Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ein Flur. Rechts Türen, zweiflüglig, jeder Flügel kaum mehr als einen halben Meter breit; ein aus der Mode gekommenes Format; hohe Klinken. Links Fenster, davor Bäume. Rote Rankentapesserie, Leuchter an der Wand, staubige Palmen; eine Vase auf einem Tischchen.

(Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen mit einer Kerze, um eine Mahlzeit einzunehmen am Kopfende des langen Tisches. Ein Hase draußen; ein silbergespießter Möhrenstift drin, vielleicht ein Feuer. Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen im Sommer, wenn eins der Fenster geöffnet ist. Ein Clausewitz der Gefühle werden, was immer leichter gesagt als getan ist. Ich stelle mir vor: Die Geräusche nachts, die Bäume draußen, die totale, alles vernichtende, alles eindeckende Abwesenheit von Musik, gegen die ich, aus Mangel an Talent, nicht ansingen kann. Ich stelle mir vor: Die Feuer in der Ferne im Frühjahr, überall im dunklen Land.)

link | März 23, 2013 0:43 | Kommentare deaktiviert



Die Prächtige Stadt: Die Bürger der Stadt (die Stadtbewohner) schmücken ihre Stadt. Nicht ein einziges Haus lassen sie aus; wenn es an die Auswahl der Materialien für eine Fassade geht, sagt der Städter: Ich wähle Mosaik in taubengrau, und Purpurtöne unter den Fenstern. Wichtigster Schmuck der Stadt ist der Tempel im Zentrum, darum sind die Versammlungsorte der Städter gruppiert, der Platz mit den Pylonen und den Bäumen, eine Halle, der große Saal.

Der Reisende, wenn er sich der Stadt nähert, sieht schon von Ferne (von den Bergen her) die glasierten Ziegel der Dächer im Sonnenlicht glänzen, die Fassaden reflektieren alle Farben des Spektrums, in seidenmatt. Es ist, denkt sich der Reisende, als hätte ich dies Stadtpanorama mit Pinsel und Leinwand von diesem Punkte aus erschaffen, und doch: Halte ich Pinsel in der Hand? Sperrt eine Leinwand meinen Blick, meinen Blick auf die Prächtige Stadt?

Die Prächtige Stadt existiert nicht. (Kein Stolz rührt die Herzen der Bürger, niemand zieht vor die Tore, um das Bild der Stadt zu betrachten. Die Städter wohnen nicht in ihren Häusern, sie wohnen nicht einmal in der Stadt.)

[Die in der Stadt wohnen, träumen zugleich davon, nicht arbeiten zu müssen und arbeiten zu dürfen.]

link | März 16, 2013 17:26 | Comments (1)



Mein durch und durch ostdeutscher Americana-Traum.

* * *

Wie ich gestern, ziellos hineingeraten in den Mexx-Laden am Potsdamer Platz, mich plötzlich wohlfühlte und nicht sagen konnte zuerst, woran es lag, und wie ich es dann bemerkte. Die Musik war gut, aber das war es nicht, nein: da war sie, die Mittelklasse, irgendwelche Leute, die irgendwelche mittelpreisigen mittelschrottigen Sachen kauften, unaufgeregt, die Männer ungern, ich mitten unter ihnen, sehr angenehm. Aha, neongelb dieses Jahr, gelang es mir zu denken ohne Groll.

* * *

Von Brüssel habe ich noch nicht viel gesehen. Die idiotischen Schuhe der Schaufensterprostituierten am Nordbahnhof habe ich bemerkt; von manchen der Arbeitsplätze im Turm der Bank aus kann man sie ganztägig sehen. Klassenfrage: Gefallen die idiotischen Schuhe der Prostituierten den Männern, die ihre Kunden sind, und nur mir nicht, oder sollen die idiotischen Schuhe der Prostituierten die Prostituierten soweit deklassieren, daß es plausibel wird, sie für Sex zu bezahlen? Würde sich die Prostituierte, stiege sie von ihren idiotischen Schuhen herab, in ein Mädchen verwandeln, tapsig, gar nicht mal so groß, vielleicht in Socken, das gerne einen Tee hätte?
(In einem unordentlichen convenience store kaufte ich über einen in einem roten Hunde-T-Shirt steckenden nervösen Kleinhund hinweg eine Flasche Wasser. Der Besitzer des Hundes war ein lockiges fahriges Männchen, das ungeschickt Münzen aus einer Geldbörse fummelte; die Kassiererin winkte mich vorbei an ihm und nannte in einem hartem Französisch, hinter dem ich wie hinter allem in Belgien den Schatten des Kongo vermutete, den Preis für mein Wasser; das Männchen sprach auf seinen Hund hinab, daß das Wasser für den Herrn und nicht für den Hund bestimmt sei.)

* * *

Auf dem Rückweg, im Flugzeug, Coil hören: Verrat oder Rückkehr? Rollenwechsel; coilhörend suche ich mit zittrigen Fingern in meiner Geldbörse nach Münzen, um Zigaretten zu bezahlen, die Kassiererin winkt einen Anzug aus dem Bankturm an mir vorbei.

* * *

Aber das Irrsal
Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Noth und die Nacht,
Biß daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind.

link | März 10, 2013 14:41 | Comments (2)



Man parkt den Wagen am Gehsteig. Hitze wallt herein beim Öffnen der Tür, und man greift die knackende Flasche mit längst lauwarmem Mineralwasser einer unbekannten lokalen Marke fester. Ein Steinmäuerchen begrenzt einen Garten — eine richtige kleine Mauer noch, kein steingefüllter Käfig, wie sie modisch geworden sind in den letzten Jahren. Ein Strauch am Rand dieses Gartens (was genau war es?) blockiert den Gehsteig; man öffnet die Tür hinein in den Strauch und duckt sich beim Aussteigen und streift Spinnweben ab. Die im harten Sonnenlicht wabernde Straße erschließt vielleicht zwanzig Grundstücke, zehn links, zehn rechts, und endet in einem dünnen Betonbordstein. Dahinter ein Waldstück, aber zwischen Waldstück und Bordstein ein schmaler Streifen relativer Unordnung, ein unregelmäßig krautbestandenes Stück Land, mit überwachsenen Resten von Abraumhügeln. Über die Baumspitzen dahinter ragt ein Mast; die Szene ist vollkommen geräuschlos bis auf das Zuschlagen der Autotüren und das Schäumen des Wassers in der Flasche.

link | Februar 19, 2013 12:37 | Kommentare deaktiviert



Die Anlage, die ich mir denke, ist auf einem Fels errichtet. Aus der Perspektive eines etwa am Fluß brütenden Vogels betrachtet, ragt sie zwischen den schwankenden Dolden der dort wachsenden riesigen Achillea als reglose Masse auf. Ihr wesentliches Merkmal ist der mächtige Turm, der sich nach unten, in den Fels hinein in derselben Achse, als begehbarer Brunnen fortsetzt. Am Fuße des Brunnens (nur wenig unter dem Niveau des zwischen Felsnadeln, Schwemmgebieten und kleinen Wäldern sich hinwindenden Flusses) sind Keller in den Fels getrieben, in denen ganzjährig eine gleichmäßige feuchte Kälte herrscht und aus denen es, soweit bekannt, keine Verbindung zum Dorf gibt, von dessen sonnenbeschienenen Stiegen sie nur durch wenige Meter Gestein getrennt sind.

Es ist leicht, sich vorzustellen, wie einer hinausträte im Frühjahr, aus einem beheizten Innenraum der Anlage, vor die Tür träte und draußen dieselbe Wärme vorfände wie drin, nur bewegt und weichgeblasen vom Wind; die zertretene Grasnarbe läge dort draußen aus und könnte kaum betreten werden, vollgesogen und empfindlich; kleine Zweige wären verstreut überall, und das braune Land läge noch kraftlos im Blick von dort oben — es ist leicht, sich das vorzustellen.

link | Januar 31, 2013 14:39 | Kommentare deaktiviert



Zwischen der fransigen Linie des bewaldeten Hügellands und dem weicheren Schwarz tiefziehender Dezemberwolkenbänke blieb eine Gruppe langhalsiger Vogelsilhouetten lange genau im grausilberenen Streifen von Helligkeit. Erst, als in der Waldlinie ein tieferer Einschnitt sich auftat und vor dem Lichtstreifen ein rhombenförmiges Denkmal zwischen den laublosen Buchen sichtbar wurde, verschob sich mein Blick weit genug gegen die Formation der Gänse, um ihre schwarzen Körper in der über uns gespannten Dunkelheitskuppel zu verlieren.

link | Dezember 17, 2012 17:05 | Kommentare deaktiviert



Unsortiert: Der Ort, an dem gesprochen wird; was die Bedingungen des Sprechens sind, was als unanständig wahrgenommen wird, was als zu schnell, was als zu langsam, was als sachlich.

Sprechen auf dem Schulhof: Lauter, schneller, witziger, rücksichtsloser. Sprechen an der Universität: eitler mehr auf die Frauen schielend die Männer, deshalb mehr auf ihre Rolle als Frauen achtend die Frauen. Sprechen im Parlament, Sprechen in den Altbaubüros am Rande des Regierungsviertels. Sprechen in der Presse (in der BILD, in der FAZ, im Merkur). Sprechen im Internet.

Der Ort präfiguriert die Ergebnisse über die Modalitäten und Regeln des Sprechens, viel mehr vielleicht als das Denken oder die Herkunft der Gesprächsteilnehmer. (Die natürlich auch über Zugang zum Sprechort schon vorsortiert sind.) Die Rolle körperlicher An/Abwesenheit (physische Präsenz: Alter, Attraktion, Gewaltpotentiale, Zartheiten.)

Was es bedeutet, wenn sich der Diskurs verlagert und den Ort wechselt –

link | Dezember 7, 2012 14:45 | Comments (4)



Johann Holtrop ist ein außerordentlich interessantes Buch, und der Unterschied zur vertrauten Literatur der Gegenwart könnte mir kaum größer erscheinen: Rainald Goetz ist immer genau und rettet sich niemals aus einem erzählerischen Problem in eine zur Offenheit-des-Kunstwerks umdekorierte, sehr leicht herzustellende Vagheit; nie belästigt er mich mit Symbolen und Kunstnebel; dabei ist er sich der Existenzmöglichkeit der Seele so sicher, daß er über sie sprechen kann als normalen Gegenstand, statt ihre Existenz in sprachlicher Performanz immerzu beteuern zu müssen; Goetz erzählt mit einem Erzähler, der nicht mit seiner Überforderung kokettiert, sondern in Welt, Wahrheit und Sprache sicher agiert, sogar wo er falsch liegt — das ist so wahnsinnig erfrischend, einem Erzähler einen Fehlgriff einfach mal verzeihen zu können, statt durch Schichten und Schichten von Kunst-und-Ironie-Absicherungen hindurchgraben zu müssen, um den Burschen überhaupt einmal bei einer Idee oder konkreten Darstellungen zu erwischen.

Johann Holtrop ist damit ein zweifaches Statement zu einer Hochstapelei, die gar niemanden täuschen muß, sondern sich einfach auf die korrupte Begeisterungsbereitschaft der anderen verlassen kann: im Büro im Gegenstand, in der Kunst in der Umsetzung.

Und damit zum Inhalt, ist doch bei diesem Buch die schöne Frage zulässig: Stimmt das? Ist das so? Wenn ich das so einbaue in mein Weltbild, bin ich näher herangekommen an die Wahrheit oder weiter weg von ihr?

Und da habe ich bei aller Begeisterung ein Problem mit Holtrop: Das mag alles stimmen, ich bin bereit es zu glauben; ich bin, jedoch, nicht bereit, es hinzunehmen. Der Effekt ist derselbe wie bei Dickens oder Tom Wolfe — diese abgrundtiefe Boshaftigkeit und Blödigkeit der Leute ist in der Welt sicherlich anzutreffen und plausibel, nur die mich niederschmetternde Generalisierung auf “die sind alle so” mache ich nicht mit. Daß die Umstände, das Büro, das Angestelltendasein, als bestimmend für die Verhaltensweisen der Figuren im Roman angesehen werden müssen, steht immer wieder da — Funktionen und Folgen formaler Organisationen eben. Das entschuldigt und vermenschlicht die unsympathischen Figuren, immerzu möchte man sich ja Holtrops annehmen, ihn sanft in einen Stuhl drücken, ihm einen Tee geben, sagen: Komm erstmal runter, dann gehen wir das gemeinsam durch und finden raus, was zu ändern ist und was eben nicht. Daß Holtrop aber nur an eben der Stelle ist, an der er ist, weil genau das bei ihm nicht funktionieren würde, weil Büro und Angestelltenkonstellation aus allen Bewerbern den hysterisch-kaputtesten, wahnsinnigsten, unrettbarsten Maniker und Hektiker und Konzentrationsverweigerer selektioniert und an der Spitze der Organisation festgesetzt haben, bedeutet gleichzeitig, daß es kein Entrinnen gibt und tatsächlich keine kompetente Führung möglich ist: Nur immer Hochstapelei.

Und das ist nicht wahr, jedenfalls, ich glaube es nicht.

Dabei legt meine eigene Erfahrung nahe, daß Goetz so falsch nicht liegt im Allgemeinen: Vor ungefähr einem Jahr saß ich, beispielsweise, im Londoner Büro eines asiatischen Telefonherstellers, der seinen Angriffsritt auf Apple mit uns plante, und herein in die konzentrierte Produktdiskussion stürmte der einem Flugzeug gerade entstiegene Vorstandsverbindungsmann mit den Worten if you think marketing budgets, think hundreds of millions und schlug die Tür wieder zu und führte sich auch auf der anderen Seite der Glasscheibe und im Folgenden vollkommen holtrophaft auf bis in den Abend bei einem sehr teuren Inder hinein, wo schnelle Autos und das Große Leben für alle am Tisch Versammelten als geradezu unvermeidlich sehr überzeugend dargestellt wurden. Unnötig zu erwähnen, daß ein schlechtes Quartalsergebnis beim Telefonhersteller den Mann samt seinem Produkt spurlos von der Bildfläche verschwinden ließ — ein Muster übrigens, das in Konzernen ja zuverlässig zu beobachten ist: Ernsthaft schlechte Zahlen irgendwo, und weg vom Fenster sind die Hysteriker und Zukunftsnarren.

Auch von anderen Leuten und schließlich von mir selbst kenne ich manche Holtropismen: Die Verachtung fürs Finanzielle und die entsprechenden Sprüche (“Geld und Blech skalieren immer”, hat mich mal ein Vorstand angedröhnt); die Neigung zum Schwafeln, zum Machtleertext, zur hohlen Brillanz als bequemer Alternative zum konkreten und substanziellen Arbeiten am Problem; die Fahrigkeiten und häufigen Themenwechsel, die mit dem Delegieren einhergehen und auch meistens tatsächlich unvermeidlich und sogar nützlich sind. Schließlich den Moment, in dem es darauf ankäme, die bislang breit gestreute und zum Zwecke der Erzeugung von Sicherheit vorgespielte Kompetenz wieder zu aktualisieren und hinabzutauchen in ein lange delegiertes und jetzt komplett fremd gewordenes und von anderen Leuten möglicherweise unbeobachtet über lange Zeit abgefucktes Einzelproblem: Was für eine Kraft es erfordert, sich genau dann, unter maximalem, immer komplett ignorantem Druck, überhaupt zu konzentrieren und genau zu konzentrieren auf dieses eine fremde Detail, das jederzeit sich auch als überschätzt und als das falsche Detail erweisen kann, und dann überfährt einen von hinten die Zeit und die Ratten hatten Recht mit ihrer ohne eigene Ahnung verbreiteten, auf die Person gerichteten Hetzparole “er kann es nicht” — das alles gibt es, es deformiert, es ist schwierig. Aber es ist möglich, manchmal haut man daneben, aber insgesamt ist es möglich und ich habe kompetente Führung eben auch schon erlebt, vor allem aber: reality is king. Wo sich die Ratten und Hochstapler auf Dauer durchsetzen (oder das Rattenhafte und Hochstaplerhafte in zuvor integren Leuten), bricht die Realität ein mit Macht und Posaunen und entfernt sie.

Goetz glaubt, jedenfalls im Holtrop, nicht an die Möglichkeit von kompetenter Führung. Es gibt keine positive Figur, niemanden, der es kann. Keine Chance, ein Angestelltendasein zu überleben — nicht im Management jedenfalls, nicht an der Spitze und, das ist bemerkenswert, auch nicht in der Mitte. Interessant ist Goetz’ Blick auf das mittlere Management, er spricht vom “mittleren Deppen”, durchaus in Komplizenschaft mit seinen Protagonisten: Denn das ist genau die Perspektive der schnelldrehenden Topleute und Strategieberater. In Deutschland heißt das auch “Lehmschicht” (Interessant wäre übrigens die Frage, wo das Wort herkommt. Neulich habe ich es im Zusammenhang mit Siemens wieder gelesen — ist es dort von Beratern etabliert worden oder ist es ein Siemenswort, das die ja in München konzentrierten Berater von Siemens her übernommen haben?) Die Idee bei der “Lehmschicht” ist: Das Topmanagement möchte den Konzern auf die Zukunft vorbereiten und dazu Änderungen vornehmen. Die “Lehmschicht” der mittleren Deppen denkt aber, alles besser zu wissen und macht im Bewusstsein von Unverzichtbarkeit und großer Masse einfach weiter wie bisher — und die nötigen Anpassungen bleiben stecken. Unter der Lehmschicht (so die Perspektive der Topleute) ist die flexiblere Masse der einfachen Mitarbeiter, die man im Zweifel immer zwingen oder tauschen kann — nur kommt man nicht durch durch den in seinem Spezialistentum komplett festgedachten Mittelbau. Ich bin sehr skeptisch, was diese Sicht der Dinge angeht. Natürlich sind die Beharrungskräfte in Unternehmen irgendwo implementiert, und das ist der Mittelbau, aber zumindest in Fällen, wo der Mittelbau irgendwie an die Realität noch angekoppelt ist, verweigert er sich machbaren und verständlichen Änderungen eigentlich nicht grundlos, in meiner bescheidenen Erfahrung, und hat ein gutes Gespür für holtropschen Hektikerunfug und Pseudo — ein etwas sesselfurzerisches und uncooles Gespür, aber kein schlechtes.

Sei das, wie es mag, ich erwähne es vor allem, weil es deutlich macht, wie sehr Goetz auf die Welt der Topleute konzentriert ist im Holtrop und wie nahe er herankommen dürfte an ihren spezifischen Wahn, selbst wo er das Element der Inkompetenz-von-allen überzeichnet (was zum Wahn ja gehört!).
Es gibt nur selten falsche Töne — ich zweifle zum Beispiel an der hohen Berührbarkeit von Thewe durch Mitarbeiter, die irgendwie mit Bau assoziiert sind — die wäre nur in sehr viel kleineren Firmen plausibel, genau wie die Verwendung des Wortes “Chef”. Man sagt “Vorstand”, nicht “Chef”. “Chef” heißt ein Mittelmanager, mit dem man wirklich zusammenarbeitet. Vorstände, auch wenn sie am Standort sitzen und mit zum Thai gehen, sind eher keine “Chefs”.

Irritiert haben mich schließlich die vertrauten Namen und Geschichten, die da so sonderbar neu konfiguriert sind. Stellenweise, vor allem zum Ende hin, liest sich das, als habe man die FAZ- und SZ-Wirtschaftsteile der letzten paar Jahre geschreddert und zu einem Suhrkampbuch neu zusammengeklebt, was so falsch als Beschreibung des Entstehungsprozesses ja gar nicht sein dürfte. Schön und gut: Wirklichkeit Wirklichkeit, Anwälte Anwälte, aber irgendwann dachte ich: Wenn jetzt gleich noch ein schwäbischer Modelleisenbahnhersteller namens Karstadt Pleite geht, les’ ich’s nicht zu Ende. Das passierte dann nicht, aber auf der letzten Seite, als ich also schon ohne Druckmittel war: eine Ratiopharmgeschichte. Ausgetrickst. (Auch: Daß die trashtriviale Ehebruchsgeschichte dann nicht passiert, toll!)

Zusammengefasst: Etwas weniger radikal in der Form, als ich nach den Interviews erwartet hätte, aber was da gemacht worden ist, funktioniert hervorragend, ist interessant, macht großen Spaß und stimmt, wenn auch nicht so allgemein wie angeboten.

Wer das übrigens für ein antikapitalistisches Buch hält, sollte sich mal das Gehirn waschen gehen.

link | Dezember 3, 2012 17:02 | Comments (3)



Vorband irgend so ein Clown, der nach drei Songs ohne Scheiß erklärt, daß er das alles übrigens ernst meint und man doch mal versuchen soll, es so zu lesen. Dann Godspeed. Das SO36 ist an diesem Abend eine Leutesortiermaschine, die Deppen nach hinten sortiert. Im Anfangszustand ist es eng, und das Publikum besteht noch zur Hälfte aus den neuerdings üblichen desinteressierten Arschlöchern, die sich in schlechtem Englisch gegenseitig wegen der Lautstärke volljammern und nur da sind, weil sie zu viel Geld haben, um sich einfach nur irgendwo in einer Kneipe selber auf den Sack zu gehen. Wie immer ist der Trick, eine Insel von vernünftigen Leuten zu finden. Ich entscheide mich für die Zone um zwei Schränke Mitte Fünfzig, bei weitem die Ältesten im Raum. Glatzen, Jeansjacken, kleine runde Brillen, eisgraue Rockerbärte. Rocker, die ihre Gehirne nicht Anfang der 80er an einer Garderobe eingecheckt und vergessen und also den Schuß vermutlich gehört haben: Müssen gute Typen sein. (Ich täusche mich nicht, die beiden gehen ab wie die Zwanzigjährigen und unterhalten sich hinterher in der Garderobenschlange so liebevoll-begeistert über das GLÜCK, man fasst das nicht.) Leider übersehe ich den Blödmann vor mir, der alle paar Sekunden einen Trippelschritt nach hinten, von der Lautstärke weg, macht, seinen Speckrücken an mir hoch und runter reibt, mir seine allerspätestens an diesem Ort komplett alberne Herrenhandtasche in die Eier haut und dauernd von unten seine Kraushaare in meine Nase fusselt. Ich bin kurz davor, ihm zu sagen, was ich von seiner Sorte halte und daß er meinem sich gerade abspielenden GLÜCK im Weg ist, da setzt der sich allen Ernstes hin. Auf den Fußboden im SO36, mitten im Godspeed-Konzert. Von vorn filtern auch schon dauernd welche durch, es wird langsam lichter. Ich nutze die Gelegenheit und weiche nach vorne rechts aus, so daß der Blödmann, als es ihm da unten mit seinem Telefon doch unheimlich wird, jetzt langsam links an mir vorbei sich nach hinten durchpflügt und einer knipsenden Blonden mit Perlenohrringen an der Brust hoch und runter schubbert. Ich kriege das kaum noch mit, es spielt sich nämlich GLÜCK ab. Als ich kurz hochschaue und die Haare aus dem Gesicht mache, sehe ich die Übriggebliebenen, synchron, die Köpfe Richtung Fußboden hauen, alle mit dem gleichen FETTEN GLÜCKLICHEN GRINSEN. Und dann ist irgendwann der letzte Depp vor mir weg und wird, ich traue meinen Augen nicht, vom Universum instantan durch eine HART ROCKENDE Mittzwanzigerin ersetzt. Hochgesteckte Haare, schwarzes labbriges scheißegal-Top, Hose, niedere Stiefel. Sie macht mit zwei bestimmten Armbewegungen Platz für sich, stellt sich hin vor mich und legt los. Das ist eine todernste Sache für die. Ok, denke ich, das ist dann jetzt also die coolste Frau der Welt. Mal sehen, mit wem sie da ist. Dann spielt sich wieder GÜCK ab, und zwar doppelt, weil man ja so jemandem gar nicht zusehen kann ohne daß man selber mit reingerät in den Sog des BRUTALEN ERNSTHAFTEN RELIGIÖSEN ZUHÖRENS und mitmacht. (Godspeed live klingen nicht wie Godspeed, sondern als würde man einen Godspeed-Song durch ein von Brabus getuntes Walzwerk knüppeln.) Als das Licht angeht, denke ich, ok, jetzt mal sehen, mit wem die da ist. Sie dreht sich um, komplett sachlich, wie sie sich hingestellt hat, mitten im Gejohle noch. Schmale Lippen. Geht an mir vorbei und nimmt, drei Reihen hinter mir, ich schwöre, den spitzbärtigsten Einssechzig-Hardcore-Bruder, den man sich denken kann, zärtlich in den Arm. Der hatte einen Bundfalten-Ballon-Rock an und das Standing dafür. Mensch, ist das Leben geil und fair und richtig.

Godspeed You! Black Emperor. Fucking hell.

link | November 9, 2012 1:27 | Comments (3)



Manchmal geschieht es, daß mich die Unruhe im Haus weckt, vermutlich in einer bestimmten Phase des Schlafes oder auf eine bestimmte Art und Weise. Ich bin dann bei Bewusstsein, aber der Teil meines psychischen Apparates, der für alles eine Erklärung hat, bleibt abgeschaltet. Ich kann lange in diesem Zustand bleiben, erst wenn ich mich bewusst entschließe, wieder richtig zu schlafen oder Licht zu machen, endet er. Ich entschließe mich fast nie, lieber richtig zu schlafen oder Licht zu machen, denn

Die Nacht ist von packender Klarheit.

In der Nacht ist nicht zu verstehen, warum ich nicht haben soll, was ich mir wünsche: Im Gegenteil kommen mir die Tage absurd vor; als litte ich tagsüber an einer Behinderung des Fühlvermögens (wie ich nachts an einer Behinderung des Begründungsvermögens leide): Wie kann ich, frage ich mich in der Nacht, mich tagsüber so leicht abfinden mit dem stumpfsinnigen Lärm der Stadt, der Abwesenheit, dem Schweigen, dem Unausgesprochenen, der Verzagtheit, dem schlechterdings unnötigen und skandalösen Entferntsein voneinander? Und ich beschließe unweigerlich, diesem offenkundigen Unsinn sofort ein Ende zu machen gleich am nächsten Morgen — und diese Entschlossenheit hält an, bis ich zum Vorhang greife und Licht ins Zimmer fällt. Der Tag ist von erschreckender Klarheit. Es ist eine andere Klarheit (noch kann ich nicht sagen, welche die eigentliche ist), und langsam nur gewinnt sie gegen die Nachtklarheit; allerhand gute Gründe lassen sich auf den Möbeln nieder, beim Weg in die Küche streife ich sie ab und sammle sie ein. Nichts bleibt von der Klarheit der Nacht, außer einer Erinnerung an Glück und dem der Tagespolizei offenbar als unverdächtig entgangenen unerklärlichen Bedürfnis, sofort Rohmers La Collectionneuse zu sehen.

Der einzige Grund, warum die gründegesättigte, skeptische Tagklarheit im Allgemeinen handlungsleitend ist und nicht die gewissheitssatte, elektrische Nachtklarheit, denke ich, ist eine Asymmetrie: Tagsüber (wenn gehandelt wird) ist mir die Erinnerung an die Klarheiten der Nacht durchaus zugänglich, die skeptische Maschine kann sie einbauen und abtun. Die Nachtklarheit besteht gewissermaßen aus Zuständen, die einfach mal die Wahrheit sind, die Tagesklarheit ist prozedural und wird ständig neu über den Zuständen berechnet.

link | November 8, 2012 11:42 | Comments (2)



Die Frage also, ob die Zukunft vor oder hinter uns liegt: Der Film Berlin Babylon ist kein Dokument einer bestimmten historisch-politischen Situation, sondern einer Stimmung, die möglich ist und einmal wirklich war.

Die Berliner Bauaktivität der Neunziger Jahre, die ja auch Disposition ist für die so umkämpfte Stadtentwicklung dieser Tage, hätte sich im Jahr 2000 schon leicht als Zerstörung einer einzigartigen Postwende-Stadtsituation lesen lassen, also nach dem vertrauten, aber dysfunktionalen Schema: Westgeld und Provinzspießertum tun sich zusammen und legen das wehrlose Biotop Berlin trocken. Nichts dergleichen hört man aber in Berlin Babylon; die Unzufriedenen, die zu Wort kommen, sind weit davon entfernt, die Stadt als Opfer einer von außen kommenden Entwicklung zu sehen — die Stadt glaubt in Berlin Babylon, daß sie endlich ihre Wunden heile, weil sie eine konserviert besiegte Stadt war und ihre Niederlage hinter sich lassen will und zurückkehren zu einer eigentlicheren Form.

Und gerade als das sichtbar wird, das ist das Klügste an diesem Film und über sein eigentliches Thema hinaus interessant, betritt der Engel der Geschichte das Feld, oder vielmehr, er wird bemerkt über der Stadt.

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. (Walter Benjamin)

Der Auftritt des Engels der Geschichte erinnert daran, daß ja gar nicht nur in Berlin gebaut wird, daß Bauen keine unnatürliche Tätigkeit ist, daß Städte immer Städte auf Städte türmen. Das Aufregende an der Berliner Nachwendesituation war nicht die Existenz irgend eines fragilen, seither gestörten Gleichgewichts, sondern lediglich, daß im Durcheinander der Baukräne, für einen historisch kurzen Moment, für alle sichtbar wurde, in welcher Richtung die Zukunft liegt: Hinter uns, dort, wo wir nicht hinsehen können.

Im aus Ruinen auferstandenen Osten war man der Zukunft bekanntlich zugewandt, und im Westen führte der Fortschritt ebenfalls nach vorn — die Vorstellung, daß die Zeit uns (aus der Zukunft) entgegenströmt und wir uns, Gesicht voran, dagegen stemmen, erscheint natürlich. Aber wenn dem so wäre, wären wir blind. Und wir sind nicht blind, wir sehen nur zu genau. (Wir gehen also wohl rückwärts, beim Fortschritt, und wer hier eine pessimistische Aussage wähnt, hat sich immer noch nicht umgedreht.)

Das ist also eine mögliche Stimmung: Diese Traurigkeit bei einem erneuten Versuch, sich in die Zeit hinein zu drehen, bei der Rückkehr in die Geschichte; der vorausgeahnte Schmerz der Erinnerung an eine Zeit, in der es genug war, zu warten.

Wenn sie sich heute streiten über Stadtentwicklung und ihr G-Kampfwort rufen, denke ich das immer mit: Daß das auch Strategien sind, von der eigenen Melancholie abzulenken, die ja nicht zugegeben werden darf, weil alle, durchs ganze Spektrum, immerzu darauf bestehen, in die Zukunft zu schauen.

link | November 6, 2012 1:16 | Kommentare deaktiviert



Porno von Irvine Welsh habe ich hauptsächlich gelesen, weil ich immer noch ein bisschen verknallt in Dianne aus Trainspotting bin und es Gerüchte gab, daß sie in Porno wieder auftauchen würde.

(Zur Erinnerung: Dianne ist extrem cool, weil sie den Geschlechterrollen-Bullshit-Kontrakt zweimal in Folge so sensationell souverän kündigt, dann aber die Taxitür offenlässt und dann bei Rents bleibt. Ähnliche Levels von Coolness erreicht vielleicht noch Lindsay in 24 hours party people.)

Porno enthält dann auch einen guten Anteil fan service, und ja, Dianne ist mit dabei. Vor allem aber bricht das Buch immer wieder aus dem Erzählen ins Essayistische aus und macht Punkte über das Zeitalter der Yuppiekultur, das um die Jahrtausendwende, als das Buch geschrieben wurde, gerade anbrach und ja fortdauert bis heute. Das Wesentliche an dieser Kultur, dieser Art, Geschäft und Leben zu gestalten, ist, bei Welsh, Betrug und die allgemeine Glorifizierung einer bestimmten Art von con man-tum. Das ist jetzt, zehn Jahre nach dem Erscheinen des Buches, schon noch einmal einen Gedanken wert: Es stimmt nämlich vermutlich. Man sieht es am Kult der Authentizität, der ja verschränkt ist bis ins Innerste mit dem allgemeinen Gefühl des Betrogenwerdens; man sieht es am fast unverhohlenen Respekt vor Betrügern auf der einen und der inzwischen schlechterdings hysterischen Situation rund um den Begriff “Transparenz” auf der anderen Seite. Und natürlich gibt es das schon erwähnte GoT, bei dem mich immer noch fassungslos macht, daß das plausibel gefunden wird: Wir sind absolut fasziniert von dem Gedanken, daß man mit Vertrauensbruch und nur mit Vertrauensbruch durchkommt in die glamouröse große Welt.

(Punkte, die ich auslasse, weil sie zwar vermutlich stimmen, mich aber schon beim Ausführen als selbstverständlich gelangweilt haben: Wie echte Yuppies von der Yuppiekultur eigentlich fast unberührt und, wenn man sie trifft, total in Ordnung sind; wie Geschmack — allem Gezeter von materialistisch-Links zum Trotz — einfach wirklich nicht mehr taugt, um Gegner von Verbündeten zu unterscheiden, weil einfach nicht mehr 1789 ist; wie alle sich wünschen, aus dem Betrugsmuster und der fürchterlichen und hässlichen Umwelt, die es erzeugt, ausbrechen zu können; wie es aber ein Realitätssystem ist und nicht abgeschafft werden kann, sondern sich überleben muß; wie… doch, das lohnt sich noch ausführlicher:)

Wie die Trainspotting-Welt tatsächlich sehr viel attraktiver ist als die Porno-Welt:

[…] we [Renton and Sick Boy] both knew that decadence was a bad habit for council tenants. A ridiculous habit in fact. The raison d’être of our class was simply to survive. Fuck that; our punk generation, not only did we thrive, we even had the audacity tae be disillusioned. (Renton)

In der Welt von Porno sind dann alle Sick Boy geworden: Alle (bis hin zu Begbie!) bestehen darauf, businessmen zu sein. Sick Boy aber ist schon weitergezogen: Es geht jetzt nicht mehr um Selbstzerstörung, sondern um Status. Ein ästhetisches Leitprinzip ist also durch das soziale Leitprinzip (das eine, das es gibt) ersetzt worden; kaum eine Verbesserung.

link | Oktober 25, 2012 22:19 | Kommentare deaktiviert



Im Westteil der Stadt bin ich selten unterwegs, und die U-Bahnen sind unvertraut, optisch wie topographisch:  Wir beeilten uns an diesem sehr frühen Morgen, meine Begleiterin und ich, und bemerkten erst im Zug, daß wir die falsche Linie erwischt hatten. Gleich beim nächsten Halt stiegen wir aus und nahmen den Gegenzug. Seltsamerweise fuhr der ohne anzuhalten durch den Bahnhof, in dem wir zuvor so übereilt in die falsche Linie geraten waren, hindurch, und hielt erst südlich davon wieder in einem ungewöhnlich tief gelegenen Bahnhof mit langen, frei durch den Raum laufenden Rolltreppen — dort war ich noch nie gewesen, und einmal mehr wunderte ich mich über den Westen und die runde, farbig-verblichene Moderne dort. Wir erklärten uns den fehlenden Halt mit einer Baustelle oder einem unbenutzbaren Bahnsteig, man kannte das vom Ostkreuz, und erwischten, hastig eine Rolltreppe hinunterlaufend, einen Zug zurück nach Norden. Dieser fuhr allerdings einen rumpelnden Bogen und dann sehr lange geradeaus. Allein im Zug waren wir außerdem, und die Anzeige versprach als nächste Station nicht den Bahnhof, an dem in den richtigen Zug zu gelangen uns heute nicht gelingen wollte, sondern “Wald”. Nach zehn Minuten erst verließ unser Zug den Tunnel und fuhr in den ebenerdigen Bahnhof Wald ein — zwei Bahnsteige, Bahnmülleimer, unbequeme, aber unzerstörbare Drahtgittersitze und Selecta-Automaten darauf, und das übliche Wellblechdach in der Form eines flachen V darüber. Nur wir beide stiegen aus aus dem Zug. Wir sahen uns nach einem Netzplan um, um herauszufinden, wo wir da gelandet sein mochten und wie uns ein Bahnhof namens Wald hatte entgehen können bislang, Westen hin oder her. Der Zug — eine Linie 76, wie wir auf der Anzeigetafel des ersten, jetzt letzten Wagens sahen, fuhr zurück in die Stadt, und der Bahnsteig lag verlassen. Die blauweißschwarzen alten Namensschilder des Bahnhofs waren dunkelblau überklebt: Durch den neuen Namen “Rottende Stadt” sah man das Relief “Wald” sich noch abdrücken. Seltsam genug, aber mochte das sein, wie es wollte, weder nach Wald noch nach Rottende Stadt hatten wir gewollt, wir hatten uns lediglich im Durcheinander offenbar baufälliger West-Linien verfranst. Alles, was wir tun mussten, war den nächsten Zug zurück abzuwarten, einmal umzusteigen, diesmal weniger hektisch, uns von wartenden Zügen nicht verleiten zu lassen, und heute Abend auf Wikipedia nachzusehen, was es mit diesem Wald-Bahnhof auf sich hatte, den die Anwohner eigenmächtig und mit viel Aufwand in “Rottende Stadt” umgelabelt zu haben schienen. Wir warteten also; es war ziemlich zugig und kalt — vor acht Uhr Morgens im Oktober kein Wunder. Nach einigen Minuten schon waren wir nicht mehr allein, eine kleine Gruppe von Menschen sammelte sich am Bahnsteig und wollte in die Innenstadt. Es gab mehrere Herren mit Hut und ein Mädchen mit einem großen Korb roter Zwiebeln. Draußen, vor dem Bahnhof, fuhr ein U-Bahn-Zug vorbei — offenbar eine andere Linie, denn die Weiche in den Waldbahnhof hinein war nicht gestellt. Dann folgte ein Güterzug, eine endlos lange Reihe in der Mitte eingeknickter Tankwaggons. Dann ein U-Bahn-Zug, dann noch einer. Die anderen Fahrgäste standen jetzt ganz am Rand des Perrons und schüttelten die Fäuste gegen die vorbeifahrenden Züge. Ich sah meine Begleiterin an und schlug, da wir unseren Termin ohnehin verpasst hätten inzwischen, vor, uns diesen unbekannten Teil der Stadt anzusehen, bis der Zugverkehr wieder regelmäßig wäre. Inmitten eines auf U-Bahnen wütenden Mobs zu erfrieren, war jedenfalls kaum die bessere Option.

Die rottende Stadt bestand aus zwei sehr großen Gebäuden inmitten von viel Grün: Verschachtelte Blocks mit umlaufenden Gängen, halb mit Holz verkleidete Fassaden, Fenster und Terrassen; eine Brücke zwischen den Häusern führte durch den blassen Morgenhimmel. Überall im Park lagen Berge von Müll, die Häuser umgab ein Kristallreif von zerbrochenem Glas. In den Einfahrten lagen Teile der hölzernen Fassadenverkleidung, weichgefaulte, glasgespickte Fasern. Ein zweites Mädchen mit einem Korb voller Zwiebeln kam uns entgegen, auf dem Weg zum Bahnhof offenbar kam sie aus einer Art Passage, die ins Innere des ersten Blocks führte. Ein zweiflügliges Messingportal stand, längst unbeweglich gemacht von Haufen aus Glas und Laub und Zweigen und Plastiktüten, offen. Trotzdem hatten wir keine Bedenken, einzutreten, hier wohnten offenbar Menschen, harmlose dazu, und die Architektur war auch in ihrem traurigen Zustand einladend und weitläufig und signalisierte die Begehbarkeit der Struktur. Wir nahmen ein paar Abzweigungen — Wandmosaike, leere Anschlagtafeln — und stiegen ein paar breite, flache Treppen hinauf. Diese Treppen wanden sich um Lichtschächte herum, auf deren Gründen in breiten Betonwannen statt der einst dort sicher gepflanzten großblättrigen Gewächse nurmehr Sammlungen von leeren Flaschen zu sehen waren. Die Kugeln der in den Schächten hängenden Lampen waren zerschlagen, nur Kränze von gelblichem Glas mit Lufteinschlüssen umgaben noch die Fassungen.
Desto überraschter waren wir, als wir in einem der weit sich zwischen Säulen erstreckenden Obergeschosse brandaktuell gestaltete Schilder für ein “Sanierungsprojekt Rottende Stadt” sahen und einen offenen Saal. Darin standen in hellem Licht Tafeln, die erklärten, wie die beiden dort so genannten “Modularen Großbauten” neu belebt werden sollten: Es handelte sich bei den Bauten nämlich um Frames, in die und an die kleinere Module ein- und angehängt werden konnten. Das war vor vielen Jahrzehnten den Planern vielversprechend erschienen. Jetzt aber, da nur noch ärmliche Kleinhändler und niedere Beamte, für die niemand mehr Verwendung hatte, hier wohnten, lohnte sich die häufige Umgestaltung der Häuser nicht mehr, und niemand wusste, ob die Aus- und Einhängvorrichtungen noch beweglich wären. Mehrere Modelle zeigten die Häuser der Rottenden Stadt in verschiedenen Konfigurationen aus den Jahrzehnten vor dem Verfall. Durch ein breites Fenster schien die inzwischen ganz aufgegangene Sonne in den Saal herein, und wir sahen das lange, gerade Band des Flusses glänzen, mit den berühmten Brücken und den silbernen Figuren und den Hochhäusern ganz fern im Osten. Es schien mir bei diesem Blick eine ausgewiesene Schande, die Häuser der Rottenden Stadt so verkommen zu lassen, gleichzeitig hasste ich ihre Sanierung schon jetzt: Die ausgestellten Musterheizkörper waren hypermoderne, halbtransparente, hellblaue Quader aus matter Keramik, in denen man das warme Wasser sich bewegen sehen konnte, wenn man achtgab, und draußen, am anderen Ufer eines kleinen Grabens, waren Bagger schon damit beschäftigt, rostrote Stahlgitter von Lastwagen zu laden und in der Sonne aufzuschichten.

Dann begrüßte uns der Architekt. Er betreue die Sanierung, sagte er, und freue sich, daß wir uns dafür interessierten. Ob wir mehr von seinen Plänen sehen wollten? Er öffnete eine Flügeltür in einen Saal, dreimal so hoch und doppelt so breit wie der, aus dem wir kamen, überspannt von einer Stahlrohrkuppel aus Buckminster-Fuller-Waben und einer weißen Plane. Mitten im Raum waren lebensgroße Betonkräne ausgestellt, die, so erklärte der Architekt, außen an den beiden Bauten befestigt werden würden und zusätzliche Einheiten halten könnten.
Jetzt, sagte meine kluge und schöne Begleiterin, werde es ihr langsam ein bisschen zu viel. Dieser Stadtteil habe ihres Wissens zwei gleichermaßen unsinnige Namen, werde vom städtischen U-Bahn-Netz nur versehentlich einmal angefahren und überdies von Zwiebelhändlerinnen bewohnt. Wenn er eines nicht brauche, dann seien es an Kränen aufgehängte Einheiten voller halbtransparenter keramischer Heizelemente. Das, sagte der Architekt, würden wir gleich haben. Dann hängte er meine Begleiterin an einen Haken und wrang ihren Mantel aus, so daß sie als Flüssigkeit unten herausfloß und in einem Abfluß versickerte. Der Architekt schaute mich an und lächelte. In einem dritten Saal könne er mir ein lebensgroßes Modell des zweiten Hauses, im Zustand nach der Sanierung, zeigen, sagte er, und bewegte sich auf eine Flügeltür zu. Was mit meiner Begleiterin sei, fragte ich ihn, und er versicherte mir, daß wir sie selbstverständlich am Ausgang wiedertreffen würden. Als ich ihm sagte, daß ich das nicht selbstverständlich fände, nachdem er sie aus ihrem mir seit Jahren vertrauten Mantel wie eine bunte Flüssigkeit herausgewrungen habe, sah er mich an, als zweifle er an meinem Verstand. Ich wollte auf keinen Fall seinen dritten Saal sehen, und auch die Geschichte mit dem Wiedersehen mit meiner Begleiterin glaubte ich nicht. Ich war vielmehr vernünftigerweise davon überzeugt, daß sie in einem Kellergelaß gefangengehalten würde, und daß ich sie befreien sollte. Der Architekt schritt voran auf seine dritte Tür zu, ich aber kletterte in die Stahlrohrkonstruktion der Hallenkuppel hinauf. Auf einer schon sehr hoch gelegenen Plattform fand ich ein Modell der Halle, in der ich mich befand, aus Lego. Immerhin, dachte ich, endlich ergibt das Sinn und es wird ein Rätsel erkennbar: Ich konnte die Befreiung meiner Begleiterin in Lego planen und dann in Beton tatsächlich durchführen. Solange mir der Architekt nicht dazwischen käme, sollte das alles kein Problem werden — ich musste lediglich daran denken, den Mantel mit ins Verließ zu nehmen, um meine Begleiterin dann wieder hineinzugießen.

link | Oktober 22, 2012 18:44 | Comments (1)



“Eine Folge der westlichen Versessenheit auf Transzendenz, logisch gefasste Negation, die Reinheit der Unterscheidungen und ‘Wahrheit’ ist eine Physik, die immerzu großsprecherisch versichert, kurz vor ihrer Vollendung zu stehen. Unfassbar ist die in solchen Verkündigungen ausgedrückte Verachtung für die Wirklichkeit: Was für eine Katastrophe der Libido muß da passiert sein, daß ein Physiker lächelt, wenn er sagt, die Geheimnisse der Natur seien ausgeschöpft? Wären derlei Aussagen nicht so offenbar Zeugnisse größenwahnsinniger Verwirrung und also selbst längst lächerlich: Kaum wäre es wohl möglich, sich ein schrecklicheres Bild auszumalen als das eines Kosmos, ausgestreckt unter den impertinent ihn betatschenden Fingern grinsender Affen. Und doch ist es kaum überraschend, daß man Seichtigkeit, wenn man sie nur mit hinreichend brutaler Leidenschaft sucht, wenn man bereit ist, hinreichend viel aufzugeben, um sie systematisch zu isolieren, irgendwo in kleinen Mengen finden wird. Das ist sicherlich, auf eine Art, durchaus ein Erfolg: Man hat eine Zone der Dummheit entdeckt und manipuliert, aber das ist alles. Unglücklicherweise ist eine Vorbedingung für das Feingefühl, dies auch zuzugeben — wie Newton das so eloquent getan hat in seinem berühmten Vergleich der Wissenschaft mit dem Ausrechen von Sand am Ufer eines unermesslichen Ozeans (= 0) — ein Minimum an Geschmack, an Noblesse.

Physikalistische Wissenschaft ist eine hochgradig konkrete, entwickelte und vergleichsweise nützliche Philosophie der Trägheit. Ihr Herrschaftsgebiet erstreckt sich über alles, was Gott ergeben ist (er ist tot, aber noch zittert der Lehm). In diesem Gebiet gibt es viele Bereiche, die einstweilen der Kultivierung entkommen sind, ‘Tatsachen des Geistes (spirit)’ zum Beispiel, neben Konstellationen der Fügsamkeit, aber Widerstandsnester sind das nicht. Die Naturwissenschaft ist die Königin, wo immer Legitimität ist; vielleicht gehört ihr die terra firma in Gänze. Niemand würde ihre Rechte übereilt bezweifeln wollen, aber der Ozean ist der Aufstand (und das Land, so wird gemunkelt, schwimmt).

Sogar wenn man die kindische Übertreibung des Mythos von der naturwissenschaftlichen Vollständigkeit beiseite lässt, bleibt eine unbeantwortet Frage hinsichtlich des Erfolgs der Wissenschaft: Es kann keine ernsthaften Zweifel geben, daß die Philosophie von der Naturwissenschaft beschädigt worden ist — sie erwartet sogar ihre Auslöschung. Die Philosophie hat den Punkt erreicht, wo sie alles Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit zu wissen verloren hat, wo der Neid den elterlichen Stolz vollständig verdrängt hat und wo die stilistischen Folgen ihres schlechten Gewissens ihren Diskurs bis zur Unlesbarkeit verwüstet haben. Seit wenigstens einem Jahrhundert, vielleicht zwei, bestand die hauptsächliche Anstrengung der Philosophen darin, die Naturwissenschaftler draußen zu halten. Wie viel Defensivität, armselige Mimikry, grobe Selbsttäuschung, krypto-theologische Obskurantismen und intellektuelle Armseligkeiten bezeichnet der Name ihrer jüngsten morbiden Nachkommenschaft: die Geisteswissenschaften*.

Die erste und elementarste Quelle dieser verallgemeinerten Neurose bei praktizierenden Philosophen und an die Philosophie Angeschlossenen ist ihr Unverständnis hinsichtlich der Frage, wie genau sie eigentlich die Naturwissenschaften hatten hervorbringen können. Sie neigen zu dem Glauben, daß sie schon immer schlechte Naturwissenschaftler gewesen seien, oder zumindest unreife. ‘Wären wir doch besser in Mathe gewesen’ murmeln sie zu sich selbst, während sie sich mit wehmütig-nostalgischem Genuß daran erinnern, daß Newton und Leibniz als Rechner noch gleichauf gewesen zu sein schienen.

Was in solcher Melancholie übersehen wird ist die Tatsache, daß Philosophie zur Naturwissenschaft nicht im Verhältnis einer Vorlage, sondern eines Motors steht. Philosophie war die wesentliche Quelle investigativer Libido, bevor sie durch die Waffenindustrie ersetzt wurde, und wo Naturwissenschaft sich noch nicht vollständig in einen Prozess technischer Herstellung aufgelöst hat, liegt die Differenz genau in einem Einfluß verborgener Philosophie. Denn Philosophie ist die Maschine, die das Versprechen von Denken in Erregung verwandelt; ein Generator. ‘Warum ist das so schwer zu sehen?’ fragt man sich idiotischerweise. Aber schnell dämmert die Antwort: Die Akademiker.

Akademische Wissenschaft ist die Unterordnung der Kultur unter die Metriken der Arbeit. Sie neigt unaufhaltsam zu vorhersagbaren Formen quantitativer Aufblähung, die von einem Investment in eine Abstraktion von Produktivität herrühren. Akademische Wissenschaftler haben einen maßlosen Respekt vor langen Büchern und entwickeln einen fürchterlichen Groll gegen alle, die zu mogeln versuchen. Sie ertragen die Vorstellung nicht, daß Abkürzungen möglich sind, daß Spezialistentum nicht unvermeidlich ist, daß Lernen nicht stoisch ertragen werden muß. Das Allegro des Schreibens können sie nicht ausstehen, und wenn sie lebendige Texte lesen — und sie gar zu schätzen vorgeben — ist das Resultat (und das ist eine großzügige Formulierung) ‘unappetitlich’. Akademische Wissenschaftler schreiben nicht, um gelesen, sondern um gemessen zu werden. Sie wollen, daß die Welt erfahre, daß sie hart gearbeitet haben. So weit hat es die Ethik der Industrie gebracht.”

* im Original deutsch.

(Land, meine Übersetzung.)

Das zur Antwort auf die Frage: Ob irgendjemand für die Wissenschaft gemacht sein könnte. (Ohne selbstverständlich die Wissenschaft, nicht einmal die Geisteswissenschaft, als Interesse oder Lebensmodell zu denunzieren, aber es gilt, dixit spalanzani, das Wesentliche im Blick zu halten: Das libidinöse Investment ins Denken, wesentlich gegen die Tendenz der Institutionen zu seiner Institutionalisierung.)

link | Oktober 17, 2012 15:38 | Comments (11)



Ich erinnere mich an den Traum von Immersion, den ich träumte, lange bevor ich vom Sendai Sleep-Master gehört hatte: Mein 386er kam mir wie der erste einer langen Reihe von Schritten vor, Descent wie eine Errungenschaft auf dem Weg. Die Netzwerknachmittage mit Descent waren Training für eine schnellere, dichtere, intensivere Welt; es galt, Wahrnehmung und Orientierung vorzubereiten auf eine klarere Zukunft mit schärferen Kanten und weniger Tran.

Was ist seither erwachsen geworden? Nur wir? Die den Immersionstraum vergessen haben und uns zufrieden geben mit der alten Welt? Die keine zwei Stunden Gaming mehr ertragen ohne schlechtes Gewissen, daß mit der Zeit doch besseres anzufangen sein müsse? Die ein unklares Überlegenheitsgefühl erzeugen können aus ihrer Ergebenheit an die eine wirkliche Wirklichkeit; einem Heroismus des Erwachsenseins erlegen sind irgendwann?

Dieselbe Frage ließe sich nicht nur Gamern, sondern auch Lesern stellen: Tatsächlich kann kein Leser von Fragments of a Hologram Rose entscheiden, was er wirklich begehrt, ob er in Gibsons Welt oder Gibsons Prosa leben möchte (Fragments of a Hologram Rose ist zuallererst ein fragment of hologram prose) —

link | Oktober 15, 2012 15:32 | Kommentare deaktiviert



Der Vernichtungsmonolith ist die Gesamtheit der (zur Vernichtung entschlossenen) Welt im Aspekt ihrer Zerstörungswut: Insofern sie uns also vor sich erst hertreibt und dann niedermacht, unsere Gesichter zerstört, uns entfernt, alleine lässt, täuscht und entlaubt, verelendet und auseinanderbringt und zurücklässt an abgeräumten Küchentischen, auf denen nur Krümel und Restlicht schwer noch liegen und unelastisch; insofern sie uns konfrontiert mit den Tatsachen und mit ihrem Hang zum brutalen Widerspruch.

Wie geht man um mit dem Vernichtungsmonolithen? Ich kenne die Strategien Geschichtslosigkeit — man tut so, als gäbe es nichts, was durch die Tatsachen verneint würde, eine schreckliche und wirksame Form der Lebensfähigkeit –, Menschenstolz — grimmiges, nutzloses, unbeirrbares Beharren, Kultiviertheit und Streben nach Luzidität –, und, die mutigste, Affirmation — die die Vernichtung begrüßt, in die Wälder geht und den Monolithen feiert.

(Ich würde so gerne besser getäuscht: Könnte nicht hinter meinem Rücken vernichtet werden, muß es so offen und unverhohlen geschehen?)

link | Oktober 10, 2012 18:10 | Kommentare deaktiviert



IRRTUM, der sich im Prinzipiellen versteckt
IRRTUM, der sich im Stolz bläht
IRRTUM, der sich in Kontrolle ergeht
IRRTUM, der nicht warten kann
IRRTUM, der aus der Zukunft lebt
IRRTUM, der nicht in die Welt schaut
IRRTUM, Verbündeter der Absicht
IRRTUM die Möhre
IRRTUM Arsène Lupin
IRRTUM!

link | September 15, 2012 15:43 | Kommentare deaktiviert



Das eine aufgezeichnete Interview mit William Gaddis von 1986 ist offenbar letztes Jahr wieder an der Paywall vorbeigeschmuggelt worden.

Gaddis spricht über die Recognitions und Carpenter’s Gothic, Benimmfragen für Autoren, Langeweile und Bücher, die Reagan-Regierung und Sowjetrussland, sowie, etwas versteckt, immer wieder über das Strukturprinzip gothic.

These buildings were built, especially in this style, very much to be seen from the outside. And then, when you get inside, and I own a house like this up on Hudson River which is obviously where this book came from: A very odd arrangement of rooms, and windows, because the point is you want symmetry outside. Two windows which look like they are side-by-side, under a, an [?], really are in two different rooms. You get into the room and it’s very odd to see a window way down at one end of the room. But the point is to make it look, from outside, to have this symmetry and so forth. [über carpenter gothic, nicht-identisch]

link | August 27, 2012 2:13 | Kommentare deaktiviert



Ich kam vom Fechten, aufgedreht noch und heiß und im Geiste die mehrfach missratenen Aktionen noch einmal durchspielend auf der Suche nach dem Fehler: Wie immer hatte ich mit Einsatz meinen Mangel an Talent kaum wettmachen können, aber es war doch nicht ganz so hoffnungslos gewesen wie in der Woche zuvor. Ich war also in Hochstimmung und mochte mein Bild gern leiden, mit den verschwitzten Haaren, wie es sich in der Straßenbahntür spiegelte und der Nacht dahinter.

Es ergab sich diese Situation: Am Eingang blieb ich stehen, ganz vorn, und setzte den Fechtsack ab vor mir. Auf den vorderen Sitzen saßen zwei dunkelhaarige junge Frauen und unterhielten sich auf Englisch. Rücken an Rücken mit ihnen saß eine große blonde junge Frau in einem grauen Rock, die sehr gut aussah. Auf der anderen Seite des Gangs saß ein junger Mann, ebenfalls groß, schlank, sicher und gutaussehend. Diese beiden gehörten sicher zusammen: A-Exemplare der Spezies, dachte ich mit einem gewissen albernen Stolz.

Die blonde junge Frau schaute zu mir und lächelte mich an. Die Straßenbahn ruckte los, und ich prüfte im Spiegel der Tür, ob es irgendeinen Grund gäbe, in meine Richtung zu lächeln, außer mir: Nein. Die blonde junge Frau prüfte im Spiegel der Tür, was mein Fechtsack für ein sonderbares Ding sei. Als ich sie dabei ertappte, wie sie gerade (so nehme ich aus Erfahrung an) die Gitarrenhypothese verworfen hatte und wieder mich prüfend ansah über die Türbande, lächelte sie noch einmal, offensiv und direkt. Ich wurde ganz benommen von diesem Gelächel.

Die beiden dunkelhaarigen Frauen, die sich auf Englisch unterhielten, kamen, so schloß ich aus ihren Akzenten, nicht aus demselben Land. Die eine war Italienerin, die andere, dachte ich, vielleicht Serbin. Sie unterhielten sich über Beziehungen. Ich erfuhr, daß sie 22 waren; eine von ihnen war mit einer Frau zusammen. Die andere sagte etwas, vielleicht zu sich selbst oder zur Welt, auf Italienisch, was wohl unanständig war: Der sehr gutaussehende junge Mann nämlich drehte sich zu ihr um und sagte grinsend auf Italienisch, daß sie nicht annehmen könne, daß hier keiner Italienisch verstünde. Große Fröhlichkeit und Schäkerei erhob sich, ich lächelte mit und war eigentlich blicklich schon von allen aufgefordert, doch auch in diese Situation einzutreten und etwas beizutragen. Wie üblich verpasste ich den Moment, halb aus Trägheit, halb aus Schüchternheit.

Die beiden redeten dann weiter, und irgendwann sagte die eine:

- And then after some while when you cannot make it work, you accept your fate, right? You separate and move on. I mean, that’s how it works, right? You move on.

Und ich streckte mich aus mir heraus und rief:

- No!

Und dann, erklärend:

- That’s not what you do. It’s not how it works. And fate has nothing to do with it. It’s just you, making choices. But I know, everybody thinks this is how it works when they’re 22. But let me tell you, it’s not fate that you accept, it’s failure. And you do not move on. You won’t move on. Because love and memory is somehow the same thing, as anybody who has listened to Chris Marker will know. I’ll tell you what actually happens. What actually happens is this. You plan to move on and you look forward to it, and then after a while you notice you don’t want to. You’re miserable. For years and years to come, you’re just miserable. You may deny it any try to cover it up and try not to be, you may do stupid things maybe that’ll make you even more miserable. But it won’t help to move on. You’ll spend your evenings wanting to write emails that you cannot write any more, and you’ll get up in the middle of the night and want to send roses and all that, and you’ll be lucky if you wake up fully before you can hit the ‘send’ button on the fleurop site and make a fool out of yourself. And you’ll spill some champagne from your glass, on new year’s eve, when you think nobody’s watching, for the years to come, and silently say “here’s to you” to the night and the fireworks and the fog and the crackling noises around you, to someone who isn’t there and wouldn’t care. Or maybe they would. But you can never know and that’s a scandal, it’s the primordial scandal. That’s what happens.
And you -

an dieser Stelle wandte ich mich den anderen zu, die sich umgedreht hatten zu mir und mir zuhörten mit zunehmendem Leuchten in den Augen:

- and you probably think ‘this is so sweet’ now, but it’s really not. It’s not sweet. Not at all. It’s not about me being romantic. This is but the bitter truth that nobody wants to admit, because the “move on” story is so much more convenient. We want it to be true so badly that we’re all buying into it when we’re 22. And then, after we’ve tried to move on one or two or three times, we’re so much older, and we realise we really don’t have an infinite number of shots. We like to think we’ll just move on and try again, applying what we learned, but we cannot even try again once. We try, and then we try a second time, but we’re trying something else already. It’s not destiny any more, we made a choice, right? And it’s all different and difficult all over again. But there’s places we can’t go and words we can’t say and music we can’t play any more. Memory and love, cruelly, but true to who we once were, won’t let us. It gets really difficult the third time, and more difficult the fourth time, and very hard the fifth, I guess. Because we never move on. We just try to find a spot from where the ruins that are our hearts still look intact. But at some point, we cannot pretend any more that we’re not in ruins. We just are, we look broken from every angle. We may fool ourselves into believing we can love again like we did the first time, or the second, or the third. But we cannot. We can act stupid, and pretend, and look ridiculous, that’s what we can do, or we can be bitter and cynics, which has a certain appeal I guess. But that’s our options. Everybody knows about the ruins, everybody sees the ruins. We know about the ruins. Who are we trying to fool.
And this -

hier hob ich den Fechtsack an mit der rechten Faust und setzte ihn auf der Schulter ab und streifte ihn über den Rücken hinter mich –

- And this is how it will feel. You don’t think it will, but it will. It’s the same for all of us. You want to believe that you’ll move on and that’s how it works. Which is as stupid as it seems to be inevitable. We all make this same mistake and we all end up the same, moving on until we, finally, marry a random person when we realize what was really going on all the time. And we didn’t even want to marry. But we’re scared. When the truth hits us and we’re so old all of a sudden, and we notice the ruins. But it’s too late. The truth is that the only thing that would have worked would have been: To choose wisely. And then. never. quit. ever. Cheat if you must, or don’t bother with fidelity at all if that isn’t your thing, and fight, and beg for forgiveness. But don’t give up. Don’t fuck with love. And that’s the thing to do. But you cannot do this any more when the truth hits you. You should have started to do it at 22.
Sorry. I didn’t want to eavesdrop.

Und da hielt die Bahn und da wollte ich, für den Effekt, die Bahn verlassen, draußen hätte gern ein Gewitter stattfinden dürfen, wenn es nach mir gegangen wäre, aber es war nur dunkel, und ich drückte auf den Türöffner. Nur war leider mein Timing sehr schlecht, und ich musste drei ganze Sekunden auf die grünen Öffnerlichter warten.
Dann winkte ich ihnen, ohne mich umzudrehen, mit dem Handrücken noch einmal zu und verschwand, meinen Fechtsack tragend, durch die aufgleitenden Türen hinaus in die Nacht.

[Manchmal muß man Erasmusstudenten was beibringen. Ein bisschen schäme ich mich, weil ich das alles auf Deutsch nie hätte sagen können, diesen ganzen tumblrtauglichen Lebensweisheits-Kitsch: Der ließ sich nur im automatischen Brabbel der halbbeherrschten Fremdsprache ausrollen, oder rollte sich, vielmehr, selbst in ihm aus.]

[Nachtrag: Interessant, wie das jetzt als "Plädoyer für die große Liebe" verstanden worden ist. Aber nein! Gerade nicht! Es ist, höchstens, eins für jede einzelne Liebe. Die sogenannte Große Liebe ist ja eben eine der Rechtfertigungen für die Leichtfertigkeit, weil: Das soll jetzt die Große Liebe sein? Nicht doch die vorherige, oder die nächste? Und das ist eben der Irrsinn.]

link | August 23, 2012 23:57 | Comments (5)



In Seminar XX, Lacan takes the concept of heterogeneity that emerges in Bataille’s writing out of a particular political context (the left-wing tumult of the 1930s, in which Bataille always insisted on giving voice to the unassimilable) and places it within a generalized psychoanalytic theory. Lacan insists that feminine jouissance and the mystical are the site of the heterogenous real’s emergence and that the goal of analytic discourse is to engender mystical jouissance. According to Lacan, to open oneself to the emergence of the real as feminine jouissance demands that one eschew the masculine subject position of (always in part illusory) power in order to stand on the side of the “not all” or femininity.

Amy Hollywood, Sensible Ecstasy: Mysticism, Sexual Difference, and the Demands of History, p 150.

link | August 23, 2012 1:19 | Kommentare deaktiviert



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