Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Mit dem Konsum und mir ist es immer dasselbe. Ohne Routine oder Gesellschaft bringe ich ihn nicht zuwege, selbst wenn es nötig wäre nicht: Mir fällt ein, du, du hast nichts zu essen im Hause, du solltest etwas einkaufen, im schönen hellen Kaufhaus am Weg, das jetzt so lange aufhat, da gehst du hinein und kaufst einen schönen Kanten Brot und einen Käse. Und dann gehe ich hinein in das Kaufhaus, und ich erlaube mir dabei den Gedanken, daß ich jederzeit auch wieder hinausgehen kann, ohne mir ein Brot gekauft zu haben, und das ist der Moment, von dem an ich verloren habe, weil ich dann sehr entspannt bin und mich die ganze Zeit nur darauf freue, wieder hinauszugehen aus dem Kaufhaus. Da macht es mir gar nichts mehr, daß ich durch die Lederwarenabteilung meinen Weg nehmen muß und an den Füllern vorbei, um in die Lebensmittelabteilung zu kommen. Weil ich ja doch nichts kaufen muß, da kann ich getrost über die Geldbörsen nachdenken.

In der Lebensmittelabteilung an der Käsetheke wird jemand bedient, das passt mir, dann muß ich mich nicht bedienen lassen von so einem Menschen in einer grünen Schürze, die er täglich wechselt, mit einem Käseemblem. Mir fällt ein, daß ich gar nicht weiß, was für einen Käse ich haben will, man zeigt ja doch nicht aufs Geratewohl in den Käsehaufen hinein und sagt: Diesen Käse da. Das müsste man systematisch machen, denke ich, sich einmal durch den ganzen Käse durchessen und sich auch die Namen merken. Bis dahin, bis also heraus ist, welchen Käse ich eigentlich mag, kann ich auch einen Industriekäsedreck essen, der schmeckt nach gar nichts und ist also nicht verloren an mich und man muß auch gar nicht wissen, wie man ihn ausspricht. Das Industriekäseregal finde ich nicht, ich gehe bei den Joghurts herum und hoffe schon, sie haben hier keinen Industriekäse, die sind hier zu Snob für ein Industriekäseregal, aber dann finde ich ihn doch, den Plastikkäse aus den Großmolkereien, da liegt er und leuchtet in allen Farben mit Kühen drauf. Eine unerträglich deprimierende Vorstellung, eine einzelne Packung Industriekäse auf das Warenförderband zu legen, und dann wird die leuchtende Plaste von dem schwarzen Band auf die Kassiererinnenhände zugefördert, grapscht das Ding, was blinkt, es piept, zweineunundvierzig, bitte, Kundenkarte, das darf nicht passieren. Gut, daß ich mir schon erlaubt habe, das Kaufhaus ohne Kauf zu verlassen, was allerdings bedeutet, daß ich heute Abend nichts zu Essen haben werde. Das macht mir aber nichts, ich bin’s ja nur, ich bin anspruchslos.

Beim Rückweg durch die Lederwarenabteilung denke ich, daß das ja alles gefälschte Waren sind, die ja nur so tun als seien sie Geldbörsen zum Beispiel. Die kauft ja keiner, weil er Geld drin aufheben will, die werden ja als Geschenke gekauft, oder als Belohnungen, oder als Abgrenzungen, diese Geldbörsenmengen täuschen nur darüber hinweg, daß in dem ganzen gewaltigen Geschäft keine einzige Geldbörse zum Verkauf steht. Das müsste man einmal abräumen, mit einer großen gelben Planierraupe, zum einen Portal führe die Planierraupe hinein und zum anderen hinaus, wo es dann einen großen Haufen Geldbörsen, Füller und Filofaxe gäbe direkt vor dem Brunnen. Und dann könnte man das Kaufhaus neu einrichten, es wären drei Sockel darinnen, auf einem läge ein Brot mit einer dicken duftigen Kruste (Herrschaftszeiten, so ein Brot, das wäre was), auf einem jeden Tag ein anderer Käse und auf einem ein Schinken, den Rest könnte man ja leer lassen, das gäbe auch eine interessante Akustik. Und dann hätte jeder Kunde ein Zeitfenster, genau um zehn Uhr vierzig würde ich in das Geschäft hineingehen und „Das Brot und den Käse“ sagen. Keiner würde um mich herumwuseln, weil es ja mein Zeitfenster wäre, und sich entscheiden. Das ist das Fürchterlichste an Kaufhäusern, immer wuseln Menschen um einen herum und entscheiden sich, Menschen, die sonst zu keiner Entscheidung fähig sind, die überhaupt nicht eins vom anderen auch nur unterscheiden können, weil sie ihre ganzen Entscheidungsressourcen in den Kaufhäusern verbraucht haben, während sie um mich herumgewuselt sind.

Da gehe ich also ohne mein Brot und meinen Käse wieder auf den Platz hinaus und weiß nicht warum. Ich kaufe ja gerne ein, wenn ich muß, wenn mich jemand schickt. Mit den Verkäufern scherze ich und wähle den besten Saft, aber wenn mich niemand schickt, dann ist das so: Du hast ja da die Wahl zwischen einem Dreck und Genuß, und der Dreck ist ekelhaft und um das Geniessen kannst du dich doch auch noch kümmern, wenn sich das lohnt, wenn du mal ein gutes Leben führst und nicht dauernd arbeitest, mit einer Wohnung, in der es eine Kiste gibt für das Brot oder jemanden, der das Brot dann aufisst, wenn du es nicht zwingst. Und so kaufe ich gar nichts und gehe mit meinem ganzen Geld wieder hinaus auf den Platz, so ist das immer. Daß einer wie ich grade in den dicksten postmodernen Individualisten-Kapitalismus hineingeboren ist, das ist schon ein Hohn.

[Das nur nebenbei; an einem schläfrigen, erschöpften, aber grantigen Abend; Flatline zur Stelle, wenn Sie wissen, was ich meine, Sie alter Cyberpunker]

Link | 2. August 2007, 20 Uhr 35