Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Gegenwärtig ist es wieder einfach, in der Geschichte eine Richtung zu erkennen: Die Rückschläge sind selten geworden und haben eine beherrschbare Qualität angenommen. Die Erinnerung an eine höllische Welt, in der ein trockener sicherer Schlafplatz und genug zu Essen unerreichbare Phantasien waren, ist mehr als drei Generationen alt. Zum Mars zu fliegen kommt uns nicht mehr unrealistisch vor, genausowenig das Ziel, in nicht allzuferner Zukunft mit dem solaren Energiebudget ohne Rückgriff auf fossile Reserven auszukommen. Automation und Ephemerisierung sind so offenkundig real und erzeugen ein so klares Bild der Zukunft, daß das Erschrecken vor dieser Zukunft kein Erschrecken vor einem möglichen Rückfall in die Höllen des frühen 20. Jahrhunderts ist, sondern ein Erschrecken vor einer insgesamt inhumanen Welt.

Die interessante politische Verwerfung läuft deswegen spätestens in diesem Jahrzehnt tatsächlich nicht mehr zwischen dem roten und dem blauen Menschenbild, sondern zwischen rotblauer Reaktion und grauer Vita Activa.

(Die rotblaue Reaktion ist in Deutschland grün, mit einem Begriff von Natur, der sie als Zweck behandeln möchte; blau, auf einer atavistischen Welle ethnischer Panik reitend; und rot, mit der rührenden Forderung, die Wirtschaft solle dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Von der genuin schwarzen, christlichen Variante hört man kaum noch etwas, reaktionär empfindende Christdemokraten schöpfen offenbar auch lieber aus der blauen Quelle.)

Gemeinsam ist vielen Varianten dieser kulturell extrem breit aufgestellten Reaktion, daß sie sich nach Statik und Nullsumme sehnen: Eine Natur, in der in alle Ewigkeit das zum Circle of Life verkitschte permanente Blutbad der Evolution sinnlos und richtungslos bleibt. Ein ethnisch homogenes Museum des Deutschen Reiches, nur echt mit falschen Adligen und agrarischer Lebensform. Oder eben ein Museum der amerikanischen 70er, mit Männern in Stahlwerken.

Das Sehnsuchtsgrundmodell ist dabei immer Gormenghast: Eine endlose ungestörte Folge von Söhnen, die ihre Väter ersetzen, um genau dasselbe zu tun wie ihre Väter. Denn: Immerhin sind in Gormenghast alle Akteure menschlich. In der Zukunft aber, die sichtbar wird in der Perspektive der Geschichte, in der wir tatsächlich zu leben scheinen, spielen Menschen kaum noch eine Nebenrolle. Eine von ihnen losgelöste Produktivität, externalisierte Intelligenz, sogar eine autonome Ästhetik erscheinen dort, aber viele unserer zum „Menschlichen“ verherrlichten ererbten Lebensbedingungen verschwinden: Familie in Wärme und Terror, Körperlichkeit in Glorie und Zerfall, Zusammenleben im Rudel in Freundschaft und Gruppengewalt.

Die Graue Option begrüsst eine solche inhumane Zukunft. Nicht um ihrer selbst willen, sondern als aufregendere und für den Einzelnen jetzt lebbarere und ehrlichere Alternative zu allen vorgeschlagenen rotblauen Varianten von Gormenghast: Die graue Option nimmt euphorisch Teil an der inhumanen Geschichte und betreibt sie, statt sie untauglich zu verhindern zu suchen. Mit anderen Worten, die Graue Option ist die Option der klassischen Bond villains, und nicht ohne Grund ist in der letzten Dekade eine postkalifornische Ideologie entstanden, deren ehrlichste Vertreter bewusst auf Bondvillain-Coolness anspielen: Ihrem Tribe kann man mit Rhetorik von „Menschen verbinden“ und „Idealismus“ nichts mehr erzählen.

(Bond selbst übrigens ist ein Agent im Dienste der Regierung seiner Majestät, also Gormenghasts, durch und durch der immer siegreiche Bewahrer der alten menschlichen Ordnung. Daß er einmal pro Generation neu erfunden werden muß, weil die frisch bewahrte alte menschliche Ordnung für ein neues Publikum nicht mehr wiedererkennbar wäre, zeigt nur, daß Gormenghast realiter nie eine Chance hatte und hat.)

Link | 7. April 2018, 15 Uhr 35 | Kommentare (0)


Wie navigiert man das Wüste Land, und muß man? Es ist ja nach wie vor und immer noch und trotz lauter werdender Gegenbehauptungen ein Irrtum, daß das Andere zum Irrsinn der Moderne im Ancien Régime zu finden sei. Dessen lässige Grausamkeit, identisch mit seiner Unschuld, ist verloren und nur als das Böse wieder aufzurufen.

Wie das Internet nur die humanistischen Illusionen sichtbar macht (und keinesfalls eine zuvor intakte Menschheit ruiniert) beleuchtet die Moderne in ihrem Scheitern lediglich die Abgründe, aus der sie emporgestiegen ist. Sie macht dabei, durch das Mittel der Bewusstheit, eine Lebenskunst möglich, die den Schrecken draußen hält: Der Blick auf das Wüste Land erfolgt von einer Warte, in der die Waffen abgelegt werden können und das Wasser klar ist. Das Wüste Land ist illusionslos das Draußen. Hier drin liegt ein dünner Kommentarband im Lesespot (über den die Tweedente Sebastian wacht). Man navigiert das Wüste Land in Gefahr und großer Not, angewiesen auf einen hauchdünnen Klugheitszustrom aus einer Zukunft, die jederzeit zerfallen kann und die selbst rätselhaft ist; ein Wasserfall, ein Mühlbach, ein schwarzer Stein.

Link | 24. März 2018, 0 Uhr 03


Und mir wurde klar: Alle Wohnungen in dieser Stadt sind verbunden, die Brandmauern durchbrochen auf allen Stockwerken, lange Gänge führen an den Berliner Zimmern vorbei hinüber zu einer weiteren Wohnungstür von innen, Blechverkleidung und alles, und wo eine Küche sein sollte, ist wieder nur eine dunkle Kammer mit einer weiteren Tür, ein Gang, ein Flur; es ist eine anerzogene Blindheit, die eine Tür in jeder unserer Wohnungen zu übersehen, nie zu öffnen (es wird nur ein übelriechender Einbauschrank voller 1957 final vertrockneter Farben sein, denken wir, und erinnern uns auch genau daran, wie der Makler ihn uns kurz zeigte mit Impresarioblinzeln).

und das Rumpeln
wie von der U-Bahn
Tassen mit staubigen Henkelstümpfen
zittern auf ihren Grundtalstäben
alle Türen fliegen auf
ein Hauch wie von Regen
ein Stoß wie von Feuer
und Tuch
und schließen sich
als sei nichts gewesen

Link | 19. März 2018, 22 Uhr 20 | Kommentare (1)


Hamburg, Morgengrauen in Hamburg (ein absoluter Vollidiot erzählt).

Link | 17. März 2018, 0 Uhr 12


Ich verbringe den Abend in dem eingeschneiten süddeutschen Dorf, in dem auch mein akut von, Gott sei bei uns, Fahrverboten bedrohtes italienisches Turbodieselfahrzeug überwintert. Still nippt es am 230V-Netz zur Schonung seiner koreanischen Ersatzbatterie, die es bei einem Schwächeanfall auf dem Weg in die hügeligen Weiten des Schwalm-Eder-Kreises vor einigen Jahren verpasst bekommen hat (ein würdeloser Moment).

Weil ich für waahr.de, das ja auf diesem Server, der mit bürgerlichem Namen freeside.tessierashpool.net heißt, gehostet ist, ein Softwareupdate machen musste, blieb ich, wie jedesmal, an waahr-Texten hängen und fiel wieder hinein in den Berlin-Münchener Kosmos der Zehn Jahre Älteren: Texte aus dem Freund, aus der De:Bug, Texte über das Deutschland vor Harald Schmidt oder Dokumente der Schmidt-Transformation selbst.

Eine ästhetische Erziehung, das Vertrautwerden mit den Dingen und mit ihrer Wirkung auf die Seele, ist immer auch Arbeit an der Beziehung zu Geld im Modus der Uneigentlichkeit (wenn sein eigentliches Wesen, nach Simmel, die Knappheit ist). Mesopotamia, Ferien für immer: wie überleben im Überfluß, hineingeboren in eine Zone der Tüchtigkeit, möglicherweise selbst tüchtig, möglicherweise begabt: Wie vermeidet man den Horror von Sylt der Zehn Jahre Älteren? Wie erntet man die Seelenfrüchte der Dinge, aber behutsam genug, um nicht zerstört zu werden dabei?

Die wirklich Antwort hat natürlich mit Melancholie und Humor zu tun, mit der Leopardenbadehose von Dendemanns Dad und Handkes pilzschwarzen Händen, aber so richtig geben kann man sie nicht.

Eine Annäherung, in einem circa kontinentgroßen Experiment in dieser Frage: Hangzhou. Ich saß dort vor einigen Monaten in einem nach kaltem Wasser und Schaumstoff riechenden Bus, zusammen mit Unternehmern aus Kalifornien, Boston, Argentinien, der Ukraine und China, manche von ihnen am Telefon mit offenbar komplizierten Fragen der Fahrradfertigung oder am Computer mit Anforderungen für ein Softwareteam in Osteuropa befasst; ich selbst, um einen leeren Blick hinaus in die Stadt bemüht, ergriff die Chance meiner Erschöpfung, das kompetente Schwatzen zu unterlassen für eine Weile.

Wir wurden an den Westsee gefahren, spätabends noch, damit wir wenigstens diesen nicht verpassen sollten, nicht die drei Schalen, die den Mond spiegeln. Wir passierten die hell in die Nacht strahlenden Showrooms von Tesla und Porsche, Ferrari und Lamborghini: Der das Sylt der 80er sicherlich in den Schatten stellende Statusmaterialismus des eilig aufschließenden China. Und dann das gefasste Ufer des Sees selbst, alle Kanten mit LED-Streifen zufestoniert, aber doch unzerstörbar in seiner Würde: als vertrockne die Geldbrandung am Westseeufer sofort.
Die Stadt versteht vielleicht, in dieser und noch zwei folgenden Dekaden, nicht, was der Westsee soll, gibt aber doch acht auf ihn. Und er wird da sein, wenn die Söhne der Lamborghini-Käufer das Prinzip der Souveränität entdecken werden, sich gegen die Sonne wenden, und zu verschwenden lernen.

Link | 3. März 2018, 20 Uhr 42


Natürlich, der Park, natürlich, Friedrichs knarrende Parkette. Trotzdem war mir Potsdam widerlich an diesem Abend, als ich aus einem mir jetzt, mit einigem Abstand, eben auch schon sehr vulgär erscheinenden, weil viel zu neuen Audi eines mir geschäftlich bekannten Herrn stieg, am Potsdamer Bahnhof: Natürlich könnte ich nie in Potsdam leben: Potsdam, absurd, Handtücher von Ralph Lauren Home oder was?

Eher schon könnte ich die Pfeife eines Tages auf dem Balkon eines Hauses am Hang in einer westdeutschen Mittelstadt ausklopfen, im Kurhessischen vielleicht, im hellen Raum hinter mir könnten die Suspiria-Rips spielen. Irgendwie muß es ja gehen, nach Berlin.

Link | 24. Februar 2018, 22 Uhr 59 | Kommentare (1)


Ich denke an ein Haus, in dem die Winterkälte im Rücken spürbar ist, und die Spitzen der Kissen kalt sind auf der dem Ofen abgewandten Seite. Die Polster sind blaßrot und rau und unter den Stoffen sind die Metallfedern zu ertasten: Eine Form der Verblichenheit, die selbst schon, so scheint es mir, im Verbleichen begriffen und weit fortgeschritten ist. Fachwerke und Betthimmel, Senfgläser im Küchenschrank, Katzen auf dem Sims im Sommer: jetzt nur die Stellen, wo ihre Spuren wären, gäbe es Schnee.

Link | 17. Januar 2018, 9 Uhr 58


Weil Städte es mögen, wenn ich dramatisch in ihnen auftrete, blies auch bei meiner Ankunft in Duisburg ein Sturm über den Bahnhofsvorplatz. Voraus wehte mein Haar die Königstraße hinauf, und noch durch den Aufzugsschacht pfiff stoßweise der Wind, als ich im fünften Stock in der Masse des gewaltigen Hotels Duisburger Hof verschwand für die Nacht.

Duisburg, eine Stadt, über die ich nichts weiß, ist wohl unzufrieden mit sich, so stellte ich fest am nächsten Morgen: Der Bahnhofsvorplatz ist eine Baustelle, der Bahnhof selbst bekommt bald eine Gläserne Welle, und das CityPalais, ein noch frisches Innenstadt-Einkaufszentrum, ist in seiner Kombination von Gimmicks und Billigkeit ein gebautes Äquivalent von Sneakern mit bunten Lichtern in den Sohlen: Hier hätte Omi stark bleiben müssen. Ich versuchte, nicht hinzusehen, bemerkte aber das Automatenkasino im Erdgeschoß, objektives Zeichen eines städtebaulichen Irrtums, trotzdem.

Das Ziel meiner Reise lag im Kantpark, wo, so kündigten ein großes Schild und ein erster Bagger an, derzeit Der Neugestaltete Kantpark entsteht. Der Kantpark war einmal ein sanft geschwungener Innenstadtpark mit mächtigen Kastanien, Plastiken und Inseln mit Betonmöbeln, aufgestellt für Bürger, die die Kunst lieben.

Brombeeren und Nesseln wuchern über große Teile dieses Parks hinweg, kränkliche Kürbisse kriechen durch die entlegeneren Ecken, und hoch stehen Gräser in den Fugen der wenig begangenen Pflaster. Die Stadtmöbel, die einst zu den Inseln gehörten, sind entwendet, zertrümmert oder entfernt — vermutlich entfernt: Denn überall, wo man noch sitzen konnte im Duisburger Kantpark, hatten sich Gruppen von Alkoholikern niedergelassen. In einer Senke zur geschwungenen Sichtbetonfassade eines Museumsbaus hockten Gestalten um einen kleinen Alufolienherd: ihre Körpersprache, als sie mein Herannahen bemerkten, wechselte von verzweifeltem Betteln um Privatsphäre zu sprungbereiter Aggressivität. Schilder an den Laternen forderten mich auf: „Zögern Sie nicht, 110 zu wählen. Ihre Polizei.“ Die CDU plakatiert, anläßlich des Wahlkampfes, in Duisburg: „Sicherheit und Ordnung. CDU.“

Das belagerte Museum im Kantpark, inmitten seiner Streuung von Aluminiumfetzen, Dosenböden, verbogenen Gabeln und leeren Briefchen, ist das Lehmbruck-Museum, gebaut 1956-1964, der erste Museumsneubau der Nachkriegszeit überhaupt, von Manfred Lehmbruck für die Arbeiten seines 1919 verstorbenen Vaters Wilhelm Lehmbruck. Ich war wegen der Architektur angereist, denn der andere Museumsbau von Manfred Lehmbruck ist das fünf Jahre später entstandene Federseemuseum in Bad Buchau. Mein Heimatdorf liegt nur wenige Kilometer entfernt davon, auf der anderen Seite des Federseemoors, dessen jungsteinzeitliche Besiedlung das Museum dokumentiert. (Erst vor einigen Jahren, bei einer Rückkehr zu diesem mir seit meiner Kindheit vertrauten klassisch-modernen Pfahlbau wurde mir klar, daß er nicht von einem namenlosen Provinzarchitekten entworfen worden sein konnte, und begann zu recherchieren.)

Das Duisburger Lehmbruckmuseum hielt, was die Photographien, die ich kannte, versprochen hatten: Ein Raum der Freiheit und der Rationalität, der Bescheidenheit nicht zuletzt. Man wird freigelassen in seinen Innenraum, bemerkt immer wieder mit einem kleinen respektvollen Grinsen, daß ein Weg, der einem einfallen könnte, auf eine Figur zu oder um eine Figur herum, tatsächlich gangbar ist: Es gibt die Treppe, es gibt das Licht, es gibt die Intimität, es gibt die Offenheit, die man braucht. Ich hatte das Glück, allein zu sein im Lehmbrucktrakt und mich eine Stunde lang bewegen zu können, und die Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck dabei von diesem phantastischen, für die ausgestellten Arbeiten gebauten, heute fast undenkbar großzügigen Haus in mein Formgedächtnis einschreiben zu lassen.

Das Gebäude agiert einen stolzen Trotz der Moderne nach anderthalb Dekaden Barbarei aus: Jetzt aber, jetzt erst Recht, wir bleiben dabei, aus dem Menschen etwas zu machen, ihm Orte zu geben, die ihn sich fühlen lassen, wie wir ihn uns denken können: frei, ruhig, rational, begeistert und, in einem Museum für einen expressionistischen Künstler, der sich für die Körper nachdenkender Frauen interessierte, eben auch: hingezogen und anrührbar.

Und das Scheitern dieser Freiheit, dieser Architektur der Selbstachtung des Menschen, hätte nicht manifester sein können als in den halblebendigen Figuren der Fixer und Alkoholiker direkt auf der anderen Seite der bodentiefen Gläser, die doch den Park im Museum und das Museum im Park hätten fortführen sollen.

Die Utopie scheitert, auch hier, am Alkoholismus. Psychogeographie funktioniert, aber Alkohol und Heroin lachen über ihre schwache Subtilität. Alle Hoffnungen auf eine Egalität auf dieser, meiner Seite des Glases und auf ein Glas, das irgendwann nur gegen den Regen noch da sein müsste, scheitern an der Übermacht des Elends. Der Figurenpark stellt, ungewollt perfide, nicht aus, was er er auszustellen angetreten war in den 1960er Jahren, aber was er ausstellt, ist die Wahrheit.

Traurig über die Chancenlosigkeit des Menschen und wütend auf mich selbst, weil ich das übliche sinnlose Aufrechnen der individuellen gegen kollektive Versagen in mir niederkämpfen musste, verließ ich den Lehmbrucktrakt und machte mich auf zum Anbau, der in einer desillusionierten Sparkassen-Moderne architektonisch nur noch davon handelt, nicht altmodisch zu sein, und in dem passenderweise gerade die eitle Quatschkunst des eitlen Quatschkünstlers Wurm ausgestellt wurde.

Link | 13. September 2017, 10 Uhr 37 | Kommentare (1)


Wie zum Beweis von etwas, das mir selbst mit den Jahren immer rätselhafter geworden ist, bin ich sogar hier in Kalifornien als Fußgänger unterwegs gewesen.

Eine Woche lang habe ich im Norden von San José im fensterlosen Labor eines Kunden gearbeitet. Flache, höchstens zweistöckige Komplexe zwischen sechsspurigen Straßen; zurückhaltende, massive, in die Erde geduckte, dunkle Betonarchitektur mit gepflegten Gärten. Stille und Konzentration sind die Überraschungen meiner Silicon Valley-Arbeitserfahrung. Jenseits der Mythen und der Missverständnisse aufgekratzter deutscher Konzernlenker geht es hier ernsthaft um Technologie, mit allen Voraussetzungen: Es sitzen hunderte Menschen still an ihren Tischen und arbeiten bis spät in die Nacht, gehen schlafen, kehren zurück, reibungslos und geordnet und in gedämpftem Ton in einer Abfolge immergleicher Tage. Klimaanlagen machen gute Luft, es gibt frisches Wasser, die Toiletten sind sauber, wer unbedingt telefonieren muß, kann das hinter Glas tun, wo er nicht stört. Das Gebäude wirkt leer, weil es funktioniert — nur am Freitag, wenn alle zusammen essen, sieht man die 200 Ingenieure und ist überrascht: Wo waren die nur alle, die ganze Zeit?

Niemand hat Spaß. Niemand streitet. Niemand lebt. Die Arbeit ist zu interessant dafür. Die Leute kommen aus Indien, Iran und China und haben PhDs. Sie fahren traurige wattige nagelneue Automatiknissans. Und es entsteht Technologie auf die einzig mögliche Art und Weise: Selbstbewusstsein, Kompetenz, Demut, langer Atem, Konzentration, Zeit, Raum.

Heute, an einem freien, wegen schlampiger Reisebuchung unverplanten Nachmittag nahm ich dann die Bahn nach Mountain View: Der Googleplex sah gerade noch erreichbar aus, zu Fuß vom Bahnhof her, auf der Googlekarte. Ich muß — diese Vermutung gehört fest zu meinen Märschen dazu seit Jahren — eine Attraktion gewesen sein, ein Fußgänger in einem Hemd und einer langen blauen Hose aus Anzugstoff, ein offensichtlicher Europäer, eine verlorene alberne Figur auf dem von niemandem je benutzten Trottoir der Brücke über die zwölf Spuren des Highway 101. Ich folgte dem Teslagradienten fast ohne auf die Karte zu schauen, höhere Dichte von Elektrofahrzeugen bedeutet größere Nähe zu Google. Ein Waymo-Fahrzeug mit Sensoraufbauten, allerdings nicht autonom unterwegs, ließ mich die Straße überqueren irgendwo in einem teuren Wohngebiet voller Sukkulenten in frischem schwarzem Mulch. Ein zerfallender, hinten tiefhängender Wagen mit einem Infowars-Aufkleber folgte ihm. Und es ist nicht so, daß nicht auch Ford-Pickups unterwegs gewesen wären, Ford-Pickups und Corvettes, rote und gelbe: Die schlecht gelaunten 8 Zylinder derer, die nicht dazugehören zur leisen Kultur der Konzentrationsarbeit.

Es war heiß an diesem Samstagmittag, gleißend hell und laut trotz höchstens mäßigen Verkehrs. Die Google-Zone und die Stadt gehen unmerklich ineinander über, Google verleibt sich vom Hauptquartier her nach außen Gebäude ein und erhöht auf den Straßen die Standards, dämpft die Lautstärke, pflegt die Gehwege und die Kiefern, verteilt googlebunte Fahrräder (die heute, an einem Samstag, nur von einigen Touristenmädels aus Quebec benutzt wurden), stellt bunte Gartenmöbel auf und Steckdosen an den Parkplätzen. Google wächst über den Industriepark hinweg und digital überallhin, seit ein paar Jahren, für noch ein paar Jahre, der Zenit ist immer nur hinterher erkennbar; wie die blight in A Fire Upon the Deep: Macht, institutionelle Intelligenz. Eine erfolgreiche Art, Arbeit zu organisieren und Menschen zu disziplinieren und also Ziele zu erreichen; organisatorischer Code, institutionelle Überlegenheit. Niemand stahl Google die bunten Fahrräder oder tat ihnen Gewalt an. Ich dachte an die Leute, die in Hamburg den Kapitalismus hatten smashen wollen und ihre drei Stunden Illusion von Anarchie, ihr großmauliges Mob-Einzelkämpfertum, ihre hoffnungslose und blinde Unterlegenheit.

Und an den Mann im Unterhemd mit seinem Infowars-Sticker, drei Straßenzüge stadteinwärts dachte ich, und den Präsidenten, den er gewählt hatte, weil hier die Inder, Iraner und Chinesen mit PhDs die Nächte durcharbeiten und der weiße Mann auf der Strecke bleibt und dort seine Infowars-Schrottlaube spazierenfahren muß.

Das Universum erschien mir sehr zuverlässig, unter den Google-Kiefern von Mountain View. Auf seine Grausamkeit, so schien es mir, ist Verlaß, auf sein Desinteresse an uns, am Wohl von halluzinierten Gemeinschaften und den Ideen, aus denen sie ihre Überlegenheitsphantasien bauen, auf seine stochastische Natur, seine erbarmungslose Bestrafung von Kategoriefehlern: Man kann noch so laut behaupten, mit ihm und seiner Geschichte alliiert zu sein und verlangen, sie gestalten zu dürfen.

Und es sortiert aus, was nicht funktioniert.

Und man hat keinen Grund zur Begeisterung deswegen — Disziplin ist Leere, schmerzhaft deutlich an diesem Ort — und kann eben keine moralische Überlegenheit der Funktionierenden daraus ableiten; Trotz bleibt eine Möglichkeit und jedermanns schönes Recht. Die Trötze der Vergangenheit sehen dann freilich sonderbar aus für heutige Augen.

Link | 27. August 2017, 4 Uhr 06 | Kommentare (1)


Es gelingt mir nicht, mich aufzuregen. Es gelingt mir nicht.

Die Volksbühne ist demontiert, OST verschwunden und das Räuberrad und Sophie Rois, die „Parole“ singt – und natürlich war die Volksbühne mein Theater, wegen Marthaler, wegen Pollesch, wegen Castorf, und viel öfter noch als ich dort Theater gesehen habe, habe ich Musik gehört, Current 93 immer wieder, Anthony and the Johnsons, die Tindersticks, an Abenden irre blauflimmernder Intensität. Die Volksbühne war wichtig. Ich hatte immer alle Liebe und alle Angst dabei dort, aber mehr Liebe.

Aber wie seltsam wäre es, wenn die Zeit sie weiter verschont hätte.

In Leipzig kann man zum WGT, ich glaube jedes Jahr, eine Ausstellung zur Beobachtung der Gruftszene durch die DDR-Staatssicherheit sehen. Es ist ein fröhlich-grusliges Vergnügen, einer untergegangenen Geheimpolizei über die Schulter zu schauen, wie sie in berückender Befremdung versucht herauszufinden, ob Jugendliche wirklich Tote ausgraben auf den Friedhöfen der DDR, und ob das Hören der Gruppe „The Cure (engl. Das Heilmittel)“ politisch neutral zu bewerten ist, und ob das eine oder andere die Sicherheit der Deutschen Demokratischen Republik bedroht.

Was man dabei auch noch einmal vorgeführt bekommt: Wie ernst die DDR die Sphäre des Symbolischen zu nehmen in der Lage war. Man versteht das nicht gleich als Westler: Das Symbolische lief nicht zum Eigentlichen parallel in der DDR, wie das in der Bundesrepublik der Fall war und in der Berliner Republik der Fall ist, das Symbolische war das Eigentliche. Eine Störung der symbolischen Ordnung durch eine unverständliche, nicht anschlußfähige Jugendkultur war ernst, weil dieser Staat fortwährend gedacht wurde und deswegen verstehen musste.

Der Berliner Republik ist selbstverständlich völlig egal, was in der Sphäre des Symbolischen geschieht: Sie kann sich darauf verlassen, daß ihre funktionierende Wirtschaft sie beieinanderhält. Solange der rechtsstaatliche Ausgleich der Interessen funktioniert, ist sie stabil. Was am Theater oder auf den Friedhöfen passiert, hat keine Relevanz. Ein Staat dagegen, der in permanenter Revolte gegen die Grundmechanismen des Wirtschaftens menschlichen Geist aufbringen musste, brauchte das Theater.

Daß so ein Theater, von der nachwirkenden titanischen Autorität von Heiner Müller konserviert, in die Berliner Republik bis ins Jahr 2017 hineinragen konnte als funktionierender Symbolreaktor erscheint mir im Nachhinein so unwahrscheinlich, daß ich kaum verstehen kann, wie das erst jetzt passiert: Daß die Wellen der weltläufigen Halbgescheitheit über der Volksbühne zusammenschlagen.

Nicht vergessen: Dies ist Berlin, die Stadt, die hartnäckig darauf besteht, ihren Sieg über einen Sozialismus, der sich friedlich wegdiskutieren ließ, mit der Errichtung eines Stahlbeton-Hohenzollernschlosses zu feiern, und die, als ihr schwante, wie weit sie den Kopf damit in der Arsch der eigenen Geschichte gesteckt hatte, als sozusagen besänftigende Strategie darauf verfiel, ihn innen mit echter Negerkunst zu dekorieren (Bredekamp verbrämen Sie) – jetzt, sagt die Stadt treudoof, ist doch wieder alles im Lot, Neger findet ihr Denkleute doch gut, und ihre tolle Kultur. Man kann es den Denkleuten einfach nicht recht machen.

Die Bundesrepublik hat Vorteile: Sie schießt nicht auf ihre Bürger und hetzt keine Nachbarn auf gegeneinander, und wenn einer The Cure (engl. Das Heilmittel) hören will, darf er das in Ruhe tun. Daß dieses Land Theater haben soll, in denen der Geist drinnen vom Ungeist draußen klar unterscheidbar wäre, finde ich viel verlangt. Die Sphäre des Symbolischen ist in dieser Gegenwart nun einmal: „Kunst“, korrekt beschrieben als ein dauerschlapper Versuch, Leute zu unterhalten, die schon viel gesehen haben und wollen, daß die Welt das weiß. Kunst ist unrockbar, und hat sich nun eben auch die Volksbühne geholt.

Mit anderen Worten: Er ist tot, ist tot, ist mi-ma-mause-tot. Kein Grund zur Aufregung, Kunst ist Mist und unaufhaltsam und ohne Alternative, wenn die Zeit gekommen ist.

Link | 11. August 2017, 21 Uhr 55


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