Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Vigilien per Email, via Substack:


Link | 8. August 2021, 22 Uhr 29


Ich langte also an in Georgs Garten, wie ich es mir wohl ausgemalt hatte schon seit langem, zu Fuß, etwas erhitzt und schummerig, am Ende eines zweitägigen Marsches von Frankfurt herauf nach einer Übernachtung in einer Pension mit drei Schälchen Marmelade: Aprikose, Erdbeer, Himbeer. Ich kühlte meine Hand am Kugel-Knauf des Tors zum Garten, das überhaupt der einzige Übergang zwischen Georgs Welt und der anderen Welt ist, da er selbst seinen Wagen an der Straße parkt und zum Haus, wie ein Besucher, durch die Pforte und das Spalier der Eiben geht. Als die Kugel warm geworden war in meiner heißen Hand, drückte ich die eiserne Tür auf und trat ein, und es fielen sofort eine Kühle und ein Waldduft auf mich herab und lösten meine Schläfrigkeit ab, und das Dröhnen des Frühsommernachmittags wich einem feinen Sirren und Knistern und einer Vogelvielstimmigkeit, die auch draußen schon hörbar gewesen sein musste und sich durch ein hüfthohes Eisentor doch jedenfalls nicht hatte aufhalten lassen. Georgs Garten ließ keine Ordnung erkennen, die Hecken zu Straße waren Schnappschüsse laubiger Explosionen, und lange Äste flogen hier und dort in alle Richtungen aus dichten Haselbüschen und Hainbuchen aller Größen heraus. Nichts schien Grenzen gesetzt bekommen zu haben, obwohl doch, das wusste selbst der unerfahrene Gärtner, der ich bin, es sich nicht um eine Wildnis handeln konnte: zu viele Wege waren gangbar ohne dornige Versuche, einen Besucher etwa ins Unterholz zu zerren, zu viele Fluchten offen und etwas zu ebenmäßig die dunkle Doppelfolge der Eiben zum Haus hinauf. Efeu und Immergrün stritten sich unter den Hölzern und der Efeu blieb Sieger in der Höhe. Das erste Gebäude, das man passiert in Georgs Garten, ist das kleine Reaktorhaus, rechterseits nur ein paar Schritte hinter den Wegbäumen zurückgesetzt. Ganz eingehüllt in Ranken ist diese Anlage, und das dunkel duftende Laub dämpft das Surren der Turbine, das man so, vom Pfad zu Haus hinauf, eher auratisch ahnt als hört: Einem Test diesbezüglich würde ich mich nicht stellen wollen, und vielleicht ist es nur das Geräusch, gerade an der Wahrnehmungsschwelle, aber ich bin doch Zeit meines Lebens überzeugt gewesen, daß sich schnelldrehende elektrische Felder mir direkt mitteilen: Ich spüre die Präsenz von Turbinen. Auf der linken Seite, etwas versetzt und dem im Efeu versunkenen kleinen Maschinenhaus gegenüber, liegt ein Wassertretbecken im Schatten eines Walnussbaums. Kein Blatt, keine Nadel, nicht einmal Blütenstaub schwimmt im blau leuchtenden knietiefen Wasser. Das Haus selbst ist sichtbar von hier aus: als eine Ecke, die aus der Vegetation lugt, auf zwei flachen übereinander gelagerten Terrassen voller Waschbetontröge, Blumen unten, Kräuter oben, eine ganze Wildnis von Minze gleich zweimal. In der Flucht weht Lavendel in einem der Tröge. Der Garten ist zu groß für Georg, oder Georg ist zu klein für den Garten, aber das, so sagt er, ist das angemessene Größenverhältnis: Ein Garten, den man beherrscht, ist ein trauriges Dokument der Angst, wie Herrschaft immer zuallererst ein Ausweis der Angst sei. Georg muß nicht mehr herrschen, diese Zeiten hat er hinter sich gebracht, absolviert mit der angespannten Selbstverständlichkeit, mit der man Abitur macht oder ein Staatsexamen. Georg hat früh seinen gegenwärtigen Zustand der Beschäftigung erreicht, immer leicht überfordert, aber recht eigentlich ohne Ziel und ohne daß jenseits der chaotischen Haselnüsse jemand Notiz nehmen müsste von seiner Existenz und seiner Erhaltung des Gartens. Ich bin sicher, daß er reich genug wäre, eine Armee von Gärtnern messerscharfe Rasenkanten anlegen zu lassen und etwas Dekoratives mit Steinen anzufangen und sich zu langweilen. Aber er gräbt die Brombeeren eigenhändig aus, in dieser Jahreszeit, in der es einen, so sagt er, in Anbetracht der Zähigkeit und erstaunlichen Wucherungsfähigkeit der Brombeeren jeden Tag aufs Neue Wunder nimmt, daß die Brombeeren nicht längst die dominierende Art auf dem Planeten geworden sind, die Menschen erstachelt und erstickt und mit den ihnen dann im Übermaß zur Verfügung stehenden Möglichkeiten selbst mit dem Denken begonnen haben. Vielleicht hätten sie den Schritt in ihrer genetischen Vergangenheit schon einmal unternommen und sich erschrocken dabei, und beschränkten sich gerade deswegen seither auf dieses tumbe Wuchern, sagte er mir einmal mit einem halb zum Zufahren auf die Knolle schon erhobenen Spaten. Georg lebt, darauf legt er Wert, auf seinem großen, ordentlicheren Zeitgenossen doch durchaus verwildert erscheinenden, Grundstück, nicht in der Natur: Er lebt in einem Garten mit Büchern und der Musik und einigen Stühlen, für die er jährlich wechselnde Lichtungen in seine Gebüsche schneidet und auf denen er dann gern bis spätnachts beim Schein einer tragbaren elektrischen Laterne sitzt und liest und langsam kleine Weißbrotscheiben mit getrocknetem Schinken isst. Man müsse den Unterschied kennen, und die Zeitgenossen sprächen, wenn sie über die Natur sprächen, längst immer und ganz selbstverständlich über die zweite Natur, die Gärten, den vom Menschen gepflegten Planetengarten. Die erste Natur, die rohe, gleichgültige, im Überlebenskampfdurcheinander kaum je in ihre mögliche Form hinein gedeihende Natur, ein Ort größter Grausamkeit und Krebsigkeit und Mißachtung aller Gleichgewichte, sei, glaubt Georg, für die dritte oder vierte Generation von Nichtbauern gar nicht mehr erkennbar und vorstellbar. Der Gedanke eines Gleichgewichts, eines Friedens der Natur, sei nur Gartenbewohnern möglich, die lange genug im Garten gelebt hätten, um eine Fürsorgezartheit auch für die Schlangen sich zu erlauben. Die Sehnsucht nach der Natur bei diesen Menschen sei darum in Wahrheit eine Sehnsucht nach gelungenen Gärten, die Unberührtheit eine falsche Idee, die nur darum so eine Konjunktur habe, weil so viel Berührung, so viel Gartenbau so misslungen sei und Gärten des Verderbens modisch und überall anzutreffen seien um die Häuser der Leute herum, voller Steine und Stacheln und Kisten aus gezinktem Stahl. Es sei die ästhetische Qualität der Arbeit an der Landschaft, die wir beurteilten, selbst die unerfahrendsten im ästhetischen Urteil, wenn wir eine Gegend schön fänden. Die Windräder, die Georg ebensosehr liebt wie ich selbst, seien dabei kein schlechterer Schmuck des Gartenplaneten als die Bäume und Heiden, sie würden schließlich auch hineinkomponiert in die Landschaften wie die Zwillingslinden mit den Bänken dazwischen an den Wegkreuzungen der Vergangenheit, und die Sonne sinke über die Stoppelfelder hin und mache lange Schatten mit diesen Linden und den Windmühlen ohne Unterschied, hatte mir Georg bei einem früheren Besuch gesagt im Hinaustreten auf die Terrasse an einem Regentag. Dem Fallen der Tropfen durch das Laubwerk der Linden hinter dem Haus hatten wir dann eine Weile schweigend zugehört und wohl beide an den von Georg beschworenen Schatten des Windrads auf einem abendlichen, schon abgeernteten Kornfeld gedacht. Es war dies auch der Besuch gewesen, bei dem ich mit Georg in den Keller seines Hauses hinabgestiegen bin, weil wegen des Regens im Garten kein Bleiben gewesen war. Dieser Keller war von Georg, als er das Haus übernommen hat, als bloßer Lagerkeller für Heizöl wahrgenommen worden, hat er mir damals erzählt. Beim Abbau dann der Ölheizung sei zum ersten mal elektrisches Licht dort hinunter gebracht worden und hinter den beiden großen Kunststofftanks, wie sie in unserer Jugend überall in deutschen Kellern standen zur Aufbewahrung des übelriechenden Heizdiesels, sei damals der Zugang zu der gänzlich dunklen Sammlungs-Anlage gefunden worden, eine fast zweistöckige Halle mit starken Stahlbetonstreben und -Säulen, um die ein halbes Dutzend Nischen gruppiert war, mannshoh etwa und tief wie ein Kinderzimmer eine jede, aber nicht ebenerdig betretbar, sondern auf Kniehöhe über der tiefen Halle angelegt. In diesen Nischen hatte Georg mithilfe der indifferenten Monteure, die mit der Demontage der Öltanks beauftragt gewesen waren und ihm leuchten mussten, eine Vielzahl von hölzernen Regalen, teilweise verhängt mit Tüchern, vorgefunden, in denen ein Vorbesitzer mit einer von keiner Ordnung beeinträchtigten Leidenschaft Trinkgläser aller Größen und Dekore und Schliffe versammelt hatte. Er, Georg, habe sich in der Folge auch nach Entfernung der Tanks nie durchringen können, diese Katakomben der Trinkgefäße auszuräumen und den Platz neuen Zwecken, die ihm auch beim besten Willen, wie er sagte, nicht einfallen wollten, zuzuführen. Zumal eine der Nischen, und diese hatte er mir bei meinem Besuch an jenem Regentag besonders lange erklärt, nicht Regale mit Gläsern und schmiedeeisernen Kaminbestecken, Pumpen und stumpfen Tischbesen enthielt, sondern eine ganze Landschaft längst schon niedergebrannter Kerzenreste, teilweise noch in Kandelabern und zwischen aus dünnen schwarzen Stangen geschmiedeten Kreuzen aufgestellt. Zur orthodoxen Anmutung dieser selsamsten der Nischen fehlten allerdings die Ikonen, und Georg verweilte bei seiner Erklärung bei diesem ihm besonders rätselhaften Umstand, nicht ohne eine gewisse Dankbarkeit, wie mir schien. Er benutze, sagte er mir beim Wiederhinaufsteigen in den Regentag, diesen Keller als eine Verbindung zu den Vorbesitzern und Erbauern seines Hauses und seines Gartens, und manchmal, wenn es regne und keine Tätigkeit sich darum anbiete, steige er hinab mit einer seiner Gartenlampen und konferiere mit dem Kristall und den metallenen Kreuzen und versuche das Leben seiner Vorgänger an diesem Ort zu erahnen, an dem er doch sein Leben auch sonst verbringe mit dem was er vorfinde, nun schon im dritten Jahrzehnt. Daß er nie voranzukommen schien in diesen Jahrzehnten, die Beständigkit der wechselnden Pflanzen auf seinen Terrassen, die Verbesserungen an der Dachabdeckung, die Unbeweglichkeit des Eibenspaliers von der Straße herauf, haben mich immer beeindruckt bei meinen Besuchen bei Georg, sein scheinbares Außerkraftsetzen der Zeit durch eine Tätigkeit, die ganz auf sich selbst bezogen war und auf Georg, der seinen Teil des Planeten bewirtschaftete, sichtbar nur für mich und die Ylva und ein halbes Dutzend andere Vertraute. Einmal habe ich ihn seine Daseinsform selbst benennen hören, das Werk des Kümmerns hat er es genannt an einem der seltenen Abende zu dritt in den frühen Tagen mit Ylvi. Das Werk des Kümmerns müsse eben zuerst einmal täglich getan werden, es müsse, so hat er sich ausgedrückt, abgetrotzt werden dem Kapital und der Welt, und das sei eben Arbeit und sehr materiell, mit der modischen Achtsamkeit nicht zu erreichen und als Folge von erkauften Erlebnissen nicht zu denken, sondern nur als tägliche Praxis. Überhaupt müssten wir aufhören, immerzu vom Kapitalismus zu sprechen und unsere Denk- und Empfindungsunfähigkeit zu entschuldigen mit einem angeblichen Grundwiderspruch: Ob es uns nicht ebenso bequem wie verzweifelt und traurig erscheine, wie viele unserer früheren Freunde den Beginn des Werks des Kümmerns verschöben oder seine Notwendigkeit nie begriffen, aus einer ihnen eingeredeten Verachtung für das Materielle heraus, das ja eben aus einer Schale für die Minze und dem Geruch einer Pfeffermühle und einer Decke aus Islandwolle bestehe, und ob nicht das angebliche Gelöstwerdenmüssen eines Grundwiderspruchs nicht die beste Waffe eben des Kapitals geworden sei in seinem Bemühen, uns fernzuhalten von der Welt und uns zu seinem Dienste sich zu erziehen. Der Garten gedeihe nicht von selbst, heute nicht und nicht erst in einer fernen Zukunft, wenn nur ein sogenannter Systemwechsel erst vollzogen sein, der Garten sei vielmehr jeden Tag das Werk, und der Planet sei der Garten, und alle Versuche, ihn, also Georg, abzulenken von diesem Werk und dem Zusammensein zum Beispiel mit der Ylva und mir in diesem Garten an einem solchen Abend, komme ihm zunehmend abwegig und überspannt vor. Viele Jahre ist dieses sonderbar explizite Gespräch nun schon her, in dem gewissermaßen niedergelegt wurde, was seither und vorher schon galt, aber sonst nie besprochen wurde, in Georgs Garten. Ich machte meinen Schritt zu Ende zwischen den kühlen Eiben und stand still: Ein sonnenheller Streif lag auf dem Weg. Ich schloß die Augen, und musste tief und schmerzhaft einatmen in zwei stockenden zitternden Zügen: Wo Ylvi wohl war in diesem Moment? In einem thüringer Kornfeld mit einem Bündel Ähren für ein Photo, oder mit einem zenbuddhistischen Buch in einer Wanne über der Südkalifornischen Steilküste, oder in den Marschen. Ich öffnete die Augen, nahm mein Telefon zur Hand. Die letzte Nachricht von Ylvi war vier Monate alt. Schreib wieder, sagte ich zu den Eiben. Ich darf es nicht tun. Ausgerechnet von der transparenten und immer wie entrückten Ylvi hatten wir beide, Georg wie ich, diese radikale Diesseitigkeit gelernt, diesen Verzicht auf Ausflüchte und Ideen von Allmacht, und sie selbst hatte sie, soweit wir erfahren konnten, von ihrer Großmutter übernommen, wie die geflochtenen Haare und die unerklärliche Zutraulichkeit der Kohlmeisen. Das Fortlaufen der unerbittlichsten Auswahl unter ihnen, wie unter allem Lebendigen, überall, auch in diesem Garten, nimmt sie grimmig hin, und auch der Menschenstolz, mit dem sie ihr begegnet, das trotzige Trotzdem-Kümmern, ist mir an ihr immer als ein in ihrer heidnischen Ikonographie verborgenes heimliches Christentum erschienen. Georg hat mir oft beschrieben, wie sie der Saison um Saison in seinem Garten sich langsam vollziehenden allergrößten Grusamkeit nachgespürt haben, lauschend, die Spuren von Tod und Überlebenskampf verfolgend; den Krieg der Elstern gegen die Eichhörnchen und die tote Kohlmeise in einem der Tröge, die vielleicht, so Georg, ein Hölderlin unter den Meisen gewesen ist und zugrunde gegangen an einer Einrichtung der Welt, in der kein Platz gewesen ist für eine wie sie. Er setzte eine Flasche aus Frankreich importierten Cidre neben seinen aus dem Keller geborgten Kristallkelch auf den Waschbeton, um ein Kehrblech holen zu gehen für die Kohlmeise, damals, und ein kalter Tropfen Kondenswasser machte sich auf den Weg, sammelte Gleichgesinnte ein auf seiner Spur zur Erde hin, netzte einen Kiesel, der seinen Platz gefunden hatte im Zement seit vielen Jahren, und kühlte die Beinchen einer Sammetmilbe.

Link | 8. August 2021, 15 Uhr 40 | Kommentare (1)


Kältere Himmel würden kommen
und ich saß aufrecht
in einem Wollcardigan
am Schreibtisch und hörte Musik
jede Nacht.

Das Musikhören schlich sich ein
und füllte die bange Frage
die ganze Aufgeschlagenheit
die ganze Verletzlichkeit
alles aus.

Und Skype-Nachrichten kamen
brachten Musik
und immer kältere Himmel
eine Kerze im Fenster zum Wärmen der Finger
Nachtflieder über den Schornsteinen Berlins.

Es ist möglich wusste die Musik
Andere sind ihre blutigen Klumpen mit Axt drin in ihren Händen
Andere wollen auch nicht lügen
Andere leben ohne den Panzer
Andere sehen denselben kalten Himmel.

Und leise ironische Wicca geschah
mitten in der Stadt zwischen den stillen Schornsteinen
unbemerkt unwiderruflich und sehr wirklich
die Einsamkeit wich für immer
die Verletzlichkeit blieb, und das war es.

Und das war es, diese Berührung
die die bange Frage des Kindes
Geht es?
mit der Nacht eines frierenden Studenten verband:
Es geht.

Die Musik ist immer noch da
die Wicca wirkt weiter, vorgeblich ironisch
die Berührung ist da
die Gewissheit ist
die Strategien und kalten Himmel.

Link | 8. Juli 2021, 0 Uhr 45


Ich wachte damals auf jeden Morgen, wenn der gleißende Fleck auf den Laken mich erreichte und auf einen Handrücken oder mein Haar losbrannte. Ich rückte dann ab, zurück in den Schatten der dicken Steinmauern, und blieb liegen und schaute in das durch kein Glas gefilterte Blau des Morgens, und klopfte das Kissen zurück, und fuhr mit den Fingern die harten Fasern des Kelims über meiner Bettstatt entlang, bis der Durst mich vertrieb aus dieser sandigen Bequemlichkeit. Ich zapfte dann ein Glas an der Fontäne und sah hinab auf die Stadt, mit den Ziegeln und den Dachgärten voller Orangen.

Link | 12. Mai 2021, 22 Uhr 16


Wie seltsam. Ich löste meine Handfläche vom Kunststoffbezug des heißen Sitzes ab, in kleinen schmerzhaften roten Rucken. Die Berge waren näher gekommen, wärend ich eingedöst war, hier und dort beschattete ein tiefgrüner Strauch das Geröll.

Die Pause half, weil die Luft kühler war hier draußen und nicht nach Kunstleder und Huhn und Zimt roch, sondern nach fernen Feuern und Staub. Hellwach jetzt, die ersten Sterne im Osten schon eiskalt in kobalt. Niemand vor mir, niemand zwischen mir und den Bergen; der Bus, mit laufendem Motor, hinter mir, eine weiße Feder auf meiner Leinenhose – was tat ich hier? Den Orient behaupten; ich brauche den Orient als Anderes zu Europa, ich verteidige ihn, der nur in meinem Blick existiert, als genau das, mein Bild von der Möglichkeit eines exotischen Außen, das schönere Teppiche und bessere Feuer hat.

Link | 11. Mai 2021, 22 Uhr 18


Blaue Nachtbeleuchtung färbte einheitlich die blanken Handläufe, die Zapfhähne, Hocker und Absperrkordeln, die Fledermausbataillone der Gläser und die stillen Bildschirme. In den Granitböden spiegelten sich die fernen kleinen Dioden, und nur ein stummer Jägermeisterkühlschrank brachte Neongrün und Orange in die blaue Dunkelheit. Der Pfad wand sich von Tresen zu Tresen; dieser Trinkdschungel war offen genug, um sich zurechtzufinden, und dunkel genug, um anzustoßen an unerwarteten Barhockern, doppelt und chromig im Mond- und Schummerlicht.

In der Mitte des Barwalds wäre ein Netz über ein Areal mit künstlichem Waldfußboden, einige Bäume und eine Art hölzernes Dojo gespannt, das wusste ich, ein hausgroßer Käfig voller schlafender Vögel, und liefe man einen Hocker über den Haufen in der Nähe und schmetterte ihn nieder aufs gewachste Granit, würde der geweckte Käfig in einen tropischen Radau ausbrechen, der mich verraten müsste. Auf der anderen Seite der Käfiglichtung ginge es weiter mit Schnitzel- und Chili-Bars links und rechts der Wegmäander, glaubte ich vom Vortag zu erinnern. Und tatsächlich fand ich heraus aus dem blauen Labyrinth, ohne die Vögel zu wecken und meinen Gastgeber mit der Frage zu befassen, was ich nachts allein hier unten machte.

Drei Stockwerke hoch und mit einem auf Säulen ruhenden Pultdach war die Südhalle, wie ein Flughafen, oder ein Rennomier-Autohaus, und ihr weites Betonfeld mit Kegeln von Licht verlangte viel mehr Fassung bei der Überquerung als die intimere Irrlichtzone der Tresen, aus der ich kam. Nachts, allein, in hallenden Oxfords, die eigenen Schritte ertragen auf freier, von Dunkelheit und turmhohem Beton umstellter Fläche, ohne zu laufen zu beginnen oder auf Zehenspitzen zu schleichen: Maß, Maß.

Die Glastür war einen Spalt offen wie erwartet, auf einem um Innen- und Außenklinke gewickelten Tuch, und kühle klare Sommernachtluft griff durch den dünnen Spalt herein. Draußen war der Parklatz hell erleuchtet und leer: Asphaltraster, Flutlichttürme, Lindenduft und Temperatur unter dem Taupunkt so weit das Auge reichte. Ich wartete darauf, daß sich ein Motorengeräusch aus der Kulisse der fernen Schnellstraße herauslösen würde, aber für einige Minuten geschah nichts. Ich machte einen Schritt zurück in die Südhalle, die mir jetzt schwül und zu warm und unerträglich erschien, und dann sah ich den Wagen auf mich zu kommen quer über die Fläche, Park- und Bahnmarkierungen und Pfeile nicht achtend. Shelby Mustang in schwarz, mit den Streifen: Nicht unbedingt meine Wahl. Was man sich halt so kauft, wenn man ein paar dutzend Bitcoins findet auf einem acht Jahre alten HP mit gebrochenem Display.

Ich stieg zu und wir riskierten drei laute Umrundungen des ganzen hell in die Nacht strahlenden Komplexes über den Parkplatz, Fenster offen, eine Dose kalte Cola in der Hand.

Link | 24. April 2021, 22 Uhr 13


Berlin ist unheimlich. Die Asche überall, die Toten, die Garben im Sandstein, die Seelen derer, die an diesem Ofen in meinem Arbeitszimmer saßen, den es schon viele Dekaden lang nicht mehr gibt; wer hat meine Küchenmöbel gebaut aus OSB und Terrakottafliesen, die ich schon ein Jahrzehnt lang mich weigere gegen etwas von IKEA zu tauschen? Die Regentropfen, die vom genieteten, vielfach lackierten Stahl der Hochbahn in unsere Nacken fallen, kalt, die Ströme von Rinderblut in den Rinnen, wo sie heute Fahrräder verkaufen; die Kugeln und Aggregate, Lichtbögen und Lederhandschuhe, die Hundertschaften vor den Werktoren, Feuer in den Dachstühlen und die in Zeitlupe fallenden Scherben der Oberlichter, die Welt aus Zucker und Dreck, Tempo vor der Zeit.

Ich hatte die Angst verloren vor diesem Ort, vor diesem unter dem Gewicht der Toten in den weichen Sand sinkenden faulen Koloß, diesem Schatten seiner selbst, diesem Glutrest der Moderne, ich hatte die Angst verloren, die mich begleitet hat in die Wohnungen meiner Kommilitonen, mit der Frage: Warum sehen sie es nicht? Warum sehen sie nicht den Engel der Geschichte, oder hören den Wind in ihren Schwingen, oder fühlen die Asche prasseln auf ihren Wangen?

Aber Monate des Friedens an einem weniger dichten Ort, einem Ort mit ein, zwei wunderlichen Geistern, von denen man Dias fand, haben die Angst zurückgebracht bei der Rückkehr nach Berlin, die Fassungslosigkeit angesichts der Ungeheuerlichkeit einer Gegenwart auf dieser Ruine, den Ekel vor der Überhebung der Lebenden, Six Bells Chime.

Link | 23. April 2021, 0 Uhr 34


Nur ein paar hartgesotten Ergriffene klatschen noch, dünn und herausgefallen, von den Rängen. Das Gemurmel ist mit dem Licht gekommen, Rascheln der Programmhefte, die schon Souvenirs sind oder nur nicht liegengelassen werden aus Artigkeit. Kühle Luft kommt durch die Türen, Sauerstoff, die musikdichte, zerwühlte Atmosphäre löst sich auf von unten. Benommen gegen einen hochgeklappten Sitz wippend, wartend, lächelnd; ein silberhaariger Herr nimmt seine Frau am Ellbogen, unbestimmt, man weiß nicht, um einem Nachbarn den Vortritt aufzuzwingen oder aus eigener Ungeduld. Den Blick schweifen lassen, wo ist das blaue Kleid auf der anderen Seite? In welches Leben verschwindet sie? Und unzeremoniell räumt ein einsamer Perkussionist seine Sachen beiseite auf dem erledigten Parkett.

Link | 9. April 2021, 22 Uhr 22


Also, sprechen wir ohne weitere eigene Krachtiaden und Montreux-Allusionen über Eurotrash. Voraussetzen sollten wir, um das Diskursfeld nicht erst selbst auskundschaften zu müssen, vielleicht diese kluge Rezension von Christian Metz.

Eurotrash handelt allerdings nicht von Schuld und Erinnerung, wie die anderen Bücher von Christian Kracht nicht von Schuld und Erinnerung handeln.

Die nationalsozialistischen Verbrechen sind nicht das Thema Krachtscher Literatur – dazu ist Kracht zu jung und er hat zu viel Geschmack; schreibt einer seiner Generation, oder gar meiner, dazu, ist es immer schlimmer Feuilleton-Streberpulp. Trotzdem sind bei Kracht alle irgendwie Nazis, geben Nazigeld aus; Reichtum kommt, so scheint es, immer aus dem Kosmos von Bernt Engelmanns Macht am Rhein: Alte, manchmal feudale oder koloniale Vermögen, die in Komplizenschaft durch die NS-Diktatur gerettet oder junge Vermögen, die in ihr auf nicht mehr aufzuklärende räuberische Weise erzeugt worden sind. Schreckliche herrschsüchtige Charaktere, Männerbünde mit all ihren Abgründen, zwei Geschosse hohe Büros in jungen Versicherungskonzernen, mit Messing-Doppelportalen und paranoider Fernsprech- und Überwachungstechnik in Bundespost-Erbsgrün und Gold: Die Welt, in der der Journalistenklub im Springer-Hochhaus entsteht. Kein erfundenes Milieu, aber eins, das weitgehend unsichtbar ist und auch nach dem Faserland-Ereignis, zumal es zunächst lange viel Verwirrung gestiftet hat, unsichtbar geblieben ist.

Eurotrash handelt, wie die anderen Krachtbücher und die Zeitschrift, von einer spezifisch europäischen Version des Reichtums. In Eurotrash zeigt Kracht eine seiner Karten und erwähnt Bataille direkt: Verschwendung ist, wenn man in Reichtum hineingeboren ist, die einzige Chance auf Souveränität — tragischerweise macht Verschwendung souverän, entschuldet aber nicht. Der schuldigen Herkuft von Reichtum ist nicht zu entkommen, und bataillesches Anagieren gegen ihn vertieft die Schuld eher als sie sie aufhebt. Krachtfiguren sind von vorn herein Verdammte aus genau diesem Grund.

Das alles ist wahr in einem Große-Literatur-Sinn: Der Durst nach Vernichtung in einem in batailleschen Begriffen korrekt beschriebenen Universum ist so universell wie der Ekel vor der Akkumulation und der prometheische Stolz der Verschwendung.

Ironischerweise hat uns das alles nicht interessiert. Bestenfalls sind wir von Kracht im Lauf der Jahre auf diese Spur gebracht worden — aber zu Bataille führen zu viele Spuren, um ihn zu verpassen. Ironischerweise war Faserland libidinös erfolgreich genau als ein Buch für uns Kleinbürger, die vom Reichtum träumen: wie Proust eine Mogelpackung, vordergründig mit Erinnerung und der menschlichen Erfahrung an sich befasst, in Wirklichkeit eine Chance für den Snob, sich was abzuschauen und sich hineinzubegehren in eine verschwenderische Elite.

Eurotrash liefert keinen fan service: Das ist gut. Im Gegenteil scheint das Buch einen redlichen Versuch zu machen, uns noch einmal auszubuchstabieren: Was ihr so attraktiv fandet an der Faserlandwelt war, vielleicht, Jugend? Das Milieu kann es doch nicht gewesen sein!

Aber natürlich war es das Milieu. Von der Schuld hatten sie uns viel beigebracht, an den Gymnasien der 90er. Vom Reichtum hatte uns niemand was verraten. Nichts. Dabei musste er irgendwo sein, fabelhaft reich wie Deutschland ist — uns war gesagt worden, die Fernseher und Videorekorder unserer Eltern seien dieser Reichtum (weil: Afrika!), ein Audi 100 sei der Reichtum. Faserland hat diese bundesrepublikanische Reichtums-Omertà zerstört, diese im Nachhinein schon enorm unplausible Geschichte von den Fernsehern und Videorekordern und afrikanischen Kindern entlarvt. Nein, er ist, durchaus, ein Milieu.

Der Nazischmutz ist dabei ein erstklassiger Klassenmarker: Mein Großvater war Essenholer und Kabelzieher in den Gräben der Ostfront, offenbar ein Flinker. Zu einem Totenkopfanstecker oder gar einem richtigen Kriegsverbrechen hätte es so einer nicht gebracht. Diejenigen von uns, die Großväter bei der SS hatten, lassen’s wissen heutzutage: Elite ist Elite. Wir andern sind heimlich ein bisschen neidisch.

Die Schweiz bleibt das Andere zu diesem Deutschland, in dem über Reichtum nicht gesprochen wird. In der Schweiz ist der deutsche Reichtum lange aufgehoben worden, in der Schweiz ist der eigene Reichtum kein Problem. Man schaut ja, als Schweizer, mit elterlicher Sorge über den Bodensee: Schafft Deutschland es irgendwann, sich dauerhaft nicht-charismatisch führen zu lassen, wie eine richtige Republik, und sich wohlzufühlen dabei? Unregiert, also frei unter der Herrschaft des Rechts? Und also das eigentliche Problem zu lösen?

Oder fallen sie doch wieder, die Deutschen, obwohl längst vorbildlich republikanisch verfasst, in die alte würdelose Sehnsucht nach heroischer kollektiv-moralischer Aktion? Und schaffen es die Deutschen, wieder Eliten zu erzeugen, die sich selbst ertragen? Die Bilder besitzen und Musik machen und mit alten jüdischen Damen in New York Tee trinken können und einfach angenehme Leute sein, wie das in der Schweiz und anderswo möglich ist, also ohne das bizarre verdruckste Theater, das sie viele Dekaden nach dem Krieg aufgeführt haben? Reicht die kulturelle Kraft, nachdem die jüdische Intelligenz nun einmal ermordet oder vertrieben ist, eine wirkliche Elite hervorzubringen, aus den Scherbenhäufen der SS- und der Essenholerfamilien und dem enormen Reichtum, der ja da wäre? Oder, so denken sich die Schweizer väterlich und sorgenvoll, ist es jetzt für immer zappelige Barbarei, da im Norden?
Eurotrash, das gar nicht in Europa stattfindet, sondern in der Schweiz, sagt auf seiner Kleine-Literatur/Faserland-2-Ebene: Vermutlich, leider, letzteres.

Link | 5. April 2021, 20 Uhr 43


Der Anblick fiedriger Tannen vor dem Haus, die Kühle der Luft nach dem Morgennebel, reglose Klarheit des Wassers im Trog, fern eine Vielzahl kleiner Glocken; meine Hände wärme ich im Pullover an den Ellbogen, als ich ans Fenster trete.

Die Vorstellung großen Reichtums hatte für mich mit wirklichem Geld nie viel zu tun: Geld wurde verdient oder geerbt oder durch Spekulation erworben, all das waren unreine, mit menschlicher Ambition und Konkurrenz und Niedertracht in Verbindung stehende Felder. Großer Reichtum könnte, das wusste ich immer, nur über einen Zufall zu mir kommen, in Form eines anonymen vergessenen Kontos, auf das ich beiläufig und unverschuldet Zugriff bekäme und das mehr oder weniger unerschöpflich sein müsste, ein blendend goldenes Leuchten aus einer Edelstahlschublade. So ist es mehr oder weniger gekommen.

Man landet, ganz prosaisch und routiniert, als mache man Zwischenhalt auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, um die fürchterliche Lügner- und Trockenbrezelairline United zu vermeiden, in Zürich. Dort verlässt man den Flughafen, passiert die Rauchverbotsschilder mit den durchgestrichenen Pfeifen, und steigt am Hauptbahnhof in einen Zug nach Bern, und da wird man dann durchaus abgeholt. Das diskrete Ritual des Öffnens der Kassette in Bern ermöglicht diesen vollkommen losgelösten Reichtum: Geld, das alle Verbindungen zu seiner Herkunft verloren hat, ist schandlos. Und von dort aus ist es dann natürlich leicht, nach Einzahlung auf ein ganz normales Konto bei der UBS, etwa nach Marokko zu fliegen und etwa die Villa E für ein paar Tage zu mieten und nasse Fußpatscher auf den heißen Polygonalplatten zu hinterlassen, Facial Fuel und eine Tube Odol Med 3 auf dem Spiegelsims. Nach Kiehl’s und Malin+Goetz kommt nicht mehr viel, und eine bessere Zahnpasta als Odol Med 3 kann auch großer Reichtum nicht kaufen.

Oder man lässt das mit Marokko und fährt nur nach Montreux weiter oder bis Montpellier und sitzt am Aquädukt auf einem kühlen Stein und liest im Proust bis man hungrig genug ist, die Scheu vor den Altstadt-Boulangerien und dem eigenen Ungeschick im Französischen zu überwinden.

(Mit wem muß man sprechen, um unerschöpflichen Reichtum in ein Cologne zu verwandeln, das eingestellt und angepasst ist auf die eigene niedrige Kopfschmerzgrenze? Gibt es diese Nummer, bei Guerlain? Ich wäre sehr enttäuscht, gäbe es sie nicht.)

Link | 31. März 2021, 1 Uhr 36


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