Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Eine Ahnung kommender Härte wie immer im Aufjaulen der beschleunigenden Bahn, die rumpelt und mich fünf Minuten warten lässt; düstere Herbstluft, schon verpackte Menschen. Ich prüfe beide Bahnsteigenden, keine Frauen zu sehen außer einer überschminkten Leiche, dafür zwei gutaussehende Jungs, daß man Komplexe kriegen könnte. Nicht mal ein Bahnsteigmonitor, um lässig durchs Bild zu schlendern und festzustellen, daß es so übel nicht ist. Dann der Zug, mit dem Knöchel die Tür aufgeknackt, die Züge mit knackenden Türen sind besser, raus mit dem blauen Zettel aus dem dünnen 1-Euro-rororo. Mohrenstraße setzen sich drei Leute ins Blickfeld: Ein Kerl und zwei Mädchen, von denen ich nicht weiß, ob ich sie hübsch finden soll, ahne aber: jenseits der Molligkeitsgrenze die eine, jenseits der Biestgrenze die andere. Bei der ersten Kontrolle sehe ich ihre Ausweise, sie haben dieselbe Farbe wie meiner; ich versuche deshalb krampfhaft, ihnen nicht zuzuhören, aber natürlich quasseln sie den erbärmlichsten Mist, und schlagartig ist mir egal, ob sie vielleicht doch ganz gut aussehen; eigentlich sind sie ziemlich abstoßend, der Typ auch, der besonders. Am Mendelssohn-Bartholdy-Park scheint Oktobersonne, ich klappe das Buch zu und lege den Arm auf die schmale Rückenlehne und sehe mir das seltsame Grenzberlin an, es ist schön in seiner unentschiedenen Scheußlichkeit. In drei Wochen wird das hier wieder das dunkle Tollhaus sein, das Berlin im Winter immer ist, voll gehetzter Menschen in undichten Jacken, die nichts zu tun haben außer kreuz und quer wegzulaufen vor ihrer Einsamkeit. Der Bahnhof Nollendorfplatz ist auch fein, man freut sich immer, wenn man Gelegenheit hat, an einem ordentlichen Bahnhof umzusteigen, kurzzeitig kann man sich wie in Paris fühlen. (Wenn man schon in ofengeheizten Wohnungen sitzt und von der Hand in den Mund lebt, denke ich mir: Sollte man das nicht in Paris tun und wenigstens Rumäne sein?) Nochmal die Nase ins Buch, ausgestiegen am Fehrbelliner Platz, wo sie die Nazibauten wieder herrichten, die baufällig geworden sind angesichts des Hippie-U-Bahnhofs, den sie seit 50 Jahren anstarren müssen. In Wilmersdorf gibt es keine Bockwurst in den Buden, sondern Torte von einem Cafe weit draußen, und verkauft wird die Torte von einem geschäftigen Mädchen, dunkel, zerbrechlich und zärtlich zu Torten. Das specknackig stoppelhaarige Pack, das sich auf dem Platz herumtreibt, hat sie nicht verdient, lässt sich davon aber nicht stören. Hier ist gut allein sein, gottlob muß ich nicht reden, überhaupt ist in Berlin gut allein sein, eine Stadt der Davongelaufenen, die keine Menschen ertragen; eine rotgesichtige Bürgersfrau mit kurzem Kostüm und hässlichen Beinen, apocalypse now; rein in die Passstelle, die aber nicht zuständig ist, das Bürgeramt, das mich hergeschickt hat, ist zuständig. Auf dem Rückweg wieder das rote rororo. Kerouac: „Dean öffnete, splitternackt. Ich sah eine Brünette auf dem Bett, einen wunderschönen sahnigen Oberschenkel mit schwarzer Spitze bedeckt; sie sah leicht verwundert auf“, zum Teufel, was machte ich in diesem stinkenden Zug, die schönsten Mädchen der Welt… und abfärben tut der Kerouac offenbar auch, schon wieder einer, der abfärbt, fällt mir dann auf und ich grinse vor mich hin mit lauter Text im Kopf. Zeit sich umzusehen, und da wirft mir das Leben wirklich eine Schönheit hin, schräg gegenüber am andern Ende des Wagens sitzt sie und sieht nur toll aus, unter meinem Blick schlägt sie ein Bein unter das andere, halb auf den Sitz, sehr jung, sehr beweglich, sehr lange Haare und niedlich und nette, unquatschige Schuhe. Umsteigen am Nollendorfplatz leider, aber guter Bahnhof, und ab Alexanderplatz werden die Frauen alle schöner und sehen so aus, als hätten sie Zeit. Die Jeans ist tot, der Herr sei gepriesen, Pfeiffen und Getrommel! Röcke und Stulpen und Strümpfe und ab und zu Stiefel, in denen man furchteinflößend schöne Vierzigjährige mit tiefen Furchen und Gier im Gesicht vermutet, und dann stecken diese Retromädels drin, die kaum über zwanzig sind. Schönhauser Allee. Jeansgebiet, hellblau weiß & arschgeweiht. Die Alte von der Post behauptet, mein blauer Zettel von gestern sei von heute, ich raunze sie so herrisch und entnervt an, daß sie zuckt und kuscht und nachsehen geht, sie tut mir leid, sie hat keinen Fehler gemacht, das Bürgeramt hat und die BVG, die mich dreimal kontrolliert hat in der Hoffnung, mich einmal mit altem Ausweis zu erwischen und die zehn Euro fürs Nachreichen zu kassieren, diese armselige Scheißerbande; der Postbote gestern hat, als er nicht geklingelt, aber einen blauen Zettel mit falschen Datum eingeworfen hat, aber die Alte am Schalter kriegt es ab, es ist nicht fair. Ich bin freundlich, als sie das Paket bringt, sie ist aber eingeschnappt, schließlich hatte ich ja Recht. Noch einmal U2. Im Treppenhaus dann riecht es im dritten Stock fäkal wie immer, ich tippe: Jemand ernährt sich von Hundefutter und ist kein Hund, im vierten stinkt es nach Gras zum Gottersbarmen, im fünften wohne ich ohne vernünftige Küche, und wenn ich mich umdrehe, fällt etwas von etwas anderem runter auf den Fußboden, der gewischt werden müsste. Der große blitzblanke Bildschirm zwischen den Entropiegeschwüren leuchtet aber, da wartet viel Arbeit an lauter großkotzigem Zeug. Ich schätze, ich mag das.

Link | 6. Oktober 2005, 15 Uhr 38 | Kommentare (2)


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