Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

& mich weit vorangelesen in William Gaddis‘ Briefen bis ins Jahr 1996, als Rowohlt in Deutschland die Letzte Instanz herausbringt und Zweitausendeins die JR-Übersetzung, die ich mir aus dem Merkheft (cum Frau Susemihl, sans Software-Resterampe) bestelle noch per Postkarte, siebzehn, Gymnasiast, rührend jung, wie Gaddis, sofort ein Idol für mich, rührend alt ist im Jahr 1996 — die Freunde sterben ihm weg oder schreiben nicht mehr oder werden verrückt, und er schreibt zärtliche Briefe voller Erinnerungen an Einrichtungsgegenstände an Frauen, die ihn alleingelassen haben ein halbes Leben vorher. Ich lese JR 1996, fiebrig vor Aufregung, begreife ein Riesenstück Welt, so fühlt es sich an: das falsche Pathos der Wirtschaft, den Selbstbetrug, und wie er mit dem Bösen zusammenhängt und wie Unehrlichkeit und Selbstdarstellung und Geschwätz der Feind von einfach allem sind; ich erinnere mich an einen Aufenthalt in den Bergen, eine Hütte, die Freunden meiner Eltern gehört haben muß und wo wir ein paar Tage verbrachten, ich frenetisch und komplett gegenwartsignorant lesend, in einer Ecke mit einer rotweißkarierten deutschgemütlichen Decke, & meine Eltern, die ausgelassen die Williams-Christ-Flaschen der Gastgeber plündern & mir auch ein Glas einschenken, & Jack Gibbs & ich beide schnapsselig scharf auf Amy Joubert; Gaddis selbst entdeckt Thomas Bernhard 1996 & fängt an wie Bernhard zu klingen (Agape Agape ist fan fiction!): er fing mit Eliot an und endet bei Thomas Bernhard. Ich habe jetzt, siebzehn Jahre später, noch zwei Jahre Briefe vor mir, ein paar Seiten, & fürchte mich: Einer wird der letzte Brief sein, 98 ist Gaddis gestorben, & die Zuneigung und die Bewunderung, für ihn & Bernhard & Eliot & dem was sie verbindet, & ich frage mich (weniger unernst als es es klingen mag), warum ich so viel Glück mit der ja doch zufällig sich vollziehenden Wahl meiner frühen Idole hatte.

link | Juli 7, 2013 2:40 | Kommentare deaktiviert für



Städter, die Sehnsucht nach Bäumen haben, Seen, Feuer und Laub: Das sind Landmenschen, die wegen des Denkens (und aller Folgeformen) in die Stadt gekommen sind, weil man auf dem Land alleine hätten bleiben müssen damit, was ja unmöglich ist.

Echte Stadtleute halten Bäume und Seen für Dinge, die zu ihrer Erholung dienen und für die sie möglicherweise eine Schwäche haben, wie für koreanisches Essen — aber sie erkennen den tiefen Ernst nicht, mit dem Wälder sich nicht für Menschen interessieren: Die Haupteigenschaft der Wälder, könnte man sagen, ist ihre Gleichgültigkeit. Wir können nichts tun, um sie von uns zu überzeugen, und es kümmert sie nicht, wenn wir hinter ihrem Rücken schlecht über sie sprechen. Diese Eigenschaft der Wälder, ihre schweigsame Treue, ist Landmenschen verständlich — heimlich wünschen sie, wie die Wälder zu sein — Stadtmenschen, deren (formbare) Welt aus Menschen und Meinungen über Menschen besteht, hingegen, ist sie wesentlich fremd.

(Nebenbei: Es könnte jemand einwenden, was für die Wälder gelte, gelte ja dann auch für Steine und Gegenstände. Das stimmt aber nicht: Steine liegen nur herum und sind zu stumpf für Gleichgültigkeit, und daß die Gegenstände uns aus den Ecken unserer Zimmer mit Pendeln und Stoppuhren in den hölzernen Händen belauern, ist ja bekannt.)

[„I’ve got a theory!“ – „good heavens.“ – „noo! bear with me! it’s a good one this time!“]

link | Juni 18, 2013 23:02 | Comments (6)



Das Bloom, eine etwas fadenscheinige Boutique-Schicht über einem anderen, älteren Hotel, das ich an der Badewanne und dem Badezimmertürknauf noch erkennen kann, streckt sich etwas zu weit: Es hängen da blau und rot bemalte Töpfe und Nudelhölzer an der Restaurantdecke, es werden türkise Dreiecke auf Stahlperlenvorhänge projiziert, ja: aber das Retroresopal-Microkaro des Fußbodens verträgt sich nicht mit dem Wellen-Wandmuster hinter der Rezeption, und zwar ohne ironische Entschuldigung: Da hat eben jemand schlicht zweimal und ohne Zusammenhang etwas zu laut schrill gedacht bei der Auswahl — nein, das ist wahrlich nicht das Cabinet hier, auch nicht das Quote, leider nein.

Im Flugzeug große Leichtigkeit: Ich schlief, ausgeschlafen, wie ich war, aus purer Freude daran, im Flugzeug noch ein wenig zu schlafen. Gerade als wir den Rhein überflogen, erwachte ich und sah mich um: Friedlich schlummerten auch meine Mitreisenden. Meine unbekannte Nachbarin lag entspannt in ihrem Sessel: Graue, ganz neue Stoffschuhe ohne Schnürsenkel, braune Hose, eine abgewetzte, aber gut zu ihr passende Handtasche, Mitte, Ende zwanzig, nicht übermäßig hübsch, aber schön in der Normalität und Ruhe dieser Flugzeugsituation, ausgeklinkt für eine Stunde zehn, kurzzeitig unerreichbar für den Haß-und-Angst-Mediadenkparasiten, wir beiden Schlafenden.

link | Juni 17, 2013 22:27 | Comments (1)



Ich fuhr hinauf in den 24. Stock des schrecklichen Thon, schloß die Tür, versorgte den Anzug, Bügel, Handgelenk, effizient nach Art der Männer, putzte mir die Zähne und stellte den Rechner auf. Ich hatte, bemerkte ich, drei Wifi-Netzwerke zur Auswahl: Das Netz, das mir die Bank auf allen 19 Kanälen, von der anderen Seite des Manhattan-Hochhauses her, ins Kreuz grillte, das Netzwerk des Colonies, auf dessen fast zwanzig Stockwerke unter mir liegendes Dach ich hinabschauen konnte, wenn ich die Vorhänge anhob und halb auf die mit streifigen Kirschholzimitaten laminierte Tischplatte kletterte, und das Netzwerk des Thon selbst. Na schön: Mein Telefon buchte sich inzwischen in der ganzen Gegend um die Place Rogier herum in die Netzwerke der Hotels und Arbeitsstätten ein, und wähnte sich zu Hause.

Anderntags trank ich, spätabends in der Bar des unendlich viel angenehmeren Plaza, ein Agrum unter der wolkig-hellen Kuppel. Die andern wählten beide Whiskey Sours; schmeichelhaft elegante Gesellschaft, erschöpft vom Tag. Wie ich hätten sie sich an diesem Ort sicher gern von etwas Glamouröserem als unserem Auftrag erholt, aber die heroischen Narrative unseres Standes überleben keinen Tag in einem Haus, das Punkt 18 Uhr den lebensfeindlichen Gleichgewichtszustand seines Innenraums gegen seine Insassen einzusetzen beginnt, indem es schlicht die Anstrengung der Licht- und Luftzufuhr unterlässt.

(Natürlich genieße ich das Agieren in der fremden Organisation, das kleine Kräftemessen mit dem Leviathan der corporate-Trägheit, tatsächlich die Wirksamkeit von Schneid, die schiere belgische Nettigkeit der Leute, und wie man sich immer eine Schneise von staunendem Vertrauen schlagen kann mit einer einzigen banalen Waffe: Wenn man einen Fehler gemacht hat, sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe mich geirrt, das hier geht auf mein Konto — und doch: Kräftemessen und Schneid? Ich habe mich und alles das noch immer im Verdacht der Jugend. Wie sähe eine erwachsene Version dieses Lebens aus, frage ich mich, und erlaubten die Umstände überhaupt eine solche? Kann man arbeiten ohne den Kult von Ego, ist ihm irgendwie beizukommen?)

O dark dark dark. They all go into the dark,
The vacant interstellar spaces, the vacant into the vacant,
The captains, merchant bankers, eminent men of letters.

link | Juni 16, 2013 21:57 | Comments (1)



In diesem Blaxploitation-Vampirfilm von 1973 steht zweimal, erst auf einer Gartenparty bei 27:34 und dann bei der Hochzeit von Ganja und Hess, 1:09:06, ein schlacksiger, ziemlich distinguiert aussehender und offenbar für Parties zuständiger Schriftsteller im Bild.

link | Mai 31, 2013 22:59 | Kommentare deaktiviert für



Mairegentagsfarben: Frisches Platanenlaub, die Büsche, ungeschnittenen Gräser, naß. Die Straßenbahn besonders gelb, der Asphalt schwarz. Pfingsten, ich bin nicht in Leipzig. Die Straßenbahn fährt Unbekannte von A nach B, immer dieselben Unbekannten Mitte zwanzig, seit Jahren. Woran erinnert man sich, wenn man sich an Einsamkeit erinnert? Den Stolz, niemanden zu brauchen? Oder die Erleichterung, als man bemerkte, daß das immer ein Irrtum gewesen war? Die unvorhergesehene Zuneigung für alles Menschliche, die Streits an verregneten Samstagnachmittagen; eine Art, den Rucksack aufzusetzen; wo die Socken liegen; das Schweigen in Parks, die etwas zu kühl sind für den Spaziergang?

Ich höre, wie jedes Jahr irgendwann im Mai, Tiamat, Wildhoney natürlich, die Regengeräusche, die singenden Stahlgitarren, die ich nirgendwo sonst ertrage und die aus dieser einzigen Platte ihr Freudebudget bestreiten, und draußen synchronisiert sich der Wind. Wasserkaskaden fallen, unhörbar rollen die Wogen an, steigen die Warschauer Straße entlang, und die Platanen wedeln in ihrem Strom wie Wasserpest, und die silbernen Fahrzeuge schwimmen zwischen ihren Zweigen wie Forellen in der Zwiefalter Aach, lautlos vor dem Rechen.

Ich wende mich ab, lächelnd, und denke: Du bist nichts mehr gewohnt, Alter.

[Dann das Verlangen, Auto zu fahren, etwas zu schnell über die Landstraßen, Metal hören und Landstraßen fahren, Sonne auf den Unterarmen und das ganze instinktive trueness-Ding der Jungs vom Land kurz selbst wiederfinden, oder eben jetzt im Regen mit leicht beschlagenen Scheiben; anhalten an der Donau und ein Stück Holz verfolgen, wie es im Strom bleibt, die Römer, die Wälder, die Burgen, die Armut, der Wurstsalat. Ich glaube, ich bin reif für ein Auto, Berlin hin oder her, eins, das ich nie benutze außer um herumzufahren am Samstagmittag.]

link | Mai 18, 2013 14:48 | Kommentare deaktiviert für



Tatsächlich erwache ich aus der Zeit, immer wieder: Die Szenerie ändert sich und die Logik, eine besser beleumundete höhere Zeit faltet sich auf, banaler und zäher und farbloser, in der ich weniger vermag. Was ist geschehen, frage ich, erwachend, mich orientierend: ah, es sind die seltsamen gelben Tapeten des Schlafzimmers in der Warschauer Straße, gleich werde ich noch einmal aufwachen, in eine wirklichere Nachwarschauerzeit, in der die Erinnerung an die absurden gelben Wände von tüchtigen Neurotransmittern im Auftrag der Lebensfähigkeit gelöscht worden sein wird, bevor sie das Langzeitgedächtnis kontaminieren konnte.

Am Fußende des Zeitbetts saugt rotierend der VORTEX, der eine endlose Reihe von Telefonen und Computern verschluckt und restlos in sich hineintilgt, Interfaces, Betriebssysteme, Bildschirme, alte Versionen von Photoshop, nicht mehr lesbare CDs mit Twin Peaks-Folgen, eigenen Code, eine schockierende Einrichtung.

Ich sehe mich um und muß gar nichts beschwören — wenn nur die Aufwacherei nicht wäre: Sommerregen. Postrock. Einsames Aufschreiben. Schöne Frauen. Echter Style und Spiegel und Photographie. Parks. Müde Eisenbahnfahrten. Weißwein und Nebel und eine Büroklammer am nachts niedergetretenen Saum. [#]

link | Mai 12, 2013 22:35 | Kommentare deaktiviert für



not there but very there

über die Erde streichen
die nicht die Erde mehr ist
das Kraterfeld vielmehr
der letzten Schlacht
und schauen

die Sonne sinken sehen
Fetzenstrata von Wolken
sich verschieben ineinander
über Kupfergewässern und Tannen
und der Jet taucht

wie müssen wir hineingeschaut haben
in diese brüllende Pracht
als sie noch nicht zerbrechlich war
unser Übermut nicht in Diensten
und das Fliegen zwecklos

gut aussehen dabei
elegant und unberührt
graue Strähnen begrüßend
kräftiges Blau tragend
und immer weiter Bücher

fremd bleiben dabei
nie gemein sich machen
nie die Sache Ennoias zur eigenen machen
nie sich verbessern
und weiter schauen

[the easyjet diaries]

link | Mai 11, 2013 14:27 | Kommentare deaktiviert für



Die Romantik, wenn ich so Manfred Frank lese, ist wirklich das Erschrecken des Denkens beim ersten Blick auf die ferne Singularität.

Diese Tübinger Welt ist ja immer noch sofort da, wenn man sie braucht und wieder aufruft, auch wenn man nichts von ihr versteht (und nur zweimal selbst in Tübingen war). Von heute aus ist vielleicht noch klarer zu sehen, worauf die bei Frank verhandelten Traditionslinien reagieren und wie dieses Denken seit 150 Jahren seinen Kampf langsam verliert, immer weiter zurückgedrängt wird und nur hier und da sich wieder aktualisieren kann in den seltener werdenden Köpfen junger Leute, die sich in der Literatur ihrer Vorfahren einen Geschmack für das alte Europa eingefangen haben.

Die Moderne zugleich zu wollen und nicht zu wollen ist charakteristisch für sie: Das Pathos und den matten Metallglanz des Rationalen für das eigene Denken zu brauchen und zugleich die Rationalisierung als einzig zielstrebige Kraft in der Geschichte der Menschheit, zur Überwindung der Menschheit, zu fürchten. Rationalisierung hat nur noch einen Fluchtpunkt, eben die Singularität, nach dem intellektuellen und praktischen Scheitern der Alternativprogramme: der Romantik, der Rückeroberung der Zwecke durch Politik, der Fortschreibung irrationaler Traditionen, der Kultur als bürokratischer (effizienter, aber steuerbarer) Verwaltung von singularitätsextrinsischen Zwecken.

Wobei ich Franks sagenhaftem Aufbruch ins Ziellose beim letzten Schritt dann nicht mehr ganz folge: die Ära, die von der unsrigen abgelöst wurde, muß sich nicht gleich in der Dimension der Sinnerfülltheit von der unsrigen unterschieden haben — es genügt ja, daß es in ihr das Wissen um die Existenz des inzwischen wirklich untergegangenen Ithaka noch gegeben hat.

link | April 7, 2013 17:07 | Kommentare deaktiviert für



Ein Flur. Rechts Türen, zweiflüglig, jeder Flügel kaum mehr als einen halben Meter breit; ein aus der Mode gekommenes Format; hohe Klinken. Links Fenster, davor Bäume. Rote Rankentapesserie, Leuchter an der Wand, staubige Palmen; eine Vase auf einem Tischchen.

(Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen mit einer Kerze, um eine Mahlzeit einzunehmen am Kopfende des langen Tisches. Ein Hase draußen; ein silbergespießter Möhrenstift drin, vielleicht ein Feuer. Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen im Sommer, wenn eins der Fenster geöffnet ist. Ein Clausewitz der Gefühle werden, was immer leichter gesagt als getan ist. Ich stelle mir vor: Die Geräusche nachts, die Bäume draußen, die totale, alles vernichtende, alles eindeckende Abwesenheit von Musik, gegen die ich, aus Mangel an Talent, nicht ansingen kann. Ich stelle mir vor: Die Feuer in der Ferne im Frühjahr, überall im dunklen Land.)

link | März 23, 2013 0:43 | Kommentare deaktiviert für



Die Prächtige Stadt: Die Bürger der Stadt (die Stadtbewohner) schmücken ihre Stadt. Nicht ein einziges Haus lassen sie aus; wenn es an die Auswahl der Materialien für eine Fassade geht, sagt der Städter: Ich wähle Mosaik in taubengrau, und Purpurtöne unter den Fenstern. Wichtigster Schmuck der Stadt ist der Tempel im Zentrum, darum sind die Versammlungsorte der Städter gruppiert, der Platz mit den Pylonen und den Bäumen, eine Halle, der große Saal.

Der Reisende, wenn er sich der Stadt nähert, sieht schon von Ferne (von den Bergen her) die glasierten Ziegel der Dächer im Sonnenlicht glänzen, die Fassaden reflektieren alle Farben des Spektrums, in seidenmatt. Es ist, denkt sich der Reisende, als hätte ich dies Stadtpanorama mit Pinsel und Leinwand von diesem Punkte aus erschaffen, und doch: Halte ich Pinsel in der Hand? Sperrt eine Leinwand meinen Blick, meinen Blick auf die Prächtige Stadt?

Die Prächtige Stadt existiert nicht. (Kein Stolz rührt die Herzen der Bürger, niemand zieht vor die Tore, um das Bild der Stadt zu betrachten. Die Städter wohnen nicht in ihren Häusern, sie wohnen nicht einmal in der Stadt.)

[Die in der Stadt wohnen, träumen zugleich davon, nicht arbeiten zu müssen und arbeiten zu dürfen.]

link | März 16, 2013 17:26 | Comments (1)



Mein durch und durch ostdeutscher Americana-Traum.

* * *

Wie ich gestern, ziellos hineingeraten in den Mexx-Laden am Potsdamer Platz, mich plötzlich wohlfühlte und nicht sagen konnte zuerst, woran es lag, und wie ich es dann bemerkte. Die Musik war gut, aber das war es nicht, nein: da war sie, die Mittelklasse, irgendwelche Leute, die irgendwelche mittelpreisigen mittelschrottigen Sachen kauften, unaufgeregt, die Männer ungern, ich mitten unter ihnen, sehr angenehm. Aha, neongelb dieses Jahr, gelang es mir zu denken ohne Groll.

* * *

Von Brüssel habe ich noch nicht viel gesehen. Die idiotischen Schuhe der Schaufensterprostituierten am Nordbahnhof habe ich bemerkt; von manchen der Arbeitsplätze im Turm der Bank aus kann man sie ganztägig sehen. Klassenfrage: Gefallen die idiotischen Schuhe der Prostituierten den Männern, die ihre Kunden sind, und nur mir nicht, oder sollen die idiotischen Schuhe der Prostituierten die Prostituierten soweit deklassieren, daß es plausibel wird, sie für Sex zu bezahlen? Würde sich die Prostituierte, stiege sie von ihren idiotischen Schuhen herab, in ein Mädchen verwandeln, tapsig, gar nicht mal so groß, vielleicht in Socken, das gerne einen Tee hätte?
(In einem unordentlichen convenience store kaufte ich über einen in einem roten Hunde-T-Shirt steckenden nervösen Kleinhund hinweg eine Flasche Wasser. Der Besitzer des Hundes war ein lockiges fahriges Männchen, das ungeschickt Münzen aus einer Geldbörse fummelte; die Kassiererin winkte mich vorbei an ihm und nannte in einem hartem Französisch, hinter dem ich wie hinter allem in Belgien den Schatten des Kongo vermutete, den Preis für mein Wasser; das Männchen sprach auf seinen Hund hinab, daß das Wasser für den Herrn und nicht für den Hund bestimmt sei.)

* * *

Auf dem Rückweg, im Flugzeug, Coil hören: Verrat oder Rückkehr? Rollenwechsel; coilhörend suche ich mit zittrigen Fingern in meiner Geldbörse nach Münzen, um Zigaretten zu bezahlen, die Kassiererin winkt einen Anzug aus dem Bankturm an mir vorbei.

* * *

Aber das Irrsal
Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Noth und die Nacht,
Biß daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind.

link | März 10, 2013 14:41 | Comments (2)



Man parkt den Wagen am Gehsteig. Hitze wallt herein beim Öffnen der Tür, und man greift die knackende Flasche mit längst lauwarmem Mineralwasser einer unbekannten lokalen Marke fester. Ein Steinmäuerchen begrenzt einen Garten — eine richtige kleine Mauer noch, kein steingefüllter Käfig, wie sie modisch geworden sind in den letzten Jahren. Ein Strauch am Rand dieses Gartens (was genau war es?) blockiert den Gehsteig; man öffnet die Tür hinein in den Strauch und duckt sich beim Aussteigen und streift Spinnweben ab. Die im harten Sonnenlicht wabernde Straße erschließt vielleicht zwanzig Grundstücke, zehn links, zehn rechts, und endet in einem dünnen Betonbordstein. Dahinter ein Waldstück, aber zwischen Waldstück und Bordstein ein schmaler Streifen relativer Unordnung, ein unregelmäßig krautbestandenes Stück Land, mit überwachsenen Resten von Abraumhügeln. Über die Baumspitzen dahinter ragt ein Mast; die Szene ist vollkommen geräuschlos bis auf das Zuschlagen der Autotüren und das Schäumen des Wassers in der Flasche.

link | Februar 19, 2013 12:37 | Kommentare deaktiviert für



Die Anlage, die ich mir denke, ist auf einem Fels errichtet. Aus der Perspektive eines etwa am Fluß brütenden Vogels betrachtet, ragt sie zwischen den schwankenden Dolden der dort wachsenden riesigen Achillea als reglose Masse auf. Ihr wesentliches Merkmal ist der mächtige Turm, der sich nach unten, in den Fels hinein in derselben Achse, als begehbarer Brunnen fortsetzt. Am Fuße des Brunnens (nur wenig unter dem Niveau des zwischen Felsnadeln, Schwemmgebieten und kleinen Wäldern sich hinwindenden Flusses) sind Keller in den Fels getrieben, in denen ganzjährig eine gleichmäßige feuchte Kälte herrscht und aus denen es, soweit bekannt, keine Verbindung zum Dorf gibt, von dessen sonnenbeschienenen Stiegen sie nur durch wenige Meter Gestein getrennt sind.

Es ist leicht, sich vorzustellen, wie einer hinausträte im Frühjahr, aus einem beheizten Innenraum der Anlage, vor die Tür träte und draußen dieselbe Wärme vorfände wie drin, nur bewegt und weichgeblasen vom Wind; die zertretene Grasnarbe läge dort draußen aus und könnte kaum betreten werden, vollgesogen und empfindlich; kleine Zweige wären verstreut überall, und das braune Land läge noch kraftlos im Blick von dort oben — es ist leicht, sich das vorzustellen.

link | Januar 31, 2013 14:39 | Kommentare deaktiviert für



Zwischen der fransigen Linie des bewaldeten Hügellands und dem weicheren Schwarz tiefziehender Dezemberwolkenbänke blieb eine Gruppe langhalsiger Vogelsilhouetten lange genau im grausilberenen Streifen von Helligkeit. Erst, als in der Waldlinie ein tieferer Einschnitt sich auftat und vor dem Lichtstreifen ein rhombenförmiges Denkmal zwischen den laublosen Buchen sichtbar wurde, verschob sich mein Blick weit genug gegen die Formation der Gänse, um ihre schwarzen Körper in der über uns gespannten Dunkelheitskuppel zu verlieren.

link | Dezember 17, 2012 17:05 | Kommentare deaktiviert für



Unsortiert: Der Ort, an dem gesprochen wird; was die Bedingungen des Sprechens sind, was als unanständig wahrgenommen wird, was als zu schnell, was als zu langsam, was als sachlich.

Sprechen auf dem Schulhof: Lauter, schneller, witziger, rücksichtsloser. Sprechen an der Universität: eitler mehr auf die Frauen schielend die Männer, deshalb mehr auf ihre Rolle als Frauen achtend die Frauen. Sprechen im Parlament, Sprechen in den Altbaubüros am Rande des Regierungsviertels. Sprechen in der Presse (in der BILD, in der FAZ, im Merkur). Sprechen im Internet.

Der Ort präfiguriert die Ergebnisse über die Modalitäten und Regeln des Sprechens, viel mehr vielleicht als das Denken oder die Herkunft der Gesprächsteilnehmer. (Die natürlich auch über Zugang zum Sprechort schon vorsortiert sind.) Die Rolle körperlicher An/Abwesenheit (physische Präsenz: Alter, Attraktion, Gewaltpotentiale, Zartheiten.)

Was es bedeutet, wenn sich der Diskurs verlagert und den Ort wechselt —

link | Dezember 7, 2012 14:45 | Comments (4)



Johann Holtrop ist ein außerordentlich interessantes Buch, und der Unterschied zur vertrauten Literatur der Gegenwart könnte mir kaum größer erscheinen: Rainald Goetz ist immer genau und rettet sich niemals aus einem erzählerischen Problem in eine zur Offenheit-des-Kunstwerks umdekorierte, sehr leicht herzustellende Vagheit; nie belästigt er mich mit Symbolen und Kunstnebel; dabei ist er sich der Existenzmöglichkeit der Seele so sicher, daß er über sie sprechen kann als normalen Gegenstand, statt ihre Existenz in sprachlicher Performanz immerzu beteuern zu müssen; Goetz erzählt mit einem Erzähler, der nicht mit seiner Überforderung kokettiert, sondern in Welt, Wahrheit und Sprache sicher agiert, sogar wo er falsch liegt — das ist so wahnsinnig erfrischend, einem Erzähler einen Fehlgriff einfach mal verzeihen zu können, statt durch Schichten und Schichten von Kunst-und-Ironie-Absicherungen hindurchgraben zu müssen, um den Burschen überhaupt einmal bei einer Idee oder konkreten Darstellungen zu erwischen.

Johann Holtrop ist damit ein zweifaches Statement zu einer Hochstapelei, die gar niemanden täuschen muß, sondern sich einfach auf die korrupte Begeisterungsbereitschaft der anderen verlassen kann: im Büro im Gegenstand, in der Kunst in der Umsetzung.

Und damit zum Inhalt, ist doch bei diesem Buch die schöne Frage zulässig: Stimmt das? Ist das so? Wenn ich das so einbaue in mein Weltbild, bin ich näher herangekommen an die Wahrheit oder weiter weg von ihr?

Und da habe ich bei aller Begeisterung ein Problem mit Holtrop: Das mag alles stimmen, ich bin bereit es zu glauben; ich bin, jedoch, nicht bereit, es hinzunehmen. Der Effekt ist derselbe wie bei Dickens oder Tom Wolfe — diese abgrundtiefe Boshaftigkeit und Blödigkeit der Leute ist in der Welt sicherlich anzutreffen und plausibel, nur die mich niederschmetternde Generalisierung auf „die sind alle so“ mache ich nicht mit. Daß die Umstände, das Büro, das Angestelltendasein, als bestimmend für die Verhaltensweisen der Figuren im Roman angesehen werden müssen, steht immer wieder da — Funktionen und Folgen formaler Organisationen eben. Das entschuldigt und vermenschlicht die unsympathischen Figuren, immerzu möchte man sich ja Holtrops annehmen, ihn sanft in einen Stuhl drücken, ihm einen Tee geben, sagen: Komm erstmal runter, dann gehen wir das gemeinsam durch und finden raus, was zu ändern ist und was eben nicht. Daß Holtrop aber nur an eben der Stelle ist, an der er ist, weil genau das bei ihm nicht funktionieren würde, weil Büro und Angestelltenkonstellation aus allen Bewerbern den hysterisch-kaputtesten, wahnsinnigsten, unrettbarsten Maniker und Hektiker und Konzentrationsverweigerer selektioniert und an der Spitze der Organisation festgesetzt haben, bedeutet gleichzeitig, daß es kein Entrinnen gibt und tatsächlich keine kompetente Führung möglich ist: Nur immer Hochstapelei.

Und das ist nicht wahr, jedenfalls, ich glaube es nicht.

Dabei legt meine eigene Erfahrung nahe, daß Goetz so falsch nicht liegt im Allgemeinen: Vor ungefähr einem Jahr saß ich, beispielsweise, im Londoner Büro eines asiatischen Telefonherstellers, der seinen Angriffsritt auf Apple mit uns plante, und herein in die konzentrierte Produktdiskussion stürmte der einem Flugzeug gerade entstiegene Vorstandsverbindungsmann mit den Worten if you think marketing budgets, think hundreds of millions und schlug die Tür wieder zu und führte sich auch auf der anderen Seite der Glasscheibe und im Folgenden vollkommen holtrophaft auf bis in den Abend bei einem sehr teuren Inder hinein, wo schnelle Autos und das Große Leben für alle am Tisch Versammelten als geradezu unvermeidlich sehr überzeugend dargestellt wurden. Unnötig zu erwähnen, daß ein schlechtes Quartalsergebnis beim Telefonhersteller den Mann samt seinem Produkt spurlos von der Bildfläche verschwinden ließ — ein Muster übrigens, das in Konzernen ja zuverlässig zu beobachten ist: Ernsthaft schlechte Zahlen irgendwo, und weg vom Fenster sind die Hysteriker und Zukunftsnarren.

Auch von anderen Leuten und schließlich von mir selbst kenne ich manche Holtropismen: Die Verachtung fürs Finanzielle und die entsprechenden Sprüche („Geld und Blech skalieren immer“, hat mich mal ein Vorstand angedröhnt); die Neigung zum Schwafeln, zum Machtleertext, zur hohlen Brillanz als bequemer Alternative zum konkreten und substanziellen Arbeiten am Problem; die Fahrigkeiten und häufigen Themenwechsel, die mit dem Delegieren einhergehen und auch meistens tatsächlich unvermeidlich und sogar nützlich sind. Schließlich den Moment, in dem es darauf ankäme, die bislang breit gestreute und zum Zwecke der Erzeugung von Sicherheit vorgespielte Kompetenz wieder zu aktualisieren und hinabzutauchen in ein lange delegiertes und jetzt komplett fremd gewordenes und von anderen Leuten möglicherweise unbeobachtet über lange Zeit abgefucktes Einzelproblem: Was für eine Kraft es erfordert, sich genau dann, unter maximalem, immer komplett ignorantem Druck, überhaupt zu konzentrieren und genau zu konzentrieren auf dieses eine fremde Detail, das jederzeit sich auch als überschätzt und als das falsche Detail erweisen kann, und dann überfährt einen von hinten die Zeit und die Ratten hatten Recht mit ihrer ohne eigene Ahnung verbreiteten, auf die Person gerichteten Hetzparole „er kann es nicht“ — das alles gibt es, es deformiert, es ist schwierig. Aber es ist möglich, manchmal haut man daneben, aber insgesamt ist es möglich und ich habe kompetente Führung eben auch schon erlebt, vor allem aber: reality is king. Wo sich die Ratten und Hochstapler auf Dauer durchsetzen (oder das Rattenhafte und Hochstaplerhafte in zuvor integren Leuten), bricht die Realität ein mit Macht und Posaunen und entfernt sie.

Goetz glaubt, jedenfalls im Holtrop, nicht an die Möglichkeit von kompetenter Führung. Es gibt keine positive Figur, niemanden, der es kann. Keine Chance, ein Angestelltendasein zu überleben — nicht im Management jedenfalls, nicht an der Spitze und, das ist bemerkenswert, auch nicht in der Mitte. Interessant ist Goetz‘ Blick auf das mittlere Management, er spricht vom „mittleren Deppen“, durchaus in Komplizenschaft mit seinen Protagonisten: Denn das ist genau die Perspektive der schnelldrehenden Topleute und Strategieberater. In Deutschland heißt das auch „Lehmschicht“ (Interessant wäre übrigens die Frage, wo das Wort herkommt. Neulich habe ich es im Zusammenhang mit Siemens wieder gelesen — ist es dort von Beratern etabliert worden oder ist es ein Siemenswort, das die ja in München konzentrierten Berater von Siemens her übernommen haben?) Die Idee bei der „Lehmschicht“ ist: Das Topmanagement möchte den Konzern auf die Zukunft vorbereiten und dazu Änderungen vornehmen. Die „Lehmschicht“ der mittleren Deppen denkt aber, alles besser zu wissen und macht im Bewusstsein von Unverzichtbarkeit und großer Masse einfach weiter wie bisher — und die nötigen Anpassungen bleiben stecken. Unter der Lehmschicht (so die Perspektive der Topleute) ist die flexiblere Masse der einfachen Mitarbeiter, die man im Zweifel immer zwingen oder tauschen kann — nur kommt man nicht durch durch den in seinem Spezialistentum komplett festgedachten Mittelbau. Ich bin sehr skeptisch, was diese Sicht der Dinge angeht. Natürlich sind die Beharrungskräfte in Unternehmen irgendwo implementiert, und das ist der Mittelbau, aber zumindest in Fällen, wo der Mittelbau irgendwie an die Realität noch angekoppelt ist, verweigert er sich machbaren und verständlichen Änderungen eigentlich nicht grundlos, in meiner bescheidenen Erfahrung, und hat ein gutes Gespür für holtropschen Hektikerunfug und Pseudo — ein etwas sesselfurzerisches und uncooles Gespür, aber kein schlechtes.

Sei das, wie es mag, ich erwähne es vor allem, weil es deutlich macht, wie sehr Goetz auf die Welt der Topleute konzentriert ist im Holtrop und wie nahe er herankommen dürfte an ihren spezifischen Wahn, selbst wo er das Element der Inkompetenz-von-allen überzeichnet (was zum Wahn ja gehört!).
Es gibt nur selten falsche Töne — ich zweifle zum Beispiel an der hohen Berührbarkeit von Thewe durch Mitarbeiter, die irgendwie mit Bau assoziiert sind — die wäre nur in sehr viel kleineren Firmen plausibel, genau wie die Verwendung des Wortes „Chef“. Man sagt „Vorstand“, nicht „Chef“. „Chef“ heißt ein Mittelmanager, mit dem man wirklich zusammenarbeitet. Vorstände, auch wenn sie am Standort sitzen und mit zum Thai gehen, sind eher keine „Chefs“.

Irritiert haben mich schließlich die vertrauten Namen und Geschichten, die da so sonderbar neu konfiguriert sind. Stellenweise, vor allem zum Ende hin, liest sich das, als habe man die FAZ- und SZ-Wirtschaftsteile der letzten paar Jahre geschreddert und zu einem Suhrkampbuch neu zusammengeklebt, was so falsch als Beschreibung des Entstehungsprozesses ja gar nicht sein dürfte. Schön und gut: Wirklichkeit Wirklichkeit, Anwälte Anwälte, aber irgendwann dachte ich: Wenn jetzt gleich noch ein schwäbischer Modelleisenbahnhersteller namens Karstadt Pleite geht, les‘ ich’s nicht zu Ende. Das passierte dann nicht, aber auf der letzten Seite, als ich also schon ohne Druckmittel war: eine Ratiopharmgeschichte. Ausgetrickst. (Auch: Daß die trashtriviale Ehebruchsgeschichte dann nicht passiert, toll!)

Zusammengefasst: Etwas weniger radikal in der Form, als ich nach den Interviews erwartet hätte, aber was da gemacht worden ist, funktioniert hervorragend, ist interessant, macht großen Spaß und stimmt, wenn auch nicht so allgemein wie angeboten.

Wer das übrigens für ein antikapitalistisches Buch hält, sollte sich mal das Gehirn waschen gehen.

link | Dezember 3, 2012 17:02 | Comments (3)



Vorband irgend so ein Clown, der nach drei Songs ohne Scheiß erklärt, daß er das alles übrigens ernst meint und man doch mal versuchen soll, es so zu lesen. Dann Godspeed. Das SO36 ist an diesem Abend eine Leutesortiermaschine, die Deppen nach hinten sortiert. Im Anfangszustand ist es eng, und das Publikum besteht noch zur Hälfte aus den neuerdings üblichen desinteressierten Arschlöchern, die sich in schlechtem Englisch gegenseitig wegen der Lautstärke volljammern und nur da sind, weil sie zu viel Geld haben, um sich einfach nur irgendwo in einer Kneipe selber auf den Sack zu gehen. Wie immer ist der Trick, eine Insel von vernünftigen Leuten zu finden. Ich entscheide mich für die Zone um zwei Schränke Mitte Fünfzig, bei weitem die Ältesten im Raum. Glatzen, Jeansjacken, kleine runde Brillen, eisgraue Rockerbärte. Rocker, die ihre Gehirne nicht Anfang der 80er an einer Garderobe eingecheckt und vergessen und also den Schuß vermutlich gehört haben: Müssen gute Typen sein. (Ich täusche mich nicht, die beiden gehen ab wie die Zwanzigjährigen und unterhalten sich hinterher in der Garderobenschlange so liebevoll-begeistert über das GLÜCK, man fasst das nicht.) Leider übersehe ich den Blödmann vor mir, der alle paar Sekunden einen Trippelschritt nach hinten, von der Lautstärke weg, macht, seinen Speckrücken an mir hoch und runter reibt, mir seine allerspätestens an diesem Ort komplett alberne Herrenhandtasche in die Eier haut und dauernd von unten seine Kraushaare in meine Nase fusselt. Ich bin kurz davor, ihm zu sagen, was ich von seiner Sorte halte und daß er meinem sich gerade abspielenden GLÜCK im Weg ist, da setzt der sich allen Ernstes hin. Auf den Fußboden im SO36, mitten im Godspeed-Konzert. Von vorn filtern auch schon dauernd welche durch, es wird langsam lichter. Ich nutze die Gelegenheit und weiche nach vorne rechts aus, so daß der Blödmann, als es ihm da unten mit seinem Telefon doch unheimlich wird, jetzt langsam links an mir vorbei sich nach hinten durchpflügt und einer knipsenden Blonden mit Perlenohrringen an der Brust hoch und runter schubbert. Ich kriege das kaum noch mit, es spielt sich nämlich GLÜCK ab. Als ich kurz hochschaue und die Haare aus dem Gesicht mache, sehe ich die Übriggebliebenen, synchron, die Köpfe Richtung Fußboden hauen, alle mit dem gleichen FETTEN GLÜCKLICHEN GRINSEN. Und dann ist irgendwann der letzte Depp vor mir weg und wird, ich traue meinen Augen nicht, vom Universum instantan durch eine HART ROCKENDE Mittzwanzigerin ersetzt. Hochgesteckte Haare, schwarzes labbriges scheißegal-Top, Hose, niedere Stiefel. Sie macht mit zwei bestimmten Armbewegungen Platz für sich, stellt sich hin vor mich und legt los. Das ist eine todernste Sache für die. Ok, denke ich, das ist dann jetzt also die coolste Frau der Welt. Mal sehen, mit wem sie da ist. Dann spielt sich wieder GÜCK ab, und zwar doppelt, weil man ja so jemandem gar nicht zusehen kann ohne daß man selber mit reingerät in den Sog des BRUTALEN ERNSTHAFTEN RELIGIÖSEN ZUHÖRENS und mitmacht. (Godspeed live klingen nicht wie Godspeed, sondern als würde man einen Godspeed-Song durch ein von Brabus getuntes Walzwerk knüppeln.) Als das Licht angeht, denke ich, ok, jetzt mal sehen, mit wem die da ist. Sie dreht sich um, komplett sachlich, wie sie sich hingestellt hat, mitten im Gejohle noch. Schmale Lippen. Geht an mir vorbei und nimmt, drei Reihen hinter mir, ich schwöre, den spitzbärtigsten Einssechzig-Hardcore-Bruder, den man sich denken kann, zärtlich in den Arm. Der hatte einen Bundfalten-Ballon-Rock an und das Standing dafür. Mensch, ist das Leben geil und fair und richtig.

Godspeed You! Black Emperor. Fucking hell.

link | November 9, 2012 1:27 | Comments (3)



Manchmal geschieht es, daß mich die Unruhe im Haus weckt, vermutlich in einer bestimmten Phase des Schlafes oder auf eine bestimmte Art und Weise. Ich bin dann bei Bewusstsein, aber der Teil meines psychischen Apparates, der für alles eine Erklärung hat, bleibt abgeschaltet. Ich kann lange in diesem Zustand bleiben, erst wenn ich mich bewusst entschließe, wieder richtig zu schlafen oder Licht zu machen, endet er. Ich entschließe mich fast nie, lieber richtig zu schlafen oder Licht zu machen, denn

Die Nacht ist von packender Klarheit.

In der Nacht ist nicht zu verstehen, warum ich nicht haben soll, was ich mir wünsche: Im Gegenteil kommen mir die Tage absurd vor; als litte ich tagsüber an einer Behinderung des Fühlvermögens (wie ich nachts an einer Behinderung des Begründungsvermögens leide): Wie kann ich, frage ich mich in der Nacht, mich tagsüber so leicht abfinden mit dem stumpfsinnigen Lärm der Stadt, der Abwesenheit, dem Schweigen, dem Unausgesprochenen, der Verzagtheit, dem schlechterdings unnötigen und skandalösen Entferntsein voneinander? Und ich beschließe unweigerlich, diesem offenkundigen Unsinn sofort ein Ende zu machen gleich am nächsten Morgen — und diese Entschlossenheit hält an, bis ich zum Vorhang greife und Licht ins Zimmer fällt. Der Tag ist von erschreckender Klarheit. Es ist eine andere Klarheit (noch kann ich nicht sagen, welche die eigentliche ist), und langsam nur gewinnt sie gegen die Nachtklarheit; allerhand gute Gründe lassen sich auf den Möbeln nieder, beim Weg in die Küche streife ich sie ab und sammle sie ein. Nichts bleibt von der Klarheit der Nacht, außer einer Erinnerung an Glück und dem der Tagespolizei offenbar als unverdächtig entgangenen unerklärlichen Bedürfnis, sofort Rohmers La Collectionneuse zu sehen.

Der einzige Grund, warum die gründegesättigte, skeptische Tagklarheit im Allgemeinen handlungsleitend ist und nicht die gewissheitssatte, elektrische Nachtklarheit, denke ich, ist eine Asymmetrie: Tagsüber (wenn gehandelt wird) ist mir die Erinnerung an die Klarheiten der Nacht durchaus zugänglich, die skeptische Maschine kann sie einbauen und abtun. Die Nachtklarheit besteht gewissermaßen aus Zuständen, die einfach mal die Wahrheit sind, die Tagesklarheit ist prozedural und wird ständig neu über den Zuständen berechnet.

link | November 8, 2012 11:42 | Comments (2)



Die Frage also, ob die Zukunft vor oder hinter uns liegt: Der Film Berlin Babylon ist kein Dokument einer bestimmten historisch-politischen Situation, sondern einer Stimmung, die möglich ist und einmal wirklich war.

Die Berliner Bauaktivität der Neunziger Jahre, die ja auch Disposition ist für die so umkämpfte Stadtentwicklung dieser Tage, hätte sich im Jahr 2000 schon leicht als Zerstörung einer einzigartigen Postwende-Stadtsituation lesen lassen, also nach dem vertrauten, aber dysfunktionalen Schema: Westgeld und Provinzspießertum tun sich zusammen und legen das wehrlose Biotop Berlin trocken. Nichts dergleichen hört man aber in Berlin Babylon; die Unzufriedenen, die zu Wort kommen, sind weit davon entfernt, die Stadt als Opfer einer von außen kommenden Entwicklung zu sehen — die Stadt glaubt in Berlin Babylon, daß sie endlich ihre Wunden heile, weil sie eine konserviert besiegte Stadt war und ihre Niederlage hinter sich lassen will und zurückkehren zu einer eigentlicheren Form.

Und gerade als das sichtbar wird, das ist das Klügste an diesem Film und über sein eigentliches Thema hinaus interessant, betritt der Engel der Geschichte das Feld, oder vielmehr, er wird bemerkt über der Stadt.

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. (Walter Benjamin)

Der Auftritt des Engels der Geschichte erinnert daran, daß ja gar nicht nur in Berlin gebaut wird, daß Bauen keine unnatürliche Tätigkeit ist, daß Städte immer Städte auf Städte türmen. Das Aufregende an der Berliner Nachwendesituation war nicht die Existenz irgend eines fragilen, seither gestörten Gleichgewichts, sondern lediglich, daß im Durcheinander der Baukräne, für einen historisch kurzen Moment, für alle sichtbar wurde, in welcher Richtung die Zukunft liegt: Hinter uns, dort, wo wir nicht hinsehen können.

Im aus Ruinen auferstandenen Osten war man der Zukunft bekanntlich zugewandt, und im Westen führte der Fortschritt ebenfalls nach vorn — die Vorstellung, daß die Zeit uns (aus der Zukunft) entgegenströmt und wir uns, Gesicht voran, dagegen stemmen, erscheint natürlich. Aber wenn dem so wäre, wären wir blind. Und wir sind nicht blind, wir sehen nur zu genau. (Wir gehen also wohl rückwärts, beim Fortschritt, und wer hier eine pessimistische Aussage wähnt, hat sich immer noch nicht umgedreht.)

Das ist also eine mögliche Stimmung: Diese Traurigkeit bei einem erneuten Versuch, sich in die Zeit hinein zu drehen, bei der Rückkehr in die Geschichte; der vorausgeahnte Schmerz der Erinnerung an eine Zeit, in der es genug war, zu warten.

Wenn sie sich heute streiten über Stadtentwicklung und ihr G-Kampfwort rufen, denke ich das immer mit: Daß das auch Strategien sind, von der eigenen Melancholie abzulenken, die ja nicht zugegeben werden darf, weil alle, durchs ganze Spektrum, immerzu darauf bestehen, in die Zukunft zu schauen.

link | November 6, 2012 1:16 | Kommentare deaktiviert für



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