machen. (Um sich zum Beispiel nicht in ein Arschloch zu verwandeln, was ja gerne mal passiert, wenn man in einer Umgebung extrem sicher agieren kann. Will sagen: Mir fiel am Bahnhof auf, was diejenigen von z.B. den Vertriebstypen, die vom Job gefressen wurden, von den anderen unterscheidet: Die Fähigkeit, etwas sinnloses um seiner selbst willen zu tun.)

Comment by spalanzani | 00:17