Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Befreiung: die Konzentration auf die Fläche, die sich vollkommen flach erstreckt bis zum flachen Horizont. Auf der Fläche wächst ebenmäßig Rasen, millimeterkurz, der im Halblicht grau erscheint. Ein gekiester Weg, links und rechts von kniehohen Pyramiden markiert, führt schnurgerade auf die Perspektivflucht zu. Über der Fläche und dem Weg entsteht eine Kugel, die langsam aufwärts um eine Achse rotiert, die von links unten nach rechts oben führt. Die Kugel ist aus Bronze gefertigt und unregelmäßig gefurcht. Im Himmel rechts über der Kugel, auf keiner Linie, tief in der Tiefe der Szene, ist ein Ballon mit Korb zu sehen, dessen farbig gestreifte Form von der Sonne unter dem Horizont beleuchtet wird. Die Kugel rotiert, langsam, mit strengem Impuls.

Link | 22. August 2014, 0 Uhr 26 | Kommentare (1)


Ich habe Spur der Steine gesehen, einen Film über Integrität und die Funktion der Politischen: Der Parteisekretär auf der Großbaustelle in einer DDR, die älter, ehrgeiziger, attraktiver und realer erscheint als das gemütlich ineffiziente Schnuffelland der Nostalgiker, ist eigentlich Unternehmensberater, wie unsere Unternehmensberater in den Unternehmen die Politischen sind.

Ich habe Die geliebten Schwestern gesehen, der voller beiläufiger Stilleben ist und schön, sehr schön, und gute Unterhaltung, und tausend Fehler nicht macht.

München, durch den Schleier einer seit über einer Woche aufgebauten Konferenz- und Flugzeugmüdigkeit: Eine Mechanikerin mit kurzem blondem Pferdeschwanz repariert in der Morgensonne eine Luke des kleinen Airbus „Laupheim“ – sie sitzt am Ende eines leicht angehobenen mobilen Gepäckförderbands, und setzt sorgfältig Schrauben. Dann macht sie mehrere Bilder vom Ergebnis ihrer Arbeit, prüft sie auf dem Bildschirm der Kamera und steigt über das Band zurück zum Lufthansa-Technik-Auto. Keine Eile, keine große Sache. Eine gründlich gemachte Kleinigkeit, damit die Dinge zusammenhalten. Erstmal morgens auf einem Vorfeld die „Laupheim“ richten können, denke ich mir, dann reden wir wieder.

Link | 10. August 2014, 16 Uhr 35


Weil die Friedrichsbrücke immer noch gesperrt war, musste ich durch die Touristenpulks über den Schloßplatz um den Dom herumgehen auf meinem Weg zur Museumsinsel. Zum ersten mal sah ich dort den Rohbau, einen Rohbau, der exakt wie der Rohbau der Box 13 aussieht, des Hauses also, das sie in meinem Hinterhof bauen: Peri-Betonverschalungen, aus denen Stahlstangen herausragen, und fertige Stahlbetonflächen. Da Boxen hoch im Kurs stehen, gibt es auch auf dem Schloßplatz eine Box, die Unterschiede zwischen den Vorgängen in meinem Hinterhof und denen auf dem Schloßplatz sind also wohl wirklich nur solche der Größenordnung.

Die befürchtete monströse Geschmacklosigkeit passiert, und alle Hoffnung, im letzten Moment von einer plötzlichen Berliner Geldnot oder Korruptionsaffaire vor ihr gerettet zu werden, muß begraben werden: Sie gießen uns jetzt ein Barockschloß in Stahlbeton da hin. Na schön.

Ich ging dann in die Alte Nationalgalerie, und statt, wie zuvor immer, beim Balkonzimmer hängenzubleiben und in seiner verrückten Vertrautheit und irrealen physischen Präsenz verloren zu gehen, stieg ich heute auch in den dritten Stock hinauf. Dort hängen die Werke des berühmten Schinkel, und es hat sich mir vieles erschlossen beim Anblick dieser Bilder. Darauf sind ausgedachte Kathedralen zu sehen, die von hinten von Monden beleuchtet werden und von Regenbögen überspannt, Hirsche und sicherlich irgendwo heulende Wölfe, und einzig die Abwesenheit von springenden Delphinen verweist auf das Alter der Werke. Eine große Last fiel von mir ab. Es ist alles ein joke! Ich hatte es nicht sehen können, weil ich vom Balkonzimmer immer daran gehindert worden war, in die dritte Etage der Alten Nationalgalerie vorzudringen und mir Schinkels Bilder anzusehen. Ein harmloser Spaß, eine Nasführung der ganzen Welt und allzu ernst dreinblickender Gestalten wie mir. Erlöst kehrte ich zurück in meine Kammer und kramte glücklich die Bat out of Hell von Meat Loaf heraus.

Link | 27. April 2014, 17 Uhr 50 | Kommentare (1)


Spätestens das Accelerate Manifesto etabliert den Akzelerationismus als Ding. Wie immer man sonst zu diesem Manifest steht, zumindest kurzfristig erzeugt es Aufmerksamkeit für die Möglichkeit eines aufbau- statt zerstörungsorientierten linken Projekts und der politischen Auswertung eines Energieschubs aus der Philosophie. Strategisch könnte das ausgesprochen wertvoll sein, weil ein überzeugendes akzelerationistisches Projekt bis weit ins Bürgertum hinein anschlußfähig wäre.

Unglücklicherweise ist das Manifest ein Produkt uneingestandener Ehrfurcht und Sorge. Die philosophischen Energien, die es in ein politisches Projekt zu kanalisieren sucht, sind nicht leicht zu beherrschen, und das Unheimliche spukt schon wütend im Untergrund der Strömung.

At ease zu sein with a mod­ernity of ab­strac­tion, com­plexity, glob­ality, and tech­no­logy heißt auch sich nicht darauf zu verlassen, daß die Subjekte einer Geschichte, in der eine solche Moderne entfesselt ist, menschlich bleiben, sondern mit abstrakten Subjekten zu rechnen. Menschen schwärmen, befreit und offen für neue Zwecke, über modernisierte Territorien, und ihr einzelner menschlicher Wille bleibt dabei zunächst wirkungslos. Menschen treten nicht als Heroen, sondern als Funktionselemente abstrakter Subjekte auf: In der Moderne sind historische Subjekte auf Menschen implementiert. Die Geschichte ist die Arena, in der diese Abstrakta gegeneinander antreten, ohne Rücksicht auf ihre Substrate.

Wer das Kapital als Subjekt der Geschichte ignoriert, steckt mit dem Kopf tief im Sand eines humanistischen Ponyhofs. Es ist eine nach wie vor hochinteressante Frage, wo es ursprünglich codiert ist — in der solaren Ökonomie der Realität selbst, in der Struktur menschlichen Begehrens oder in den Büchern seiner Theoretiker und Ideologen, aber daß das Kapital in der Geschichte ununterbrochen und stabil wirkt, seit die wichtigsten Feedbackdämpfer demontiert wurden, ist schwer zu leugnen. Die Krisen des Kapitalismus sind dann auch niemals Krisen des Kapitals, sondern immer Krisen unserer naiven Erwartungen an seine Verpflichtung auf menschliches Heil.

Humanistische nichtmenschliche Subjekte der Geschichte, definiert als abstrakte Formen genuin menschlichen Willens, sind indeß immer wieder kollabiert. Nur zwei davon, die Partei und die liberale Demokratie, waren überhaupt über längere Zeit stabil. Die Partei ging schließlich an ihren inneren Widersprüchen zugrunde (ironischerweise — der Kapitalismus wächst an den seinen, während die Unken unbelehrbar weiter unken). Die liberale Demokratie als Versuch einer friedlichen Koexistenz des Menschlichen mit dem Kapital und Feedbackdämpfer der letzten Linie zeigt Auflösungserscheinungen.

Das Accelerate Manifesto allerdings sagt „we“, als wisse es, wen es damit meine und als versammelten sich Hundertschaften hinter seiner gereckten Faust. Nun ist es der Zweck von Manifesten, historische Subjekte aus Sprache und Begeisterung zu erschaffen, und man kann diesem darum seine Aufforderung, eine ecology of effective accelerationist left organizations zu rekonstruieren, nicht vorwerfen. Auch performativ etabliert das Manifest aber, daß es kein „we“ mehr gibt, das dem „it“ des Kapitals begegnen könnte, und, in der Metapher des Manifests, das Netzwerk zu einer Heirat mit dem Plan zwingen. Noch problematischer ist, daß es die Subjektheit des Kapitals selbst nicht sehen will — alles in Ordnung: Da sind nur wir Menschen und ein böser Zauber; wir sind nur ein bisschen verwirrt. Wenn wir uns endlich besinnen, können wir alles haben: Die beschleunigte Technozivilisation, sogar in besser und schneller, und unsere menschlichen Zwecke, also Freiheit und weniger Arbeit: alles.

Alex Williams hat auch auf dem Berliner Akzelerationismus-Symposium vorletzte Woche vitalistische Auffassungen des Kapitals noch einmal abgelehnt. Daß es sich bei Kapital um eine außerirdische Intelligenz handle, die sich auf dem Planeten niedergelassen habe, hat er spöttisch, als Hirngespinst eines verrückt gewordenen (leider immer noch inspirierend schreibenden) Philosophen, vorgetragen. Aber selbst in dieser zu Zwecken der Lächerlichmachung verzerrten Darstellung ist ein solches handelndes, auf Menschen implementiertes Kapital interessanter und analytisch ergiebiger als eine weitere Versicherung, daß wir es nur mit einem sehr verbreiteten Denk- oder Charakterfehler zu tun hätten, daß wir ein Subjekt sei und es nicht.
Das Gegenteil bleibt der Fall.
Wir alle lieben die unschuldige Phase der Moderne, militant modernism, eine vom Menschen mit seinen gefügigen technischen Werkzeugen frei gestaltbare Welt, hell erleuchtet von der warmen Flamme der Vernunft, und Nostalgie für dieses Pathos ist verständlich und vertraut.

Aber die Hilflosigkeit des Wackeren gebiert das Dämonische, und das Dämonische genießt die Grausamkeit der Wahrheit. Davon wurde die Moderne mit Wucht getroffen; die Postmoderne hat sich dagegen versichert, indem sie die Wahrheit vermieden und das Wackere vor Komplexität und Abstraktion gut beschützt hat. Das Kapital machte einstweilen Geschichte ohne, aber weiterhin auf uns. Wer die Realität (und die Wahrheit und die Komplexität), begrüßenswerterweise, zurückholen will, wird auch mit den Dämonen wieder leben müssen, und keine Nostalgie für die unschuldige Moderne wird ihn retten.

Die Traditionslinie Nietzsche – Bataille – Deleuze/Guattari – Land findet die Beschleunigung in einer Welt vor, die sehr viel dunkler und unheimlicher ist als die, in der das Accelerate Manifesto sie umarmen möchte. Der Grund für den Wunsch nach dieser Umarmung scheint dann auch gar nicht analytische Rigidität zu sein, sondern die Attraktivität der dämonischen Energie, die in dieser Traditionslinie freigesetzt wurde. Akzelerationismus ist der Versuch, etwas noch einmal in Gut zu machen, was jenseits von Gut und Böse zuvor schon so schrecklich glühte und begehrenswert funkelte.

Zu wacker, zu erschrocken, hoffnungsgetrieben, settembrini.

Wer immer noch (und immer wieder) „wir müssen“ sagt, ist ein Nostalgiker; wer einen Plan mit dem Netzwerk verheiraten will dagegen: Ein Unternehmer. (We re­quire funding, whether from gov­ern­ments, in­sti­tu­tions, think tanks, unions, or in­di­vidual benefactors. Well come on in.)

Der Neoliberalismus präsentiert normative Kategorien des Kapitals als Wirklichkeit. Das ist Capitalist Realism, ein Kategoriefehler. Die Realität des Kapitalismus zu ignorieren allerdings bedeutet, denselben Kategoriefehler unter umgekehrten Vorzeichen noch einmal zu machen. Zu dieser Realität gehört, daß es kein „wir“ als Subjekt der Geschichte mehr gibt und daß kein Manifest je wieder eines erzeugen wird.

the space-time of hypercommoditisation is a nomoid zone of mad clusters where the polis disintegrates into unintelligible webs of swarmachinery.

Link | 27. Dezember 2013, 2 Uhr 08


Eine heftige Querbewegung weckte mich, eine zu schnell überfahrene Weiche vermutlich, und die Gefahr, in der ich mich für einen Augenblick wähnte, schärfte die grauen Konturen der Kunststoffschalen. Ich drehte mich auf den Rücken und atmete lauschend. Nichts außer den Schienen, und manchmal, nach einer Kurve, ein sehr weit entferntes Geräusch von gequältem Metall, Gartentor im Nebel, am anderen Ende des Dorfes. Die Vorhänge am Fußende der Koje zitterten leicht und strahlten kalt. Konzentriert, um mir nicht den Kopf zu stoßen und meine Begleitung nicht zu wecken, faltete ich mich einmal ein und andersherum wieder aus, kam also mit dem Kopf am Fenster zu liegen und hob den Vorhang mit dem Handrücken vorsichtig an. Hügel, Sand, Geröllfelder, manchmal niedere, dachlose Häuser aus Betonsteinen; mehr Licht schon, als ich erwartet hatte. Ich glaubte, obwohl das unmöglich war, den heraufziehenden heißen Tag zu riechen, Spiritus und Zimt. Erinnerungen wurden produziert in diesem Moment, und daß ich es bemerkte, ärgerte mich. Ich legte mich zurück, erkannte den vermeintlichen Geruch des heißen Tages als den Geruch des fremden Waschmittels, mit dem mein sandraues Leinen gekocht worden war, und schloß die Augen. Kacheln, Tee, Bildschirme mit singenden Frauen. Einmal, dachte ich mir, aus einem Fenster blicken ohne das Bewusstsein des Erlebens und des gefräßig tackernden Zeitwurms. Einmal, dachte ich, die Frankfurter Allgemeine Zeitung aufschlagen und in ein Honigbrot beißen und beim Überfliegen der Wirtschaftsnachrichten mir denken: Das ist gut, ich werde Philip anrufen und ihn fragen, was er davon hält, und ihn bitten, ein bisschen früher zu verkaufen, es wird schneller gehen mit dem italienischen Haus — statt dieser Überzeitlichkeit immerzu, dieser Dankbarkeit, in der keine Geröllhalde im Morgenlicht eines heißen Tages sicher war vor ihrer schon erkennbar werdenden Erinnerungsform.
Natürlich wusste ich, daß ich nicht fair war mit mir selbst: Ein Honigbrot ist ein Honigbrot und Normalität, und die Honigbrote der letzten Wochen waren längst versunken und vergessen wie es sich gehörte; wie aber könnte ich annehmen, den Nachzug zu vergessen und die Hügel und die Ziege? Zumal der Zug selbst ein Relikt war, vielleicht schon, als die Strecke gebaut wurde, jetzt aber endgültig in die Peripherie gedrängt: Sein Zweck war zweifelhaft; es mußte davon ausgegangen werden, daß die Reisenden diesen Zug nahmen aus keinem anderen Grund als ihrem Interesse an der Reise. Die Existenz des Zuges war möglicherweise also Folklore geworden, wie unsere Anwesenheit im Zug, das Buch neben dem Kissen, auf dem meine Brille lag und eins meiner Haare, und die gute Laune am Abend zuvor und unser Leben insgesamt — Folklore: Authentisch und pittoresk, aber nicht Teil der Wirklichen Infrastruktur.

Link | 13. Dezember 2013, 23 Uhr 24 | Kommentare (1)


Die Entwicklung von Bitcoin-Mininghardware folgt einer reinen Ökonomie der Eskalation, Bitcoinminer sind kristallisierte Zukunft: Ein 600-Gigahash-Miner kostet derzeit etwas über 5000 USD, wird, bei absehbarer Entwicklung der Wahrscheinlichkeit, auf Coins zu stoßen, etwa drei oder vier Monate rational zu betreiben sein und in dieser Zeit, bei günstiger Wechselkursentwicklung, seine Anschaffungskosten plus ein paar Prozent Rendite erwirtschaften. Danach übersteigen die Energiekosten die Erträge, und der Miner verwandelt sich in eine verrückte Heizung, zum Verkauf bei ebay an Dummköpfe empfohlen. Zu bemerken ist allerdings, daß besagter Miner noch gar nicht in Silikon existiert, sondern nur projektiert ist für eine Punktlandung im Januar — jetzt aber, um existieren zu können, schon bezahlt werden muß in Dollars. (Eine Anleihe auf ein Schiff voller Tulpenzwiebeln, das den Hafen noch gar nicht verlassen und ein paar gefährliche Seen noch vor sich hat, selbstverständlich, aber wir haben keinen Grund, den Tulpenhandel von oben herab als widernatürlich zu behandeln. No hay banda. And yet we hear a band. If we want to hear a clarinette… listen. They’re called Moore & the Fizz.)

Bitcoin saugt, aus der Zukunft, Dollars und Energie in sich auf. Vom Kamm der difficulty-Welle überholte Miningdevices sind phantastische Gegenstände: Anders als überholte Waffen, die protoypischen technischen Artefakte eskalativer Ökonomie, die keinen Krieg mehr gewinnen, aber einen Gegner noch töten können, können die traurigen nagelneuen 300-Megahash-Sticks mit ihren kleinen optimistischen Bitcoinlogos gar nichts mehr — sie werfen nichts mehr ab außer Wärme (und sehr schlechten Lotterietickets, wenn man sie ungepoolt betreibt).

* * *

Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint: Kunst ist handelbar, weil ein gutes Bild als gutes Bild erkannt wird. Ein Kunde betritt den Laden des Kunsthändlers Gersaint und interessiert sich für ein Bild (er weiß nichts über Watteau oder den Kunstmarkt); der Kunsthändler nennt einen Preis, der Kunde gibt vor, das Interesse zu verlieren, der Kunsthändler senkt seinen Preis vielleicht, irgendwann werden sie sich einig: Das Bild hat einen Wert, der Kunde will es betrachten; möglicherweise will er, daß seine Gäste es betrachten können und ihm Respekt zollen für seinen Geschmack. Der Kunsthändler verschleudert das Bild nicht, weil er weiß, daß andere Kunden kämen, die das Bild betrachten wollen; der Kunde weiß, daß seine Gäste es sehen wollen werden. Etwas ist im Bild, das seinen Wert über einen momentanen Wahn des Kunden hinaushebt, es erbt Eigenschaften seines Schöpfers und der Gegenwart, die es zu einem guten Bild machen, weil es ein Vehikel für den Transport dieser Eigenschaften in die Zeit hinein ist.

(Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint wird als Ladenschild montiert und sofort wieder abmontiert, dann gerahmt, schließlich von Friedrich dem Großen für 8000 Livres erworben und ins Schloß Charlottenburg verbracht.)

Link | 28. November 2013, 11 Uhr 28 | Kommentare (1)


Ein Abend in Antwerpen; unspektakulär sonst, Kameraderie, Gespräche über jüdischen und indischen Diamantenhandel und Mutmaßungen über die Digitalisierbarkeit des Diamantengeschäfts, Pech mit dem Essen. Es muß ein Abend im frühen Sommer gewesen sein: Ein schwarzer Schleier von Unglück und Trotz wider alle Ideen von Endgültigkeit liegt über der Erinnerung, und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ergriff mich beim Anblick des KBC-Torengebouw ein archaisches Bedürfnis nach Kommerz: Ich würde, so beschloß ich, Reichtümer anhäufen durch Handel, und dieses von mir in Städten wie Antwerpen erworbene Kapital sofort binden und aus dem Verkehr ziehen durch Kauf von Ländereien, auf denen ich Rasen anlegen und Bäume pflanzen würde in großen Abständen, Ulmen auf Hügel setzen und Buchengehölze in Senken. Ich würde eine unermüdliche Maschine zur Umwandlung von Kapital in Bäume werden, und solange ich lebte, würden die Kaufleute die Köpfe schütteln angesichts meiner wirtschaftlichen Unvernunft und die Sozialisten schäumen angesichts meiner privaten Megalomanie, und die Baumlandschaften würden wachsen. Große Agrarflächen in der Mitte des schwäbischen Nirgendwo würden in Landschaftsparks verwandelt werden, solange von Antwerpen und Rotterdam Schiffe führen und Schwärme fensterloser Fracht-747 abends sich auf den Flughafen Brüssel-Zaventem herabsenkten. Einziger Luxus in meinem sonst nichts für mich selbst beanspruchenden Kapitalvernichtungswerk wäre der Besitz von Kelims aus Mazandaran, die ich im Fenster des Antwerpener Teppichhandelshauses N. Vrouyr entdeckt hatte und die mir mit nichts vergleichbar erscheinen und die ich vor anderen, zweifellos unwürdigen Käufern zu retten trachtete.

Link | 27. Oktober 2013, 11 Uhr 12


Eins

Lichtenberg/Hohenschönhausen: Lange lange Reihen von Platten, Laternen, Supermärkten (abwechselnd: Fressnapf, Kaisers), und Gebrauchtwagenhändler, an deren Absichten keine Zweifel bestehen dürfen. Gerüche: Axe — nur wegen der Plakatierung — Knoblauch, Tramheizung, Spanplatten, von den verpackten IKEA-Möbeln her, die in der Straßenbahn transportiert werden zum Studentenheim in der Allee der Kosmonauten. Es ist kühl und sonnig. Ich esse eine Brezel, die die einzige in der Auslage des Minimal-U-Bahn-Backshops war, und höre einem Gespräch zwischen Oma und kleinem Mädchen zu. Als die beiden aussteigen, sehe ich, daß sie, beide, Sneakers mit glossy Plastikapplikationen tragen. In den Sohlen der Sneakers des kleinen Mädchens sind LEDs zu sehen, die beim Gehen lustig blinken. Vernünftiges kleines Mädchen, denke ich. Dann steigt eine ganze Gruppe Kinder in die Bahn und zwei Stationen später wieder aus. Anstellen, Hand nehmen, sagt die Kindergärtnerin im Kommandoton, auf!, und die Kinder rudeln in Formation. Ich lächle die Erzieherin glücklich an. Mensch, ist das erfrischend, hier draußen vor der Stadt. Jeder, der das mal gemacht hat, weiß: So geht das. Man hält nicht zu zweit zwanzig Kinder vom Überfahrenwerden ab, indem man ihre Wünsche ausführlich einzeln respektiert. Ich steige selbst aus, kenne mich nicht aus, orientiere mich, links und rechts brausen Autos auf die Ampel zu und um die Kinder herum.

Zwei

Effiziente Bürokratie. Mit dem Kurzzeitkennzeichen im Beutel mache ich mich auf, durch die Stadt, zu Fuß noch am IKEA vorbei, und erreiche, wieder mit der Straßenbahn, die vertraute Zone südlich der Landsberger. Ich steige um in der Sonne. Ich kann fast ohne Blick auf die Karten navigieren in dieser Stadt — anders als in Brüssel — im öffentlichen Nahverkehr. S-Bahn nach Süden, von dort weiter Richtung Potsdam, wo die Elite der Straßenmusiker spielt, und wieder einmal frage ich mich, wie das ökonomisch funktioniert. Warum überlassen die anderen Musiker denen, die wirklich was können, die reichen Gegenden?
Ich schaue auf den Herbst draußen und vermute, daß sich die Sache schon gelohnt hat: die narbigen Kaisersmärkte dort im Nordosten, die Autos, der IKEA im Wind und die verlorenen Studenten, mit ihren zu schweren Paketen auf den leeren weiten Parkplätzen. Kontakt mit der Außenwelt, Kontakt mit Deutschland. Das alles ist jeden Tag, jeden Tag so. Familien, Autos, Haustiere, Gardinen, Sport, IKEA-Bilder mit zwei grauen Steinen darauf und einer lila Blüte, IKEA-Bilder, die leicht nach Lösungsmitteln riechen.

Drei

Ich lasse das Auto an. Am Abend zuvor hatte ich überlegt: Wie war das, wo muß der linke Fuß hin? Aber der Körper fährt. Meine Angst, mich schon beim Hinausfahren aus der Tiefgarage vor dem Vorbesitzer zu blamieren, mit meiner Unsicherheit, war albern. Ich fahre so sicher wie immer, ich komme vom Land, wo man fahren lernt. Selbstverständlich, täglich, ich bin die letzten zwei Jahre jeden Morgen zur Schule gefahren. Ich mache auch immer noch dieselben Fehler: Zu viel Vorsicht beim Nach-Links-Drängeln, wenn auf der rechten Spur der übliche Berliner Unfug veranstaltet wird. Ich tanke, weiß natürlich zuerst nicht, auf welcher Seite, bin umständlich; zahle. Keine große Sache, alle tanken, staubsaugen ihre Autos. Alle fahren. Die Polizei fährt. Ich ignoriere die dritte Werkstatt am Straßenrand und beschließe, lieber zu fahren als den Wagen jetzt durchsehen zu lassen von jemandem, der etwas davon versteht. Falls ich um ein paar hundert Euro betrogen werden soll mit einem Wagen, den ich mag, werde ich eben betrogen werden.

Vier

Der Horizont: Da ist er. Die Sonne steht tief inzwischen, der Verkehr wird leichter. Bäume, ein bisschen Brandenburg, Straße. Das Auto schüttelt die Stadt ab im vierten Gang, macht die Schultern breit, lehnt sich zurück: Nu mach mal. Zappelt mit der Turbodruck-Nadel.

Fünf

Es ist vollkommen absurd, Auto zu fahren. Das fällt noch mehr auf als sonst, wenn man selbst fährt: Es ist haarsträubend, unverantwortlich, unmenschlich, vollkommen absurd. Immer gewesen, aber in der Dimension, in der wir es inzwischen betreiben, ist es offensichtlich. Riesige Heere sind mobil gemacht und aufgepanzert, versuchen sich in verengten Baustellenspuren nicht zu rammen, und haben Jahresgehälter in die Maschinen gesteckt, die sie dazu verwenden. Sie reden sich ein, daß es nötig sei, daß ihnen all das nicht einmal Freude mache. Ich fahre in Richtung Potsdam. Nach Potsdam kann man mit der S-Bahn fahren, das ist eine saubere und vernünftige Sache, ohne die unwahrscheinliche Materialschlacht Straße. Ein Jahresgehalt, also der Überschuß vieler Jahre Leben und Arbeit, in Maschine verwandelte Lebenszeit.
Und gerade einhundertfünfzig Jahre explodierende Produktivität, Industrie, Optimierung, billige Energie, Aufschäumen der Infrastruktur. Vielleicht einhundertfünfzig Jahre Glaube an Fortschritt: Daß das so weitergehen kann, kein sehr kurzer, sehr leichtsinniger Exzess ist, daß diese gewaltige Infrastruktur gegen den Löwenzahn zu verteidigen sein könnte, mit immer gewaltigeren Fahrzeugen darauf, rechnenden Fahrzeugen mit Ledermöbeln darinnen, zum Zwecke des selbstbestimmten täglichen Hin- und Herschickens der Menschenkörper.
Und CO2.
Und die Städte.
Ich, für die East India Trading Company das Imperium bereisend, mit der Verwaltung der Provinzen beauftragt, blicke zurück nach Europa. Ich schreibe: Es ist unmöglich. Kenntet ihr die Hitze, den Dschungel, den Wert eines kühlen Bieres. Wüsstet ihr um den Wert des Stillstands.
Es ist nicht, daß das Fahren von Autos unnötig wäre: Es ist nicht zu rechtfertigen.

Sechs

Es macht einen Heidenspaß. Die permanente leichte Überforderung, die unmittelbaren Belohnungen. Gute Videospiele operieren in genau dieser Zone. Autos sind externalisierter Flow, ein Seiteneffekt, das Gehirn erzeugt sie aus dieser seiner Zone, leise summend, aus einem Gleichgewicht, das es genießt, und erfindet lachhafte Rationalisierungen.
Ich mag meine schon etwas gefahrene, sieben Jahre alte, nicht mehr ganz knallenge, bequeme Maschine, ihren ansteckenden Enthusiasmus. Beste Jahre gewissermaßen, lässig, routiniert, großzügig. Ich schwitze leicht, verstehe die Klimaautomatik noch nicht, will mich auf die Straße konzentrieren, dem Fahrzeug zuhören, das Fahrzeug fahren, von ihm lernen.

Zurück

Die U1 in Kreuzberg: Junge, sehr junge Menschen in Sneakers, zehnmal so teuer und zehnmal so geschmackvoll wie die Sneakers der jungen Oma mit dem glossy Plastik. Ich suche nach Änderungen in meiner eigenen Wahrnehmung, in meinem neuen Verhältnis zur Welt, jetzt, als Fahrer: Bin ich gewalttätiger geworden, wie anzunehmen wäre? Erliege ich immer noch der einlullenden Illusion von Kontrolle, die das Fahren erzeugt hat? Spüre ich Testosteron? Und ist die immer zu gewaltige Aufgabe, die Welt derjenigen zu verstehen, die ich anblicke, weniger drängend geworden — kann ich sie jetzt, als Fahrer, als Normaler, vielleicht gebrauchen, wie Menschen Menschen gebrauchen, und mich von ihnen gebrauchen lassen, wie Menschen Menschen gebrauchen?
Zu Hause warten neue Bücher, und die alten, und der schweigsame Sessel. Ich setze mich hinein und sitze unbewegt. Ich stelle mir die Baustelle vor Potsdam vor, die Kolonnen der Fahrzeuge. Ich tausche die Fahrzeuge durch Pferdegespanne aus. Die Szenerie wird nur unwesentlich weniger absurd.
Waren die Weltkriege eine Zäsur, ein Schritt nach unten, ein Schritt nach oben? Szenario: Das Automobil bleibt, die Zivilisation bleibt, die Industrie bleibt, die Fähigkeit, diese absurden Maschinen zu bauen, wird weiter verfeinert, Wasserstofftriebwerke, smart grids, INFRASTRUKTUR. Szenario: Das Automobil bleibt nicht, die absurden Maschinen erscheinen als offenbare Fehlallokation. Re-rualisierung, Möhren im Garten, Schusswaffen und Clans. Man kann seiner Gegenwart nicht entkommen; es ist sinnlos, sie allein verweigern zu wollen, sie allein durch Enthaltung niederzuzwingen wird nicht gelingen. Auch mein Gehirn kennt die Zone, ist Teil der Infrastruktur.

Link | 11. Oktober 2013, 21 Uhr 21 | Kommentare (2)


Der Wikipedia-Eintrag zu Hubertus Bigend ist außerordentlich interessant, nicht nur, weil er eine fiktionale Variante seiner selbst enthält, sondern wegen der Verweise auf zwei Lesarten der Figur. Erstens:

I’ve always had a sense of Bigend as someone who presents himself as though he knows what’s going on, but who in fact doesn’t. It’s just my sense of the subtext of the character: he’s bullshitting himself, at the same time as he’s bullshitting all of us. (Quelle, Gibson selbst.)

Zweitens: [Bigend] espouses a curiously communal and transnational approach to marketing [and represents] a shift in the nature of capitalism and, consequently, a change in the way postindustrial technologies deployed by capitalism interact with the self. (Alex Wetmore 2007, „The Poetics of Pattern Recognition“)

Der Witz an Bigend ist: Er ist der größte denkbare Bullshitter und gleichzeitig tatsächlich der Größte, insofern man der Größte sein kann, und das ist ohne Bitterkeit gesprochen. Wenn er am Ende von Zero History im Hermès-Ekranoplan in den Sonnenuntergang verschwindet, kann man das nicht bewerten, nur als adäquates Zeichen seiner großartigen Größe akzeptieren.

Hubertus Bigend ist intelligent, charismatisch, mit einem sicheren Sinn für Wirklichkeit begabt und rücksichtslos gegenüber sich selbst und Leuten, die sein Spiel aus freien Stücken mitspielen, und eben genau kein egomanisches Arschloch — das sind die Qualitäten von guten Anführern, wie man sie durchaus trifft in den Unternehmen. Dazu kommt bei ihm aber: die Begabung zur Kunst, zum Zugang zum Bewusstsein; für die Verstärkung der schwachen Signale aus der libidinösen Tiefe der Existenz. Damit gehört er in die Liga der extrem seltenen Anführer/Künstler — Welles, Kubrick in unserer Epoche — Riesenfiguren, deren Überlegenheit, wenn sie arbeiten, keine Zweifel erlaubt.

Die neue Qualität aber, die Bigend über diesen Typus hinaushebt, ist eine völlige Abwesenheit von menschlicher Demut, seine Fähigkeit, sich selbst zu bullshitten. Welles und Kubrick sind demütig, weil sie Einsicht haben in die Wirkweise ihres Anführertums und die menschliche Schwäche. Auch wenn sie die Größten sind, was sie sehr wohl wissen, wissen sie auch, daß sie dienen: Sie dienen dem, das gesagt werden muß; ihr Selbst ist menschliches Medium, nicht Ziel. Von diesem Dienen ist Bigend befreit, nichts hält ihn, nichts reguliert den Bullshit, er muß, was er macht, vor keinem Tribunal rechtfertigen, das ihn zur Demut verurteilt. Bigend ist der Anführer/Künstler, der endlich Geld (a.k.a. die Manipulierbarkeit der Menschen) begrüßt, statt sie zu fürchten. Welles hat sich von War of the Worlds nie erholt, weil er bemerkt hatte, daß er alles konnte: Nichts ist stärker als auf Libido geschnittene Illusion (siehe unbedingt: Trailer für F for Fake) — und die war vollständig im Bereich seiner Mittel.

Hubertus Bigend hat sich, mit dem Abwerfen der Demut, auf das accelerationistisch/eskalative Paradigma des Kapitals endlich eingelassen (womit wir im Kern Gibsonscher Luzidität sind) und ist Teil des Großen Positiven Feedbacks geworden: Hubertus Bigend selbst eskaliert. Fällt der Feedbackdämpfer Demut aus — der Wille, nicht Hubertus Bigend zu sein, also die Geschichte von der eigenen Größe bewusst und gegen besseres Wissen abzulehnen — bekommt die Maschine privilegierten Zugriff auf ihren Treibstoff Libido.

Was ist diese Demut für ein Ding? Ist es einfach nur das Alte Europa in uns, das sie fordert, im Zeichen der Liebenswürdigkeit eine letzte Bastion? Was haben wir nur gegen den Bullshit?

Link | 31. August 2013, 15 Uhr 54


Das Besondere: Das große Ding, die gelebte Literatur, die Geschichte, die dem bisherigen sinnlosen Treiben Sinn gibt, das Zusammenkommen und Kohärentwerden, das unzweifelhafte Glück. Das Gewöhnliche: Die Zahnbürste, die zu Hause in ihrem Glas auf dich wartet, ein Busfahrschein, ein Gehaltszettel, und das Grab.

Das Besondere ist niemals lebbar, die immer wieder aufs Neue erzählten Geschichten von seiner Lebbarkeit sind Lügen; schöne Lügen, die glauben zu wollen wir gute Gründe haben, aber Lügen. Das zu akzeptieren ist das Schwerste, und Versuche, das Besondere zu leben, enden (anders als die schönen Lügen) in nichts als Verzweiflung und Gewalt und Schleifen. Die fortgesetzte Denkbarkeit des Besonderen im Gewöhnlichen muß stattdessen das Ziel sein, das Gewöhnliche offen zu halten für das Leben über dem Leben. Es ist eine nichttriviale Praxis: Die Dehysterisierung des Glücks; die Freude an der Lüge als Lüge.

[Iteration III]

[Praxis: Das Weglaufenwollen und Neuerfindenwollen noch abschaffen; aber wie sind die Schizostrategien zu bewerten? Unklar. Man bleibt doch überfordert.]

Link | 31. August 2013, 12 Uhr 27 | Kommentare (2)


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