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Befindlichkeiten


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2010.10.18 | 4:09 pm | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
Kelche sind wie Körper

Nur mal so am Rande: Wussten Sie eigentlich, dass das Hotel Raphael, in dem Wes Anderson im Jahre 2007 wiederum sein „Hotel Chevalier“ drehte, eben exakt jene Herberge ist, auf dessen Dach Ernst Jünger am 27. Mai 1944 dem Bombardement von Paris durch die englische Luftwaffe beiwohnte, ein Glas mit Hilfe von Waldfrüchten verfeinerten Rotweines in der Hand?

"Alarme, Überfliegungen. Vom hohen Dache des Raphael sah ich zwei Mal in der Richtung von St. Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Es handelt sich um Angriffe auf die Flußbrücken. Die Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deutet auf einen feinen Kopf. Beim zweiten Male, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Blütenkelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird."

Ernst Jünger - Strahlungen

2010.10.16 | 5:16 pm | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Weites Land

Jeder neue Tag ein voll- und eigenständiges Universum. Grenzenlos und unverhofft. Die Relativität der Verhältnisse und aller Dinge zueinander, ganz besonders jetzt gerade, in diesem Moment, die unfassbare Seltsamkeit der Zahlen. Die Gesamtsumme der Zellen meines Körpers. Die Gesamtsumme der sichtbaren Fixsterne. Nur eine von beiden ist endlich. Weitere Tage, ebenfalls zählbar und doch zu einem ununterscheidbaren Ganzen verschmelzend, einer Melange aus Sonne und Eindrücken, Küssen und Momenten. Dort unten, am Hafen, zwischen den Booten, bewegt sich etwas, das sich von hier oben nicht genau benennen lässt. Es könnte ein ältlicher Fischer sein, mit grauen Bartstoppeln und Klischeezigarette im Mundwinkel, es könnte aber auch das Abbild der größten Hoffnungen sein, die sich alle Menschen je gemacht haben, das personifizierte Glück also, oder zumindest die Unsterblichkeit. Wahrscheinlich aber doch bloß ein Fischer, und das Netz, das er gerade zusammenlegt, dient nur dem Fangen von Fischen, weniger dem von schicksalhaften Begebenheiten oder den Resten falsch abgebogener Seelen. Quel dommage.

2010.10.15 | 8:55 pm | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Work in Progress [I can guide a missile by satellite]

Was eben dort üblicherweise so herumsteht, was man so braucht: Eine Fahne mit Parolen, eine Videokamera, ein stumpfes Messer, eine Kanne Tee.

Natürlich hat sich auch hier nun eine eigene Mythologie entwickelt, ein Heldentum. Eine Sage vom Widerstand, vom Geist der Résistance gegen die Besatzer. Bagdad ist gar nicht so weit weg von Paris, Teheran noch viel weniger.

Und doch ist es ebenso beliebig, wie die Welt es ist.

Wer wischt eigentlich immer das ganze Blut weg? Wer putzt in den Armeelagern? Wie lächerlich man aussieht, mit diesem Helm auf dem Kopf und der Uniform. Der Blick in den Spiegel. Der Gang unter die Dusche in kompletter Montur.

Menschen, diese etwas besser organisierten Affen.

Dieser Krieg, diese Wirklichkeit, ist ein surreales Konstrukt, eine Welt und Umgebung, in der die eigenen Codes nur begrenzt gültig sind, ähnlich den Umständen, in denen sich Colón plötzlich wieder fand, als er das Eigene, Europäische wie selbstverständlich auf das Andere, Südamerikanische anwenden wollte, ohne auch nur auf die Idee der differenten Kultur und des differenten Weltbildes zu kommen, kommen zu können – zu zentrisch, zu katholisch war alles, was er Denken hieß.

Hier draußen jedoch funktionieren nur die Basics, die Physik also, die Biologie und somit der Tod.

Ich wische das Blut von der Uranmunition und trinke danach eine Caprisonne. Wenn man einen Platten bei Haditha hat, sollte man kurz vorher nicht den Kreuzschlüssel nach einem Einheimischen geworfen haben. Karma. Willkür. 500.000 Pfund, tot oder lebendig.

Das Tagesgeschäft abstrahiert sich von der Politik und hat eine Eigendynamik des Hinnehmens des Vorhandenen, Gegebenen entwickelt, wie es immer ist bei längeren Konflikten. Die Absurdität hat sich verlagert, ist weniger vage geworden, viel alltäglicher. Das hat natürlich auch etwas mit dem Blick zu tun, mit der Perspektive – as usual, siehe Colón.

I can guide a missile by satellite.

COMMENTS

1 - posted by Natur und Kultur | Paragraphien | 2012.11.25 | 4:37 pm

[…] Siehe auch: Die Angst vor den Barbaren / Das Problem des Anderen / Befindlichkeiten […]

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2010.10.13 | 11:15 am | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
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Das lyrische Ich dieses Textes hier sagte kürzlich zu einem durchreisenden Besucher, dass es in Sachen „Umgang mit den Dingen und überhaupt“ nun eben einfach ganz pragmatisch mit Rainald Goetz gehen würde und auch zu gehen habe, man wisse schon, „Cry, don’t work“ und so. Weder das lyrische Ich noch der durchreisende Besucher stutzen daraufhin ob einer gewissen Unstimmigkeit, die dem Ausgesprochenen innewohnte, was wohl daran lag, dass in diesem Falle Sigmund Freud zur Abwechslung dann wohl doch einmal recht behielt, weswegen natürlich und naturgemäß weder eine Inversion des Gesagten noch ergo Richtigstellung des Zitates notwendig waren.

[...] There is more truth in the mask we wear, in the game we play, in the 'fiction' we obey and follow, than in what is concealed beneath the mask. [...]

Slavoj Zizek

2010.10.10 | 3:29 pm | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Hiatus maleficus

28/08/2008 – 10/10/2010

[...] Im Grunde ist alles Leben ein Prozeß des Niedergangs, aber die Schläge, die das eigentlich Dramatische dabei ausmachen - jene plötzlichen schweren Schläge, die von außen oder scheinbar von außen kommen, an die man sich erinnert, für die man die Dinge verantwortlich macht und über die man in schwachen Momenten auch zu seinen Freunden spricht - , diese Schläge zeigen ihre Wirkung nicht mit einem Mal. Es gibt noch eine andere Art von Schlägen, die von innen kommen und die man nicht spürt, bis es zu spät ist, etwas dagegen zu tun, bis einem endgültig klar wird, daß man als Mensch in dieser oder jener Hinsicht nie wieder soviel taugt wie früher. Die erste Art von Knacks kommt rasch, die zweite Art kommt, fast ohne daß man es merkt, aber dann spürt man es plötzlich um so mehr. [...]

F. Scott Fitzgerald - Der Knacks

2008.08.28 | 10:31 pm | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
Publicité Tapageuse II

Oh Danny boy, the pipes, the pipes are calling
From glen to glen, and down the mountainside
The summer's gone, and all the roses falling
'Tis you, 'tis you must go and I must bide

But come ye back when summer's in the meadow
Or when the valley's hushed and white with snow
'Tis I'll be here in sunshine or in shadow
Oh Danny boy, oh Danny boy, I love you so

2008.08.22 | 2:34 am | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Von der Schwierigkeit, eine Linie zu ziehen

Die Schlösser bei Großheringen, dort will ich sein. Unter der Kategorie der Freiheit. Im Wintergarten, in der Villa, am Fuß der Berge. In der seltsamen Deutschheit dieser Dörfer. Die verfallenen Bahnhöfe (niemand steigt hier zu/aus), die Sonne, die Bewegung. Die Verheißung von Glück. Staub über den Äckern. Ich kann das kühle Klingen ahnen, aus den Höfen. Auf den Hügeln Strohballen wie Fallengelassenes großer Nomaden. Ich will unter der Herrschaft dieses einen, guten Geistes sein.

2008.08.19 | 1:40 am | Korrespondenz PERMALINK  |  TRACKBACK
Le camping sauvage est interdit

Japander

BBC

~

[...] Die Tautologie ist immer aggressiv. Sie bedeutet einen wütenden Bruch der Intelligenz mit Ihrem Objekt. [...]

Roland Barthes - Mythen des Alltags

2008.08.16 | 3:47 pm | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Die Freuden der Infinitesimalrechnung

Zwischen Bacharach und Bingen hat jemand an eine der Basaltmauern der Weinterrassen, weit über dem Tal, in metergroßen weißen Lettern, jenen nachempfunden, die an derartigen Stellen normalerweise die Rebstöcke ihren Besitzern zuordnen, die freundliche Empfehlung geschrieben: „LEBE VEGAN!“. Dies erinnert nicht von ungefähr an ähnlich große Lettern, die in einem Sommer Ende der Neunziger auf einer Mauer am Fuße des Marburger Domes zu sehen waren, den reminiszenten Befehl formulierend: „ROMANI ITE DOMUM“. Diese jedoch waren von roter Farbe, ebenso wie die Flüssigkeit, mit der sich an jenem Sommernachmittag ein Gegner der im Stadtmuseum gastierenden Wehrmachtsausstellung das schon schüttere Haupthaar übergoss, etwas indifferent wohl mit dieser Handlung auf das aus seiner Perspektive zu Unrecht von Historikern und Presse an die Hände des einfachen Wehrmachtssoldaten geschriebene Blut hinweisen wollend. Seine beiden Mitstreiter machten es sich etwas weniger schwer, indem sie sich handgemalte Plakate vor ihre quellenden Bäuche geschnallt hatten; was auf jenen jedoch stand, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

In der langen Tradition der pädagogischen Studiengänge an der Marburger Alma Mater begründet war naturgemäß die Anzahl der Gegner beschriebener Ausstellungsgegner, welche sich auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig der angrenzenden Hauptstraße versammelt hatten, wesentlich höher, ähnlich hoch wie die Zahl der Polizisten, die zum Schutz des Selbstübergossenen und der Schildträger einen Wall um den Museumsvorplatz bildeten, der uns sowie ein älteres holländisches Ehepaar, mit dem wir gerade gemeinsam die Ausstellung verlassen hatten und das Gelände verlassen wollten, an eben jenem Vorhaben hinderten. Eine Gruppe junger volkstreuer Herren mit Schlagsportzubehör, wahrscheinlich aus dem benachbarten Thüringen angereist, löste unser Bewegungsfreiheitsdilemma jedoch recht bald auf, da wir durch die von ihnen verursachten plötzlich aufreißenden Lücken im Gefüge gen Fluss entfliehen konnten, den kleinen pudeligen Hund, der meiner Begleiterin am vorigen Tage zugelaufen war, unter den Arm geklemmt.

Wie ich später erfuhr, saß während dieser Vorgänge Dr. Bernd Mohnhaupt, damals noch nicht dissertiert, in seiner Dachwohnung mit Blick auf den Museumsvorplatz und dokterte, wahrscheinlich leicht bekleidet, denn es war ein sehr heißer Sommer, an eben jener Arbeit herum, sich fragend, was Lärme und Tumult unten auf dem Platze wohl zu bedeuten hätten. Den Hund warfen wir dann später in den Fluss, da er nicht davon lassen wollte, sich obszön an unseren Beinkleidern und Schuhen zu vergehen. Pudel trocknen jedoch recht schnell. Besonders bei gutem Wetter.

#

An St. Goar fuhr der Zug so schnell vorbei, dass das Stationsschild umfiel.

[Vgl. Abb. 1]

We must talk in every telephone
Get eaten off the web
We must rip out all the epilogues in the books that we have read
And in the face of every criminal
Strapped firmly to a chair
We must stare, we must stare, we must stare

Bright Eyes - At The Bottom Of Everything

2008.08.16 | 3:42 pm | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
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[Abb. 1]

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[...] Polarfahrten wollen das Phantasma der Spurlosigkeit, die als Metapher eines absoluten Anfangs ausgeprägt wird, realisieren. Gebunden aber waren sie schon an die Spuren – von Vorläufern, Texten und Modellen. Sie folgen in den Spuren von Vorgängern. Der Ort des Anfangs, der unberührten Spurlosigkeit, wird erreicht als ein sowohl wörtliches wie metaphorisches Nachfahren, als die ausgeführte Nachfahrenschaft oder Intertextualität der Texte. [...]

Bettine Menke - Pol-Apokalypsen

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