Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Oh England, das wir lieben,
wenn Schnee über die Niederungen von London weht,
und nie mehr lieben,
als wenn es schneebedeckt still liegt: sanfte Insel.

Deine Wege und Türme, deine Wasser und warmen Steine,
und das schläfrige Porzellan Deiner alten Damen.
Die Gerippe Deiner Orangerien, kohleschwarze Scherben,
deine leeren, nassen, bärtigen Gärten.

England, das sich nach Frieden sehnt:
das keine Augen aussticht und die Alten ehrt, das nicht ist wie wir, wir hier drüben.
Sanfter Nullpunkt, Auge des Sturms,
Draußen Gewalt, drinnen die Stille.

Link | 7. April 2019, 18 Uhr 47


Die Transformation beginnt viellleicht mit einem einfachen, ganz gewöhnlich von einer Gruppe von Architekten, Bauingenieuren und Arbeitern ausgeführten Gebäude, in dem das Licht genau richtig ist.

Vielleicht wird das Gebäude von geraden Korridoren durchzogen, in denen Naturfaserböden zwischen den Betonwänden verlegt sind und die an ihren Enden bodentief verglast sind, so daß die Korridore, auf verschiedenen Etagen, je zwei Ausblicke in die Gärten direkt verbinden. Vielleicht riecht es nach ungebranntem Ton. Die absolute Lautlosigkeit des Lichts, das aus schwarzen Zylindern in die Korridore und auf die Naturfaserböden und Betonwände fällt, löst die Transformation aus.

Von diesem Gebäude ausgehend verwandelt sich alles. Nichts Schönes wird mehr vergessen, die Pfauen beiben in den Orangerien, und die Verhältnisse kehren sich um: Nicht mehr muß jede Aufmerksamkeit für das große Werk des Erinnerns und der Wahrnehmung einer feindseligen Welt abgetrotzt werden, die alle Versuche, an ihm zu arbeiten, mit allen Mitteln der Armut, des Zwangs, der Niedertracht, mit Anreizen zur Eitelkeit und mit Gewalt zu untergraben und von vornherein zu zermürben sucht, sondern die Ökonomie des Mangels, in deren Namen dieses Niederhalten des Reichs der Klarheit geschieht, weicht zurück vor der sich vom Gebäude her ausbreitenden unwiderstehlichen Serenität. Nach und nach wird alles verwandelt in eine Landschaft aus Spuren und Rätseln, mit dunklen Bahnhöfen und Ruinen, über die es Gedichte gibt, und in den dort besungenen fiktiven Häusern werden die Texte der nächsten Schicht geschrieben.

Link | 12. März 2019, 3 Uhr 19


«Das Problem ist doch gar nicht, wie man die Welt vor Unheil bewahrt, das Problem ist doch, wie man im Wald verschwindet, wie man sich unsichtbar macht für das große Auge und ein ganz und gar lokales Leben führt und die Welt ganz und gar tilgt» sagte die rote Dame.

Die rote Dame war einige Viertelstunden zuvor in den Saal getreten und hatte sich seither leise mit uns ausgetauscht zum Stand der Dinge. Die Fresken in der Saaldecke verschwanden in der Dunkelheit, da der mächtige Raum nur auf Knie- und Brusthöhe von einigen wie zufällig an ihren Standorten vergessenen FLOS Glo-Balls beleuchtet wurde, deren Reflektionen auf den schwarzweißen Fliesen froren. Der Auftritt der roten Dame war dieser Kulisse entsprechend theaterhaft gewesen: man ist ja ohnehin keine roten Damen mehr gewohnt, keine Gleichaltrigen in Abendgarderobe, keine Messer im Strumpfband, keine beiläufig mit zwei Fingern zwischengeschobenen russischen Eier.

Es war nicht leicht, ihrer Wachheit auszuweichen und jede Spur von Gegenwartsideologe zu tilgen aus dem Modell-Gesprächspartner, der man ihr sein wollte, schon des Raums wegen. Ich empfand es trotzdem als reinigend, so wachsam auf der Hut zu sein vor der eigenen Plapperneigung.

Natürlich hatte sie Recht, der wehrlosen Dreizehnjährigen eingeredete und dann von ewiger Adoleszenz bewahrte Messiaskomplex führt zu nichts als schlechten Manieren und Bitterkeit, aber nicht jeder hat einen jahrhundertealten Wald aus Fresken und Fliesen und Verwandten zur Verfügung: Manche von uns müssen dem großen Auge mit bescheideneren Mitteln entkommen.

Link | 10. März 2019, 12 Uhr 47


Im Bild von Joschas computationaler Kosmologie müsste man es so ausdrücken: Ganz unten ist das Gitter. Kein Schaum, ein Gitter. Das Gitter ist ein logisches Gitter, kein räumliches; es rechnet den Raum.

Nicht bei Mondschein betrat ich den Wald, sondern an einem hellen Tag im Sommer, um das leichte Ende eines grünen Schlagbaums herum, der dort von einem forstwirtschaftlichen Vorhängeschloss niedergehalten wurde. Der Weg führte ein wenig bergauf in dem großen tosenden Innenraum, in dem ich mich nun befand: die andere Seite, Innenseite der Sommerhitze. Oben an der Grenze zur Hitze arbeitete der Wind, der zum Draußen gehörte und drin alles bewegte, kühl hielt, durchlässig, Lichtflecke warf, ineinanderfuhr und auseinander.

Ich passierte eine eingezäunte Schonung, auf der die Sonne schwarz und zundrig lag. Wenig später, Nachbilder von Tännchen noch auf dem geschlossenen Dunkel, eine Hütte, schiefer Blechschornstein und Läden aus grauen Flechten. Nach der Hütte bog ein Pilzsammlerpfad ab von der doppelten Rinne, Impatienskräutergesäumt, links und rechts. Diesem Pfad folgte ich, bergab nun, überbrückte gelegentlich ganz überwucherte lichte Stellen und große blühende Bärlauchflächen, und fand so die Kante des Steinbruchs: eine jähe Bodenlosigkeit, eine tiefere Kühle von dort.

Unten, wo die Abbruchkante flach wurde und den Zugang zum Rund bröckelnder Wände freigab, in einer kalten Senke im tiefen Grund des Waldes, war der Brunnen. Eine Mauer, nur einen Fuß hoch, fasste glatt die Wasserfläche, unter der Laub in schwarzem Kristall festlag. Und über dem erhobenen Wasser schwebte das Gespinst aus Tröpfchen und Dunst, wandte sich mir zu in Chiffonfalten, die aus dem Brunnen stiegen, strich mit einer nassen Hand über meine Wange, und streckte sich und überragte mich um mehr als die Höhe des Brunnensockels, und sang.

Ich machte also die Bekanntschaft dieser undinischen Erscheinung und kehrte auch zu weiteren Besuchen zurück. Nicht immer traf ich sie an, nur an heißen Tagen, wenn es geregnet hatte in der Nacht zuvor. Nichts regte sich im Regen selbst, wenn es aus den Kronen ins Brunnenwasser pitschte und im ganzen Amphitheater des Bruchs mir entgegentroff. Nichts regte sich an Wolkentagen. Wenn draußen aber im weiterziehenden Sommer die Felder abtrockneten, konnte ich am Beckenrand sitzen, lauschen, und gelegentlich eine Frage stellen.

Elementargeister sind, das weiß ich nun, nicht der Mythologie zuzurechnen, nur selten geworden: Ihre Kapazität im Gitter ist weitgehend von unserer Zivilisationskomplexität übernommen. Man kann im Gitter eine Großstadt voller Telefone und Bubbleteasorten rechnen, oder eben eine Undinische, ihren Brunnen, ihren Wald, man kann nicht beides zugleich haben: Ein Gespinst aus Wasser zu einer intelligenten Frau mit schöner Stimme und tosender Baumkronen-Außenseite zu koordinieren ist ein nicht zu unterschätzendes computationales Unterfangen.

(Noch ältere Überlebende, für sie selbst so rätselhaft wie sie für mich, bevölkerten noch die Ozeantiefen, hörte ich, nicht grundsätzlich verschieden von uns, nicht von ihr: nur älter, noch älter, in Ruhe gelassen in den Verschnittzonen des Gitters.)

Link | 27. Januar 2019, 2 Uhr 46


Das Kinn aus dem Halstuch heben im Regen, auftauchen: Da liegt sie immer noch, die Straße, menschenleer, schwadendurchhangen, kalt. Laternen, ruhende Wagen, Bäume, Pflaster, Fassaden. Mein Weg könnte statt in die Firma genausogut unter ein Dach im Westflügel einer Prüfanstalt führen, wo wir uns eingemietet hätten und wo ich auf einem Sofa zwischen Bücherregalen die Fahnen durchsähe und durchspräche und versuchte, einen Gedanken dingfest zu machen, den ich erst Jahre später klarbekommen würde. Es ist in leeren Straßen meine freie Entscheidung, ausgerechnet durch die Gegenwart zu gehen und in ihr auch wieder anzukommen. Es ist meine freie Entscheidung, an manchen Tagen sieben- oder achtmal pünktlich zu sein.

Aus den kalten Nebeln führen auch Türen in eine vita passiva, in einer Wohnung voller Bilder, Kerzen, Bücher, Rauchsachen, Kartenspiele, Stoffballen und Curry. Ein Seidenschal-Leben in einer Wohnung, in der die Zahl der Pfeffermühlen unbekannt ist und die Seifen sich in den Ecken der Badewannen sammeln.

Im Kaffeehaus sitzen und durch die Scheibe die Damen eine Treppe herabkommen sehen: Eine Möglichkeit. Notizen machen, eine Zukunft mit Raketen entwerfen, einen Spion mit einer besessenen Frau erfinden, einen Dämon designen. Des idées fatales. Regarde l’ocean. Ruinenlust, Worte sind chatten unter Linden über dem Rhein.

Link | 3. Januar 2019, 21 Uhr 33 | Kommentare (1)


Ich habe, wieder einmal, eine Wohnung gemietet, ohne die alte zu kündigen: Umzüge sind bekanntlich nicht zu bewerkstelligen; der verrückte logistische Aufwand, ein ganzes ordentliches Leben in Kisten zu packen und von fremden Leuten herumtragen zu lassen, wird noch übertroffen vom emotionalen Aufwand, alle eigenen Gegenstände einmal anfassen zu müssen und eine Entscheidung zu fällen. Das Glück, die Schuld, der Schmerz an den Gegenständen, kurz ihre gesamte unermessliche Melancholie, wird so aufgescheucht und neu auf die Seele losgelassen, aus den Schubladen und Fächern heraus: Das hält niemand aus.

Der einzige Weg, von sich loszukommen, ist also das Zurücklassen vollständig bewohnter Wohnungen. Ich selbst suche mir mit Vorliebe neue Orte, die den Anforderungen an rationales Wohnen kaum genügen: Im Grunde verlange ich von einer neuen Wohnung, mein gesamtes Bewusstsein zu vereinnahmen, mich ganz und gar mit dem Überleben in ihr zu befassen, sodaß ich keinen Gedanken verschwenden kann an meine Pflichten als Mensch oder Kapitalkraftwerk. Eine Wohnung, in der das bloße Dasein mich ganz ausfüllt, entschuldigt meine Unzulänglichkeiten, die grenzmutwillig vergessenen Geburtstage, die Traurigkeit, die mich umfing, als ich einen lieben Brief hätte beantworten sollen, und mich erst Jahre später freigab, als er spröd geworden war — all solches, das wird jeder einsehen, wird zweitrangig, wenn die Toilette nicht funktioniert.

Also habe ich eine Wohnung im fünften Obergeschoß gemietet, nicht im Dachgeschoß, gerade eins darunter, die vollständig gekachelt ist. Im Wohnzimmer liegen große, quadratische, fleckig hellblaue Kacheln, im Flur terrakottahafte kleine Rechtecke, und grobe Steinfliesen im Bad und in der Küche. Im Wohnzimmer sitzt ein unsauberes und wohl schon eine Dekade lang durchhängendes Holz-und-Leinen-Sofa, und es liegt ein zu kleiner Flickenläufer aus, der dem kalten hellblauen Raster nichts entgegenzusetzen hat. In einer Ecke steht allein: ein Stuhl mit unappetitlich unparallelen Beinen.

In der Küche ein Gewürfel, die Geräte verraten mit bräunendem Kunststoff und runden Formen ihre Herkunftsjahrzehnte. Ein schwarzweißes Waschbecken, ein rohrdünner zweimal gewinkelter Hahn, links ein Ventil, rechts ein Ventil, und ein boshafter Boiler. Es gibt auch eine Duschzelle in der Küche.
Im Badezimmer steht eine speckige Emaillewanne und ein Holzkasten, in dem sich schamhaft die Toilette verbirgt. Die Menschen haben es leichter, seit sie zugeben, daß sich in ihren Wohnungen Aborte befinden (in jeder wenigstens einer), dieses Bad geht zurück in eine Zeit, in der es in Berlin unschicklich schien, eine Toilette zu haben.

Die Badezimmer- und Kücheneinrichtungen haben nun die Eigenschaft, unzuverlässig zu sein. Der Hahn kollert beizeiten lange, bevor er spanig losspuckt, schlimmer aber sind die Abflüsse, die an Regentagen ihre Funktion umkehren. Ich fand schon den Toilettenholzkasten bis an die Deckelkante angefüllt mit (dankenswerterweise leidlich sauberem) Wasser. Frühere Mieter, oder frühere Hausmeister, haben die Naßräume mit Klappen versehen, und wenn die Rückstauungen zu stark werden, öffnen sich diese Klappen nach unten — wohin? — es platscht und gurgelt, und meine Wohnung wird leichter.

Der Vermieter hat mir, als er meinen Willen, hier einzuziehen, akzeptieren musste, schlechten Gewissens Zugang zu einer Dachterrasse versprochen, die demnächst, genauer wurde er nicht, ausgebaut werden soll und die er über einen Gang oder eine Treppe, er blieb vage, mit meinem hellblauen Wohnzimmer verbinden wollte.

Diese Wohnung jedenfalls ist in ihrer völligen Unbrauchbarkeit herrlich und macht frei. Meine alte Wohnung in der Warschauer Straße habe ich wochenlang nicht gesehen, jeder Tag macht den Gedanken, dorthin zurückzukehren und die riesige Aufgabe einer Auflösung in Angriff zu nehmen, absurder. Staub, Staub. Gottlob bin ich wohlhabend inzwischen — es muß Vorteile haben, fast vierzig zu sein — und mein alter Mietvertrag ist nach heutigem Dafürhalten spottbillig. Ich werde diese Wohnung (und all die anderen) halten, bis ich sterbe: sollen sie sich dann wundern, was diese rastlose Wohnungsakkumulation und lebensumfängliche Möbel- und Kleiderverstaubung wohl sollte.

Wieder der Vermieter: Er legt mir noch eine Tür, wieder aus schlechtem Gewissen, zu einem großen (aber nur raumhohen) Saal, der bisher, so sagt er, als Versammlungsort für den exilierten Hof eines kasachischen oder tadschikischen Fürsten gedient habe: Zwischen den Säulen steht ein Prunksessel auf dem grünen Veloursboden (nicht im Raster der Säulen, sondern verdreht, was ich sofort korrigiere).
Man lagerte sich wohl zu Füßen des Fürsten, weitere Stühle gibt es nicht im Saal. Gut gefällt mir noch der skulpturale Heizkörper, der aus dem darunterliegenden vierten Stockwerk in den Saal heraufreicht durch eine weite, geländergefasste Öffnung. Am Heizkörper vorbei sehe ich da unten ein Sofa in Brokat, einen Flügel, goldene Tapeten und staubige Gestecke.

Auch dies alles gefällt mir gut: Die offenkundigen Verstöße gegen die feuerpolizeiliche Vernünftigkeit passen zu meinem eigenen Trotz. Ich will Städte, in denen ich tagelang durch Wohnungen und Türen spazieren könnte ohne ein einziges mal eine Straße zu betreten und in denen ich am Dialekt der mir begegnenden Hausmusik-Streichquartette den Stadtteil erraten müsste.

Link | 26. November 2018, 21 Uhr 04


Es ist klar wie ein Bergbach mit zappelnd vor dem Rechen stehenden Forellen inzwischen: Die alte Kaskade Leben -> Fimmel -> Kommodifizierung -> Full-on-Fernsehscheißdreck -> Nachleben-als-T-Shirt-Motiv ist nicht mehr, ist ein Ding des zwanzigsten Jahrhunderts, passiert nicht mehr, kommt nimmermehr wieder.

Oh, die Popkultur stagniert, was machen wir bloß.

Was wir jetzt statt der alten Kaskade haben hat den Vorteil, immerhin reichlich konfus zu sein und die Kriegsgewinnler der alten Kaskade, also exemplarisch die Bevölkerung von ganz Köln ca. 1999, komplett verwirrt im Regen neben dem jetzt plötzlich sehr schlammigen und forellenlosen Bach zurückzulassen, wo sie jammern und klagen. Gut, die sind wir schonmal los.

Was wir statt der alten Kaskade haben hat zwei Ebenen.

Obendrauf ist so eine Art Nacht der Welt: Bei Zara ist immer mal drei Tage Hair und drei Tage Super Trooper und drei Tage Flanellhemd und dann wieder Blume im Haar, für immer, und an der Zarakasse dreht ein Clown (sieht aus wie Lagerfeld mit roter Nase) die Ka-Tsching-Kurbel und schreit Mode Mode Mode. Es ist natürlich auch der trübsten Tasse klar, daß der Clown das nicht so meint, aber was soll man machen.

Untendrunter gibt es die Fanatiker, die sich in einem Teil des in der Kulturgeschichte erschöpfend erschlossenen Möglichkeitenraums des Menschseins niederlassen und in die Raumfalten und -klüfte gehen. In der Breite waren wir sequentiell überall, jetzt gehen wir parallel in die Tiefen von allem, erschlossen über das Koordinatensystem Dekade/Subkultur/Stadt.

Und dieses Koordinatensystem verweist eben nicht in die Zeit zurück, sondern in den zeitlosen Raum der Stimmungsmöglichkeiten: Hört auf zu jammern. (Könnt Ihr nicht, weiß ich, transzendentale Miserabilisten seid ihr und werdet ihr sein bis ihr vergessen seid und niemand sich an Eure Nicht-ganz-Revolte erinnert.)

Es geht jetzt darum, diese Unterströmung des uninteressanten Nacht-der-Welt-Internet-und-Zara-Quatsches zu umarmen und abzutauchen in die Klüfte, es gibt viel zu verstehen und ist alles nicht wenig aufregend.

(In der U-Bahn: Weiße kurze Wuschelhaare, bodenlanges rotes Samtkleid, graue hohe Lackschuhe, Kopfhörer Holz und Chrom. Sagenhaft, eine Art pagane Bordpriesterin für ein Luftschiff: Sail!)

[Wasser Wasser]

Link | 17. November 2018, 3 Uhr 34


Im Inneren der gewaltigen Steinagglomeration, inmitten in den Himmel türmender verschütteter Wassergewirre, erinnere ich mich an die Novemberluft in einer schläfrigeren Stadt, an meine Übermüdung an einem kalten weißen Morgen, drew a breath, hard and clear, like a hammer on a church bell.

Am meisten wir selbst sind wir an so einem müden Morgen in einer fremden Stadt, ungeschickt verloren und roh, geliebt für unsere unsteten Blicke, Hunger und Zweifel, Talent und Übermut. Im Moment selbst bemerken wir nichts, später bleibt dieser Moment immer bei uns, er wird, wer wir sind.

Die Trinkerei der ganz Großen ist vielleicht das: Ein Weg, bloß talentiert zu bleiben, diesen konservierten Moment größter Verletzlichkeit nicht vom Erfolg auslöschen zu lassen.

Link | 15. November 2018, 3 Uhr 32 | Kommentare (1)


Die Substanz einer Landschaft: Die Steine, Wasser, Ansichten. Die Mythologie einer Landschaft: Die Leidenschaften ihrer Toten, die Besetztheit der Steine, Wasser und Ansichten mit vergessenen Besessenheiten.

Es gibt Landschaften, die spektakulär sind, azur und ocker und tieforange an Novemberabenden, aber mythologiefrei, und sie werden bewohnt von Leuten, die es zu etwas gebracht haben und sich Häuser gekauft haben und die Kunst ihrer Freunde darin aufhängen, und die Kunst zeigt im Wesentlichen Azur und Ocker und das Tieforange von Novemberabenden.

Und es gibt Landschaften, reizlos und ohne besondere Sonnenuntergänge, in denen an jeder Buche ein schwedischer Reiter hängt wenn die Nacht kommt, in denen die Kamine in den Wirtshäusern aufstieben und fauchen wenn man die Türen öffnet, in denen Gold und Hostien in den Höhlen sind oder Steine im Wald sirren und leuchten nach dem Regen.

Ich glaube überhaupt, daß es die Wasser sind, in dem die Leidenschaften der Toten überdauern. Auch das Kasseler Oktogon, in dessen moosige Ruinen-Innereien für immer Stan Douglas‘ Technicolor-Grimmgeister eingezogen sind, stelle ich mir immer triefend vor, nach dem Regen, Stein und Moose vollgesogen und kalt, lebendig voll unbezwingbar Nie-ganz-Verdrängtem.

Link | 13. November 2018, 2 Uhr 42


Das Deckenlicht bleibt ausgeschaltet, die Wartehalle des Bahnhofs von Böbingen liegt im Halbdunkel. Die Wartehalle des Bahnhofs von Böbingen ist fünf mal fünf Meter groß. Straßen- und Bahnsteigseite sind bodentief verglast. Eine Wand: Sichtbeton mit Holzmaserung, davor felsenfest eine durchgehende Bank aus schwarzem Stahl und unzerkratztem Tropenholz. Der Bank gegenüber: die Wand mit dem Fahrkartenschalter, die einzige ornamentale Wand des Raums: drei abgerundete Rechtecke aus geschnittenem und poliertem Kieskonglomerat-Beton, orangene und braune Flächen aus opakem Glas, in einem der runden Rechtecke: der Schalter selbst.

Der Böbinger Fahrkartenschalter ist seit dem 1.1.2016 geschlossen. Das steht auf einem Stück Papier in einer Klarsichtfolie, das dort seit dem 31.12.2015 hängt, vor einem gezogenen Vorhang mit großen Abstrakta in braun und orange darauf: Originalausstattung ca. 1983. Die quadratische Uhr im Warteraum des Bahnhofs von Böbingen geht falsch, sie zeigt vierzehn Minuten nach vier, dabei ist es kurz vor acht Uhr Abends: Das einzige Zeichen von Vernachlässigung, das ich erkennen kann.

Ich bin allein im wohnzimmergroßen, verlassenen, von der Bahn aufgegebenen und kein bisschen verwahrlosten Wartesaal des kleinen Bahnhofs von Böbingen. Ich fühle mich sicher und zu Hause. Durch die Glasfront zur Straßenseite schaue ich einem Bauern beim Obstabladen zu. Der schwäbische Brutalismus, eine besonders bürgerliche, ernsthafte und schöne Ausprägung der Formen- und Farbsprache der späten Moderne, beruhigt und behütet auch in der Miniaturversion des Bahnhofs von Böbingen, in dessen dunklem Nachleben ich auf meine Regionalbahn warte.

Link | 24. September 2018, 23 Uhr 13


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