Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ich habe, wieder einmal, eine Wohnung gemietet, ohne die alte zu kündigen: Umzüge sind bekanntlich nicht zu bewerkstelligen; der verrückte logistische Aufwand, ein ganzes ordentliches Leben in Kisten zu packen und von fremden Leuten herumtragen zu lassen, wird noch übertroffen vom emotionalen Aufwand, alle eigenen Gegenstände einmal anfassen zu müssen und eine Entscheidung zu fällen. Das Glück, die Schuld, der Schmerz an den Gegenständen, kurz ihre gesamte unermessliche Melancholie, wird so aufgescheucht und neu auf die Seele losgelassen, aus den Schubladen und Fächern heraus: Das hält niemand aus.

Der einzige Weg, von sich loszukommen, ist also das Zurücklassen vollständig bewohnter Wohnungen. Ich selbst suche mir mit Vorliebe neue Orte, die den Anforderungen an rationales Wohnen kaum genügen: Im Grunde verlange ich von einer neuen Wohnung, mein gesamtes Bewusstsein zu vereinnahmen, mich ganz und gar mit dem Überleben in ihr zu befassen, sodaß ich keinen Gedanken verschwenden kann an meine Pflichten als Mensch oder Kapitalkraftwerk. Eine Wohnung, in der das bloße Dasein mich ganz ausfüllt, entschuldigt meine Unzulänglichkeiten, die grenzmutwillig vergessenen Geburtstage, die Traurigkeit, die mich umfing, als ich einen lieben Brief hätte beantworten sollen, und mich erst Jahre später freigab, als er spröd geworden war — all solches, das wird jeder einsehen, wird zweitrangig, wenn die Toilette nicht funktioniert.

Also habe ich eine Wohnung im fünften Obergeschoß gemietet, nicht im Dachgeschoß, gerade eins darunter, die vollständig gekachelt ist. Im Wohnzimmer liegen große, quadratische, fleckig hellblaue Kacheln, im Flur terrakottahafte kleine Rechtecke, und grobe Steinfliesen im Bad und in der Küche. Im Wohnzimmer sitzt ein unsauberes und wohl schon eine Dekade lang durchhängendes Holz-und-Leinen-Sofa, und es liegt ein zu kleiner Flickenläufer aus, der dem kalten hellblauen Raster nichts entgegenzusetzen hat. In einer Ecke steht allein: ein Stuhl mit unappetitlich unparallelen Beinen.

In der Küche ein Gewürfel, die Geräte verraten mit bräunendem Kunststoff und runden Formen ihre Herkunftsjahrzehnte. Ein schwarzweißes Waschbecken, ein rohrdünner zweimal gewinkelter Hahn, links ein Ventil, rechts ein Ventil, und ein boshafter Boiler. Es gibt auch eine Duschzelle in der Küche.
Im Badezimmer steht eine speckige Emaillewanne und ein Holzkasten, in dem sich schamhaft die Toilette verbirgt. Die Menschen haben es leichter, seit sie zugeben, daß sich in ihren Wohnungen Aborte befinden (in jeder wenigstens einer), dieses Bad geht zurück in eine Zeit, in der es in Berlin unschicklich schien, eine Toilette zu haben.

Die Badezimmer- und Kücheneinrichtungen haben nun die Eigenschaft, unzuverlässig zu sein. Der Hahn kollert beizeiten lange, bevor er spanig losspuckt, schlimmer aber sind die Abflüsse, die an Regentagen ihre Funktion umkehren. Ich fand schon den Toilettenholzkasten bis an die Deckelkante angefüllt mit (dankenswerterweise leidlich sauberem) Wasser. Frühere Mieter, oder frühere Hausmeister, haben die Naßräume mit Klappen versehen, und wenn die Rückstauungen zu stark werden, öffnen sich diese Klappen nach unten — wohin? — es platscht und gurgelt, und meine Wohnung wird leichter.

Der Vermieter hat mir, als er meinen Willen, hier einzuziehen, akzeptieren musste, schlechten Gewissens Zugang zu einer Dachterrasse versprochen, die demnächst, genauer wurde er nicht, ausgebaut werden soll und die er über einen Gang oder eine Treppe, er blieb vage, mit meinem hellblauen Wohnzimmer verbinden wollte.

Diese Wohnung jedenfalls ist in ihrer völligen Unbrauchbarkeit herrlich und macht frei. Meine alte Wohnung in der Warschauer Straße habe ich wochenlang nicht gesehen, jeder Tag macht den Gedanken, dorthin zurückzukehren und die riesige Aufgabe einer Auflösung in Angriff zu nehmen, absurder. Staub, Staub. Gottlob bin ich wohlhabend inzwischen — es muß Vorteile haben, fast vierzig zu sein — und mein alter Mietvertrag ist nach heutigem Dafürhalten spottbillig. Ich werde diese Wohnung (und all die anderen) halten, bis ich sterbe: sollen sie sich dann wundern, was diese rastlose Wohnungsakkumulation und lebensumfängliche Möbel- und Kleiderverstaubung wohl sollte.

Wieder der Vermieter: Er legt mir noch eine Tür, wieder aus schlechtem Gewissen, zu einem großen (aber nur raumhohen) Saal, der bisher, so sagt er, als Versammlungsort für den exilierten Hof eines kasachischen oder tadschikischen Fürsten gedient habe: Zwischen den Säulen steht ein Prunksessel auf dem grünen Veloursboden (nicht im Raster der Säulen, sondern verdreht, was ich sofort korrigiere).
Man lagerte sich wohl zu Füßen des Fürsten, weitere Stühle gibt es nicht im Saal. Gut gefällt mir noch der skulpturale Heizkörper, der aus dem darunterliegenden vierten Stockwerk in den Saal heraufreicht durch eine weite, geländergefasste Öffnung. Am Heizkörper vorbei sehe ich da unten ein Sofa in Brokat, einen Flügel, goldene Tapeten und staubige Gestecke.

Auch dies alles gefällt mir gut: Die offenkundigen Verstöße gegen die feuerpolizeiliche Vernünftigkeit passen zu meinem eigenen Trotz. Ich will Städte, in denen ich tagelang durch Wohnungen und Türen spazieren könnte ohne ein einziges mal eine Straße zu betreten und in denen ich am Dialekt der mir begegnenden Hausmusik-Streichquartette den Stadtteil erraten müsste.

Link | 26. November 2018, 21 Uhr 04 | Kommentare (0)


Es ist klar wie ein Bergbach mit zappelnd vor dem Rechen stehenden Forellen inzwischen: Die alte Kaskade Leben -> Fimmel -> Kommodifizierung -> Full-on-Fernsehscheißdreck -> Nachleben-als-T-Shirt-Motiv ist nicht mehr, ist ein Ding des zwanzigsten Jahrhunderts, passiert nicht mehr, kommt nimmermehr wieder.

Oh, die Popkultur stagniert, was machen wir bloß.

Was wir jetzt statt der alten Kaskade haben hat den Vorteil, immerhin reichlich konfus zu sein und die Kriegsgewinnler der alten Kaskade, also exemplarisch die Bevölkerung von ganz Köln ca. 1999, komplett verwirrt im Regen neben dem jetzt plötzlich sehr schlammigen und forellenlosen Bach zurückzulassen, wo sie jammern und klagen. Gut, die sind wir schonmal los.

Was wir statt der alten Kaskade haben hat zwei Ebenen.

Obendrauf ist so eine Art Nacht der Welt: Bei Zara ist immer mal drei Tage Hair und drei Tage Super Trooper und drei Tage Flanellhemd und dann wieder Blume im Haar, für immer, und an der Zarakasse dreht ein Clown (sieht aus wie Lagerfeld mit roter Nase) die Ka-Tsching-Kurbel und schreit Mode Mode Mode. Es ist natürlich auch der trübsten Tasse klar, daß der Clown das nicht so meint, aber was soll man machen.

Untendrunter gibt es die Fanatiker, die sich in einem Teil des in der Kulturgeschichte erschöpfend erschlossenen Möglichkeitenraums des Menschseins niederlassen und in die Raumfalten und -klüfte gehen. In der Breite waren wir sequentiell überall, jetzt gehen wir parallel in die Tiefen von allem, erschlossen über das Koordinatensystem Dekade/Subkultur/Stadt.

Und dieses Koordinatensystem verweist eben nicht in die Zeit zurück, sondern in den zeitlosen Raum der Stimmungsmöglichkeiten: Hört auf zu jammern. (Könnt Ihr nicht, weiß ich, transzendentale Miserabilisten seid ihr und werdet ihr sein bis ihr vergessen seid und niemand sich an Eure Nicht-ganz-Revolte erinnert.)

Es geht jetzt darum, diese Unterströmung des uninteressanten Nacht-der-Welt-Internet-und-Zara-Quatsches zu umarmen und abzutauchen in die Klüfte, es gibt viel zu verstehen und ist alles nicht wenig aufregend.

(In der U-Bahn: Weiße kurze Wuschelhaare, bodenlanges rotes Samtkleid, graue hohe Lackschuhe, Kopfhörer Holz und Chrom. Sagenhaft, eine Art pagane Bordpriesterin für ein Luftschiff: Sail!)

[Wasser Wasser]

Link | 17. November 2018, 3 Uhr 34 | Kommentare (0)


Im Inneren der gewaltigen Steinagglomeration, inmitten in den Himmel türmender verschütteter Wassergewirre, erinnere ich mich an die Novemberluft in einer schläfrigeren Stadt, an meine Übermüdung an einem kalten weißen Morgen, drew a breath, hard and clear, like a hammer on a church bell.

Am meisten wir selbst sind wir an so einem müden Morgen in einer fremden Stadt, ungeschickt verloren und roh, geliebt für unsere unsteten Blicke, Hunger und Zweifel, Talent und Übermut. Im Moment selbst bemerken wir nichts, später bleibt dieser Moment immer bei uns, er wird, wer wir sind.

Die Trinkerei der ganz Großen ist vielleicht das: Ein Weg, bloß talentiert zu bleiben, diesen konservierten Moment größter Verletzlichkeit nicht vom Erfolg auslöschen zu lassen.

Link | 15. November 2018, 3 Uhr 32 | Kommentare (1)


Die Substanz einer Landschaft: Die Steine, Wasser, Ansichten. Die Mythologie einer Landschaft: Die Leidenschaften ihrer Toten, die Besetztheit der Steine, Wasser und Ansichten mit vergessenen Besessenheiten.

Es gibt Landschaften, die spektakulär sind, azur und ocker und tieforange an Novemberabenden, aber mythologiefrei, und sie werden bewohnt von Leuten, die es zu etwas gebracht haben und sich Häuser gekauft haben und die Kunst ihrer Freunde darin aufhängen, und die Kunst zeigt im Wesentlichen Azur und Ocker und das Tieforange von Novemberabenden.

Und es gibt Landschaften, reizlos und ohne besondere Sonnenuntergänge, in denen an jeder Buche ein schwedischer Reiter hängt wenn die Nacht kommt, in denen die Kamine in den Wirtshäusern aufstieben und fauchen wenn man die Türen öffnet, in denen Gold und Hostien in den Höhlen sind oder Steine im Wald sirren und leuchten nach dem Regen.

Ich glaube überhaupt, daß es die Wasser sind, in dem die Leidenschaften der Toten überdauern. Auch das Kasseler Oktogon, in dessen moosige Ruinen-Innereien für immer Stan Douglas‘ Technicolor-Grimmgeister eingezogen sind, stelle ich mir immer triefend vor, nach dem Regen, Stein und Moose vollgesogen und kalt, lebendig voll unbezwingbar Nie-ganz-Verdrängtem.

Link | 13. November 2018, 2 Uhr 42 | Kommentare (0)


Das Deckenlicht bleibt ausgeschaltet, die Wartehalle des Bahnhofs von Böbingen liegt im Halbdunkel. Die Wartehalle des Bahnhofs von Böbingen ist fünf mal fünf Meter groß. Straßen- und Bahnsteigseite sind bodentief verglast. Eine Wand: Sichtbeton mit Holzmaserung, davor felsenfest eine durchgehende Bank aus schwarzem Stahl und unzerkratztem Tropenholz. Der Bank gegenüber: die Wand mit dem Fahrkartenschalter, die einzige ornamentale Wand des Raums: drei abgerundete Rechtecke aus geschnittenem und poliertem Kieskonglomerat-Beton, orangene und braune Flächen aus opakem Glas, in einem der runden Rechtecke: der Schalter selbst.

Der Böbinger Fahrkartenschalter ist seit dem 1.1.2016 geschlossen. Das steht auf einem Stück Papier in einer Klarsichtfolie, das dort seit dem 31.12.2015 hängt, vor einem gezogenen Vorhang mit großen Abstrakta in braun und orange darauf: Originalausstattung ca. 1983. Die quadratische Uhr im Warteraum des Bahnhofs von Böbingen geht falsch, sie zeigt vierzehn Minuten nach vier, dabei ist es kurz vor acht Uhr Abends: Das einzige Zeichen von Vernachlässigung, das ich erkennen kann.

Ich bin allein im wohnzimmergroßen, verlassenen, von der Bahn aufgegebenen und kein bisschen verwahrlosten Wartesaal des kleinen Bahnhofs von Böbingen. Ich fühle mich sicher und zu Hause. Durch die Glasfront zur Straßenseite schaue ich einem Bauern beim Obstabladen zu. Der schwäbische Brutalismus, eine besonders bürgerliche, ernsthafte und schöne Ausprägung der Formen- und Farbsprache der späten Moderne, beruhigt und behütet auch in der Miniaturversion des Bahnhofs von Böbingen, in dessen dunklem Nachleben ich auf meine Regionalbahn warte.

Link | 24. September 2018, 23 Uhr 13


Weirdes Wandern: Zwischen dem zweiten und dritten Stein könne man durchfahren, sagte Wilfried. Wir bargen, schon nah dran an der in den Atlantik hinausragenden Perlenreihe. Unter Motor verfehlten wir die Stelle zunächst und mussten einen zweiten Anlauf nehmen, dann schlüpften wir durch. Auf den Klippen im Osten kamen in Sicht: ein Doppelkreuz, zwei Westwall-Artilleriebunker, ein Feuerleitstand und drei große alte Ferienhäuser mit vernagelten Fenstern.

Auf der Reede von Camaret dann lag schon ein Patroillenboot der Küstenwache, und es waren Hubschrauber in der Luft. Der Hafen wurde gesperrt, kaum daß wir festgemacht hatten: der Präsident der Republik würde das Städtchen besuchen tags darauf, ein Tag Zwangspause für uns.

Ich stieg also von der Stadtseite zu den Klippen hinauf, vorbei an den Steinreihen von Lagatjar und durch die Ruine der in den letzten Kriegstagen bombardierten strangen Abtei von Saint-Pol-Roux. Tief unten die Bucht; um mich Pfade zwischen niederen Sträuchern, Geröll, MG-Nestern und aus Flak-Fundamenten ragenden armdicken Schrauben. Sonnenflirren auf dem Wasser, Schmetterlinge und Hummeln am Beton. In einem glasklaren sonnigfrischen Lothar-Günther-Buchheim-Moment setzte ich mich auf einen Stein am Feuerleitstand und sprach Ideen für eine Erzählung, die „Die Erdkundestunde“ heißen würde, in mein Diktiergerät. (Die Aufnahme ist kaum zu verstehen hinter den Windstörungen, aber gut genug.)

Die vernagelten Häuser auf der Klippe sind vor nicht allzulanger Zeit gesichert worden. Nicht unmittelbar bewohnbar möglicherweise, aber mit neuen Dächern versehen und dichten Fenstern. Natürlich wäre die „Erdkundestunde“ nur dort, unter Zuhilfenahme etwa eines Jahres Lebenszeit, auch nur für ein Scheitern in Erwägung zu ziehen.

Am nächsten Morgen, Präsidenten-Leviathanspuk vorbei, brachen wir auf nach Nordwesten, Pointe Saint-Mathieu, die Inseln, und dann in eine unruhige Nacht hinein, unter strenger Beobachtung von Ouessant traffic, AIS-Slalom zwischen Schiffen mit Bestimmungshäfen Rotterdam und Hamburg; die helle Flamme der Verliebtheit in die „Erdkundestunde“ langsam verblassend in Müdigkeit und Nervosität.

Link | 2. September 2018, 17 Uhr 14


Chrissi war eingeschlafen in der bayrischen Gluthitze, Frieder ertrug zwischen uns respektvoll meinen Versuch, ihn, den 18 Jahre Jüngeren, und Timo, der fuhr und zu dessen legendär zuverlässiger Hiphop-Playlist wir nachher zurückkehren würden, für das schon liebevoll als „Katzenjammer“ bezeichnete 20-Minuten-Godspeed!-Brett Mladic zu begeistern. Ladi, Beifahrer, hatte mit all dem eh nichs zu tun und schwieg eh. Wir rollten die Tankstelle an, als ab 13:30 die großen verschleppten Swipes über die Hügel fuhren, und stolperten aus Timos altem BMW links und rechts raus auf den fauchenden Beton; die Hitze packte uns in Watte und wir kniffen die Augen und machten die ersten wackligen Schritte vom Wagen weg: von einer kalten Cola redend, eine kalte Cola kaufen. Und da, überall um uns, Einschläge, fett und mächtig und lautlos, Jugend und Glück.

Link | 27. August 2018, 0 Uhr 22


Applied Ballardianism von Simon Sellars, Memoiren aus einem parallelen Universum: Memoiren vielleicht, psychotische Halbfiktion eher, sicher eine kleine Geschichte von Sellars‘ Themen — Micronations, Nichtorte, Psychogeographie, Ballard — eine Sammlung von Theoriefragmenten und eine anekdotische Diagnose des Zustands von Academia, insbesondere der kritischen Geisteswissenschaften, von einem, der ihre Geistverlassenheit nicht erträgt.

Und natürlich angewandter Ballardianismus, Bericht eines halben Lebens, verbracht in einem vollständig von Ballard konfigurierten Wahrnehmungsmodus, in dem die inhumane Qualität bestimmter Typen von Raum und die mit ihnen verbundenen Gewaltformen aufleuchten wie im Wärmebild und attraktiv werden wegen der durch sie erschlossenen Verbindungen zu primordialen Persönlichkeitsanteilen.

Für nicht-Ballard-Leser ist Applied Ballardianism vermutlich ein vor allem konfuser Text, für Leser tatsächlich eine Wiederbegegnung mit dem schwer zu greifenden, sorgsam nie explizierten, zutiefst widerwärtigen Hintergrundrauschen des Ballard-Universums. Der Text handelt in der Hauptsache von „Sellars“ Scheitern an seinem Versuch, diesen Hintergrund theoretisch zu fassen, von seinem Scheitern am kritischen Jargon, der text- und wirklichkeitsfern seinen Stuss vor sich hinblubbert, und Scheitern an den Ideen, die übrig bleiben, wenn man den Jargon weglässt.

Der (durch Sellars selbst irgendwann) weitestmöglich jargonbefreite Kern seiner Ballard-Deutung ist, so scheint es, schon dies: Im Spätkapitalismus herrscht eine Konsumkultur, die den planetaren Raum vollständig ausfüllt, vor der man also nirgendwohin mehr physisch fliehen kann. In ihr existiert ein prekärer, durch einen enormen Überwachungsapparat und seine ständige Bildproduktion aufrechterhaltener Friede. Da wesentliche menschliche Bedürfnisse in dieser totalen Zone des Konsums aber unbefriedigt bleiben und unerträgliche Langeweile die Folge ist, gibt es zwei Arten des Widerstands, die jederzeit spontan oder auseinander entstehen können: Den Rückzug in vom Kapital nicht kontrollierbare innere Räume, und den Ausbruch äußerer, extremer Gewalt wider die Konsum- und Medienordnung, gerade für die Kameras performt.

Das ist nun kein unvertrautes Raster, sondern eins mit spätestens seit der Jahrtausendwende hoher kultureller Sichtbarkeit: Fight Club und Tiqqun und die ganze frühe Netzkultur bieten nahezu identische Wirklichkeits-Großerzählungen an.

„Sellars“ Scheitern in Applied Ballardianism könnte nun durchaus seine Ursache darin haben, daß dieses Raster bananas ist: Er bemerkt ja durchaus, daß die spontane Straßengewalt, die er so anzuziehen scheint und die ihm als verräterisches Symptom erscheint, nicht von vom Kapitalismus gelangweilten Moms in Malls ausgeht, sondern von jungen Männern und manchmal von einem jungen Mann namens „Sellars“. Immer wieder versuchen ihm Leute auch zu sagen, daß die Form von Maskulinität, die er lebt, schwer mit seiner erklärten Abscheu vor Gewalt zu vereinbaren ist.

Was dagegen nie zur Sprache kommt ist, vor welcher Alternative Ballard seine Angriffe auf den Spätkapitalismus denn eigentlich angeblich vorträgt. Diese gewaltlose Welt, in der der Friede von selbst und ohne CCTV herrscht, weil der gebaute Raum den Bedürfnissen der Menschen entspricht und niemand sich langweilt: Wie geht die nochmal? Wo findet man sie bei Ballard, auch nur angedeutet?

Die Ballard-as-Fight-Club-Lesart ist, als würde man darauf bestehen, Barry Lyndon als Kritik am Absolutismus und am System der Kabinettskriege zu lesen. Kubrick interessiert sich aber nicht für Jakobinismus, er interessiert sich dafür, was Menschen für Tiere sind. Und wie Kubrick nicht sagt: „das wären totale Supertiere, wenn nur der Absolutismus abgeschafft wäre“ kann man Ballard nicht unterstellen, sie zu Supertieren zu erklären, wenn nur endlich der Spätkapitalismus mal aufhören würde. Die Diagnose, bei Kubrick und Ballard, ist: „Die Gewalt ist der Hintergrund. Ob man gepuderte Perücken oder Konsum und CCTV auffährt zur Zivilisierung: Sie lässt sich bestenfalls mühsam unterdrücken. So ein Tier ist nämlich der Mensch.“

Not pretty. Das macht die Diagnosen nicht weniger wahr: Natürlich gibt es eine allpervasive globale Konsumkultur und das in seinen Ausmaßen gar nicht zu überschätzende Vernichtungswerk des Lonely Planet — Sellars kann ein Lied davon singen und singt eins. Es gibt nur keine Schuldigen, nicht einmal systemisch, und keine friedlichen Alternativen: Nicht bei Ballard jedenfalls. Es gibt nur uns und die Hölle, die wir sind, und einen erbarmungslosen Blick darauf, Augenlid nach unten gezogen.

Wie Mark Fisher (und andere gute Leute aus dem Zero Books/Urbanomic-Umfeld) hat Sellars aber selbst: Sehnsucht nach der Zukunft, die einmal war. Sehnsucht nach einer Welt, in der benevolente, gute, groß gedachte Architektur uns befriedet und Zellen von Raum befreit. Und es geht ja, es ist ja möglich.
Einen Weg allerdings durch den Ballard gehen zu wollen, befeuert von adoleszent-männlichen Gewaltphantasien auf den an all der Gewalt schuldigen, weil langweiligen Konsumerismus loszugehen, ist einigermaßen absurd: dicit Sellars, am Ende seines Weges. Stimmt wohl, überrascht nicht total: Memoiren aus einem schon sehr parallelen Universum.

Link | 19. August 2018, 20 Uhr 02


Es beginnt alles, das ist klar, mit einem Haus. Das Haus muß groß genug sein, um eine Party zu feiern, die aus 4 sich nicht überschneidenden konzentrierten Gesprächen oder Vorträgen besteht. Es muß ein Klavier und eine Küche geben, eine Terrasse und einen Garten, und ohne alte Bäume vor den Fenstern ist das Haus nicht zu denken. Das Wichtigste im Haus, neben Sofas und Licht, sind die Bücher, ans Haus gebunden durch ein Exlibris, überall im Haus zugegen, in Nischen und auf Lehnen, mit thematischen Mäandern, denen man in der Haustopologie, wochenlang von Sessel zu Sessel sich lesend, folgen kann.

Ein solches Haus muß erreichbar sein für die Freunde, die, in Gruppen oder einzeln, eintreffen und für ein paar Tage bleiben, Phasen wechselnd konfigurierter Einsamkeiten, und, an einem Kamin oder im Garten, sprechen oder vortragen.

Das ist das Grundmodell, dessen Pathologien bekannt sind und das darüber seine Attraktivität nicht eingebüßt hat: Als Bildungs- und Sinnphantasie, Möglichkeit eines Rückzugsorts ins Kontemplative, Bedingung einer nicht selbstzerstörerischen Produktivität.

Nach der Errichtung des Hauses sind die Tempel an der Reihe, funktionslose Kraftorte einer säkularen Mystik.

[decodieren, einpassen]

Link | 10. Juni 2018, 21 Uhr 55 | Kommentare (3)


Gegenwärtig ist es wieder einfach, in der Geschichte eine Richtung zu erkennen: Die Rückschläge sind selten geworden und haben eine beherrschbare Qualität angenommen. Die Erinnerung an eine höllische Welt, in der ein trockener sicherer Schlafplatz und genug zu Essen unerreichbare Phantasien waren, ist mehr als drei Generationen alt. Zum Mars zu fliegen kommt uns nicht mehr unrealistisch vor, genausowenig das Ziel, in nicht allzuferner Zukunft mit dem solaren Energiebudget ohne Rückgriff auf fossile Reserven auszukommen. Automation und Ephemerisierung sind so offenkundig real und erzeugen ein so klares Bild der Zukunft, daß das Erschrecken vor dieser Zukunft kein Erschrecken vor einem möglichen Rückfall in die Höllen des frühen 20. Jahrhunderts ist, sondern ein Erschrecken vor einer insgesamt inhumanen Welt.

Die interessante politische Verwerfung läuft deswegen spätestens in diesem Jahrzehnt tatsächlich nicht mehr zwischen dem roten und dem blauen Menschenbild, sondern zwischen rotblauer Reaktion und grauer Vita Activa.

(Die rotblaue Reaktion ist in Deutschland grün, mit einem Begriff von Natur, der sie als Zweck behandeln möchte; blau, auf einer atavistischen Welle ethnischer Panik reitend; und rot, mit der rührenden Forderung, die Wirtschaft solle dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Von der genuin schwarzen, christlichen Variante hört man kaum noch etwas, reaktionär empfindende Christdemokraten schöpfen offenbar auch lieber aus der blauen Quelle.)

Gemeinsam ist vielen Varianten dieser kulturell extrem breit aufgestellten Reaktion, daß sie sich nach Statik und Nullsumme sehnen: Eine Natur, in der in alle Ewigkeit das zum Circle of Life verkitschte permanente Blutbad der Evolution sinnlos und richtungslos bleibt. Ein ethnisch homogenes Museum des Deutschen Reiches, nur echt mit falschen Adligen und agrarischer Lebensform. Oder eben ein Museum der amerikanischen 70er, mit Männern in Stahlwerken.

Das Sehnsuchtsgrundmodell ist dabei immer Gormenghast: Eine endlose ungestörte Folge von Söhnen, die ihre Väter ersetzen, um genau dasselbe zu tun wie ihre Väter. Denn: Immerhin sind in Gormenghast alle Akteure menschlich. In der Zukunft aber, die sichtbar wird in der Perspektive der Geschichte, in der wir tatsächlich zu leben scheinen, spielen Menschen kaum noch eine Nebenrolle. Eine von ihnen losgelöste Produktivität, externalisierte Intelligenz, sogar eine autonome Ästhetik erscheinen dort, aber viele unserer zum „Menschlichen“ verherrlichten ererbten Lebensbedingungen verschwinden: Familie in Wärme und Terror, Körperlichkeit in Glorie und Zerfall, Zusammenleben im Rudel in Freundschaft und Gruppengewalt.

Die Graue Option begrüsst eine solche inhumane Zukunft. Nicht um ihrer selbst willen, sondern als aufregendere und für den Einzelnen jetzt lebbarere und ehrlichere Alternative zu allen vorgeschlagenen rotblauen Varianten von Gormenghast: Die graue Option nimmt euphorisch Teil an der inhumanen Geschichte und betreibt sie, statt sie untauglich zu verhindern zu suchen. Mit anderen Worten, die Graue Option ist die Option der klassischen Bond villains, und nicht ohne Grund ist in der letzten Dekade eine postkalifornische Ideologie entstanden, deren ehrlichste Vertreter bewusst auf Bondvillain-Coolness anspielen: Ihrem Tribe kann man mit Rhetorik von „Menschen verbinden“ und „Idealismus“ nichts mehr erzählen.

(Bond selbst übrigens ist ein Agent im Dienste der Regierung seiner Majestät, also Gormenghasts, durch und durch der immer siegreiche Bewahrer der alten menschlichen Ordnung. Daß er einmal pro Generation neu erfunden werden muß, weil die frisch bewahrte alte menschliche Ordnung für ein neues Publikum nicht mehr wiedererkennbar wäre, zeigt nur, daß Gormenghast realiter nie eine Chance hatte und hat.)

Link | 7. April 2018, 15 Uhr 35


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