Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Anna: Ich war sehr verliebt in dieses Mädchen. Vermutlich war sie in der Parallelklasse, aber ich weiß nicht mehr so genau. Jedenfalls kannte ich kaum mehr als ihren Namen und den Anblick ihrer Kleider (sie trug Kleider!) auf dem Schulhof. In „Bimbo“, dem kleinen Tierfreund, gab es ein Gedicht, das kann ich heute noch fast auswendig, es hieß „Pausenliebe“ und ging, ich hab’s, großer, großer Google, in Gänze wiedergefunden, so:

Frank liebt Anne.

In der Pause,
Als er Anne sieht,
Weiß er nicht, wie ihm geschieht:
Plötzlich im Vorübergehn
Läßt er sich ein Lächeln stehn.

Anne streicht ihr Haar zurück,
Schenkt ihm einen Augenblick.
Später an der Haltestelle
Stuppst ihn Anne blitzesschnelle
Heimlich im Vorübergehn
Grade so – wie aus Versehn.

„Aua!“ – denkt sich Frank im Bus
„Autsch! Das war ja fast ein Kuss!“
Und er freut sich, kaum zu Hause,
Auf die nächste große Pause.

So war das in meinen Tagträumen. In Wirklichkeit kannte Anna mich nicht und alles, was ich tun konnte, war immer nur zu hinzulächeln. Und dann, eines Tages, am letzten Tag vor den Ferien, war die letzte Stunde frei und der Bus noch nicht da, unversehens waren wir fast allein und dann setzte ich mich neben Anna auf die Mauer und redete einfach mal mit ihr. Als Kind hatte ich die Sicherheit eines Casanova beim Erobern von Mädchenherzen, glauben Sie mir das ruhig, lieber Leser, aber Ende der dritten Klasse fing ich schon an, ein wenig befangen zu sein, weil mich die Schönheit von Mädchen wie Anna einfach umhaute (um einmal einen Ausdruck des Fängers im Roggen zu benutzen). Am letzten Tag vor den Ferien ging es aber doch. Ich hab das verwackelte Bild wie Super 8 im Kopf: Am Ende liefen wir um die Wette, über die Wiese bis nach hinten zum „Panzer“, einem Reifenhaufen, der von den blöden Jungs täglich umkämpft wurde und mir natürlich komplett egal war. Anna lief mindestens ebenso schnell wie ich, was ich ihr nicht übel nahm, das mit der Überlegenheit haben ordentliche Männer in der dritten Klasse schon durch. Sie strahlte, als ich ihr den knappen Sieg respektvoll zugestand, mehr konnte ich nicht für sie tun, Drittklässler der ich war. Ich war sehr glücklich. Dann kam der Bus und die großen, einsamen Ferien begannen. Anna hatte mich vergessen, als die vierte Klasse begann, oder vielmehr: Sie hatte uns vergessen, wir sagten uns zwar fortan Hallo auf dem Gang, aber gestrahlt hat sie nie wieder, es war, als wäre der schöne zarte Moment von sechs bösen Ferienwochen einfach gefressen worden. Das ist mir nochmal passiert mit einem anderen Mädchen, drei oder vier Jahre später, und seither ist die Sache etwas traumatisch. Ich traue den Ferien irrationalerweise nicht mehr recht, ich fühle mich bedroht von ihnen, immer kommen sie dazwischen mit ihrer eifersüchtigen Einsamkeit.

Link | 15. August 2004, 1 Uhr 22 | Kommentare (2)


2 Kommentare


Die grossen Ferien sind nicht schuld. Aber man traut sich immer nur kurz vor den grossen Ferien – weil man dann ja muss, bevor die Chance vorbei ist und weil man dann flüchten kann, falls es scheitert. Aber man scheitert nicht und es ist gar nicht klar, ob man sich darüber freuen soll.

Denn dann steht man ja blöd da, mit den Eltern im Urlaub oder ein Jahr in einem anderen Land.

Comment by poschljak | 23:18




Meine Grundschullieben sind im Nachhinein betrachtet sehr seltsam. Ich wollte immer, dass die Mädels sind wie Georg von den fünf Freunden. Also möglichst jungenhaft. Na, wahrscheinlich ist das eher normal als seltsam. So wie ich halt.

Comment by I know the dj | 11:21