Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Fein: Um neun ist es dunkel und naß und zugig, das ist Berlin, wie es wirklich ist. Schon bei der Wiederkunft vom Lande haben sich merkwürdige Heimatgefühle eingestellt (was allerdings nicht nur an der Stadt selbst liegen mag, aber das kann man ja nie genau auseinanderhalten) Dieses Wetter gestern Abend verweist auf das Eigentliche, das mit dem ganzen verlogenen Torstraßen-Hip-Berlin nichts zu tun hat, da ist es: Das verregnete, gischtende Berlin voll verlorener Menschen.

Zwei Tage zuvor: Mit dem elterlichen Zweitauto, einem Ford Fiesta (170k km), der bergab auch 150 fährt und furchtbar herumzuckt dabei, auf schwäbischen Autobahnen mehrfach beinahe von den dick gepanzerten Fahrzeugen eiliger Herren gerammt. Schwarze Audiklumpen ziehen rechts auf der Standspur vorbei beim Abbiegen, ganze Horden silbergrauer Benze aller Baureihen fallen aus dem Rücken über den Asphalt her, erfolgreiche Erfolgsmenschen auf dem eiligen Weg zum Erfolg allesamt, Land-Erfolgszombies als merkwürdige Spiegelbilder der Stadt-Elendszombies hier in der U9. Gier und/oder Vorwurf. Zwei Dimensionen reichen offenbar für alle.

Die nasskalte Dunkelheit ist grausig, grausig genug, um kleine Sehnsüchte wachzumachen, die sonst zugedeckt schlafen unter dem, was man tun muß, um die Miete zu bezahlen und dem, was man tun muß, um sie morgen noch bezahlen zu können. Geboren aus der ein halbes Jahrzehnt zurückliegenden Erfahrung, neu in der Stadt zu sein und allein, und aus der Erinnerung an die Dankbarkeit für die hellen Momente, damals: Beim Tutor zu Hause, ordentliches weiches Licht, Möbel, studentisch alt und bequem, Doppelreihen aus Reclamheften; Schnelldenker und gute Erzähler, Begeisterung über die Belesenheit anderer; rührende Blicke auf Beziehungen zwischen Menschen, die es schafften, auf einer orthogonalen Achse zu den Gier/Vorwurf-Koordinatensystemen derer da draußen zu leben. Meine aufgeregte Behauptung in der „Deponie“: Es gibt keine junge deutsche Literatur, weil es keine Themen gibt im lahmen Wohlstand. (Gut gefällt mir ja, daß mein ahnungsloses Ich von 99 Recht hatte, noch ohne sich je durch ein Zoe-Jenny-Buch geekelt zu haben; gut gefällt mir auch, daß 2004 sogar das besser geworden ist und man ab und zu auf Leute stößt, die schreiben und denken können.)

Eigentlich ist die nasskalte Grausigkeit heute nur noch ein Zeichen dafür, daß alles besser geworden ist. Die Wehmut, die sie aufweckt, ist keine rückwärtsgewandte Sehnsucht, sondern eine bemäntelte Dankbarkeit. Wie seltsam und wie gut, daß all das vorbei ist: Die Unsicherheit, das Hereinfallen auf Hip- und Intellektblender, die enttäuschten Wochen über Büchern (tagelang ohne ein Wort), die bittere vermeintliche Einsicht, daß hier nirgends irgend ein Wohlwollen zu erwarten sei und die trotzige Ablehnung der Blenderspiele, die maschinelle Drangsalierung durch eine Universität, die 400 von 480 Studenten im Jahrgang los werden musste, die unsinnige Menge Geld, die plötzlich zu verdienen und zu verprassen und doch völlig belanglos war, der neidische Blick auf Leute, die wirklich etwas konnten oder jemanden hatten.
Diese Wehmut im Jahr 2004, geboren aus derselben nasskalten Grausigkeit, ist nur noch ein konservierter Blues, ein wertvolles Wissen um die eigene Input-Abhängigkeit.

Link | 24. September 2004, 13 Uhr 49