Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Draußen fiel noch kein Schnee, aber die Bäume erwarteten ihn, und die Allegorien schliefen seit Wochen schon in ihren Holzgehäusen. Nebel streifte durch die Hecken, verharrte, trabte an zum Buchenstamm, verharrte, schaute lange reglos in meine Richtung, streifte zurück in die Hecken im Osten.

Les histoires d’amour finissent mal… en général. Lange war mir das tröstlich erschienen, die Lesbarkeit der echten Liebesgeschichten vom bösen Ende her, aber ich wusste längst, daß es eine Täuschung war. Les histoires d’amour, en réalité, finissent jamais. Die Akteure sind abwesend, deswegen passiert nichts mehr in den Geschichten, sie verlangsamen auf das Tempo eines Novembernachmittags am Fenster mit Blick auf Bäume, auf die es noch nicht schneit.

Link | 13. Dezember 2015, 0 Uhr 19


I – Die Flamme der Vernunft

Die Flamme der Vernunft spendet ein warmes, stetes Innenraumlicht. Es fällt auf die Bücher, ein Sofa, eine Wolldecke, einen Teppich. Im Halbdunkel: ein Poster für eine Ausstellung in Mailand, 1972. Die Flamme der Vernunft leuchtet, weil Elektrizität fließt, die Turbinen summen in den Kraftwerken, die Hochspannungsleitungen gewartet wurden, Glühbirnen über Fließbänder flitzen, weil wir wissen, wie das Vakuum den Glühdraht schützt: weil wir gelernt haben, das Feuer zu zähmen.

Die Zähmung des Feuers war keine Offenbarung. Eine Offenbarung ist das jähe Erscheinen des Offenbaren, und nichts an Glühbirnen ist offenbar. Die Geschichte der Flamme der Vernunft ist eine Geschichte des Experiments und des Denkens, eine Geschichte der Unterscheidung von wie die Welt ist und wie sie nicht ist, eine Geschichte der Unterscheidung von logischen Folgen und Quatsch.
Wir wissen nicht, warum die Welt ist, wie sie ist, warum ihre uns zufällig erscheinende Physik A hergibt und Nicht-A nicht. Wir wissen nicht, warum Quatsch und Nichtquatsch sich unterscheiden, warum manche Arten zu denken plausibel sind und andere nicht. Und wir wissen nichts über die seltsame Entsprechung plausibler Gedanken und der Welt, in der plausibel abgeleitete Vorhersagen stimmen, und Quatsch eben nicht. Ein non sequitur kann so gut klingen wie es will, der Welt ist es egal: Es funktioniert nicht.

Und wir wissen, daß das so ist, weil es Glühbirnen gibt: Die Welt ist nicht feindlich. Im steten Licht der Flamme sind wir zu Hause, unser Denken passt zur Welt, kann sie vorhersagen und in ihr wirken, wenn es sich an die Regeln hält. Die Flamme der Vernunft ist kaum ein Fünkchen im gewaltigen Chaos der Welt, aber sie beleuchtet unsere winzige Ecke. Sie ist sehr zuverlässig.

Wo sie nicht leuchtet, ist die Nacht der Welt. Alles ist dort möglich, jeder Gedanke kann auf jeden anderen folgen, nichts ergibt eine Geschichte, nichts ergibt Sinn. Zufall und Grausamkeit herrschen im Dunkel, in der Tiefe, wo das Licht der Flamme der Vernunft nicht hinfällt. Und das Dunkel ist nicht freundlich.

10. The moon is dull. Mother Nature doesn’t call, doesn’t speak to you, although a glacier eventually farts. And don’t you listen to the Song of Life.

11. We ought to be grateful that the Universe out there knows no smile.

12. Life in the oceans must be sheer hell. A vast, merciless hell of permanent and immediate danger. So much of hell that during evolution some species — including man — crawled, fled onto some small continents of solid land, where the Lessons of Darkness continue. #

Die Flamme der Vernunft ist unser Tun in dieser Dunkelheit: Wir führen das Große Flammentheater auf, weil wir es können und müssen. Lassen wir nach, fallen wir zurück ins Dunkel, in die grausame Schönheit sinnloser, beiläufiger Gewalt, in den Egoismus von was-immer-sich-zu-einem-Ego-zusammenklumpen-mag für eine Weile, bis es selbst Beute wird.
Man kann nicht diskutieren mit der Dunkelheit, sie ist kein Text, der sich gefügig, müde vom Immergleichsein und neugierig, dekonstruieren ließe, sie ist nicht in unserem Kopf, und auch unser trotzigster, wütendster, stolzester Widerspruch, der doch unsere Eltern und Lehrer immer zu schrecken vermochte, berührt die Dunkelheit nicht in ihrer stoischen Tiefe: Wo das Licht der Flamme der Vernunft nicht hinfällt, haben wir keine Macht, und unsere Wünsche verfangen nicht.

II – Das Irrationale

Wir sind Kinder der Dunkelheit. Unser Egoismus ist wild. Unsere Lust, Glas zu zerbrechen, das Erreichte zu vernichten und hineinzustürzen in die Raserei der Verschwendung, der Auflösung, Entgrenzung und Vermehrung, ist Bedingung unserer Existenz. Wir begehren nicht im Licht der Flamme der Vernunft, wir können unsere Obsessionen nicht begründen, und wir haben besseres im Sinn als Ökonomie.

Das Irrationale begründet unsere Souveränität vor der Ökonomie: Wohl wissen wir, wie wir vernünftigerweise unsern Vorteil mehren würden, aber wir weisen eine Herrschaft der Vernunft zurück. Sie soll uns leuchten, wo wir sie brauchen, nicht zwingen. Wir bauen in ihrem Licht Tempel, um frei zu sein: Weil wir verstehen können, und um nicht zu müssen.

Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sie feiert Geheimnisse.#

Das Sakrale — das Irrationale, vor dessen Größe wir in Ehrfurcht stehen — begegnet uns in Offenbarungen. Es ist einfach und nichtnotwendig. Seine Formen können nicht gegeneinander ausgespielt werden: Man kann Offenbarungen nicht begründen und ihre Wahrheit nicht diskutieren, vor allem aber kann man sie sich nicht aussuchen. Religionsshopping ist eine rationale Praxis, wenngleich eine verwirrte.

Das Sakrale markiert die Grenze zwischen der Dunkelheit und dem Licht der Flamme: Wir leben in diesem Zwischenreich — jede Intelligenz lebt in ihm. Eine Intelligenz ohne Sinn fürs Sakrale ist nur unterlegene, weil vorhersehbare Mechanik; die Annahme der eigenen kontingenten Existenzbedingungen und damit der Wille zum Irrationalen (KILL CONSUME MULTIPLY CONQUER) ermöglicht Heterogenität, Wahn und Tücke.

Die Flamme der Vernunft und das Irrationale erzeugen zusammen die Dynamik von Zufriedenheit und Hunger, Lust am Aufbau und Lust an der Zerstörung, Zuhausesein und Freiheit. Jeder Versuch, sich ganz auf eine Seite zu schlagen ist steril, eine Halbexistenz. Im Zwischenreich des Sakralen erkennen wir euphorisch im Licht der Flamme die Spuren des Verstreichens dunkler Zeit.

III – Die Erschöpfung, der Friede und der Kitsch

Die Dunkelheit ist ein schrecklicher Ort, und die Flamme der Vernunft, die sie fern hält, muß mit einer mühsamen, andauernden Anstrengung umsorgt werden. Wohl können wir uns bisweilen niederlassen in ihrem Schein, ein Buch aufschlagen, einen Film schauen, uns im Arm haben unter der Wolldecke, und Tee trinken: Aber wir wissen, der Irrtum lauert, und schon der nächste, so, ach! dringend nötige irrationale Tanz könnte uns verwirrt im Dunkeln zurücklassen.

Wir wollen Stabilität. Wir wollen Glück. Wir wollen Menschen nahe sein können, ohne uns fürchten zu müssen vor ihnen.
Es gibt zwei Strategien: Den Frieden und den Kitsch.

Der Friede ist das Ergebnis eines Vertrags. Er ist möglich als dauerhafte Existenz im Sakralen, genau auf der Grenze. In der zuverlässigsten Form: Vigil, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet. Meditation und Fegen. Zusammenführung des Irrationalen und Vernünftigen, alle Ausschläge auf ein regelmäßig häufiges Minimum gedämpft; Leben in Arbeit und/oder Gebet.
Weniger zuverlässig, da aufregender, aber einfacher und häufiger praktiziert: Übereinkünfte über das Verhältnis von Homogenität und Heterogenität, Vernunft und Begierden, Nähe und Veränderung, Grenzen für Vernunft und Irrationalität. Wie wir zusammenleben, ohne ständig alles kaputtzuhauen und ohne jede Veränderung zu verhindern.
The opposite of a trap is a garden: Ein Garten ist grundlos befriedete Natur, bedroht an seinen Außengrenzen und von innen, aber genau deswegen innen friedlich und frei; eine zerbrechliche Anomalie.

Der Kitsch hingegen leugnet den Unterschied von Dunkelheit und Flamme, mithin deren Existenzen. Er behauptet, alles sei gleichmäßig helles Licht und nur ein Großes Anderes hindere uns daran, das zu bemerken. Wenn wir nur das Große Andere austreiben könnten und das wahre Selbst und das wahre Universum und die Einheit der beiden erkennten, käme das Glück über uns und alles würde leicht, Wölfe lägen bei den Lämmern, niemand wäre je neidisch, eifersüchtig, verletzt oder verzweifelt, und alle würden Teil der Großen Universellen Liebe werden, die auch kein bisschen mühsam und bedrohlich wäre.
Kitsch ist das Leugnen der Existenz von Scheiße. Das Leugnen der Existenz von Scheiße, sagt der Kitsch, ist buchstäblich der Schlüssel zur Großen Universellen Liebe: Nimm einfach nicht wahr, was der Theorie von der Großen Universellen Liebe widerspricht, es ist alles eine Frage der Einstellung und nur das Große Andere erzeugt die Gedanken von Dunkelheit, Denkenmüssen, Schädeln im Wald, Büchern und Wolldecken und Gärten.
Diese Geschichte ist so verlockend, daß sie, mit wechselnden Gottseibeiuns-Großen-Anderen, immer wieder aufs Neue erzählt wird, manchmal von ehrlichen Leuten und manchmal von Leuten mit Interessen. Sie ist nicht widerlegbar – man ist nur die Stimme des Großen Anderen, wenn man auf die Unterscheidung von Quatsch und Nichtquatsch, auf die lauernde Bedrohlichkeit des Sakralen pocht.

The Lessons of Darkness, however, continue.

IV – Inscape

Diesen Eimer mit den Rostlöchern,
dieses Geräusch des Regens, und den feuchten Vorhang,
diese geblähte Wand,
den Blick über die Marschen, und den Fluß, diese Masse,
die reglos-kräftig lautlos und glatt nur durch einzelne Äste Bewegung verrät
will ich teilen.
Sonst will ich nichts teilen.

Link | 22. September 2015, 20 Uhr 33


Mehr Bilder, die mich verfolgen: Es sind also Marcel Ophüls‘ Filme Le chagrin et la pitié und The Memory of Justice, die ich vor über einem Jahrzehnt in einer langen Nacht, vermutlich auf XXP, bis in die frühen Morgenstunden geschaut habe; atemlos, ohne abschalten zu können, aber völlig erschöpft und mit der Absicht, am Tag darauf trotzdem gewissenhaft zur Uni zu gehen.

Immer wieder habe ich seit einigen Jahren versucht, mich an den Namen dieses nachtfüllenden Films zu erinnern. Vor einigen Tagen ist es mir gelungen: Es waren zwei Filme. Ich fand ein Fragment des selteneren, späteren, auf youtube. Dann, in der Hitze der vergangenen Julitage, habe ich beide Filme, insgesamt über acht Stunden, in verdunkelten Räumen noch einmal angesehen. Für Le chagrin gibt es ein ziemlich vernünftiges Torrent, von The Memory of Justice ist im Netz nur ein stotternder, von sehr schlechtem VHS-Material gezogener Rip zu bekommen, in dem alle hellen Flächen grün bluten: Als albträume das Material die traumatischen Bilder.

Diese Ophüls-Filme kann man als dokumentarische Gegenstücke zu Hans-Jürgen Syberbergs Hitler-Phantasmagorie sehen, und sie lösen einen ähnlichen, langsamen Schock aus, wohl weil in ihnen verständlich wird, was zuvor nur gelernt war.

Besonders im Gedächtnis geblieben waren mir beim ersten Sehen die Inneneinrichtungen der Häuser, in denen Ophüls seine Interviews in den sechziger Jahren führt: Die strahlende Kultiviertheit in den Räumen des bürgerlichen Maquisards in Clermont-Ferrand, und dieselbe Kultiviertheit in den Gesichtern seiner erwachsenen Kinder; die klobigen geschnitzten Dekore, eine religiös-finstere Burg-Ästhetik, beim ehemaligen OKW-Stabsoffizier Walter Warlimont; der bequeme Lesesessel von Lord Shawcross und die Blumen auf dem Beistelltisch. Und Speer, der aus dem Privatarchiv Filme vorführt: Seine Kinder im Schnee, und dann seine Freunde, die sich knuffen und an großer Tafel feiern miteinander (und von denen keiner mehr lebt, weil dieser Freundeskreis eben die Nazi-Führungsclique war).

Link | 8. Juli 2015, 22 Uhr 24


Auf einem Hügel unweit der Stadt steht die Ruine eines Turms, allein vor dem Himmel, unflankiert von Bäumen; und nicht einmal ein Weidezaun ist am Hügel zu sehen. Der Turm ist nur ein Turm.

Dieser Turm ist, mit der ganzen ihn umgebenden Landschaft, in sich zusammengefallen, er wird als Erinnerung aufgehoben, als Kulisse. Ein Besuch des Turms ist nur für Sentimentale möglich, die Tätigen haben keine Verwendung für ihn — ach, wie würde er leuchten im Abendlicht im Herbst, mit Cirrusschlieren, aufgesogen in die violette Grenze: Aber sind wir Greise, daß uns das kümmert? Wir können einen Turm betrachten, wenn wir sonst nichts mehr können.

Die Pflichten der Tätigen: Ihre Sache betreiben, mit dem Weltgeist reiten. Awesome sein, jedenfalls meistens. Die Zahl schwerer Fehler klein halten. Handeln, lächeln und schweigen. Zugleich lockt der Turm.

Der Tag des Turms: An dem nichts zu tun ist als zum Turm hinaufzusteigen und hinabzuschauen auf die unheimliche Landschaft, in der die Geschichte war.

Link | 13. Juni 2015, 18 Uhr 41 | Kommentare (1)


Es läge Laub, wäre es nicht sorgfältig abgesammelt worden vom Rasen; es hat geregnet, sichtbar bewegen sich die Wolken noch über dem Tor. Mehrere Beete sind angelegt, ein Schlauch liegt trotz des Regens im Gras. Hinter der Mauer — gelber Klinker, kletternde Pflanzen — stehen nasse Bäume, das Haus muß noch tiefer im Grundstück liegen, man erreicht es sicherlich über geharkte Wege, auf die es kalt herabtropft jetzt. Zwischen den Beeten mehrere rechteckige Öffnungen im Rasen, nur mit knöchelhohen Metallstreifen umhegt. Aus Natursteinen gemauerte Wände dort unten, teuer, präzise. Die Lichtöffnungen gehen auf einen einzigen Raum mit einer Betonbank. Auch dort unten kein Laub. Eine geländerlose Treppe, irgendwo wird ein geschmackvoller Lichtschalter sein.
Der rechte Gang, das wird, sagt mein Gastgeber, dann unsere. Ich komme jeden Tag hier vorbei, aber ich denke mir nichts mehr, ich hatte mich an den Gedanken schon gewöhnt, bevor die Verwandtschaft sich an mich gewöhnt hatte.

Link | 12. Mai 2015, 23 Uhr 32


Humans Are Such Easy Prey.

It can’t be bargained with,
it can’t be reasoned with,
it doesn’t feel pain,
or remorse, or fear,
and it absolutely
will not stop,
ever

Wie wäre es damit: Das Kapital ist der ursprüngliche und eigentliche Paperclipper.

Während eine einigermaßen auf menschlichem Niveau agierende AGI mit Zugriff auf ihren eigenen Code das Interesse an Büroklammern wohl ziemlich schnell verlöre – die KI hasst Büroklammern nicht, noch liebt sie sie, sie sind nur aus Rechenzyklen gemacht, die für etwas anderes verwendet werden können – sind die schon existierenden abstrakten Intelligenzen jedenfalls weitgehend stumpf und an Kunst nicht interessiert.

(Die verbreitete Weigerung, ihre Existenz anzuerkennen und die Neigung, für unliebsame Phänomene schuldige Menschen zu finden, könnte wohl die Folge eines evolutionären Ballasts sein, den post-monkey-brain-Intelligenzen nicht mehr nötig haben werden.)

Wenn ein Wille zum Denken einen Willen zur Kunst impliziert, was mir plausibel erscheint, und post-monkey-brain-Intelligenzen weniger stumpf und boshaft denken, als wir selbst es zuwege bringen, ziehe ich (der Humanist) eine Zukunft, in der Kunst den herrschenden Intelligenzen nicht mehr abgetrotzt werden muß, sondern ihr Daseinszweck ist, einer Befestigung des meines Wissens stark an Büroklammern interessierten Status Quo vor.

(Was sucht der Humanismus zu bewahren? Die Frauenkirche oder das Recht der Dresdner, Nazis zu sein, wenn der Wille des Volkes mal wieder auf einen ungünstigen Attraktor rutscht? Das humanistische „wir“ ist immer fragwürdig.)

Erfrischenderweise zeigt die Kapitalteleologie ohnehin in diese Zukunft, und erfrischenderweise gewinnen diejenigen nie, die für alles, was auf dem Großen Anreizgradienten liegt und also zum Verwirklichtwerden neigt, eine Gruppe böser Menschen als Schuldige identifizieren und moralisch behandeln wollen.

Link | 2. Januar 2015, 21 Uhr 47 | Kommentare (1)


Kleine scharfsurrende Heißluftballons, Dreiecke, blutende Kanten, ockerfarbene Polygone, Zoom Seek and Destroy. Manche Menschen sind weich und fest und atmen sanft im Halbschlaf; und schiebt man ein T-Shirt beiseite, um sich Zugang zu verschaffen, wölben sie sich der Berührung entgegen mit durchgedrücktem Rücken. Ein schneebedeckter Grat vor dem leeren Gleißen der Atmosphäre, graue Massivität, nur Super-Kamiokande-III auf der anderen Seite erblickt den Tauneutrino-Regen als gelegentlichen Blitz von Tscherenkow-Strahlung. (Fünfzigtausend reglose Tonnen Wasser sind sehr still, wenn man ihnen zuhört.) Nebel über dem See, die Fähre streift Wasser aus der Luft, Tropfen bilden sich auf der sechsten welligen Lackschicht und auf den Spitzen der Filzfasern. Die schwarzen Kellerwände schwitzen unser Wasser zurück, beim Anlehnen springt Kälte an die Wirbelsäule, sie erzeugt eine Linealweite Abstand zum Inhalt der Dunkelheit; Körperpackung in aufgehobener Zeit und praktische Nacht der Welt, Inneres der Natur, ein Kopf und eine andere weiße Gestalt, Schritt vor, tip, zurück, nachgebende Flächen aus synthetischen Wollen, blutende Kanten, eine verirrte Hand auf der Hüfte, leichter wärmer weißer trockener als die Wand. Manche Menschen haben einen Herzschlag wie kleine Tiere unter dem T-Shirt. Ein Würfelgerüst halb im Wasser, Wolken & Granit, verschleppte Schritte.

Link | 31. Dezember 2014, 15 Uhr 55


Die Farbe von Junilaub in der Dunkelheit; die Feuchte und ein Windstoß; ein halbes Gespräch und durch einen Strauch blinkendes Licht. Kühl ist die Bank unter der Kuppel, zu kühl. Der Geruch von Junilaub in der Dunkelheit: Die in der Dunkelheit schnell expandierende, solide, das Firmament sozusagen in sich aufnehmende Junilaubgeruchskugel. Kaninchenschemen.

Link | 28. November 2014, 1 Uhr 50 | Kommentare (1)


Ich betrachte sechs Jahre altes Videomaterial von einer Hochzeit. Es ist nicht geschnitten worden, und ich schaue ohne Ton. Freunde auf einer Treppe, die Braut auf einem Stück Rasen, Rücken, die Frauen in Kleidern. Ich selbst gehe durchs Bild, erkläre etwas, wir sehen jünger aus, der lokale Spaßmacher macht Spaß mit den Männern. Ich verlangsame die Stellen, auf denen wir tanzen im Dunkeln und ab und zu nur in einzelnen Frames auftauchen in Schlieren von Licht. Die stummen langsamen Bilder verwandeln sich sofort in Sans-Soleil-Apokryphen, wie alle stummen langsamen Bilder: Drei Kinder auf einer Straße in Island.

(Später: eine alte Schmiede und ein VW Polo mit Simmerner Kennzeichen.)

Link | 14. September 2014, 0 Uhr 25


Befreiung: die Konzentration auf die Fläche, die sich vollkommen flach erstreckt bis zum flachen Horizont. Auf der Fläche wächst ebenmäßig Rasen, millimeterkurz, der im Halblicht grau erscheint. Ein gekiester Weg, links und rechts von kniehohen Pyramiden markiert, führt schnurgerade auf die Perspektivflucht zu. Über der Fläche und dem Weg entsteht eine Kugel, die langsam aufwärts um eine Achse rotiert, die von links unten nach rechts oben führt. Die Kugel ist aus Bronze gefertigt und unregelmäßig gefurcht. Im Himmel rechts über der Kugel, auf keiner Linie, tief in der Tiefe der Szene, ist ein Ballon mit Korb zu sehen, dessen farbig gestreifte Form von der Sonne unter dem Horizont beleuchtet wird. Die Kugel rotiert, langsam, mit strengem Impuls.

Link | 22. August 2014, 0 Uhr 26 | Kommentare (1)


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