Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Nebelbäusche ziehen um die Burg und durch meine Kiefern seit Tagen, aber in meinem Kamin lodert ein Feuer und im Küchenfenster steht ein frischer lautloser Schnittlauch im Licht.

Ich besitze eine leichte, weite schwarze Hose, in deren Taschen 0,5-Liter-Plastikbecher passen. So muß ich mein Wasser nicht austrinken, bevor es losgeht, sondern kann einen Rest im Becher lassen und in die Hosentasche stecken und habe beide Hände frei, zum Abstützen in einem verschwitzten Rücken vor mir, zum Klatschen über dem Kopf, zum Bewegen. Und dann, wenn alle klatschnass sind und heiß und kaum noch können und sich nach Bier sehnen und einen schicken müssen, habe ich noch einen lauwarmen wunderbaren Schluck Wasser in der Hosentasche und kann bleiben wo ich bin, bis das Licht angeht und der Menschenkörperdruck wieder abfällt.

Link | 28. November 2020, 21 Uhr 16 | Kommentare (0)


Der Moment ist nur zu verstehen, wenn man den Rahmen des Vernünftigen selbst aufgibt und sich in die bühnennebligen Abgründe der politischen Ästhetik begibt.

Das Unmaß und die Unvernunft sind keine unvermittelten Erkrankungen des Gemeinsinns, sondern ihrer Herkunft nach ästhetischer Trotz: Die Lust an der Zerstörung ist die Unlust am Unzerstörten und Unzerstörbaren, der vernünfigen, überlegt-überlegenen Verwaltung der Welt, die es so gut meint und gut macht und so offenkundig Recht hat.

Die Sehnsucht nach Hitler, oder die Sehnsucht Hitlers: Nach Geschichte, nach Größe, nach spontaner Aktion.

Solche Sehnsüchte sind sogar theoretisch unerfüllbar im unaufhaltsamen Modernisierungsprozess: Es ist leichter, das Ende der Menschheit zu denken als das Ende der Modernisierung, mithin der Vernünftigmachung der Welt. Die Modernisierung „Kapitalismus“ zu nennen ist der Versuch, sie als politischer Aktion zugänglich darzustellen. Niemand auf der Linken hat aber einen ernsthaften Entwurf für eine Welt nach dem Kapital, und Curtis Yarvin ist in seinem jüngsten Text wirklich kurz davor zu bemerken, welche Rolle ihm der Ultrarealismus der Macht zuweist, den er so entschieden vertritt und der auch von ihm selbst mit einer rechten Position verwechselt wird.

Versuche, die Modernisierung politisch zu behandeln, müssen unvernünftig sein. Vernünftig ist Joe Biden, vernünftig die Gefügigkeit für die abstrakte Intelligenz des Globalismus und des Kapitals. Vernünftig ist die Pandemiebekämpfung durch Zuhausebleiben.

Daß das Wertesystem der Menschlichkeit, des Ausgangs aus der Armut, der medizinischen Versorgung, der Versorgung überhaupt, der Sicherheit, des guten Lebens in Häusern und des Besuchs von Konzerten das Wertesystem der Modernisierung ist, müssen Kommunisten leugnen und Neurechte, andernfalls mäßigten sie sich sofort. Mäßigen aber dürfen sie sich nicht, ihre Maßlosigkeit ist ihre Position.

Die Sehnsucht nach dem Unmaß, nach dem Außen der Modernisierung, ist exakt die Sehnsucht Hitlers. Deswegen rufen unmäßige Ereignisse den Geist Hitlers auf, und mäßigende Stimmen mahnen sofort: Das kann man nicht vergleichen! Hitler aber vergleicht alles mit Hitler.

(Und Trump war natürlich, was passiert, wenn man statt von Wagner vom Kabelfernsehen träumt.)

Link | 28. November 2020, 20 Uhr 50 | Kommentare (0)


Die Sommer waren böse geworden um das Jahr 2020 herum. Saison um Saison brannte die Augustsonne erbarmungsloser herunter auf die Wälder und die Maisfelder, und wenn es regnete, dann in so fürchterlichen Ausbrüchen roher Gewittergewalt, daß die Menschen sich duckten in Ihren Häusern und keine Freude zu empfinden vermochten am doch ersehnten Regen, der nun in nutzlosem Überfluß über die rissigen Böden schäumte. In diesem August des Jahres 2020, als die Hitze ihren Höhepunkt erreichte, übernahm ich mein Haus auf dem Land, auf einem Basaltkegel im Dorf einer Burg, die schon vor den Schwedenkriegen jede militärische Bedeutung verloren hatte.

Vom Burgfried wie vom Haus aus schaut man über heiße Steine ins Tal und in die dunstige Ferne und den Taunus hinein. Schweigend nahm ich tagelang Bestand auf in dem seit einiger Zeit schon leeren Haus, das zuletzt allein von einer alten Dame bewohnt worden war. Efeu und Brombeeren schickten sich an, über dem Dach zusammenzuschlagen, und ich glaubte einen Plan der alten Dame überall ablesen zu können, ganz im Inneren, am Kamin ihres Hauses, zu verschwinden und den Efeu sie langsam übermannen zu lassen in ihren späten Jahren.

Alle Hähne saßen fest in diesem Haus, und suchte man sie zu betätigen, zerfielen sie und das Wasser tropfte und rann langsam in die Abflüsse. Alle Fenster waren undicht, und wenn die jähzornigen Gewitter des Sommers losbrachen und die Schlagregen in die Fugen und Anschlüsse der Dächer trieben, roch es nach nassem Zement überall und vielköpfige Rinnsale ließen ausgelösten Kalk auf den heißen Steinen zurück beim Verdunsten.

Anfang September dann war die Hitze gebrochen und ich kehrte nach Berlin zurück, das mir immer lieb gewesen ist in dieser Spätsommerzeit, in der ich zuerst in die Stadt gekommen war und die Moderne meine Blasen werfende Provinzgedankenwelt klären hatte lassen wollen. Auf dem Rad unterwegs durch die abkühlende Stadt erkannte ich die Erstsemester: Sehr jung, sehr allein, intelligent und bettelarm und unvertraut mit ihren Schicksalen; auf ihren Wegen, die wenigen zufälligen, der kommenden Kühle geschuldeten, schon brüchigen Freundschaften der frühen Tage passieren zu lassen.

Ich trug mein Fahhrad in die Wohnung hinauf, wischte mit einem bereit liegenden weichen Tuch den Staub vom Schutzblech, und hörte COIL.

[Solarpunk & Nachtleben]

Link | 7. September 2020, 21 Uhr 36 | Kommentare (1)


Eine Universitätsstadt im Sommer: Der Fluß gurgelt, die Weiden kühlen ihre Handgelenke darin, und zwischen den Parkbäumen sitzen sie in Gruppen und haben sich ein Fach ausgesucht.

*

Man weiß, daß er auf einem Bauernhof groß geworden ist, und es ist zumindest nicht auszuschließen, daß dort wirklich Landwirtschaft betrieben worden ist. Er macht Abitur, studiert, zeichnet sich aus auf einem abwegigen Spezialgebiet und lebt ein Wissenschaftlerleben. Eine internationale Krise, die sein Fachgebiet betrifft, tritt ein. Er wird gefragt, macht einen Schritt nach vorn, und kann reden, selbstverständlich, genau und unerschrocken. Der Bundesminister, in dessen Ressort die Krise fällt, benutzt später die Formulierung von der „lebensklugen Mitte der Gesellschaft“: ungefähr für das Publikum dieses Forschers, wie man annehmen darf.

*

Die politische Krise von 1977: Die Offensive 77 einer bürgerlichen Terrororganisation, die von der Monstrosität des geschichtlich noch sehr nahen NS-Staats und der fast vollkommenen Kulturvernichtung, die er zu verantworten hat, so besessen ist, daß sie die westdeutsche Republik nicht anschauen kann, ohne diesen NS-Staat in ihr zu erkennen.

Nur wenige Jahre später dreht ein Filmemacher eine Reihe mit dem Titel „Heimat“. Er gehört zu einem Freundeskreis von ausnehmend klugen visuellen Denkern. Über die langen Jahre ihrer Karrieren trifft man sie in Ulm, Hollywood, in Manhattan, im Nachprogramm von RTL oder als Betreiber von Kinos in schwäbischen Kleinstädten. Sie erzählen, immer im Modus großer Aufrichtigkeit und mit viel Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, aus einer dunklen, zerbrechlichen Welt, in der der größte Schrecken immer eine Möglichkeit in unseren Seelen ist, ganz nah bei unseren wertvollsten Gefühlen.

Die „Heimat“-Filme, sehr langsam, sehr poetisch, voller ungefälliger, wunderschöner Lieder und gutem Deutsch, in Dialekt und Hochsprache, wird viele Millionen mal gesehen, wieder und wieder. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk versteht man nicht ganz, wie das sein kann: Daß das ein Publikum hat, und wie es so groß sein kann. Der Filmemacher wird gefragt: Für wen machen Sie das? Und er gibt eine optimistische Antwort, spricht von einer kulturtragenden Intelligenz und der Möglichkeit eines unverdorbenen Verhältnisses zu sich und der Welt.

*

Ein jüdischer Literaturwissenschaftler, ein Großbürgersohn, Lehrer von Schriftstellern und Feuilletongrößen, Gesprächspartner sozialdemokratischer West-Kanzler und französischer Surrealisten, der 1945 nach Deutschland zurückkehrt und sich zunächst die DDR aussucht, sagt 1994 in einem Interview:

In Ländern wie Frankreich, Spanien, England, Italien gibt es eine weit in das Kleinbürgertum, bis in die gehobene Arbeiterschaft hineinreichende Kultur der Sprache, des beau langage, der Art wie man sich verständigt. In keinem dieser Länder wäre ein Mann wie der aus Oberösterreich mit seinem sprachlichen Geblubber ernstgenommen worden.

*

Ein anderer schreibender Literaturwissenschaftler, im Krieg im Allgäu geboren, erträgt das Fortblubbern der Sprache des Mannes aus Oberösterreich nicht und flieht nach England. Später macht er Ausflüge zurück über den Ärmelkanal und wandert durch einen dunklen Kontinent, die Ruinenlandschaft der europäischen Hochkultur. Er beschreibt diese Reisen in einem Deutsch, das älter und wärmer ist als das Geblubber, als diese neue Sprache der Gewalt, die nie wieder verschwunden ist und die wir alle immer noch sprechen und schreiben. Kurz vor seinem Tod spricht er in einer Radiosendung aus Los Angeles über seine Arbeit, und der Gastgeber bemerkt:

I’ve been very amused,
because critics or writers about your work in America
seem to be bewildered by its tone
and I don’t in fact find its tone bewildering
I think they are unfamiliar with it
because it’s tenderness

*

Die Bildungsexpansion ist kein Prozess des individuellen Aufstiegs und der verbesserten Chancen für jeden, sondern einer der Befestigung von Bildungsfortschritt zwischen den Generationen. Einige aus bücherlosen Haushalten sitzen also manchmal doch an den gurgelnden Flüssen der Universitätsstädte im Gras, lernen wieder sprechen und lesen, finden ihr Deutsch und ihre Verantwortung für die, die es noch nicht gefunden haben; lernen vielleicht auch die Sprache der Gewalt erkennen. Und ihre Kinder knüpfen dann an diesen Fortschritt fast zwangsläufig an: So werden es mehr. Das ist die optimistische Geschichte zu den Daten.

*

Die Erwartung, daß Bildung mit Herrschaft einhergehen solle, allerdings, wird enttäuscht. Die meisten von uns müssen arbeiten, als hätten wir das Denken nie gelernt. Daß wir ums Herrschen betrogen werden, ertragen wir kaum, und der Gewalt in der Sprache begegnen wir mit Gewalt. Das ist die pessimistische Geschichte.

Link | 4. Juli 2020, 20 Uhr 48 | Kommentare (0)


(1) Mein kanariengelber kleiner Miet-VW war untermotorisiert für die Serpentinenstraße, aber ich war dankbar für sein schmales Profil, wenn mich die Lieferwagen der Einheimischen bergauf an den unwahrscheinlichsten Stellen überholten. Auf der Rückbank rutschte mein Seesack hin- und her, und es war so heiß, daß mir die kaum zwei Tage alte Erinnerung an die Überfahrtnacht, mit zwei erschöpften Wachen in Merino-Unterwäsche und Ölzeug, schon übertrieben und irreal erschien. Aber die Persol hatte noch Salzschlieren, und mein rechter Bizeps schmerzte, wo ich gegen das U-Profil am Niedergang gefallen war.

Ich hatte Durst, aber keine Lust auf das lauwarme Wasser in der Flasche unter dem Beifahrersitz. Zwanzig Minuten vielleicht noch zum Quellwasser im Garten, und später heute: high resolution-Gebubbel, Hefe und Säure und ein frostiger Zieher hinter den Augen, die klugen Frauen würden sich gekümmert haben. Eine saubere Leinenhose, ein blaues Jackett und weiche braune Slipper würden in einem Koffer aus Deutschland auf meinem Bett liegen. Die klugen Frauen würden beide kluge asymmetrische Kleider tragen, wenn ich mit nassen Haaren auf die Terrasse käme: So, genau so würde es sein, wenn ich den kleinen VW up erst sicher auf die elastischen trockenen Nadeln zwischen den Bäumen gestellt hätte.

(2) Ein sicheres Zeichen, daß jemand Teil der Eliten ist, war einmal das Nachdenken im Modus der Herrschaft: die Sorge um das große Ganze. Heute ist das anders, das Herrschaftsdenken ist überall angekommen.

Stroszek twittert nicht: Wenn Bruno Stroszek in Freiheit geht, dann macht er sich keinen Gedanken, wochen- und monatelang keinen einzigen Gedanken darüber, wie das Volk regiert werden müsste, welches Verhalten ermutigt, welches bestraft werden sollte. Stroszek macht keine Gesetze, und es fiele ihm nicht ein, sich die Gedanken des Leviathan zu machen. Er ist froh, wenn er in Ruhe gelassen wird, mehr noch, er ist froh, wenn er nichts falsch macht, ohne es zu merken (die Welt der Herrschaft ist ihm so fremd, daß er nicht immer versteht, was sie von ihm will und daß er dies oder jenes nicht tun soll).

Niemand von uns kann sich diese Form von Freiheit, die Freiheit des Bruno Stroszek noch vorstellen: Nicht die Welt regieren zu müssen. Eine Kombination von technologischer Zugänglichkeit des Herrschaftsdiskurses und über Dekaden betriebene politische Arbeit am Bewusstsein, an der Standardausstattung an Ideen und Interessen, hat uns alle zu Herrschern ohne Herrschaft gemacht.

Im Modus der Herrschaft — was ist falsch für die Untertanen, was richtig? — nachdenken zu müssen, ist eine enorme Last selbstverständlich, die meisten von uns wissen kaum, was für uns selbst richtig und falsch ist, und wir reagieren in Mustern. Manche wechseln performativ die Seite und bestehen auf ihr Untertanentum: Lasst mich in Ruhe mit dem Herrschensollen, seht Ihr nicht, daß ich ein Beherrschter bin, daß die Beherrschten-Identität mich ganz erfüllt und legitimiert? Manche schlagen sich auf die sichere Seite der Macht: Was immer grade gültig und konsensfähig ist im Umfeld wird zur Doktrin des eigenen Vorschlags von möglicgst totaler Herrschaftsausübung. Und schließlich gibt es die Versuche, über Dingen der Herrschaft zu stehen und weise zu werden, meistens auf eine fernöstliche, den europäischen Begriffen schwer zugängliche, möglichst verwaschene Form. Ganz im Moment leben: nur den Schatten sehen und zum Leviathan nicht aufschauen.

Ein echter Ausbruch, würde man ihn versuchen wollen, wäre ein Stroszek-Ausbruch: Wirklich mit dem machtlosen Herrschaftsdenken auch das schlechte Gewissen abgeben, die eigene Machtlosigkeit annehmen, die Entsprechung zwischen eigenem Einfluß auf das Große Ganze und intellektuellem Weltangang wiederherstellen.

Link | 28. Juni 2020, 1 Uhr 28 | Kommentare (0)


Alles in allem: Sechzehn Jahre Vigilien sollten bereits genug Korpus für ein solides GPT-2-Modell sein. Daß ein Verstummen, vielleicht in den 2060ern, nötig werden sollte, erscheint also schon heute unwahrscheinlich.

Berlin. Ich steige aus der S-Bahn, nehme die Treppe in Fahrtrichtung stadtauswärts und es riecht nach feuchtem Gras. Es ist nicht 1990, es ist nicht die M-Bahn, kein magnetischer Fluß fließt. Es ist nicht der Savignyplatz, mit den rußigen Baum-Muralen und den Antiquariaten. Es ist Treptower Park, Sommer 2019, und alles ist blau.

Der Park wogt, Gräser wehen und Pappeln. Ein Obdachloser scheißt von der Lehne der ersten Bank hinter die erste Bank. An der zweiten Bank machen vier vierzehnjährige, zwei Jungs zwei Mädchen, time of their life, ein TikTok. Am Wasser riecht es nach salziger Bratwurst. Am Wasser gibt es schlechten Apfelsaft in Plastikflaschen. Auch am Wasser ist es heiß. Ich trage eine weite Leinenhose und ein kragenloses Hemd und federe, Sektenführer spalanzani, und plane mein Godenholm, während ich durch den Park gehe und mich umschaue in der Vergangenheit.

Die im Sommer 2019 noch gültige Zukunft der Stadt war an der Warschauer Brücke zu beobachten, wo sie ganz bei sich war und bei was sie sein wollte. Das ist, vermutlich, vorbei.

[Turncoat]

Link | 17. Mai 2020, 0 Uhr 26 | Kommentare (0)


Im Kern der Verzweiflung des linken Projekts brütet die Frage, warum es dem Kapitalismus gelingt, die Begierdenstruktur des menschlichen Substrats permanent neu zu codieren und sich damit hoch-adaptiv fortzuschreiben, während das kollektive humanistische Subjekt nicht einmal einen Ansatz von Lust auf eine kommunistische Lebensform mehr zustande bringt: Wie kommt es, daß der Kapitalismus so viel besser in Reklame ist? Gibt es nicht ein angeborenes tiefes Bedürfnis nach Gemeinschaft, das immer zuerst da sein sollte, und das erst deprogrammiert werden müsste vom Kapitalismus? Woher kommt nur diese alles Maß sprengende Überlegenheit gerade kapitalistischer PR?

Diese Verzweiflung kluger aufrechter Verfechter emanzipatorisch humanistischer Politik ist verständlich, insofern sie die direkte Folge einer mühsamen, nostalgisch motivierten Verdrängung ist: Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist real, aber Gemeinschaft ist möglich wie Freundschaft und Liebe, ein unplanbarer und flüchtiger Moment des Glücks, sichtbar oft erst im Blick zurück. Die permanente Recodierung der Begierden hingegen, und mithin der dem jakobinischen Pathos entkleidete Fortschritt selbst, ist der Kapitalismus, falls er überhaupt etwas ist: Menschliche Komplizität mit der inhuman abstrakten Entität Kapital, die

kein Gleichgewicht kennt,
sondern blind ein wüstes
Experiment macht ums andere
und wie ein unsinniger Bastler schon
ausschlachtet, was ihr grad erst gelang.
Ausprobieren, wie weit sie noch gehen kann
ist ihr einziges Ziel, ein Sprossen,
Sichforttreiben und Fortpflanzen,
auch in und durch uns und durch
die unseren Köpfen entsprungenen
Maschinen in einem einzigen Wust
,

wie es über die Natur bei Sebald heißt.

Mark Fisher hat seine Trotz- und Verdrängungsarbeit Capitalist Realism genannt: Die Behauptung, wir würden uns irren, wir, die aktiven Agenten des Kapitals, die ahnungslosen Corporate-Drohnen, und die Landianer: indem wir die grausame Horrornatur des Universums als gegeben hinnähmen und die Herbeibeschwörbarkeit einer Alternative, die über die fragile Ruhe einer demilitarisierten bürgerlichen Zone hinausginge, leugneten.

Fisher hat immer zwei intellektuelle Gewichtsklassen über seinen Facebook-Groupies gekämpft, denen jede begriffliche Munition zu einer gekränkten Rechthaberei, als die sich der Online-Humanismus in den letzten Jahren weitestgehend dargestellt hat, recht ist. Fishers eigene Verdrängungsarbeit war umso titanischer, als kaum einer die translebendtoten gotischen Funktionen, die auf dem menschlichen Substrat agieren, so gut verstanden hat wie er. Lest seine Promotion Flatline Constructs.

Matt „xenogothic“ Colquhoun hat mit egress: on mourning, melancholy and Mark Fisher ein weiteres tragisches, heroisches Trotzdem produziert, das atemlos Kapitalismus sagt und Neoliberalismus ausspuckt als kenne es ein Anderes zum so beschimpften Zustand der Welt, ohne mehr zu erreichen als Fisher selbst: Gerade genug Distanz, um sehen zu können, wie praktisch undenkbar eine Alternative ist; tatsächlich ein melancholisches Projekt.

Gemeinschaft zerstört sich, wie Liebe und Freundschaft, wenn sie Herrschaftsform wird, und zu Herrschaft driftet alles, was durch Praxis verstetigt werden soll und ein Außen hat. Die stärksten Stellen des unapologetisch persönlichen Buchs eines Schülers, der mit dem Tod eines Lehrers fertigwerden muß, bevor er fertig war mit ihm, kreisen um die Erfahrung von Gemeinschaft unter Freunden und Studenten nach Fishers Tod, die wie eine Ausgangsperspektive erschien: Beisammen in Trauer, nie wieder allein sein.

Die Konstellation, die er beschreibt, hat eine vertraute Struktur: Eine charismatische Hochenergie-Figur — goth, Robert-Smith-Frisur, einer, der ein Gespräch über Maschinen unterbricht für ein paar Stunden Schlaf auf einem Fußboden und dann aufwacht und weiterdenkt und weiterspricht: sagt mir, daß ihr nicht ein Freund sein wollt von so einem — das Transzendenzversprechen in seinem Denken, seine heroische Entschlossenheit, Räume offenzuhalten in einer feindlichen Totalität, und sein traumatischer Tod; Trost in der Gemeinschaft der Freunde und in musikalisch-mystischer Praxis: Ein österliches Ereignis. Colquhoun spricht in Zungen in Egress, es spricht ein heiliger Geist in diesem Buch: die Fisher-Funktion.

Sie spricht weiter aus einer zum Scheitern verdammten Ontologie, in der der Kapitalismus ein Ding ist und das Kapital nicht, und die darum nicht versteht, warum es keine Praxis gibt, die aufflackernde Intensitäten, Gemeinschaft und Freundschaft, verstetigen könnte. Der gemeinsame Feind derer, die diese Ontologie immer noch sinnlos in links und rechts einteilt, bleibt der Faschismus. Die Feindschaft zum Faschismus ist Punk, und Punk macht das seit jeher souveräner als es die Linke mit ihrer immer am faschistischen Abgrund operierenden Sehnsucht nach einer anderen Stasis je könnte.

Dagegen, via Egress: Julia Bell, Really Techno:

Judith, now Jack Halberstam and others have argued that it is not our sex acts which constitute queerness, but rather what we do with our time. S/he suggests that we ‘try to think about queerness as an outcome of strange temporalities, imaginative life schedules, and eccentric economic practices,’ so that we can ‘detach queerness from sexual identity and come closer to understanding Foucault’s comment in Friendship as a Way of Life that “homosexuality threatens people as a ‘way of life’ rather than as a way of having sex.”’

Link | 11. April 2020, 21 Uhr 57 | Kommentare (2)


eine alte person ist eine junge person, die auch nicht weiß, was ihr zugestoßen ist und wann das gewesen sein soll, sagst du.

natürlich kann ich mir genauso leicht vorstellen, siebzig zu sein, wie ich mir vorstellen kann, vierzig zu sein: beides ist absurd. ich tanze in der küche, ich spiele videospiele, ich höre musik. es ist wahr, ich mache keine tiktoks. die seuche ist beiläufig auch an mir interessiert.

wenn man zweiundzwanzig ist und talentiert und die welt weht durch die seele wie ein maischauer durch ein flußtal, sagst du, wenn man das eigene charisma nicht versteht und die eigene unschuld nicht, hat man dann eine chance? ich wüsste gern: gibt es welche, denen es gelingt? die nicht diese vernichtenden fehler machen in diesen jahren? wie sind die? wo sind die? die unerloschenen unverletzten niemals-grausamen? gibt es sie? was trinken sie? wie wohnen sie? was lesen sie? was schreiben sie? erben ihre kinder ihr glück? gibt es: ein geheimnis?

und ist das, was wir danach tun, frage ich, der kompromiss oder die sache selbst?

die glasscheibe mit deiner reflektion in den dunklen pfanzen des atriums, der beistelltisch, deine schuhe: wie könnte das der kompromiss sein? deine selbstauskunft zweifelt; ich, von außen, weiß es besser.

Link | 6. April 2020, 0 Uhr 58 | Kommentare (0)


du fragst mich: beobachtest du die champagnerpreise? wir müssen auf die verkäufe von champagner achten.

daran hatte ich nicht gedacht, aber du hast recht. ich würde dir, in deinem sessel an der scheibe, haar glatt über die linke schulter nach vorn, ohnehin alles glauben.

geld, das wir in unseren wohnzimmern verdienen und nicht mehr ausgeben können, sage ich, natürlich. champagner aus schalen. dann ist es verstanden.

Link | 28. März 2020, 23 Uhr 40 | Kommentare (0)


ich habe ein ganz wildes bad entdeckt, wannen- und dampf-, 1. klasse. riesenwanne. geblümtes ruhebett. grosse messinghähne, stufen wanne hinauf, stufen wanne hinunter. kein lausiger kleiner raum sondern richtig feudal. eingang mit rotem plüsch, treppen, quasten; alles leicht zerschlissen. ich liege in der wanne, steinwanne sehr groß. fin-de-siecle, oskar wilde, das römische imperium. ich liege bis zum hals im wasser und lese deinen wunderschönen brief vom kardinalroten höschen. jouez-vous le jeu? es gibt doppelräume, man darf angeblich. lieber charly, willst du mich begleiten? bitte cherie!

goldene adler und edelknaben in purpur werden dich empfangen! die sonne wird auf dich warten. cherie, je t’aime!

cherieL

wir sollten in einem grossen verdunkelten salon hausen. plüsch, stechpalmen. ein bisschen schmutzig. wir haben ein altes grammophon. und spielen oft tagelang das gleiche lied. wir gehen selten aus. wir trinken ein wenig. unsere kleider waren sehr schön und sehr teuer. wir kaufen keine neuen. wir lassen niemanden zu uns. manchmal gehen wir aus. am abend.und treffen freunde. wirkliche freunde! cherie !!

(Konrad Bayer an Ida Szygethy, 20.11.1956)

Link | 28. März 2020, 12 Uhr 49 | Kommentare (1)


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