Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Die Entwicklung von Bitcoin-Mininghardware folgt einer reinen Ökonomie der Eskalation, Bitcoinminer sind kristallisierte Zukunft: Ein 600-Gigahash-Miner kostet derzeit etwas über 5000 USD, wird, bei absehbarer Entwicklung der Wahrscheinlichkeit, auf Coins zu stoßen, etwa drei oder vier Monate rational zu betreiben sein und in dieser Zeit, bei günstiger Wechselkursentwicklung, seine Anschaffungskosten plus ein paar Prozent Rendite erwirtschaften. Danach übersteigen die Energiekosten die Erträge, und der Miner verwandelt sich in eine verrückte Heizung, zum Verkauf bei ebay an Dummköpfe empfohlen. Zu bemerken ist allerdings, daß besagter Miner noch gar nicht in Silikon existiert, sondern nur projektiert ist für eine Punktlandung im Januar — jetzt aber, um existieren zu können, schon bezahlt werden muß in Dollars. (Eine Anleihe auf ein Schiff voller Tulpenzwiebeln, das den Hafen noch gar nicht verlassen und ein paar gefährliche Seen noch vor sich hat, selbstverständlich, aber wir haben keinen Grund, den Tulpenhandel von oben herab als widernatürlich zu behandeln. No hay banda. And yet we hear a band. If we want to hear a clarinette… listen. They’re called Moore & the Fizz.)

Bitcoin saugt, aus der Zukunft, Dollars und Energie in sich auf. Vom Kamm der difficulty-Welle überholte Miningdevices sind phantastische Gegenstände: Anders als überholte Waffen, die protoypischen technischen Artefakte eskalativer Ökonomie, die keinen Krieg mehr gewinnen, aber einen Gegner noch töten können, können die traurigen nagelneuen 300-Megahash-Sticks mit ihren kleinen optimistischen Bitcoinlogos gar nichts mehr — sie werfen nichts mehr ab außer Wärme (und sehr schlechten Lotterietickets, wenn man sie ungepoolt betreibt).

* * *

Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint: Kunst ist handelbar, weil ein gutes Bild als gutes Bild erkannt wird. Ein Kunde betritt den Laden des Kunsthändlers Gersaint und interessiert sich für ein Bild (er weiß nichts über Watteau oder den Kunstmarkt); der Kunsthändler nennt einen Preis, der Kunde gibt vor, das Interesse zu verlieren, der Kunsthändler senkt seinen Preis vielleicht, irgendwann werden sie sich einig: Das Bild hat einen Wert, der Kunde will es betrachten; möglicherweise will er, daß seine Gäste es betrachten können und ihm Respekt zollen für seinen Geschmack. Der Kunsthändler verschleudert das Bild nicht, weil er weiß, daß andere Kunden kämen, die das Bild betrachten wollen; der Kunde weiß, daß seine Gäste es sehen wollen werden. Etwas ist im Bild, das seinen Wert über einen momentanen Wahn des Kunden hinaushebt, es erbt Eigenschaften seines Schöpfers und der Gegenwart, die es zu einem guten Bild machen, weil es ein Vehikel für den Transport dieser Eigenschaften in die Zeit hinein ist.

(Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint wird als Ladenschild montiert und sofort wieder abmontiert, dann gerahmt, schließlich von Friedrich dem Großen für 8000 Livres erworben und ins Schloß Charlottenburg verbracht.)

link | November 28, 2013 11:28 | Comments (1)



Ein Abend in Antwerpen; unspektakulär sonst, Kameraderie, Gespräche über jüdischen und indischen Diamantenhandel und Mutmaßungen über die Digitalisierbarkeit des Diamantengeschäfts, Pech mit dem Essen. Es muß ein Abend im frühen Sommer gewesen sein: Ein schwarzer Schleier von Unglück und Trotz wider alle Ideen von Endgültigkeit liegt über der Erinnerung, und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ergriff mich beim Anblick des KBC-Torengebouw ein archaisches Bedürfnis nach Kommerz: Ich würde, so beschloß ich, Reichtümer anhäufen durch Handel, und dieses von mir in Städten wie Antwerpen erworbene Kapital sofort binden und aus dem Verkehr ziehen durch Kauf von Ländereien, auf denen ich Rasen anlegen und Bäume pflanzen würde in großen Abständen, Ulmen auf Hügel setzen und Buchengehölze in Senken. Ich würde eine unermüdliche Maschine zur Umwandlung von Kapital in Bäume werden, und solange ich lebte, würden die Kaufleute die Köpfe schütteln angesichts meiner wirtschaftlichen Unvernunft und die Sozialisten schäumen angesichts meiner privaten Megalomanie, und die Baumlandschaften würden wachsen. Große Agrarflächen in der Mitte des schwäbischen Nirgendwo würden in Landschaftsparks verwandelt werden, solange von Antwerpen und Rotterdam Schiffe führen und Schwärme fensterloser Fracht-747 abends sich auf den Flughafen Brüssel-Zaventem herabsenkten. Einziger Luxus in meinem sonst nichts für mich selbst beanspruchenden Kapitalvernichtungswerk wäre der Besitz von Kelims aus Mazandaran, die ich im Fenster des Antwerpener Teppichhandelshauses N. Vrouyr entdeckt hatte und die mir mit nichts vergleichbar erscheinen und die ich vor anderen, zweifellos unwürdigen Käufern zu retten trachtete.

link | Oktober 27, 2013 11:12 | Kommentare deaktiviert für



Eins

Lichtenberg/Hohenschönhausen: Lange lange Reihen von Platten, Laternen, Supermärkten (abwechselnd: Fressnapf, Kaisers), und Gebrauchtwagenhändler, an deren Absichten keine Zweifel bestehen dürfen. Gerüche: Axe — nur wegen der Plakatierung — Knoblauch, Tramheizung, Spanplatten, von den verpackten IKEA-Möbeln her, die in der Straßenbahn transportiert werden zum Studentenheim in der Allee der Kosmonauten. Es ist kühl und sonnig. Ich esse eine Brezel, die die einzige in der Auslage des Minimal-U-Bahn-Backshops war, und höre einem Gespräch zwischen Oma und kleinem Mädchen zu. Als die beiden aussteigen, sehe ich, daß sie, beide, Sneakers mit glossy Plastikapplikationen tragen. In den Sohlen der Sneakers des kleinen Mädchens sind LEDs zu sehen, die beim Gehen lustig blinken. Vernünftiges kleines Mädchen, denke ich. Dann steigt eine ganze Gruppe Kinder in die Bahn und zwei Stationen später wieder aus. Anstellen, Hand nehmen, sagt die Kindergärtnerin im Kommandoton, auf!, und die Kinder rudeln in Formation. Ich lächle die Erzieherin glücklich an. Mensch, ist das erfrischend, hier draußen vor der Stadt. Jeder, der das mal gemacht hat, weiß: So geht das. Man hält nicht zu zweit zwanzig Kinder vom Überfahrenwerden ab, indem man ihre Wünsche ausführlich einzeln respektiert. Ich steige selbst aus, kenne mich nicht aus, orientiere mich, links und rechts brausen Autos auf die Ampel zu und um die Kinder herum.

Zwei

Effiziente Bürokratie. Mit dem Kurzzeitkennzeichen im Beutel mache ich mich auf, durch die Stadt, zu Fuß noch am IKEA vorbei, und erreiche, wieder mit der Straßenbahn, die vertraute Zone südlich der Landsberger. Ich steige um in der Sonne. Ich kann fast ohne Blick auf die Karten navigieren in dieser Stadt — anders als in Brüssel — im öffentlichen Nahverkehr. S-Bahn nach Süden, von dort weiter Richtung Potsdam, wo die Elite der Straßenmusiker spielt, und wieder einmal frage ich mich, wie das ökonomisch funktioniert. Warum überlassen die anderen Musiker denen, die wirklich was können, die reichen Gegenden?
Ich schaue auf den Herbst draußen und vermute, daß sich die Sache schon gelohnt hat: die narbigen Kaisersmärkte dort im Nordosten, die Autos, der IKEA im Wind und die verlorenen Studenten, mit ihren zu schweren Paketen auf den leeren weiten Parkplätzen. Kontakt mit der Außenwelt, Kontakt mit Deutschland. Das alles ist jeden Tag, jeden Tag so. Familien, Autos, Haustiere, Gardinen, Sport, IKEA-Bilder mit zwei grauen Steinen darauf und einer lila Blüte, IKEA-Bilder, die leicht nach Lösungsmitteln riechen.

Drei

Ich lasse das Auto an. Am Abend zuvor hatte ich überlegt: Wie war das, wo muß der linke Fuß hin? Aber der Körper fährt. Meine Angst, mich schon beim Hinausfahren aus der Tiefgarage vor dem Vorbesitzer zu blamieren, mit meiner Unsicherheit, war albern. Ich fahre so sicher wie immer, ich komme vom Land, wo man fahren lernt. Selbstverständlich, täglich, ich bin die letzten zwei Jahre jeden Morgen zur Schule gefahren. Ich mache auch immer noch dieselben Fehler: Zu viel Vorsicht beim Nach-Links-Drängeln, wenn auf der rechten Spur der übliche Berliner Unfug veranstaltet wird. Ich tanke, weiß natürlich zuerst nicht, auf welcher Seite, bin umständlich; zahle. Keine große Sache, alle tanken, staubsaugen ihre Autos. Alle fahren. Die Polizei fährt. Ich ignoriere die dritte Werkstatt am Straßenrand und beschließe, lieber zu fahren als den Wagen jetzt durchsehen zu lassen von jemandem, der etwas davon versteht. Falls ich um ein paar hundert Euro betrogen werden soll mit einem Wagen, den ich mag, werde ich eben betrogen werden.

Vier

Der Horizont: Da ist er. Die Sonne steht tief inzwischen, der Verkehr wird leichter. Bäume, ein bisschen Brandenburg, Straße. Das Auto schüttelt die Stadt ab im vierten Gang, macht die Schultern breit, lehnt sich zurück: Nu mach mal. Zappelt mit der Turbodruck-Nadel.

Fünf

Es ist vollkommen absurd, Auto zu fahren. Das fällt noch mehr auf als sonst, wenn man selbst fährt: Es ist haarsträubend, unverantwortlich, unmenschlich, vollkommen absurd. Immer gewesen, aber in der Dimension, in der wir es inzwischen betreiben, ist es offensichtlich. Riesige Heere sind mobil gemacht und aufgepanzert, versuchen sich in verengten Baustellenspuren nicht zu rammen, und haben Jahresgehälter in die Maschinen gesteckt, die sie dazu verwenden. Sie reden sich ein, daß es nötig sei, daß ihnen all das nicht einmal Freude mache. Ich fahre in Richtung Potsdam. Nach Potsdam kann man mit der S-Bahn fahren, das ist eine saubere und vernünftige Sache, ohne die unwahrscheinliche Materialschlacht Straße. Ein Jahresgehalt, also der Überschuß vieler Jahre Leben und Arbeit, in Maschine verwandelte Lebenszeit.
Und gerade einhundertfünfzig Jahre explodierende Produktivität, Industrie, Optimierung, billige Energie, Aufschäumen der Infrastruktur. Vielleicht einhundertfünfzig Jahre Glaube an Fortschritt: Daß das so weitergehen kann, kein sehr kurzer, sehr leichtsinniger Exzess ist, daß diese gewaltige Infrastruktur gegen den Löwenzahn zu verteidigen sein könnte, mit immer gewaltigeren Fahrzeugen darauf, rechnenden Fahrzeugen mit Ledermöbeln darinnen, zum Zwecke des selbstbestimmten täglichen Hin- und Herschickens der Menschenkörper.
Und CO2.
Und die Städte.
Ich, für die East India Trading Company das Imperium bereisend, mit der Verwaltung der Provinzen beauftragt, blicke zurück nach Europa. Ich schreibe: Es ist unmöglich. Kenntet ihr die Hitze, den Dschungel, den Wert eines kühlen Bieres. Wüsstet ihr um den Wert des Stillstands.
Es ist nicht, daß das Fahren von Autos unnötig wäre: Es ist nicht zu rechtfertigen.

Sechs

Es macht einen Heidenspaß. Die permanente leichte Überforderung, die unmittelbaren Belohnungen. Gute Videospiele operieren in genau dieser Zone. Autos sind externalisierter Flow, ein Seiteneffekt, das Gehirn erzeugt sie aus dieser seiner Zone, leise summend, aus einem Gleichgewicht, das es genießt, und erfindet lachhafte Rationalisierungen.
Ich mag meine schon etwas gefahrene, sieben Jahre alte, nicht mehr ganz knallenge, bequeme Maschine, ihren ansteckenden Enthusiasmus. Beste Jahre gewissermaßen, lässig, routiniert, großzügig. Ich schwitze leicht, verstehe die Klimaautomatik noch nicht, will mich auf die Straße konzentrieren, dem Fahrzeug zuhören, das Fahrzeug fahren, von ihm lernen.

Zurück

Die U1 in Kreuzberg: Junge, sehr junge Menschen in Sneakers, zehnmal so teuer und zehnmal so geschmackvoll wie die Sneakers der jungen Oma mit dem glossy Plastik. Ich suche nach Änderungen in meiner eigenen Wahrnehmung, in meinem neuen Verhältnis zur Welt, jetzt, als Fahrer: Bin ich gewalttätiger geworden, wie anzunehmen wäre? Erliege ich immer noch der einlullenden Illusion von Kontrolle, die das Fahren erzeugt hat? Spüre ich Testosteron? Und ist die immer zu gewaltige Aufgabe, die Welt derjenigen zu verstehen, die ich anblicke, weniger drängend geworden — kann ich sie jetzt, als Fahrer, als Normaler, vielleicht gebrauchen, wie Menschen Menschen gebrauchen, und mich von ihnen gebrauchen lassen, wie Menschen Menschen gebrauchen?
Zu Hause warten neue Bücher, und die alten, und der schweigsame Sessel. Ich setze mich hinein und sitze unbewegt. Ich stelle mir die Baustelle vor Potsdam vor, die Kolonnen der Fahrzeuge. Ich tausche die Fahrzeuge durch Pferdegespanne aus. Die Szenerie wird nur unwesentlich weniger absurd.
Waren die Weltkriege eine Zäsur, ein Schritt nach unten, ein Schritt nach oben? Szenario: Das Automobil bleibt, die Zivilisation bleibt, die Industrie bleibt, die Fähigkeit, diese absurden Maschinen zu bauen, wird weiter verfeinert, Wasserstofftriebwerke, smart grids, INFRASTRUKTUR. Szenario: Das Automobil bleibt nicht, die absurden Maschinen erscheinen als offenbare Fehlallokation. Re-rualisierung, Möhren im Garten, Schusswaffen und Clans. Man kann seiner Gegenwart nicht entkommen; es ist sinnlos, sie allein verweigern zu wollen, sie allein durch Enthaltung niederzuzwingen wird nicht gelingen. Auch mein Gehirn kennt die Zone, ist Teil der Infrastruktur.

link | Oktober 11, 2013 21:21 | Comments (2)



Der Wikipedia-Eintrag zu Hubertus Bigend ist außerordentlich interessant, nicht nur, weil er eine fiktionale Variante seiner selbst enthält, sondern wegen der Verweise auf zwei Lesarten der Figur. Erstens:

I’ve always had a sense of Bigend as someone who presents himself as though he knows what’s going on, but who in fact doesn’t. It’s just my sense of the subtext of the character: he’s bullshitting himself, at the same time as he’s bullshitting all of us. (Quelle, Gibson selbst.)

Zweitens: [Bigend] espouses a curiously communal and transnational approach to marketing [and represents] a shift in the nature of capitalism and, consequently, a change in the way postindustrial technologies deployed by capitalism interact with the self. (Alex Wetmore 2007, „The Poetics of Pattern Recognition“)

Der Witz an Bigend ist: Er ist der größte denkbare Bullshitter und gleichzeitig tatsächlich der Größte, insofern man der Größte sein kann, und das ist ohne Bitterkeit gesprochen. Wenn er am Ende von Zero History im Hermès-Ekranoplan in den Sonnenuntergang verschwindet, kann man das nicht bewerten, nur als adäquates Zeichen seiner großartigen Größe akzeptieren.

Hubertus Bigend ist intelligent, charismatisch, mit einem sicheren Sinn für Wirklichkeit begabt und rücksichtslos gegenüber sich selbst und Leuten, die sein Spiel aus freien Stücken mitspielen, und eben genau kein egomanisches Arschloch — das sind die Qualitäten von guten Anführern, wie man sie durchaus trifft in den Unternehmen. Dazu kommt bei ihm aber: die Begabung zur Kunst, zum Zugang zum Bewusstsein; für die Verstärkung der schwachen Signale aus der libidinösen Tiefe der Existenz. Damit gehört er in die Liga der extrem seltenen Anführer/Künstler — Welles, Kubrick in unserer Epoche — Riesenfiguren, deren Überlegenheit, wenn sie arbeiten, keine Zweifel erlaubt.

Die neue Qualität aber, die Bigend über diesen Typus hinaushebt, ist eine völlige Abwesenheit von menschlicher Demut, seine Fähigkeit, sich selbst zu bullshitten. Welles und Kubrick sind demütig, weil sie Einsicht haben in die Wirkweise ihres Anführertums und die menschliche Schwäche. Auch wenn sie die Größten sind, was sie sehr wohl wissen, wissen sie auch, daß sie dienen: Sie dienen dem, das gesagt werden muß; ihr Selbst ist menschliches Medium, nicht Ziel. Von diesem Dienen ist Bigend befreit, nichts hält ihn, nichts reguliert den Bullshit, er muß, was er macht, vor keinem Tribunal rechtfertigen, das ihn zur Demut verurteilt. Bigend ist der Anführer/Künstler, der endlich Geld (a.k.a. die Manipulierbarkeit der Menschen) begrüßt, statt sie zu fürchten. Welles hat sich von War of the Worlds nie erholt, weil er bemerkt hatte, daß er alles konnte: Nichts ist stärker als auf Libido geschnittene Illusion (siehe unbedingt: Trailer für F for Fake) — und die war vollständig im Bereich seiner Mittel.

Hubertus Bigend hat sich, mit dem Abwerfen der Demut, auf das accelerationistisch/eskalative Paradigma des Kapitals endlich eingelassen (womit wir im Kern Gibsonscher Luzidität sind) und ist Teil des Großen Positiven Feedbacks geworden: Hubertus Bigend selbst eskaliert. Fällt der Feedbackdämpfer Demut aus — der Wille, nicht Hubertus Bigend zu sein, also die Geschichte von der eigenen Größe bewusst und gegen besseres Wissen abzulehnen — bekommt die Maschine privilegierten Zugriff auf ihren Treibstoff Libido.

Was ist diese Demut für ein Ding? Ist es einfach nur das Alte Europa in uns, das sie fordert, im Zeichen der Liebenswürdigkeit eine letzte Bastion? Was haben wir nur gegen den Bullshit?

link | August 31, 2013 15:54 | Kommentare deaktiviert für



Das Besondere: Das große Ding, die gelebte Literatur, die Geschichte, die dem bisherigen sinnlosen Treiben Sinn gibt, das Zusammenkommen und Kohärentwerden, das unzweifelhafte Glück. Das Gewöhnliche: Die Zahnbürste, die zu Hause in ihrem Glas auf dich wartet, ein Busfahrschein, ein Gehaltszettel, und das Grab.

Das Besondere ist niemals lebbar, die immer wieder aufs Neue erzählten Geschichten von seiner Lebbarkeit sind Lügen; schöne Lügen, die glauben zu wollen wir gute Gründe haben, aber Lügen. Das zu akzeptieren ist das Schwerste, und Versuche, das Besondere zu leben, enden (anders als die schönen Lügen) in nichts als Verzweiflung und Gewalt und Schleifen. Die fortgesetzte Denkbarkeit des Besonderen im Gewöhnlichen muß stattdessen das Ziel sein, das Gewöhnliche offen zu halten für das Leben über dem Leben. Es ist eine nichttriviale Praxis: Die Dehysterisierung des Glücks; die Freude an der Lüge als Lüge.

[Iteration III]

[Praxis: Das Weglaufenwollen und Neuerfindenwollen noch abschaffen; aber wie sind die Schizostrategien zu bewerten? Unklar. Man bleibt doch überfordert.]

link | August 31, 2013 12:27 | Comments (2)



Zeitformen also: Stabile Zeit, eskalierende Zeit.
Stabile Zeit, die die Geschehnisse in ihr nur trennt (damit nicht alles gleichzeitig passiert), aber nicht bestimmt. Anders: aus einem Weltzustand lässt sich nicht auf einen Wert der Zeitvariablen schließen, wie wir es beim Betrachten von Filmen tun: Es gibt zum Beispiel keine Mobiltelefone, also sind wir in den Neunzigern oder früher. Statt dessen: Die Zeit im Garten ist seit seiner Vollendung stabil, er sieht heute so aus wie vor zehn, zwanzig, oder fünfzig Jahren (nehmen wir einen idealen Garten an).
In eskalierender Zeit ist dagegen positive Rückkopplung am Werk, und die Zeitvariable bestimmt den Weltzustand eindeutig; eine Trennung der Geschehnisse geschieht nicht nur der Zahl nach, sondern wesentlich: Geschehnisse sind unterschieden, weil der Weltzustand unterschiedlich ist; es gibt, mit anderen Worten, Fortschritt. Man könnte auch sagen: Die wesentliche, nicht nur zahlenmäßige Unterscheidbarkeit der Weltzustände erzeugt die Zeit, sie entfaltet sich erst, wenn die Unterscheidungsprinzipien angewendet werden. Thermodynamik, Tod und Fortschritt erzählen dieselbe Geschichte.

Strategien gegen die Totalität des Todes (den Fortschritt): Aufgabe des Prinzips der Individualität, oder Isolation des Todes im Individuum. Die erste Option ist die Option der Ameise: Sie erinnert sich nicht, ihr Tod kann sie nicht kümmern, sie lebt in einer Welt ohne Fortschritt. Ihre Zeit ist stabil, weil sie selbst nur der Zahl nach unterschieden ist von ihren Nachbarn, und alle zusammen sind sie nur der Zahl nach unterschieden von denjenigen Ameisen, die ich (der hoffnungslos Individuierte) zuvor einmal störte, zum Beispiel letztes Jahr im Sommer. Die zweite Option ist die Option des Spaziergängers im Garten (des Mönchs, der alten Eheleute): Gestorben wird nur hier drin, wo es unvermeidlich ist im Tausch gegen die große Individualität, nicht draußen, im Garten; der Garten (die Zelle, der Wald, das Feuer, das Licht) hat keine Zeit, der Spaziergänger nimmt die Zeit auf sich, um sie fernzuhalten von der Welt, die er liebt.

(Fragen: Warum ist Fortschritt in der Natur absurd, wie ist also ihre Zeit stabilisiert; kann man den Garten und den Spaziergänger als Aufspaltung der Zeitform der Natur lesen, warum ist das nötig?, lässt sich die Natur als Garten lesen? — natürlich lässt sie, aber welchen Widerstand leistet sie dabei und was verrät er über die Zeit –, warum eskaliert Kenntnis der Wirklichkeit, wie sie die Naturwissenschaft aus der Natur schürft, die Zeit überhaupt?)

[unsortiert, arg]

link | August 24, 2013 12:21 | Comments (8)



Und, mehr noch als das: Der pappel-gesäumte Weg, eine lange Flucht, auf einen leuchtenden Nebelpunkt, zur einen Seite ein Graben, und die weite Moormarsch, zur anderen Ausläufer der Gärten und ein letztes Geräte-Rundhaus (kalte Bretter am Stein und gesprungenes Grün in den Fugen) —
das ich im Sommer sehe, ohne den Nebel in der Tiefe, das Spalier der Bäume von Schwalben durchschossen von links nach rechts, und durchschlagen vom Licht, als es freibricht und auftost vom trockenen Kies —
das im November ich sehe, mit dem Nebel, Krähen hoppelnd zwischen den Halmen halberfroren, die Bäume zusammengerückt und verflochten, Kälte im Kreuz und hell nur dort vorn, dort.

link | August 11, 2013 22:52 | Kommentare deaktiviert für



Ich betrete das Band, gehe weiter, genieße die Geschwindigkeit. Rechts liegt eine Riesin in Unterwäsche, der Text empfiehlt, sich mit nichts weniger als Perfektion zufrieden zu geben, oder etwas in der Art. Ich versuche, nicht hinzusehen, weil ich ungern ein berechenbares, männliches Reptiliengehirn bin, hebe aber doch jedesmal kurz den Blick. Links flirrt der Deloitte-Schriftzug auseinander in viele tausend unterschiedlich schnell sich bewegende weiße Partikel auf schwarzem Grund. Zusammen mit meiner Bewegung auf dem Band ergibt sich ein beeindruckender Tiefeneffekt. Deloitte wirbt für eine Karriere bei Deloitte; man kann es weit bringen als Managementberater und kommt hoch hinaus. In der Mitte des Tunnels, für den Bruchteil eines Moments, Vogelgezwitscher, und wie immer schaue ich auf zum Vogelmobile über dem Band. Dann, kurz vor dem Rolltreppenschacht, die Werbefläche des Kunden mit dem Produkt, von dessen langfristiger Entwicklungsplanung das schlafende Macbook in meiner Tasche träumt — meine einzige Möglichkeit, in diesem Tunnel eine Spur zu hinterlassen. Jeden Montagmorgen seit März tragen mich die Bänder durch den Tunnel, ein erlöschendes Bild, bis Oktober rechne ich damit, vollständig verschwunden zu sein. Die Erfolge bauen sich unmerklich auf, als bloße Beierscheinungen des Verstreichens von Zeit. Es sind die Niederlagen, die als höhnische Ereignisse auftreten und klare Botschaften zustellen wollen. Die Rolltreppe hebt mich in den Schacht, wo das unwahrscheinliche, mit einem nicht zu erklärenden blauen Streifen bemalte und auf drei Meter aufgeblasene Sinnbild eines Knaben den Ankommenden entgegenuriniert.

Das Haus (man hört einen Specht im Hintergrund) hat zwei Stockwerke, das obere davon vollgepackt mit Büchern, einem Sofa, Schreibtisch, Projektor und Leinwand, das untere wird dominiert von der Küche, mit Fenstern zum Garten, der ein bisschen weniger gepflegt ist, als er sein könnte, aber zum Essen unter den Bäumen genau richtig zerzaust ist; ein Saftkrug steht noch draußen, abgedeckt. In der Küche auch: Einweckgläser, Krümel auf der sonnenwarmen Tischdecke.

link | August 11, 2013 17:07 | Comments (2)



Nebenbei. Zur Herrschaft gehört eine Legitimation: eine Erzählung, die erklärt, warum Macht ausgeübt wird, wie sie und von wem sie ausgeübt wird, und warum das richtig ist. Zu dieser Legitimationserzählung gibt es jetzt mindestens drei Haltungen der Bürger:

1. Die Bürger glauben die Erzählung. Also etwa: Es gibt eine Souveränität, die vom Volke ausgeht, und die, mehr oder weniger aus praktischen Gründen, an die Institutionen der Legislative und von dort aus weiter delegiert wird. Die Erzählung begründet die Existenz der Herrschaftsinstitutionen unmittelbar.

2. Die Bürger glauben die Erzählung nicht, handeln aber, als würden sie sie glauben, weil sie den Nutzen der Erzählung als Erzählung einsehen und wollen, daß auch alle anderen so handeln, als würden sie die Erzählung glauben. Zum Beispiel: Wohl wissen wir, daß die Wahlen alle vier Jahre vor allem die Funktion einer stetigen und kontrollierten Umwälzung der Macht haben, wir sprechen aber weiter das hohe Vokabular des Gemeinschaftskunde- und Geschichtsunterrichts. Das funktioniert nicht nur obwohl, sondern gerade weil alle so agieren. Die Erzählung dient in diesem Fall nicht zur Begründung von Herrschaft und ihren Institutionen — diese brauchen als natürliche Fakten menschlichen Zusammenlebens gar nicht erst begründet zu werden — sondern dazu, ein sich in die Macht hinein erstreckendes, stabilisierendes Als-Ob zu etablieren, das die Gegner einer potentiellen Machtausdehnung argumentativ immer besser bewaffnet als ihre Betreiber: Wer seine Macht über das von der Erzählung Legitimierte hinaus ausdehnen will, isoliert sich argumentativ aus der Gemeinschaft, markiert sich als gefährlich, und bringt alle anderen (und deren gemeinsames Interesse an Kontrolle von Macht) gegen sich auf.

3. Die Bürger glauben die Erzählung nicht, ertragen aber die Herrschaft als Herrschaft, weil die Kosten einer Veränderung höher sind als zu erwartende Gewinne bei einem Umsturz. Der Erzählung begegnen sie mit offenem Hohn (eine simple Frage der Würde). Dieser Hohn spiegelt sich im Zynismus der Macht, die sich kaum Mühe gibt, eine argumentativ zusammenhängende Erzählung abzuliefern, sondern, wenn herausgefordert, kurzerhand und von der Naivität der Untertanen enerviert die Zähne bleckt und auf die wirklichen Quellen von Souveränität (Bewaffnete Strukturen der Loyalität) verweist. Die Erzählung ist in diesem Fall eine bloße Farce, und sie ist offensichtlich geschmacklos, weil ihre Glaubwürdigkeit nicht mehr ausgelotet werden muß, sondern ohne jede Rücksicht auf die Bereitschaft der Beherrschten, die Erzählung zu tragen, diese für Dummköpfe nehmen kann. (Geschmacklos ist, was eine Unterscheidung nicht zutraut.)
Eine Variante von #3 ist der Verweis der Herrschaftsinstitutionen auf die eigene Machtlosigkeit: Ein solcher Verweis ist entweder eine zynische Lüge, oder, noch unheimlicher, korrekt: Dann weiß niemand mehr, wer wirklich herrscht, und die Legitimationsgeschichte ist noch abgeschmackter.

link | Juli 17, 2013 21:50 | Kommentare deaktiviert für



& mich weit vorangelesen in William Gaddis‘ Briefen bis ins Jahr 1996, als Rowohlt in Deutschland die Letzte Instanz herausbringt und Zweitausendeins die JR-Übersetzung, die ich mir aus dem Merkheft (cum Frau Susemihl, sans Software-Resterampe) bestelle noch per Postkarte, siebzehn, Gymnasiast, rührend jung, wie Gaddis, sofort ein Idol für mich, rührend alt ist im Jahr 1996 — die Freunde sterben ihm weg oder schreiben nicht mehr oder werden verrückt, und er schreibt zärtliche Briefe voller Erinnerungen an Einrichtungsgegenstände an Frauen, die ihn alleingelassen haben ein halbes Leben vorher. Ich lese JR 1996, fiebrig vor Aufregung, begreife ein Riesenstück Welt, so fühlt es sich an: das falsche Pathos der Wirtschaft, den Selbstbetrug, und wie er mit dem Bösen zusammenhängt und wie Unehrlichkeit und Selbstdarstellung und Geschwätz der Feind von einfach allem sind; ich erinnere mich an einen Aufenthalt in den Bergen, eine Hütte, die Freunden meiner Eltern gehört haben muß und wo wir ein paar Tage verbrachten, ich frenetisch und komplett gegenwartsignorant lesend, in einer Ecke mit einer rotweißkarierten deutschgemütlichen Decke, & meine Eltern, die ausgelassen die Williams-Christ-Flaschen der Gastgeber plündern & mir auch ein Glas einschenken, & Jack Gibbs & ich beide schnapsselig scharf auf Amy Joubert; Gaddis selbst entdeckt Thomas Bernhard 1996 & fängt an wie Bernhard zu klingen (Agape Agape ist fan fiction!): er fing mit Eliot an und endet bei Thomas Bernhard. Ich habe jetzt, siebzehn Jahre später, noch zwei Jahre Briefe vor mir, ein paar Seiten, & fürchte mich: Einer wird der letzte Brief sein, 98 ist Gaddis gestorben, & die Zuneigung und die Bewunderung, für ihn & Bernhard & Eliot & dem was sie verbindet, & ich frage mich (weniger unernst als es es klingen mag), warum ich so viel Glück mit der ja doch zufällig sich vollziehenden Wahl meiner frühen Idole hatte.

link | Juli 7, 2013 2:40 | Kommentare deaktiviert für



Städter, die Sehnsucht nach Bäumen haben, Seen, Feuer und Laub: Das sind Landmenschen, die wegen des Denkens (und aller Folgeformen) in die Stadt gekommen sind, weil man auf dem Land alleine hätten bleiben müssen damit, was ja unmöglich ist.

Echte Stadtleute halten Bäume und Seen für Dinge, die zu ihrer Erholung dienen und für die sie möglicherweise eine Schwäche haben, wie für koreanisches Essen — aber sie erkennen den tiefen Ernst nicht, mit dem Wälder sich nicht für Menschen interessieren: Die Haupteigenschaft der Wälder, könnte man sagen, ist ihre Gleichgültigkeit. Wir können nichts tun, um sie von uns zu überzeugen, und es kümmert sie nicht, wenn wir hinter ihrem Rücken schlecht über sie sprechen. Diese Eigenschaft der Wälder, ihre schweigsame Treue, ist Landmenschen verständlich — heimlich wünschen sie, wie die Wälder zu sein — Stadtmenschen, deren (formbare) Welt aus Menschen und Meinungen über Menschen besteht, hingegen, ist sie wesentlich fremd.

(Nebenbei: Es könnte jemand einwenden, was für die Wälder gelte, gelte ja dann auch für Steine und Gegenstände. Das stimmt aber nicht: Steine liegen nur herum und sind zu stumpf für Gleichgültigkeit, und daß die Gegenstände uns aus den Ecken unserer Zimmer mit Pendeln und Stoppuhren in den hölzernen Händen belauern, ist ja bekannt.)

[„I’ve got a theory!“ – „good heavens.“ – „noo! bear with me! it’s a good one this time!“]

link | Juni 18, 2013 23:02 | Comments (6)



Das Bloom, eine etwas fadenscheinige Boutique-Schicht über einem anderen, älteren Hotel, das ich an der Badewanne und dem Badezimmertürknauf noch erkennen kann, streckt sich etwas zu weit: Es hängen da blau und rot bemalte Töpfe und Nudelhölzer an der Restaurantdecke, es werden türkise Dreiecke auf Stahlperlenvorhänge projiziert, ja: aber das Retroresopal-Microkaro des Fußbodens verträgt sich nicht mit dem Wellen-Wandmuster hinter der Rezeption, und zwar ohne ironische Entschuldigung: Da hat eben jemand schlicht zweimal und ohne Zusammenhang etwas zu laut schrill gedacht bei der Auswahl — nein, das ist wahrlich nicht das Cabinet hier, auch nicht das Quote, leider nein.

Im Flugzeug große Leichtigkeit: Ich schlief, ausgeschlafen, wie ich war, aus purer Freude daran, im Flugzeug noch ein wenig zu schlafen. Gerade als wir den Rhein überflogen, erwachte ich und sah mich um: Friedlich schlummerten auch meine Mitreisenden. Meine unbekannte Nachbarin lag entspannt in ihrem Sessel: Graue, ganz neue Stoffschuhe ohne Schnürsenkel, braune Hose, eine abgewetzte, aber gut zu ihr passende Handtasche, Mitte, Ende zwanzig, nicht übermäßig hübsch, aber schön in der Normalität und Ruhe dieser Flugzeugsituation, ausgeklinkt für eine Stunde zehn, kurzzeitig unerreichbar für den Haß-und-Angst-Mediadenkparasiten, wir beiden Schlafenden.

link | Juni 17, 2013 22:27 | Comments (1)



Ich fuhr hinauf in den 24. Stock des schrecklichen Thon, schloß die Tür, versorgte den Anzug, Bügel, Handgelenk, effizient nach Art der Männer, putzte mir die Zähne und stellte den Rechner auf. Ich hatte, bemerkte ich, drei Wifi-Netzwerke zur Auswahl: Das Netz, das mir die Bank auf allen 19 Kanälen, von der anderen Seite des Manhattan-Hochhauses her, ins Kreuz grillte, das Netzwerk des Colonies, auf dessen fast zwanzig Stockwerke unter mir liegendes Dach ich hinabschauen konnte, wenn ich die Vorhänge anhob und halb auf die mit streifigen Kirschholzimitaten laminierte Tischplatte kletterte, und das Netzwerk des Thon selbst. Na schön: Mein Telefon buchte sich inzwischen in der ganzen Gegend um die Place Rogier herum in die Netzwerke der Hotels und Arbeitsstätten ein, und wähnte sich zu Hause.

Anderntags trank ich, spätabends in der Bar des unendlich viel angenehmeren Plaza, ein Agrum unter der wolkig-hellen Kuppel. Die andern wählten beide Whiskey Sours; schmeichelhaft elegante Gesellschaft, erschöpft vom Tag. Wie ich hätten sie sich an diesem Ort sicher gern von etwas Glamouröserem als unserem Auftrag erholt, aber die heroischen Narrative unseres Standes überleben keinen Tag in einem Haus, das Punkt 18 Uhr den lebensfeindlichen Gleichgewichtszustand seines Innenraums gegen seine Insassen einzusetzen beginnt, indem es schlicht die Anstrengung der Licht- und Luftzufuhr unterlässt.

(Natürlich genieße ich das Agieren in der fremden Organisation, das kleine Kräftemessen mit dem Leviathan der corporate-Trägheit, tatsächlich die Wirksamkeit von Schneid, die schiere belgische Nettigkeit der Leute, und wie man sich immer eine Schneise von staunendem Vertrauen schlagen kann mit einer einzigen banalen Waffe: Wenn man einen Fehler gemacht hat, sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe mich geirrt, das hier geht auf mein Konto — und doch: Kräftemessen und Schneid? Ich habe mich und alles das noch immer im Verdacht der Jugend. Wie sähe eine erwachsene Version dieses Lebens aus, frage ich mich, und erlaubten die Umstände überhaupt eine solche? Kann man arbeiten ohne den Kult von Ego, ist ihm irgendwie beizukommen?)

O dark dark dark. They all go into the dark,
The vacant interstellar spaces, the vacant into the vacant,
The captains, merchant bankers, eminent men of letters.

link | Juni 16, 2013 21:57 | Comments (1)



In diesem Blaxploitation-Vampirfilm von 1973 steht zweimal, erst auf einer Gartenparty bei 27:34 und dann bei der Hochzeit von Ganja und Hess, 1:09:06, ein schlacksiger, ziemlich distinguiert aussehender und offenbar für Parties zuständiger Schriftsteller im Bild.

link | Mai 31, 2013 22:59 | Kommentare deaktiviert für



Mairegentagsfarben: Frisches Platanenlaub, die Büsche, ungeschnittenen Gräser, naß. Die Straßenbahn besonders gelb, der Asphalt schwarz. Pfingsten, ich bin nicht in Leipzig. Die Straßenbahn fährt Unbekannte von A nach B, immer dieselben Unbekannten Mitte zwanzig, seit Jahren. Woran erinnert man sich, wenn man sich an Einsamkeit erinnert? Den Stolz, niemanden zu brauchen? Oder die Erleichterung, als man bemerkte, daß das immer ein Irrtum gewesen war? Die unvorhergesehene Zuneigung für alles Menschliche, die Streits an verregneten Samstagnachmittagen; eine Art, den Rucksack aufzusetzen; wo die Socken liegen; das Schweigen in Parks, die etwas zu kühl sind für den Spaziergang?

Ich höre, wie jedes Jahr irgendwann im Mai, Tiamat, Wildhoney natürlich, die Regengeräusche, die singenden Stahlgitarren, die ich nirgendwo sonst ertrage und die aus dieser einzigen Platte ihr Freudebudget bestreiten, und draußen synchronisiert sich der Wind. Wasserkaskaden fallen, unhörbar rollen die Wogen an, steigen die Warschauer Straße entlang, und die Platanen wedeln in ihrem Strom wie Wasserpest, und die silbernen Fahrzeuge schwimmen zwischen ihren Zweigen wie Forellen in der Zwiefalter Aach, lautlos vor dem Rechen.

Ich wende mich ab, lächelnd, und denke: Du bist nichts mehr gewohnt, Alter.

[Dann das Verlangen, Auto zu fahren, etwas zu schnell über die Landstraßen, Metal hören und Landstraßen fahren, Sonne auf den Unterarmen und das ganze instinktive trueness-Ding der Jungs vom Land kurz selbst wiederfinden, oder eben jetzt im Regen mit leicht beschlagenen Scheiben; anhalten an der Donau und ein Stück Holz verfolgen, wie es im Strom bleibt, die Römer, die Wälder, die Burgen, die Armut, der Wurstsalat. Ich glaube, ich bin reif für ein Auto, Berlin hin oder her, eins, das ich nie benutze außer um herumzufahren am Samstagmittag.]

link | Mai 18, 2013 14:48 | Kommentare deaktiviert für



Tatsächlich erwache ich aus der Zeit, immer wieder: Die Szenerie ändert sich und die Logik, eine besser beleumundete höhere Zeit faltet sich auf, banaler und zäher und farbloser, in der ich weniger vermag. Was ist geschehen, frage ich, erwachend, mich orientierend: ah, es sind die seltsamen gelben Tapeten des Schlafzimmers in der Warschauer Straße, gleich werde ich noch einmal aufwachen, in eine wirklichere Nachwarschauerzeit, in der die Erinnerung an die absurden gelben Wände von tüchtigen Neurotransmittern im Auftrag der Lebensfähigkeit gelöscht worden sein wird, bevor sie das Langzeitgedächtnis kontaminieren konnte.

Am Fußende des Zeitbetts saugt rotierend der VORTEX, der eine endlose Reihe von Telefonen und Computern verschluckt und restlos in sich hineintilgt, Interfaces, Betriebssysteme, Bildschirme, alte Versionen von Photoshop, nicht mehr lesbare CDs mit Twin Peaks-Folgen, eigenen Code, eine schockierende Einrichtung.

Ich sehe mich um und muß gar nichts beschwören — wenn nur die Aufwacherei nicht wäre: Sommerregen. Postrock. Einsames Aufschreiben. Schöne Frauen. Echter Style und Spiegel und Photographie. Parks. Müde Eisenbahnfahrten. Weißwein und Nebel und eine Büroklammer am nachts niedergetretenen Saum. [#]

link | Mai 12, 2013 22:35 | Kommentare deaktiviert für



not there but very there

über die Erde streichen
die nicht die Erde mehr ist
das Kraterfeld vielmehr
der letzten Schlacht
und schauen

die Sonne sinken sehen
Fetzenstrata von Wolken
sich verschieben ineinander
über Kupfergewässern und Tannen
und der Jet taucht

wie müssen wir hineingeschaut haben
in diese brüllende Pracht
als sie noch nicht zerbrechlich war
unser Übermut nicht in Diensten
und das Fliegen zwecklos

gut aussehen dabei
elegant und unberührt
graue Strähnen begrüßend
kräftiges Blau tragend
und immer weiter Bücher

fremd bleiben dabei
nie gemein sich machen
nie die Sache Ennoias zur eigenen machen
nie sich verbessern
und weiter schauen

[the easyjet diaries]

link | Mai 11, 2013 14:27 | Kommentare deaktiviert für



Die Romantik, wenn ich so Manfred Frank lese, ist wirklich das Erschrecken des Denkens beim ersten Blick auf die ferne Singularität.

Diese Tübinger Welt ist ja immer noch sofort da, wenn man sie braucht und wieder aufruft, auch wenn man nichts von ihr versteht (und nur zweimal selbst in Tübingen war). Von heute aus ist vielleicht noch klarer zu sehen, worauf die bei Frank verhandelten Traditionslinien reagieren und wie dieses Denken seit 150 Jahren seinen Kampf langsam verliert, immer weiter zurückgedrängt wird und nur hier und da sich wieder aktualisieren kann in den seltener werdenden Köpfen junger Leute, die sich in der Literatur ihrer Vorfahren einen Geschmack für das alte Europa eingefangen haben.

Die Moderne zugleich zu wollen und nicht zu wollen ist charakteristisch für sie: Das Pathos und den matten Metallglanz des Rationalen für das eigene Denken zu brauchen und zugleich die Rationalisierung als einzig zielstrebige Kraft in der Geschichte der Menschheit, zur Überwindung der Menschheit, zu fürchten. Rationalisierung hat nur noch einen Fluchtpunkt, eben die Singularität, nach dem intellektuellen und praktischen Scheitern der Alternativprogramme: der Romantik, der Rückeroberung der Zwecke durch Politik, der Fortschreibung irrationaler Traditionen, der Kultur als bürokratischer (effizienter, aber steuerbarer) Verwaltung von singularitätsextrinsischen Zwecken.

Wobei ich Franks sagenhaftem Aufbruch ins Ziellose beim letzten Schritt dann nicht mehr ganz folge: die Ära, die von der unsrigen abgelöst wurde, muß sich nicht gleich in der Dimension der Sinnerfülltheit von der unsrigen unterschieden haben — es genügt ja, daß es in ihr das Wissen um die Existenz des inzwischen wirklich untergegangenen Ithaka noch gegeben hat.

link | April 7, 2013 17:07 | Kommentare deaktiviert für



Ein Flur. Rechts Türen, zweiflüglig, jeder Flügel kaum mehr als einen halben Meter breit; ein aus der Mode gekommenes Format; hohe Klinken. Links Fenster, davor Bäume. Rote Rankentapesserie, Leuchter an der Wand, staubige Palmen; eine Vase auf einem Tischchen.

(Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen mit einer Kerze, um eine Mahlzeit einzunehmen am Kopfende des langen Tisches. Ein Hase draußen; ein silbergespießter Möhrenstift drin, vielleicht ein Feuer. Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen im Sommer, wenn eins der Fenster geöffnet ist. Ein Clausewitz der Gefühle werden, was immer leichter gesagt als getan ist. Ich stelle mir vor: Die Geräusche nachts, die Bäume draußen, die totale, alles vernichtende, alles eindeckende Abwesenheit von Musik, gegen die ich, aus Mangel an Talent, nicht ansingen kann. Ich stelle mir vor: Die Feuer in der Ferne im Frühjahr, überall im dunklen Land.)

link | März 23, 2013 0:43 | Kommentare deaktiviert für



Die Prächtige Stadt: Die Bürger der Stadt (die Stadtbewohner) schmücken ihre Stadt. Nicht ein einziges Haus lassen sie aus; wenn es an die Auswahl der Materialien für eine Fassade geht, sagt der Städter: Ich wähle Mosaik in taubengrau, und Purpurtöne unter den Fenstern. Wichtigster Schmuck der Stadt ist der Tempel im Zentrum, darum sind die Versammlungsorte der Städter gruppiert, der Platz mit den Pylonen und den Bäumen, eine Halle, der große Saal.

Der Reisende, wenn er sich der Stadt nähert, sieht schon von Ferne (von den Bergen her) die glasierten Ziegel der Dächer im Sonnenlicht glänzen, die Fassaden reflektieren alle Farben des Spektrums, in seidenmatt. Es ist, denkt sich der Reisende, als hätte ich dies Stadtpanorama mit Pinsel und Leinwand von diesem Punkte aus erschaffen, und doch: Halte ich Pinsel in der Hand? Sperrt eine Leinwand meinen Blick, meinen Blick auf die Prächtige Stadt?

Die Prächtige Stadt existiert nicht. (Kein Stolz rührt die Herzen der Bürger, niemand zieht vor die Tore, um das Bild der Stadt zu betrachten. Die Städter wohnen nicht in ihren Häusern, sie wohnen nicht einmal in der Stadt.)

[Die in der Stadt wohnen, träumen zugleich davon, nicht arbeiten zu müssen und arbeiten zu dürfen.]

link | März 16, 2013 17:26 | Comments (1)



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