Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

„Sie war… vage herb, aber wohl nicht in dem Sinn, den man gemeinhin im Kopf hat, wenn man sagt: Ein herbes Mädchen. Auf Photos sah sie so gut aus, daß man hätte denken können, eine Schönheit, aber in Wirklichkeit war sie keine. Sie bewegte sich zu selbstverständlich, sprach zu schnell und war so gar nicht zart mit sich und anderen, auch ihre Züge blieben in Bewegung nicht fein wie auf den Photos. Ihr Gesicht sah eher aus, als werde darin gearbeitet. Prinzessinnengesichter werden nicht benutzt, sie sind einfach da für sich selbst. Anders ihres, ein Werkstattgesicht, wenn es sich bewegte, sie baute darin an ihrem Leben. (Prinzessinnen, hatte sie mir einmal gesagt, kämmen sich nur immer und warten darauf, daß sie das Königreich erben.)

Ich traf sie wieder auf dem Stadtberg, sie saß ohne Warnung auf einer der Bänke am Weg hinauf zu Sankt Georg. Später im Morgengrauen hätte man von dort, wo sie saß, die Stadt sehen können, hätte man Kirche und Berg den Rücken gekehrt: Wie Lanzen die Schornsteine und schief in Reih und Glied der Rauch, langsam sich lösend vom Hintergrund, überall gleich zerblasen und geneigt über den fremden Kopf-Enden der Häuser, verweht nach Osten. So weit war es nicht, noch lange nicht, stockdunkel wäre es gewesen ohne die trüben Laternen, als sie da alleine saß und Hi! zu mir sagte, daß ich aufschreckte und mich umsah mit dem Gefühl, der Hallunzination einer vertrauten Stimme aufgesessen zu sein. Aber da saß sie und freute sich, wie sie sich immer freuen konnte voll auf die Zwölf, noch bevor man Gelegenheit für ein Kompliment gehabt hätte oder eine andere Entwertung ihres Strahlens; eines Gesichtsausdrucks, der nie vor einem Spiegel manipuliert worden war, um die kleine Zahnlücke zu verbergen oder Krähenfüße fernzuhalten. Hi! sagte sie und meinen Namen und amüsierte sich, weil ich erst in der falschen Richtung suchte und hinter mir, bis ich sie fand auf der Bank vor den dunklen Dächern.

Da saß sie also, zufällig auf einer Bank in der Stadt, in der sie längst nicht mehr lebte, und an der Bank musste ich vorbei auf dem nächtlichen Weg zur Eröffnung des Carpenther’s, und so schloß sie sich an und so gerieten wir in diese Nacht, in der sie sich besser auskannte als ich, obwohl es doch meine Stadt war. Das Carpenther’s wurde eröffnet, bevor es richtig fertig war; viel mehr als einen Rohbau aus Beton gab es nicht, ausgeleuchtet mit Bau-Halogenstrahlern unter einem Kran mit träge schwankender Säge am Haken. Nur die Bar war damals schon fertig, derselbe lange Freiluft-Tresen, den Sie heute kennen, nur alles blitzend und neu, transluzent und unverblichen künstlich.

***

Marie zeigte mir zwei Stunden später am anderen Ende der Stadt eine Tür, wusste die Parole zu sagen und ich durfte mit hinein. Von diesem Keller, ich habe kein anderes Wort dafür, hatte ich kaum je mehr als vage Gerüchte gehört. Die Anlage war riesig und dunkelgrün. Ein einzelner Gang vom Gemüt eines jungen Baches sprang herum zwischen sehr vielen Räumen, die keine Türen hatten, aber runde unstete Durchbrüchen zum Gang und untereinander. Die Wände, vollständig mit Teppichboden bedeckt, mäanderten dahin im immer gleichen Grünton. Es gab mattes Kunstlicht aus silberglänzenden, kurzen dicken Metallzylindern, reflexionsfrei verschlungen von dunklem Schiefer am Boden. Wo ausreichend Platz war: Trockene Gestecke, hin und wieder gab es Aquarien in den Durchbrüchen zwischen den Räumen; den Fischen war Farbe gestattet. Es roch kühl und trocken, angenehm, eigentlich: nach Möbeln. Die meisten Räume dröhnten nur lautlos im Licht vor sich hin. In zweien saßen kleine Gesellschaften bei Musik und vielfarbigen Getränken. Marie erklärte mir, wie das hier unten funktionierte: Man kannte eine Telefonnummer und ein paar Leute, die schon länger dazugehörten, rief an und bekam für einen Abend einen Raum und einen Barmann für sich und die Menschen, die man mitbringen wollte. Niemand hatte je bezahlt. Die soziale Kontrolle funktionierte und die Sache war offenbar für genau die richtigen Leute attraktiv. Vermutlich, sagte Marie, wird das bezahlt von einem von denen, die man fast täglich hier unten trifft, aber man kümmerte sich höflicherweise kaum darum. Jemand mit Geld, einer Schwäche für Bondfilme und einer Sehnsucht nach Menschen macht so etwas.

***

Ich kenne Marie schon sehr lange. Es wird interessant, wenn sie auftaucht. Ihre Resourcen an innerer Ordentlichkeit sind unerschöpflich, und so kann sie es sich leisten, in ihrem Leben die jeweils größtmögliche Unordnung aufzusuchen. Nicht daß sie besonders risikofreudig wäre, es ist fast nie wirklich riskant, was sie macht, sie kann nur einfach besser mit Unordnung leben als ich oder jeder andere, den ich kenne. Die Bedrohung durch schleichende Entropie, das Gefühl langsamen Kontrollverlusts und crescendierender Fehlschläge war ihr schon immer fremd. Ihr verdrehtes Gehirn ist mit Durcheinander kurzerhand nicht zu beeindrucken. Vor Jahren, als wir sehr viel Zeit miteinander verbrachten, wohnte sie im fünften Stock eines alten Kaufmannshauses. Ursprünglich war das ein Speicher gewesen mit niederen Decken und sich windenden hölzernen Pfeilern, aber man hatte Wände eingezogen in der Zeit vor den Kriegen, als die Stadt sich zu eng war und Wohnraum knapp. Seit dieser Zeit war nicht ein einziges mal neu tapeziert worden. Rasende Schlingpflanzen in Rot und Gold krochen die Wände entlang und an den niederen Decken leuchteten blaßgrüne Glaskelche mit schrumpligen Rändern. Niemand anders als Marie hätte es dort oben aushalten können. Man erreichte die Wohnung über ein tiefes, quadratisches und überdimensioniertes Treppenhaus, die letzten zwei Etagen, die ehemaligen Speicher, nur über schmale, geländerlose Treppen. (Der Kran war außer Betrieb.)

Ich verbrachte damals viel Zeit dort oben und nicht nur, weil mir vor dem Abstieg grauste.

Es war keine große Liebesgeschichte, jedenfalls für Marie nicht. Sentimental war sie nicht. Wir passten gut zu einander und hatten viel Zeit. Wir stritten uns über Max Frisch, um Gründe zur Versöhnung zu haben, ich bewunderte ihre bleiche Undurchschaubarkeit und die glatten Haare (wie auf Führerschein- oder Fahndungsplakatphotos), auch wenn sie schlief. Mehr weiß ich nicht.

Übrigens war sie es, die die alte Vertrautheit um diese neue ergänzt hatte. Sachlich. Gelassen. Mit einer einfachen leisen Frage und wissendem Lächeln und ein paar sicheren Bewegungen. Es fühlte sich nicht lange seltsam an.

***

Das Gelände, das wir „das Kreuz“ nannten, fanden wir bei einem Spaziergang durch die Villenvororte. Zwischen einem Neubaugebiet, auf dem junge Schwörerhaus-Klötzchen sprossen, den First… gerade-aus!, und einem breiten Streifen mit edlen Flachdächern, dunkel, Holz und Metall, war eine Industrieruine stehengeblieben aus den Zeiten, als die Stadt noch produzierte. Auf die Jugend ist Verlaß, der Zaun war aufgeknipst hinter einem Hagebuttenstrauch, und durch kniehohes Gras streifte man zwischen die Bäume und niederen Backsteinbaracken, und dann sah man die Halle: Zwischen zwei Reihen riesenhafter Pappeln ragte die Maschinenhalle auf als Gerippe vor der Lichtglocke der Stadt, durchleuchtet, filigran, und überall Laub und Gras und Blätter. Seit der Revolution, sagte Marie traurig, pflegt niemand mehr die Grabstätte, sie steht vergessen hinter diesem Zaun in einem langsam wütenden Garten, schon drängen sich die Bäume heran. Keinen Schritt näher wagten wir, vorsichtig und schweigend zogen wir uns Fuß hinter Fuß zurück, als stünde ein grimmiger Wächter im Gegenlicht und wiese uns stumm hinaus.

Das war die Sorte Sachen, die man mit Marie erlebte.“

[Das hier sind nur vier]

Link | 19. Juli 2006, 17 Uhr 21