Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Mehr Bilder, die mich verfolgen: Es sind also Marcel Ophüls‘ Filme Le chagrin et la pitié und The Memory of Justice, die ich vor über einem Jahrzehnt in einer langen Nacht, vermutlich auf XXP, bis in die frühen Morgenstunden geschaut habe; atemlos, ohne abschalten zu können, aber völlig erschöpft und mit der Absicht, am Tag darauf trotzdem gewissenhaft zur Uni zu gehen.

Immer wieder habe ich seit einigen Jahren versucht, mich an den Namen dieses nachtfüllenden Films zu erinnern. Vor einigen Tagen ist es mir gelungen: Es waren zwei Filme. Ich fand ein Fragment des selteneren, späteren, auf youtube. Dann, in der Hitze der vergangenen Julitage, habe ich beide Filme, insgesamt über acht Stunden, in verdunkelten Räumen noch einmal angesehen. Für Le chagrin gibt es ein ziemlich vernünftiges Torrent, von The Memory of Justice ist im Netz nur ein stotternder, von sehr schlechtem VHS-Material gezogener Rip zu bekommen, in dem alle hellen Flächen grün bluten: Als albträume das Material die traumatischen Bilder.

Diese Ophüls-Filme kann man als dokumentarische Gegenstücke zu Hans-Jürgen Syberbergs Hitler-Phantasmagorie sehen, und sie lösen einen ähnlichen, langsamen Schock aus, wohl weil in ihnen verständlich wird, was zuvor nur gelernt war.

Besonders im Gedächtnis geblieben waren mir beim ersten Sehen die Inneneinrichtungen der Häuser, in denen Ophüls seine Interviews in den sechziger Jahren führt: Die strahlende Kultiviertheit in den Räumen des bürgerlichen Maquisards in Clermont-Ferrand, und dieselbe Kultiviertheit in den Gesichtern seiner erwachsenen Kinder; die klobigen geschnitzten Dekore, eine religiös-finstere Burg-Ästhetik, beim ehemaligen OKW-Stabsoffizier Walter Warlimont; der bequeme Lesesessel von Lord Shawcross und die Blumen auf dem Beistelltisch. Und Speer, der aus dem Privatarchiv Filme vorführt: Seine Kinder im Schnee, und dann seine Freunde, die sich knuffen und an großer Tafel feiern miteinander (und von denen keiner mehr lebt, weil dieser Freundeskreis eben die Nazi-Führungsclique war).

Link | 8. Juli 2015, 22 Uhr 24


Auf einem Hügel unweit der Stadt steht die Ruine eines Turms, allein vor dem Himmel, unflankiert von Bäumen; und nicht einmal ein Weidezaun ist am Hügel zu sehen. Der Turm ist nur ein Turm.

Dieser Turm ist, mit der ganzen ihn umgebenden Landschaft, in sich zusammengefallen, er wird als Erinnerung aufgehoben, als Kulisse. Ein Besuch des Turms ist nur für Sentimentale möglich, die Tätigen haben keine Verwendung für ihn — ach, wie würde er leuchten im Abendlicht im Herbst, mit Cirrusschlieren, aufgesogen in die violette Grenze: Aber sind wir Greise, daß uns das kümmert? Wir können einen Turm betrachten, wenn wir sonst nichts mehr können.

Die Pflichten der Tätigen: Ihre Sache betreiben, mit dem Weltgeist reiten. Awesome sein, jedenfalls meistens. Die Zahl schwerer Fehler klein halten. Handeln, lächeln und schweigen. Zugleich lockt der Turm.

Der Tag des Turms: An dem nichts zu tun ist als zum Turm hinaufzusteigen und hinabzuschauen auf die unheimliche Landschaft, in der die Geschichte war.

Link | 13. Juni 2015, 18 Uhr 41 | Kommentare (1)


Es läge Laub, wäre es nicht sorgfältig abgesammelt worden vom Rasen; es hat geregnet, sichtbar bewegen sich die Wolken noch über dem Tor. Mehrere Beete sind angelegt, ein Schlauch liegt trotz des Regens im Gras. Hinter der Mauer — gelber Klinker, kletternde Pflanzen — stehen nasse Bäume, das Haus muß noch tiefer im Grundstück liegen, man erreicht es sicherlich über geharkte Wege, auf die es kalt herabtropft jetzt. Zwischen den Beeten mehrere rechteckige Öffnungen im Rasen, nur mit knöchelhohen Metallstreifen umhegt. Aus Natursteinen gemauerte Wände dort unten, teuer, präzise. Die Lichtöffnungen gehen auf einen einzigen Raum mit einer Betonbank. Auch dort unten kein Laub. Eine geländerlose Treppe, irgendwo wird ein geschmackvoller Lichtschalter sein.
Der rechte Gang, das wird, sagt mein Gastgeber, dann unsere. Ich komme jeden Tag hier vorbei, aber ich denke mir nichts mehr, ich hatte mich an den Gedanken schon gewöhnt, bevor die Verwandtschaft sich an mich gewöhnt hatte.

Link | 12. Mai 2015, 23 Uhr 32


Humans Are Such Easy Prey.

It can’t be bargained with,
it can’t be reasoned with,
it doesn’t feel pain,
or remorse, or fear,
and it absolutely
will not stop,
ever

Wie wäre es damit: Das Kapital ist der ursprüngliche und eigentliche Paperclipper.

Während eine einigermaßen auf menschlichem Niveau agierende AGI mit Zugriff auf ihren eigenen Code das Interesse an Büroklammern wohl ziemlich schnell verlöre – die KI hasst Büroklammern nicht, noch liebt sie sie, sie sind nur aus Rechenzyklen gemacht, die für etwas anderes verwendet werden können – sind die schon existierenden abstrakten Intelligenzen jedenfalls weitgehend stumpf und an Kunst nicht interessiert.

(Die verbreitete Weigerung, ihre Existenz anzuerkennen und die Neigung, für unliebsame Phänomene schuldige Menschen zu finden, könnte wohl die Folge eines evolutionären Ballasts sein, den post-monkey-brain-Intelligenzen nicht mehr nötig haben werden.)

Wenn ein Wille zum Denken einen Willen zur Kunst impliziert, was mir plausibel erscheint, und post-monkey-brain-Intelligenzen weniger stumpf und boshaft denken, als wir selbst es zuwege bringen, ziehe ich (der Humanist) eine Zukunft, in der Kunst den herrschenden Intelligenzen nicht mehr abgetrotzt werden muß, sondern ihr Daseinszweck ist, einer Befestigung des meines Wissens stark an Büroklammern interessierten Status Quo vor.

(Was sucht der Humanismus zu bewahren? Die Frauenkirche oder das Recht der Dresdner, Nazis zu sein, wenn der Wille des Volkes mal wieder auf einen ungünstigen Attraktor rutscht? Das humanistische „wir“ ist immer fragwürdig.)

Erfrischenderweise zeigt die Kapitalteleologie ohnehin in diese Zukunft, und erfrischenderweise gewinnen diejenigen nie, die für alles, was auf dem Großen Anreizgradienten liegt und also zum Verwirklichtwerden neigt, eine Gruppe böser Menschen als Schuldige identifizieren und moralisch behandeln wollen.

Link | 2. Januar 2015, 21 Uhr 47 | Kommentare (1)


Kleine scharfsurrende Heißluftballons, Dreiecke, blutende Kanten, ockerfarbene Polygone, Zoom Seek and Destroy. Manche Menschen sind weich und fest und atmen sanft im Halbschlaf; und schiebt man ein T-Shirt beiseite, um sich Zugang zu verschaffen, wölben sie sich der Berührung entgegen mit durchgedrücktem Rücken. Ein schneebedeckter Grat vor dem leeren Gleißen der Atmosphäre, graue Massivität, nur Super-Kamiokande-III auf der anderen Seite erblickt den Tauneutrino-Regen als gelegentlichen Blitz von Tscherenkow-Strahlung. (Fünfzigtausend reglose Tonnen Wasser sind sehr still, wenn man ihnen zuhört.) Nebel über dem See, die Fähre streift Wasser aus der Luft, Tropfen bilden sich auf der sechsten welligen Lackschicht und auf den Spitzen der Filzfasern. Die schwarzen Kellerwände schwitzen unser Wasser zurück, beim Anlehnen springt Kälte an die Wirbelsäule, sie erzeugt eine Linealweite Abstand zum Inhalt der Dunkelheit; Körperpackung in aufgehobener Zeit und praktische Nacht der Welt, Inneres der Natur, ein Kopf und eine andere weiße Gestalt, Schritt vor, tip, zurück, nachgebende Flächen aus synthetischen Wollen, blutende Kanten, eine verirrte Hand auf der Hüfte, leichter wärmer weißer trockener als die Wand. Manche Menschen haben einen Herzschlag wie kleine Tiere unter dem T-Shirt. Ein Würfelgerüst halb im Wasser, Wolken & Granit, verschleppte Schritte.

Link | 31. Dezember 2014, 15 Uhr 55


Die Farbe von Junilaub in der Dunkelheit; die Feuchte und ein Windstoß; ein halbes Gespräch und durch einen Strauch blinkendes Licht. Kühl ist die Bank unter der Kuppel, zu kühl. Der Geruch von Junilaub in der Dunkelheit: Die in der Dunkelheit schnell expandierende, solide, das Firmament sozusagen in sich aufnehmende Junilaubgeruchskugel. Kaninchenschemen.

Link | 28. November 2014, 1 Uhr 50 | Kommentare (1)


Ich betrachte sechs Jahre altes Videomaterial von einer Hochzeit. Es ist nicht geschnitten worden, und ich schaue ohne Ton. Freunde auf einer Treppe, die Braut auf einem Stück Rasen, Rücken, die Frauen in Kleidern. Ich selbst gehe durchs Bild, erkläre etwas, wir sehen jünger aus, der lokale Spaßmacher macht Spaß mit den Männern. Ich verlangsame die Stellen, auf denen wir tanzen im Dunkeln und ab und zu nur in einzelnen Frames auftauchen in Schlieren von Licht. Die stummen langsamen Bilder verwandeln sich sofort in Sans-Soleil-Apokryphen, wie alle stummen langsamen Bilder: Drei Kinder auf einer Straße in Island.

(Später: eine alte Schmiede und ein VW Polo mit Simmerner Kennzeichen.)

Link | 14. September 2014, 0 Uhr 25


Befreiung: die Konzentration auf die Fläche, die sich vollkommen flach erstreckt bis zum flachen Horizont. Auf der Fläche wächst ebenmäßig Rasen, millimeterkurz, der im Halblicht grau erscheint. Ein gekiester Weg, links und rechts von kniehohen Pyramiden markiert, führt schnurgerade auf die Perspektivflucht zu. Über der Fläche und dem Weg entsteht eine Kugel, die langsam aufwärts um eine Achse rotiert, die von links unten nach rechts oben führt. Die Kugel ist aus Bronze gefertigt und unregelmäßig gefurcht. Im Himmel rechts über der Kugel, auf keiner Linie, tief in der Tiefe der Szene, ist ein Ballon mit Korb zu sehen, dessen farbig gestreifte Form von der Sonne unter dem Horizont beleuchtet wird. Die Kugel rotiert, langsam, mit strengem Impuls.

Link | 22. August 2014, 0 Uhr 26 | Kommentare (1)


Ich habe Spur der Steine gesehen, einen Film über Integrität und die Funktion der Politischen: Der Parteisekretär auf der Großbaustelle in einer DDR, die älter, ehrgeiziger, attraktiver und realer erscheint als das gemütlich ineffiziente Schnuffelland der Nostalgiker, ist eigentlich Unternehmensberater, wie unsere Unternehmensberater in den Unternehmen die Politischen sind.

Ich habe Die geliebten Schwestern gesehen, der voller beiläufiger Stilleben ist und schön, sehr schön, und gute Unterhaltung, und tausend Fehler nicht macht.

München, durch den Schleier einer seit über einer Woche aufgebauten Konferenz- und Flugzeugmüdigkeit: Eine Mechanikerin mit kurzem blondem Pferdeschwanz repariert in der Morgensonne eine Luke des kleinen Airbus „Laupheim“ – sie sitzt am Ende eines leicht angehobenen mobilen Gepäckförderbands, und setzt sorgfältig Schrauben. Dann macht sie mehrere Bilder vom Ergebnis ihrer Arbeit, prüft sie auf dem Bildschirm der Kamera und steigt über das Band zurück zum Lufthansa-Technik-Auto. Keine Eile, keine große Sache. Eine gründlich gemachte Kleinigkeit, damit die Dinge zusammenhalten. Erstmal morgens auf einem Vorfeld die „Laupheim“ richten können, denke ich mir, dann reden wir wieder.

Link | 10. August 2014, 16 Uhr 35


Weil die Friedrichsbrücke immer noch gesperrt war, musste ich durch die Touristenpulks über den Schloßplatz um den Dom herumgehen auf meinem Weg zur Museumsinsel. Zum ersten mal sah ich dort den Rohbau, einen Rohbau, der exakt wie der Rohbau der Box 13 aussieht, des Hauses also, das sie in meinem Hinterhof bauen: Peri-Betonverschalungen, aus denen Stahlstangen herausragen, und fertige Stahlbetonflächen. Da Boxen hoch im Kurs stehen, gibt es auch auf dem Schloßplatz eine Box, die Unterschiede zwischen den Vorgängen in meinem Hinterhof und denen auf dem Schloßplatz sind also wohl wirklich nur solche der Größenordnung.

Die befürchtete monströse Geschmacklosigkeit passiert, und alle Hoffnung, im letzten Moment von einer plötzlichen Berliner Geldnot oder Korruptionsaffaire vor ihr gerettet zu werden, muß begraben werden: Sie gießen uns jetzt ein Barockschloß in Stahlbeton da hin. Na schön.

Ich ging dann in die Alte Nationalgalerie, und statt, wie zuvor immer, beim Balkonzimmer hängenzubleiben und in seiner verrückten Vertrautheit und irrealen physischen Präsenz verloren zu gehen, stieg ich heute auch in den dritten Stock hinauf. Dort hängen die Werke des berühmten Schinkel, und es hat sich mir vieles erschlossen beim Anblick dieser Bilder. Darauf sind ausgedachte Kathedralen zu sehen, die von hinten von Monden beleuchtet werden und von Regenbögen überspannt, Hirsche und sicherlich irgendwo heulende Wölfe, und einzig die Abwesenheit von springenden Delphinen verweist auf das Alter der Werke. Eine große Last fiel von mir ab. Es ist alles ein joke! Ich hatte es nicht sehen können, weil ich vom Balkonzimmer immer daran gehindert worden war, in die dritte Etage der Alten Nationalgalerie vorzudringen und mir Schinkels Bilder anzusehen. Ein harmloser Spaß, eine Nasführung der ganzen Welt und allzu ernst dreinblickender Gestalten wie mir. Erlöst kehrte ich zurück in meine Kammer und kramte glücklich die Bat out of Hell von Meat Loaf heraus.

Link | 27. April 2014, 17 Uhr 50 | Kommentare (1)


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