Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Offiziell machte ich mich auf den Weg, um ein Datum, das nur offline zu erfahren war, in Erfahrung zu bringen. In Wirklichkeit wollte ich möglicherweise Bücher kaufen zur Beruhigung meiner Nerven. (Im Moment würde ich mein Nervenkostüm gern auch mit dem eines gehetzten Rehs tauschen. Und das arme Ding wäre erledigt.)

Ich stellte fest: Ein Kongress findet statt, von dem ich nichts weiß und den ich nicht zuordnen kann, aber beim Anblick von Menschen mit angeklipsten Schildchen ergreift mich wieder die unerklärliche Sehnsucht nach der Antike oder eigentlich nach ihrer europäischen Rezeption, jedenfalls nach Göttinnen in steinernen Gewändern, meiner in letzter Zeit fast vergessenen Suche nach den seltenen gutaussehenden Athenen, nach Ruinen in der Sonne und der staubig-spitzbärtigen Behäbigkeit deutscher Akademieforscher, die im nebligen Berlin Papier aufrollen in klassizistischen Bauten, kleine Gelehrte zwischen übermannshohen dunkelbraungebeizten Regalen.

Die Kongressteilnehmer schwatzen auf den Stiegen. Ich höre nicht, was sie sagen, vermutlich sind sie harmlos. Ich halte sie trotzdem für schwarze Engel, sie werden Häppchen essen oder vom Buffet, sie werden in leeren englischen Vokabeln sprechen und zungentaubmachende Orangensäfte trinken. Über ihren Köpfen wird ein breites blaues Plastiktransparent hängen, vier Großbuchstaben und meeting of, dann ein Logo, drei leere englische Vokabeln und das Datum von heute. Wenn sie sich die Hand geben oder ein Mikrofon nehmen, werden sie eine Sprache sprechen im schmalen Band zwischen der Gosse und den ersten Andeutungen von Geist.
Ich verschwinde, bevor ich doch hören muß, was sie reden. Ich fürchte mich, vielleicht nicht vollkommen grundlos, vor dem Wort Exzellenzcluster. Eines Tages werde ich mich ruinieren, indem ich jemandem, der Exzellenzcluster sagt, geradeheraus eine runterhaue. (Mehr kann man auch nicht tun, es ist wie mit Leuten, die Fußgänger anhupen.)

Ich flüchtete zu Dussmann. Man kann viel gegen Dussmann sagen, aber sie haben zwei Regale voller Bücher von Wagenbach, vor dem man gute Zeit verbringen kann voll Freude darüber, wie liebevoll das alles gemacht ist. Klaus Wagenbach, den ich neulich auf 3sat sah, in einem Portrait, das ein Hymnus war, sagte Bücher muß man ordentlich machen. Das war erkennbar nicht einfach die Meinung eines Bibliophilen, sondern eines Vertreters von Kultur, also der Kunst des Guten Lebens. Ich wünschte den Junktimefreaks auf dem Kongreß drüben die Pest an den Hals und kaufte hemmungslos.

[Übrigens die Infamie von Leuten, die an dieser Stelle sagen oder denken: Abkühlen, Junge, Wagenbachbücher sind ein Nischenprodukt wie jedes andere — als hebe Vielfalt auf einem Markt das Kriterium der Qualität vollkommen auf oder doch zumindest den Wert der Qualität jenseits des Geldwerts. Arme Idioten.]

Auf dem Nachhauseweg, ich befand mich mitten in der Konstruktion einer etwas geifernden Theorie des immerwährenden Kulturkampfes zwischen denen, die im Grunde um der Schönheit willen leben und den anderen, die stumpf sind und also einfach mal aus Langeweile herumpfuschen an der Welt, setzte sich gegenüber ein gut angezogener Herr, mitte Vierzig vielleicht, mit einer Tüte der Staatsbibliothek hin. Er entnahm dieser eine kleinere, ebenfalls transparente Tüte, die lose Blätter enthielt, je einmal gefaltet und leicht beschädigt an den Rändern. Als er das erste der Blätter herausnahm und zu lesen begann, rutschte ich fast von der Bank beim Versuch, meine Augen in einen günstigeren Winkel zu bringen, um herauszufinden, was er da hatte. Er bemerkte das, verzog keine Miene oder doch fast nicht und hob das Blatt an, so daß ich genauer hinschauen konnte ohne Verrenkungen. Es handelte sich um „Weltkrieg! Kriegs-Ruhmesblätter. 1. 1914.“ Ich grinste schon wieder, vor Freude an den Interessen anderer Leute und natürlich weil er mich hatte gucken lassen. Die Frau neben mir, die ein Bonusheft las, beunruhigte sich an meiner plötzlichen Freude und schoß von der Seite Blicke in mein Grinsen.

[Dafür, daß sie ein Bonusheft las, kann ich nichts. Daß die Welt sich entschlossen in Klischees ausdrückt, ist nun wirklich nicht meine Schuld.]

Nachtrag: Übrigens sang jemand, als ich die Treppe zur Untergrundbahn hinunterging, drei Worte fast direkt in mein Ohr. Ich drehte mich nicht um, er muß direkt hinter mir gegangen sein, als er die drei Worte sang mit etwas brüchiger Stimme: e-hes bleibet dabei und nichts sonst.

Link | 21. September 2006, 14 Uhr 43 | Kommentare (8)


8 Kommentare


„Um der Schönheit willen leben“ Jetzt geht’s los, alter Dandy!
Und: Was ist ein „Bonusheft“? Ich kenne das nur vom Zahnarzt.

Comment by froschfilm | 16:22




Wertes Bürgerfreundchen mit dem Tigerentenrad, ein Bonusheft ist genau das: Ein Heft, in das ein Zahnarzt einträgt, daß man brav war.

Gibts auch von Kaisers, Lufthansa, Lufthansa Earthbound und Jannys Eis.

Im übertragenen Sinn nenne ich so allen Scheiß, wo man irgendwelche Zettel irgendwo hintragen und abstempeln oder abreißen oder sonstwie behandeln lassen muß, um lächerliche Beträge nachgelassen zu bekommen oder mit nutzlosem Zeug beworfen zu werden.

Comment by spalanzani | 18:45




Verstanden! Nur nicht, wie man sowas „lesen“ kann. Egal.

Comment by froschfilm | 09:56




Man liest eben darin. So, denkdenk, bei fünf Cheeseburgern ein Opernbesuch Aida gratis, whoageil. So eben. Egal.

Comment by spalanzani | 01:09




Kennst Du die Athene vor dem Wiener Parlament?

Comment by Sonntagsblogger | 13:21




Nein. Gibt’s ein Bild? Ist die gut? Gute Athenen finde ich sexy.
(Anders als viele Venusse, die bringen’s oft einfach nicht. Vor allem wenn sie schaumgeboren sind und angeblich schön. Die Kröte.)

Comment by spalanzani | 00:09




Hier es ein Bild.
Du musst Dir selbst eine Meinung bilden (ich bin befangen;-).

Comment by Sonntagsblogger | 20:16




Letzter Kommentar keine Grammatik, Asche.
Nächstes Mal lese ich zusätzlich zum Denken…

Comment by Sonntagsblogger | 20:18