Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

A., mit Ende zwanzig noch immer ein rastloser Geist ohne Interesse am eigenen Glück — es gab zu viele Dinge, die ihm gewohnheitsmäßig so viel interessanter schienen — begegnete seinem Schicksal auf der Treppe eines altmodischen Kinos am Stadtrand, wo er, um einen fahlen Donnerstagnachmittag zu vertreiben, der schlecht besuchten Aufführung eines jungen französischen Filmes beigewohnt hatte.

Wie man sich ein Jahrhundert früher jäh in eine unerreichbare Opernsängerin hätte verlieben können, verliebte er sich auf jener Kinotreppe in eine tatsächlich gar nicht so unerreichbare Frau. Nur unter der Bedingung der Unmöglichkeit schien ihm diese Liebe, die ihn so plötzlich überfiel, möglich und schön.

Just als er sich (eine tragische Gestalt) aus ihrem Blick lösen und abwenden wollte, sprach sie ihn allerdings an.

Aus einem Grund, den er nie ermitteln konnte, begleitete seinen rasenden Wunsch, mit ihr zusammenzusein, fortan stets die Idee der Unmöglichkeit. Der sinnlose Gedanke verfolgte und berauschte ihn, selbst als die beiden, einige Wochen später, gemeinsam durch die frischen Parks einer kleinen osteuropäischen Hauptstadt spazierten und ihr Glück nur bedroht schien durch angeleinte Hunde, radfahrende Kinder und gußeiserne Laternen, von denen sie mitunter zu schrecklich trennenden Ausweichmanövern gezwungen wurden.

Während der ungefähr sechs Monate, die ihre Geschichte, jedenfalls technisch betrachtet, dauerte, wurden die beiden sich bis zuletzt täglich teurer. Ihre wechselseitige Verehrung und die Gewissheit, unwahrscheinlich ähnlich wahrzunehmen, nahmen ihnen die Last der Rechtfertigung ihrer Existenz vollständig ab. Von jeder Unsicherheit befreit und nicht übel stolz auf ihre Gier nacheinander schritten sie einige Wochen lang durch die Tage mit dem überlegenen Lächeln der Unbedrohbaren.

Mit jeder Eigenschaft und Neigung, die ihm am ihr unverzichtbar wurde und mit deren Erkenntnis er seine Liebe stärkte, nährte A. allerdings auch den böswilligen Parasiten. Der vollkommen abstrakte Gedanke, daß es nicht ginge, daß es sich nur so groß anfühle, weil es nicht möglich sei, wuchs heran und beschäftigte A. zunehmend. Daß die Tatsachen ihn restlos widerlegten, war ihm dabei bewusst, und in jenen Zuständen der Hellsichtigkeit, die sich nach dem zweiten Glas Wein einstellen, pflegte er seinen Freunden die Frage zu stellen, warum er wohl von allen fixen Ideen, die Menschen nun einmal verfolgen, ausgerechnet auf diese eine habe verfallen müssen. — Ein Glas später allerdings begann er sich dann grüblerisch zu fragen, was es wohl sein könne, das ihn störe an ihr; oder ob es an ihm läge: Ob er ihr schade vielleicht, auf eine Weise, die ihm entging und die sie ihm aus Liebe oder Verblendung verschwieg. Jedenfalls, er begab sich auf eine verhängnisvolle Suche nach innerer Konsistenz.

In den Wochen vor ihrer Trennung befand er sich in einem berserkerhaften Modus der Rationalisierung. Wenn diese Liebe zum Untergang verdammt war, so folgerte er, läge das möglicherweise daran, daß er seine Geliebte gar nicht schön fände. Jeder Blick, den er ihr zuwarf, widerlegte diesen Gedanken, aber die eigenen Blicke sieht man nicht, und so beschloß er fast trotzig, Fehler zu finden an ihr und sich darauf hinzuweisen, wie intolerabel sie seien. Er zwang sich, auf der Straße anderen Frauen hinterherzusehen, wie andere sich zwingen, es nicht zu tun, und er zwang sich, sie morgens kalt zu verabschieden, wie andere sich zwingen, den kurzen, wichtigen Moment der Aufmerksamkeit aufzubringen auch wenn sie gerade in Gedanken sind oder zufällig schwermütig.

Seine eigene Kälte wurde schließlich sein bestes Argument. Wenn er sie so schlecht behandelte, wie er es tat, dann musste es stimmen: Es ging nicht. Sie, die ihn mit einer Zärtlichkeit liebte, die er, dessen war er sich ob seiner Zweifel sicher, nicht verdiente, wurde nur immer trauriger, zeigte es nicht und kümmerte sich mit verdoppeltem Eifer um ihn, den sie nicht verstand und der nicht sagte, was geschah. Er fand sie verzweifelt.

Die Trennung war unvermeidlich. Sie liebten sich und sahen sich nicht in die Augen: Es ging eben nicht. Er schloß sich ein, hörte auf, Frauen auf der Straße nachzusehen und beantwortete jeden ihrer Versuche, vernünftig zu sein, mit einer Gemeinheit, um es ihr, so dachte er, einfacher zu machen. Sie, verletzlich, verletzt, traurig und stolz, schloß sich ein, dachte nach und begann nach einigen Monaten wieder, altmodische Kinos am Stadtrand zu besuchen.

Der unglückliche A. brauchte zwar Zeit, bis er verzweifelt sein konnte über ihren alten Briefen, blieb aber selbstverständlich alleine. Zwei Jahre nach ihrer Trennung brach er die Zelte in der ihm unerträglich werdenden Stadt ab, in der er ihr, die er sich glücklich dachte, jederzeit begegnen könnte, und zog nacheinander in immer kleiner werdende Städte der Provinz, wo er seinen Zerfall, der in unseren so lebensfähigen Zeiten kaum durchführbar ist, leicht ironisch pflegte: Als kultivierter, älter werdender Herr, der gerne ein Schach gegen die Lokalgrößen verlor und den man in den wenigen annehmbaren Cafés der Kleinstädte immergleiche Bücher lesen sah.

Link | 3. März 2007, 17 Uhr 49