Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Aber Ahnungen fliegen plötzlich in der Gegend herum, man weiß nicht: Was wollen die jetzt? Wie kommen sie in diesen lustvollen Regen und also meinen Kragen?

Von der seltsam noblen Empfindlichkeit der Christian-Kracht-Menschen, mal wieder.
Von den weißgekachelt menschenleeren Abflughallen bei Ladytron, die so tödlich anziehend sind.
Von Regen, der auf heiße Herdplatten tropft in einem Quarks-Schlösschen zwischen Karstfelsen, wo man eine Woche in zerwühlten Decken liegen und dem Zischen zuhören und mit vorsichtigen Fingerspitzen ein Gesicht auswendiglernen möchte und alles andere auch.
Vom Grausen der Aufnahmen von Tschernobyl: Tote schleppen Beton, ein Toter schleppt eine Kamera; Tote, die uns retten, und das alles ist wirklich passiert, nicht unwirklicher als ich hier sitze und mir die Nachrichten dieser Katzenjammernation anhöre.
Von der Vermessenheit eines Aufbruchts, vom neuen Menschen, etwa bei Robert Musil.
Von Reitz‘ Münchener Glauben an die Schönheit junger Intelligenz. („Hältst du dich eigentlich für genial?“ – „Aber ja, du nicht? „)

Das ist jetzt halt der Herbst. (Und das ist offensichtlich, aber das Offensichtliche hat mich nie geschreckt.)

Es ist schon bald draußen wieder zu dunkel für einen allein; die ergebene Stimmung kohlebeheizer Räume mit undichten Doppelfenstern, die Stimmung aus Geruch von Benzin und Laub und faulender Zuversicht, die Stimmung klammer Finger und verzweifelter Freude bei jedem Wiedersehen, die ergebene, die lähmende Stimmung des Berliner Winters schleicht sich da an, wohl wissend, daß sie das Aufbäumen von Kraft im Herbst noch meucheln wird müssen, wenn die Panik einsetzt, die glasklar erkannte Angst vor dem sinnlosen Verlust eines weiteren Jahres und die uneingestandene Angst vor einer weiteren Sylvesternacht, in der, während es draußen knallt, betrunkene MTV-Fernsehschicksen ihre knochentrocken lachenden Zuschauer fragen, was zum Teufel sie vor dem Fernseher tun.

Das Licht der Gaslampen hat nichts ersetzt oder vernichtet, wie Heine (wo war es? wie ging es?) irgendwo irrte, das Licht der Gaslampen hat diese Stimmung, damals, bloß zum Umzug gezwungen, sie zog ja kurz darauf in genau dieselben Gaslaternen ein. Und musste wieder raus, gleich nachdem Brassai sie dort aufgespürt hatte (gut, daß er heut nicht mehr so unerträglich beliebt ist) und so zieht sie vermutlich schon immer und für immer durch die Technik, verfolgt von einer rücksichtslosen Innovations-Treibjagd.

Man muß sich keine Sorgen um sie machen, perfekt funktionierende Zentralheizungen, Plastikfenster und von westdeutschen Zahnärzten langweiligsanierte Elektroinstallationen werden sie nicht erwischen können, sie kommt schon irgendwo unter, auch diesmal wieder.

Link | 1. September 2004, 1 Uhr 37