Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Die Besonderheit meiner gegenwärtigen Situation ist, daß die Möglichkeit zur Flucht (zum Verschwinden aus einem Leben im Deadlock) besteht und sogar zusammenfällt mit der bürgerlichen Notwendigkeit, eine angemessene Stelle zu finden.

Um zu verschwinden und mein Berliner Leben zu vernichten, müßte ich nicht eines Morgens im ersten Licht eine Frau und ein Haus verlassen, einen Wagen mieten, ihn abstellen, einen Zug nehmen, einen anderen Wagen mieten und mich in Osteuropa verlieren — ich müßte nur tun, was ich ohnehin tun sollte, ein paar Bewerbungen schreiben, ein Angebot annehmen. Weg wäre ich, unverfolgt, in eine andere Stadt und ein fremdes Dasein, nach einigen Monaten hätte ich auch den Tonfall gelernt, ach, Weblogs? Das ist für Studenten, man braucht Zeit, die ich nicht habe. Das alles kann passieren mit einiger Wahrscheinlichkeit, denn eine bequeme Arbeit interessiert mich nicht, ich hätte keine Entschuldigung für einen solchen Mangel an Radikalität. (Bequemlichkeit selbst ist kein legitimer Grund für irgendetwas. Man ist bequem und irgendwann stirbt man, wozu soll das gut sein, wenigstens erproben muß man sich.)

Und deswegen ist es so bizarr im Moment, deswegen rühre ich mich kaum: Das Vernünftige (das, was meine Eltern mir raten würden) fällt zusammen mit der alten und ewigen Versuchung, zu verschwinden und nicht wieder auffindbar zu sein.

[Es gibt keine Flucht. Ich weiß es und sage es mir täglich. Es gibt keine Flucht. (Frisch, Stiller) — ich spreche nicht unbedingt von mir da oben, müssen Sie wissen, sondern von Mir-der-Stiller-wiederliest, natürlich.]

[Nachtrag: Übrigens ganz und gar auf der Seite des verschollenen Stiller diesmal, interessant: Nicht mehr wie früher mit dem geflohenen Erzähler der Meinung, daß Stiller wirklich versagt habe. Vielmehr macht mich die Ungerechtigkeit ihm gegenüber von vornherein wütend, wenn er eine Mimose und hemmungslos ichbezogen genannt wird, weil er sich abkämpft an Julikas Unzugänglichkeit und die Ursache des (ja überaus realen) Problems nicht bei Julika, sondern bei sich selbst sucht. Natürlich konnte er nur fliehen. [Menschen sind die Hölle, das sage ich, seit ich Stiller mit 17 zum ersten mal las, und es wird mit jedem Wiederlesen wahrer, weil natürlich alles wirklich so ist, nicht bei allen natürlich, aber bei denen, die Grund zur Unsicherheit haben, eben schon. Übrigens „Menschen“, nicht „die Anderen“, also alle, will sagen: einschließlich.]]

Link | 19. August 2006, 10 Uhr 07