Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Neu: Anagnorisis

Link | 25. Juni 2008, 20 Uhr 41


36 Stunden: Berlin – St. Goar – Berlin.

Auf dem Weg nach Süden nehme ich die melancholische Route durch den Osten, auf dem Rückweg, aber das weiß ich noch nicht, werde ich durchs Ruhrgebiet fahren. Ich bin, als ich frühmorgens am Hauptbahnhof abreisen will, fast zu müde, um zu begreifen was los ist: Der Zug fährt heute von Südkreuz, Komplikationen, die Ersatzzüge voll und verspätet, als ich endlich im richtigen ICE bin und eine Weile sitze, schreibe ich in mein Notizbuch:

Infrastruktur muß kaputt sein, sonst ist sie nicht zu ertragen; Rost, zerfallene Mauern, bemooste Goethedenkmale, stehende Wasser, für immer geschlossene Wehre, Eisenbahnwüsten, auf denen kein Nebel mehr einen Güterzug bedroht, zugemauerte Bahnhöfe, vergessene Eimer an den Schienen, auf denen „Loba“ steht, was mag Loba sein? Große, früher dunkelgrüne Stahlkessel, die jetzt nur noch schön sind, Wunder des Einstmals-Nützlichen; die Langsamkeit, die es sich jetzt leisten kann, gelassen, eins mit sich. // Weißenfels, ich werde Weißenfels besuchen, allein.

Die Grenze zum Westen: Den Westen erkennt man an den Wanderwegtafeln, die die Gemeinden aufgestellt haben, als ihnen die Probleme ausgingen // wie kann man leben im Westen, wenn man von dort kommt? // die unbeschreibliche Blödigkeit des Ausdrucks „National-Elf“ drängt sich erst auf, wenn Kinder ihn aussprechen, als sei er der selbstverständliche Name einer Fußballmannschaft.

St. Goar (am Rhein, ein paar hundert Meter von der Loreley stromabwärts) ist klein, ich habe im ebenfalls kleinen Hotel zum Goldenen Löwen ein Zimmer gebucht, es ist leicht zu finden. Die Leute vom Goldenen Löwen geben mir einen Schlüssel und lassen mich in Ruhe; in zwanzig Minuten habe ich den Anzug an und bin wieder unterwegs.

Eine Hochzeit; eine Gelegenheit, die Freunde zu sehen. Die Einladung ehrt mich sehr, ich bin mit dem Bräutigam selbst nicht besonders eng bekannt, wir mögen uns aus ruhiger Distanz und über Bande. Alle kommen an und freuen sich aneinander, wir verteilen Komplimente, und zu Recht, es wird jedes Jahr besser, wir werden sicherer; neu sind die Witze darüber, daß ein paar von uns plötzlich ein bisschen Geld haben, Firmenwagen, Kämpfe; noch tun wir so, als sei das nicht selbstverständlich. (Alles gelingt uns zur Zeit, es sind die Jahre, in denen alles gelingt — nach desaströsen Zeiten allerdings: Mit der elegantesten der Frauen vereinbare ich am Buffet eine Melancholiesperre: wir werden heute Abend nicht darüber nachdenken, wen wir nicht geheiratet haben.)

Für die Alten wird die Loreley gesungen; wir lächeln, verquere Todessehnsüchte haben wir nicht. Tanzen auf dem Lehmboden im Gewölbe von Schloß Rheinfels ist anstrengend, aber es geht dann doch sehr gut. Um halb sechs können wir nicht mehr und geben den Plan auf, den Sonnenaufgang abzuwarten. Wir gehen auseinander und sprechen Einladungen aus in die Städte, in denen wir leben. Drei Stunden Schlaf im Goldenen Löwen habe ich vor mir, unruhig und unklar, man verliebt sich leicht in solchen Nächten.

Dann dreissig Minuten Frühstück auf der Terrasse des Goldenen Löwen, Blick auf den Rhein. Friede. Die Wirtsleute sind freundlich zu dem jungen Herrn, und der dankt es ihnen und ist ebenfalls liebenswürdig, trinkt erschöpft und müde seinen Tee und sieht auf den glitzernden Rhein hinaus und staunt, wie viel mehr Containerschiffe es inzwischen gibt als Schüttgutschieber. Dann rafft er sich auf, verabschiedet sich etwas überstürzt und ist rechtzeitig am Bahnhof.

Ich kaufe mir eine ICE-Fahrkarte, nehme dann aber aus der Laune heraus den IC von Koblenz nach Berlin, der durchs Ruhrgebiet fährt, wo ich noch nie war. Es ist fürchterlich heiß und schwül, gleich nach Koblenz mache ich das Abteilfenster auf und halte die Nase in den Wind; draußen ist der Sommer, wuschlig, grün, bewegt, die Bäume legen sich mit in Fahrtrichtung, es ist laut und lau und wäre klebrig, wäre der Wind nicht im Hemd. Ich packe die Fenstergriffe an: schneller, lauter, gib mir mehr davon, von allem und überhaupt. Die Gegenzüge sind knappe trockene Hiebe, bis auf die ICEs: das sind doppelte, feuchte, heiße Fäuste, zweimal in die Fresse, Pest. Wenn ich mich hinsetze, nicke ich sofort ein, was ekelhaft ist, deshalb bleibe ich stehen. Einmal werde ich verjagt von zwei älteren Frauen, die, kaum daß sie sitzen und mein Angebot, ihnen mit den Koffern zu helfen, abgelehnt haben, verlangen, daß das Fenster geschlossen werde. Ich biete an, ihnen das Abteil unter diesen Umständen zu überlassen; aber als die eine dann sagt, das sei eine gute Idee, nebenan sei alles frei, weise ich sie doch, ganz vorsichtig, auf ihre Dreistigkeit hin. Sie fängt, ertappt, von Regeln an, denenzufolge die Fenster bei der Deutschen Bahn geschlossen zu sein hätten — da werde ich grob, gehe und lasse sie sitzen mit einem echten Problem.

Ein paar Waggons weiter ist wirklich ein Abteil frei, und wieder stehe ich und versuche nicht einzuschlafen in der Hitze. Zwei junge Männer kommen herein und fragen freundlich, ob sie bleiben dürfen: Weißhemden wie ich, von draußen hält man uns sicher für eine Gruppe; sie unterhalten sich leise, beide mit russischem Akzent. Als ich mich hinsetze und die Augen schließe, wechseln sie ins Russische und führen ein konzentriertes, unaufgeregtes Gespräch. Ich erkenne die Worte für Sozialismus und Revolution. Eine Weile lang lesen sie auch. Kurz vor Düsseldorf beten sie: Sie bekreuzigen sich erst und sprechen dann gemeinsam, auf Deutsch, einen Psalm, ich werde ihn später nachschlagen. In Düsseldorf steigen sie aus, und ich leide darunter, nicht mehr tun zu können als sie anzulächeln; umarmen hätte ich sie wollen wie es sich gehört bei Russen, auch um festzustellen, ob ich sie nicht vielleicht doch geträumt habe.

Und dann endlos, endlos, Gegenzüge, Insekten, kühle und warme Luftschwaden auf den Händen, Gleise in der Sonne, zum Greifen nah, aber niemand greift sie je. Ich lese Angelika Reitzer, Taghelle Gegend, worüber noch zu sprechen sein wird. Donnern, Sonne, endloses Donnern, Haare im Wind. Sie jagen fünf Minuten Verspätung hinterher und fahren den Zug scharf. Am Bahnhof Porta Westfalica, wo kein Halt ist, krallt sich ein Notsystem in die Fahrt und bringt den Zug zum Stehen, die überhitzten Bremsen stinken und qualmen, ich sehen den Zug vor mir in einer langgezogenen aufwirbelnden Rauchwolke regelrecht in die Knie gehen. Auf dem Bahnsteig warten sie auf einen Regionalzug und beäugen uns mißmutig als Rüpel, wir kommen angebrettert wie nichts Gutes, wir machen Krach und stinken so lästerlich, und dann geht es kommentarlos weiter durch die Hitze. Land in der Sonne, Müdigkeit, Aufregung, Licht und der Geruch verbrannter Bremsen in den unordentlichen Haaren; Land in der Sonne.

Link | 22. Juni 2008, 19 Uhr 04 | Kommentare (1)


Das, was wir nicht benennen oder räumlich umreißen, aber gegebenenfalls als anwesend detektieren können: Das Unaussprechliche, die Schwärze des Schwarzes. Die unergründliche Kohärenz einer Persönlichkeit, ihre nicht nachvollziehbare Fähigkeit, ein vollständiges Bezugssystem zu sein, in dem alles nur genau so sein kann und das alles andere in Bezug zu sich zu stellen in der Lage ist. Das alles ist nicht fabrizierbar, nur hineinlebbar in ein Schwarz oder einen Körper. (Man verdächtigt die Vollständigen, nie ausgewichen zu sein.)

[Zwei]

Link | 21. Juni 2008, 0 Uhr 58 | Kommentare (2)


Das Gefühl der Unvollständigkeit lässt sich lindern durch Gesten, d.i. kommunikative Ausweitung: Mehr soll erzählen von mir; meine Haltung, meine Kleidung, meine Gegenstände, auf all diesen Kanälen teile ich der Welt mit, daß hier einer ist, der, die Fragmente auf den einzelnen Kanälen fügen sich zu einem vollständigen Bild, der Aufhebung meiner Unvollständigkeit.

Das funktioniert nicht.

Die Gesten, die materiellen, besonders aber die immateriellen, konstruieren Persönlichkeit, das ist eine Menge, die existentielle Unvollständigkeit aber heben sie nicht auf. Im Angesicht dieser ihrer Bedeutungslosigkeit müssen sie beiläufig geschehen, ohne Anstrengung, ohne Anspruch auf Beachtung. Die angestrebte Vollständigkeit liegt jenseits der Gesten, nicht der Sessel vervollständigt mich, sondern der eine Moment, in dem jemandem eine Decke gebracht wird und der Sessel nur anwesend ist.

[Eins]

Link | 21. Juni 2008, 0 Uhr 23


Google
bad poetry
the Nassau Inn
Homer Simpson
lust for the straight semi-log transform
banking
blogging
theory
the Department of Education’s Bureau of Extra Paperwork
guarana
grad school
weasels
ignorance
marijuana
a slavish devotion to testing
stress frazzled overtired burnt-out jogging through suburban streets
Holiday Inn sanitary wrappers shimmering in the night
The Grimace
desire for fame and canonic approval

[Google: I saw the best minds of my generation destroyed by]

Link | 20. Juni 2008, 7 Uhr 49


Die Platanen im Jardin du Champ de Mars in Montpellier, wo ich auf einem schmiedeeisernen Stuhl ein Eis aß und Schulkindern zusah, die sich ein Eis holten, haben nicht viel gemeinsam mit den Platanen vor meinem Fenster, auf die ich jetzt täglich blicke. Wenn ich aber tief im Raum stehe und nur ihre Kronen sehe, kann ich mir vormachen, sie seien Teil einer internationalen Bruderschaft der Platanen, stolze Säumer der Boulevards und Parks, die nur Spazier- und Müßiggänger in ihren Schatten duldeten.

[Katalog der entlarvenden Sehnsüchte: belle époque, im Wort jardin allein und der biographischen Zufälligkeit, die die Aufregung er heiratet Albertine! nach Südfrankreich verlegte]

Link | 18. Juni 2008, 8 Uhr 32


Anlässlich des Kulturkampfes, der hier tobt, und meiner klaren Sympathien, einige Stunden gesurft, was ich lange nicht gemacht hatte: Wahllos weitergeklickt, von den Webseiten derer, die gegen den Verlust eines weiteren Viertels an das Neue Bürgertum* arbeiten, tiefer hinein in die sogenannten Netzwerke der Friedrichshain-Kreuzberger Linken, auf deren Seite ich so gerne wäre. Aber, oh.

Sie schreiben immer noch große Is mitten in die Worte, aggressiv kleinlich wie eh; und was sie schreiben, ist in endloser Wiederholung nur: „alles Schweine“, vorgebracht im Tonfall boshaften Gemaules: Da ohnehin ausgemacht ist, daß die anderen die Bösen sind und warum, bleibt der Sprache nur die Funktion eines halbstarken Wettbewerbs um die größte Respektlosigkeit und die würzigste beiläufige Beleidigung. Triumphierend verkündet jeder Text seine Prämisse und mithin seine Leere: Seht ihr! Alles Schweine.

Diese Rigidität, die Gesinnungs- und Lifestylestrenge, ein enger Kodex dessen, was Freude bereiten darf, zielt auf Exklusivität und schließt effektiv auch mögliche inhaltlich Verbündete (wie mich) aus. Diese Exklusivität ist nötig zur Herstellung einer klaren Oppositionsposition, die eine Wahrnehmung des Kapitals als monolithische und überlegene Macht, die einen Verdrängungskampf gegen die linke Subkultur führt, braucht, um dem komplexen Gegner einen einzigen Namen geben zu können — aber sie erlaubt jedem Fremden nur die Rolle des Feindes.

Wie die PR-Sprache der Konzerne verweist die Gebrauchssprache der Linkskultur auf fast nichts mehr als auf den Existenzkampf, aus dem sie entsteht. Jeder Versuch, in einer solchen Sprache Verbündete außerhalb der eigenen Kreise zu finden, muß doch zum Scheitern verurteilt sein: Wie soll man sich nicht von vornherein bedroht fühlen und aufgefordert, sich zu rechtfertigen für Prioritäten, Vorlieben und Zwänge, eigentlich jedoch: Abzuschwören?

[Oft, und das das ist eigenwillig, findet man Texte, die sich um einen nüchternen Ton bemühen und Fakten anführen und klingen, als handle es sich um eine Erforschung eines Teils der Wirklichkeit, und dann bricht es aber, in den letzten Sätzen, heraus aus den Texten, genug der Objektivität, ein haßerfüllter Spruch zum Schluß muß drin sein, als erarbeite die ganze formale Redlichkeit zuvor nur das Recht auf den erlösenden Dreckschweine!-Ruf.]

* n.b.: Das Neue Bürgertum ist keine Schicht, sondern eine Ideologie.

Link | 15. Juni 2008, 11 Uhr 38 | Kommentare (2)


Mit einem ganzen Eimer Fünf-Sterne-Farbe erlöste ich das Zimmer in der Schönhauser von mir; als hinterließe ich meine Geschichten, wenn ich es nicht täte, als bliebe der Raum mein Besitz, wenn ich ihn nicht löschte, ein schrecklicher, belastender Besitz, zu dem ich keinen Zugang mehr hätte. Das harte neue Weiß blendete mich, nichts Lesbares war geblieben, keine Konfiguration von Möbeln zu erahnen, diese Wände hatten nichts gesehen und mich nicht sprechen gehört, ihr Vorwurf war verstummt.

[Die neue Wohnung ist gelassener und unbelebt. Ich weiß, wo der Sessel stehen wird, in dem ich viel Zeit verbringen werde und es gibt die Versprechungen des leeren Raumes, aber sie sind mir fast lästig, ja ja, es es könnte ein fabelhaftes Leben werden, ich gebe es ja zu]

Link | 15. Juni 2008, 10 Uhr 39


Wie wir uns langsam in unsere Eltern verwandeln; am meisten Freude macht es mir bei den klugen Frauen, mit jedem Jahr: ja! genau so! — so bewegen sie sich, so sehen sie aus, interessanter, definierter, schwächer, überlegener, aufregender; die Frauen, die man immer kennen wollte, die es nur in französischen Filmen gab. // Aber auch das eigene Leben in seiner federleichten Tragik, seltsam: Man kommt in das Alter, da man erschrickt davor, wie leicht alles ist und wie unweigerlich all die Dinge gelingen, die eigentlich egal sind; der einzige Mangel, dieser aber wiegt schwer: Noch mögliche Anstrengungen, die es wert sind. (Denn die wichtigen Sachen hat man entweder schon kaputt gemacht oder nicht in Aussicht.)

Link | 12. Juni 2008, 23 Uhr 56


Stellen sie sich einen leeren Raum vor, in der Größe einer kleinen Schulturnhalle, gekachelt mit matten, weißen, quadratischen Kacheln, Fußböden, Wände, Decke; die einzigen Unterbrechungen dieser Strenge sind die schmalen Oberlichter an den langen Seiten, durch die das Licht fällt; stellen Sie sich vor: In der Mitte des Raumes stehen Sie, wartend, erschöpft und demütig, und dann schlägt, überlaut, ein Klavier an, eine einzelne harte, hohe, nicht ausklingenwollende Note —

Link | 12. Juni 2008, 8 Uhr 37 | Kommentare (2)


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