Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Allen Geliebten gemeinsam ist ihre Einzigkeit. Im ersten Blick, den potentiell Liebende wechseln, wenn beide bemerken: Es könnte möglich sein, ist das Versprechen der Einzigkeit immer bereits enthalten und begründet allein den besonderen Reiz des Augenblicks.

Diese Einzigkeit ist eine Konstruktion zur Heiligung der Liebe, also zur willentlichen Herausnahme einer Beziehung aus dem Reich der Rationalität. Ein hoffnungsloses und schon definitorisch zum Scheitern verurteiltes Vorhaben, weswegen es gerade diejenigen unbedingt auf sich nehmen werden, die nicht in geschlossenen Universen sicherer und widerspruchsfreier Tatsachen leben: Wo ohnehin Irrationalität und Beliebigkeit der Ziele in aller Gelassenheit herrschen, ist die Setzung von Werten jedenfalls möglich — und eine Heiligung unvermeidlich. (Auf irgendeinem Standpunkt muß man ja sein, man kann nicht nichts tun, also sollte man klug wählen.)

Die Einzigkeit-als-Heiligung als Pflicht derer, die mit Zufriedenheit nicht zufrieden sein können, weil ihnen auch dafür die Maßstäbe so beliebig und unverbindlich erscheinen, ist mitversprochen in jedem Blick — gegen alles Wissen und gegen eine Wirklichkeit, die deswegen scheußlich scheint; die mit derselben Widersprüchlichkeit aber das eigene Leben auch erst erlaubt. (Im Equilibrium, das nach der Realisierung aller Möglichkeiten und Geschichten herrscht, wird gar nicht gelebt. Die Wahrheiten widersprechen sich nicht mehr; es ist sehr, sehr langweilig.)

Die Verlockung, solche Blicke zu ernten in Mißachtung des Versprechens ist vorhanden und gefährlich. Erliegen sollte man ihr nicht. Man darf ein Versprechen gegen besseres Wissen geben, wer sich aber drückt, ist Konsument. Wahrhaftigkeit bedeutet nicht, nur zu versprechen, was man halten kann, sondern zu versprechen, was man halten will. (Wir müssen fair sein mit uns Sterblichen.) Dazu muß man freilich einen Willen erst einmal haben, und auch dann ist es schwer genug.

Eine vergangene Heiligung ist ein Unding. Einzigkeit in Reihe ist ein Skandal — deswegen ja: Wider besseres Wissen. Es ist aber wichtig, sich nicht auf zunehmende Schwäche des Gedächtnisses zu verlassen — eine ebenfalls immer verlockende Möglichkeit zur Kapitulation — sondern auch diesen Widerspruch auszuhalten: Zwei Einzigkeiten nicht zu entwerten bedeutet, beide aufzuwerten.

Die Rede vom harmlosen Flirt ist dummes Zeug. Einen Blick zu erwidern bedeutet entweder eine schäbige Dummheit (ohne Versprechen) oder größtmögliches Risiko (mit. Der Normalfall, nehme ich an). Dem kann man nicht entkommen. Darum macht es ja so viel Spaß.

[So langsam verstehe ich.]

[Heute Abend übrigens, arte, 20:40: Das wilde Schaf. Trintignant und Schneider. Großartiger Film.]

Link | 11. Januar 2007, 16 Uhr 26 | Kommentare (6)


6 Kommentare


danke für den hinweis…

Comment by psewdonima | 22:30




bezogen auf den Blick: Widerspruch. Wenn man für Blicke die Verantwortung übernehmen sollte (und das wäre die Konsequenz aus ihrem Aufruf), dann müssen sie ins Bewusstsein rücken, bevor sie stattfinden. Die daraus folgende Selbstkontrolle beunruhigt mich. Sie bedeutet einen Verzicht auf Spontaneität, eine Verpflichtung zum neutralen Blick als einer Art default-setting, aus dem man sich dann je nach Entscheidung lösen muss oder eben nicht. Im kommunikativen Miteinander erscheint mir das ähnlich drastisch wie ein Verzicht auf zb. Nebensätze oder Metaphern, weil sie einen möglichen Raum für implizite Bedeutungen darstellen. Dann wären die Dinge klarer, natürlich, weil sie so viel weniger wären. Außerdem beherbergt so ein Verzicht aus Verantwortung ja auch einen somewhat heroischen Glauben an den Einfluss aufs Gemüt des Gegenübers, seine Gefühle und Hoffnungen, eine Machthoffnung, aber es ist nur ein Blick, der weitere Blicke nach sich ziehen kann – oder nicht, und Berührungen – oder eben keine Berührungen, er kann eine Offenbarung sein, weil er noch unbekannte Gefühle mitteilt, er muss aber nicht. Man weiß es nicht, aber ich persönlich kenne wenig aufregenderes, weil es Reaktionen gestattet und eine gewisse Geschmeidigkeit in der Wahrnehmung des anderen Geschlechts aufrechterhält. Spiel!

Und außerdem berühren Sie damit einen wunden Punkt in meiner Deutschland-Wahrnehmung, nämlich den großen Mangel an erotischer Semantik im alltäglichen miteinander, es gibt keine Tradition des Flirts, keine Leichtigkeit, kein charmieren im Gespräch, keine Etikette der Andeutung oder Annäherung, alles ist verdrängt und in Beton gemeißelt aus Angst vor Missverständnissen und Bloßstellung, ein ungeheurer Geiz an schönen Gefühlen, die unbedingt für sich behalten werden, im eigenen Privatgärtchen. Warum bloss? Deutsche Geschichte, Schuld, Angst, keine offenen Situationen. Eine große Stummheit, mir kommt das immer so vor, als wäre man bei Leuten zu Gast, die Musik einfach nicht hören wollen aus Angst, jemand könnte sie lächeln sehen.

Comment by hotel mama | 09:59




Ich würde nie sagen: Spielt nicht! Ich sage: Mit Einsatz!

Was die Selbstkontrolle angeht: Die ist ja ohnehin völlig unmöglich. Es geht bei diesen Dingen nicht um Handlungsanweisung („Seid selbst mit Euren Blicken treu und sündigt nicht in Gedanken“ — das wäre völlig ignorant), sondern um eine möglichst… hm… menschliche begriffliche Fassung dessen, was ohnehin passiert.

Die klassische Lösung für das Problem, daß Liebe diese Einzigkeit verlangt, die man dann schon mit unwillkürlichen eigenen ersten Blicken eigentlich in Frage stellt, ist doch, zu sagen: Das ist eben harmlos. Wofür ich hier plädiere, ist zuzugeben: Nein, es ist nicht harmlos. Wir wissen sehr wohl, welche Möglichkeiten es gäbe und daß die Konfigurationen zufällig sind: Auch diese Frau könnte die einzige sein in genau diesem Augenblick — nicht das Schicksal, nicht die Persönlichkeiten, nichts anderes bestimmt diesen Status als die eigene, kontingente und im Grunde irrationale Entscheidung.

Wie man diese Entscheidung trifft, ist eine andere Frage, manche sind moralisch, andere nicht, manche sind auch einfach feige — aber zu wissen, daß besagte Heiligung das Ergebnis einer beliebigen Entscheidung ist, ohne deswegen an ihr zu zweifeln: Das ist die große Aufgabe. Und die einzige Chance, zweimal (oder öfter) wirklich zu lieben, ohne einfach nur vergesslich zu werden. Insofern ist das auch die menschlichere Lösung, als sich auf eine „Harmlosigkeit“ zu berufen, mit der man sich — von Anfang an und egal wie weit es dann geht — doch nur selbst belügt.

Was den Zustand der deutschen Alltagserotik betrifft: Ich bin nirgendwo im Ausland lange genug gewesen, um da aussagefähig zu sein. Ich würde aber vermuten, daß wir es eigentlich noch ganz gut haben in dieser Hinsicht. Auch was das angeht dürfte es auf dieser Welt sehr viele noch sehr viel düsterere Gegenden geben. Zumindest kann man aber vielleicht sagen, daß es hier eine irritierende Radikalität im erotischen Umgang zu geben scheint: Zwischen bloßem Fleisch und der ganzen Ewigkeit sind die Räume relativ eng.
Vielleicht liegt es daran, daß es in diesen Räumen prominent um Nachsicht und Großzügigkeit gehen müsste, beides ja keine traditionell deutschen Tugenden. Aber ich weiß wirklich nicht.

Comment by spalanzani | 14:36




Ein – teilweiser – Widerspruch an dieser Stelle:

Du sprichst von potenziellen Möglichkeiten und zufälligen Konfigurationen und einer beliebigen Entscheidung.

Aus meiner Erfahrung sind Entscheidungen dieser Art ganz und gar nicht beliebig, sondern Ergebnis eines durchaus aufwändigen und selbstverzehrenden Entscheidungsprozesses.

Ich behaupte jetzt mal, dass man die Entscheidung (nach welchen Kriterien auch immer) durchaus so treffen kann, so dass sie potenziellen Zweifeln jederzeit standhält.

Ganz ohne zunehmender Gedächtnisschwäche.

Comment by Sonntagsblogger | 22:12




Jaja, lieber Sonntagsblogger so ist es wohl. Man rationalisiert quälerisch an seinen Entscheidungen herum und verdrängt damit, dass sie letztlich doch beliebig sind.

Comment by froschfilm | 17:37




Also nochmal: Nur, weil beliebige Entscheidungen möglich sind, ist die getroffene Entscheidung doch nicht automatisch ebenfalls beliebig. Nicht hinreichend, das.

Comment by Sonntagsblogger | 10:28