Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Die Sommer waren böse geworden um das Jahr 2020 herum. Saison um Saison brannte die Augustsonne erbarmungsloser herunter auf die Wälder und die Maisfelder, und wenn es regnete, dann in so fürchterlichen Ausbrüchen roher Gewittergewalt, daß die Menschen sich duckten in Ihren Häusern und keine Freude zu empfinden vermochten am doch ersehnten Regen, der nun in nutzlosem Überfluß über die rissigen Böden schäumte. In diesem August des Jahres 2020, als die Hitze ihren Höhepunkt erreichte, übernahm ich mein Haus auf dem Land, auf einem Basaltkegel im Dorf einer Burg, die schon vor den Schwedenkriegen jede militärische Bedeutung verloren hatte.

Vom Burgfried wie vom Haus aus schaut man über heiße Steine ins Tal und in die dunstige Ferne und den Taunus hinein. Schweigend nahm ich tagelang Bestand auf in dem seit einiger Zeit schon leeren Haus, das zuletzt allein von einer alten Dame bewohnt worden war. Efeu und Brombeeren schickten sich an, über dem Dach zusammenzuschlagen, und ich glaubte einen Plan der alten Dame überall ablesen zu können, ganz im Inneren, am Kamin ihres Hauses, zu verschwinden und den Efeu sie langsam übermannen zu lassen in ihren späten Jahren.

Alle Hähne saßen fest in diesem Haus, und suchte man sie zu betätigen, zerfielen sie und das Wasser tropfte und rann langsam in die Abflüsse. Alle Fenster waren undicht, und wenn die jähzornigen Gewitter des Sommers losbrachen und die Schlagregen in die Fugen und Anschlüsse der Dächer trieben, roch es nach nassem Zement überall und vielköpfige Rinnsale ließen ausgelösten Kalk auf den heißen Steinen zurück beim Verdunsten.

Anfang September dann war die Hitze gebrochen und ich kehrte nach Berlin zurück, das mir immer lieb gewesen ist in dieser Spätsommerzeit, in der ich zuerst in die Stadt gekommen war und die Moderne meine Blasen werfende Provinzgedankenwelt klären hatte lassen wollen. Auf dem Rad unterwegs durch die abkühlende Stadt erkannte ich die Erstsemester: Sehr jung, sehr allein, intelligent und bettelarm und unvertraut mit ihren Schicksalen; auf ihren Wegen, die wenigen zufälligen, der kommenden Kühle geschuldeten, schon brüchigen Freundschaften der frühen Tage passieren zu lassen.

Ich trug mein Fahhrad in die Wohnung hinauf, wischte mit einem bereit liegenden weichen Tuch den Staub vom Schutzblech, und hörte COIL.

[Solarpunk & Nachtleben]

Link | 7. September 2020, 21 Uhr 36 | Kommentare (1)


1 Kommentar »


„Treat yourself with dark ambient earthcallings on this mars retrograde“, befiehlt facebook. coil ist ein guter Anfang.

Comment von shoshannah | 22:51



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