Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Alles in allem: Sechzehn Jahre Vigilien sollten bereits genug Korpus für ein solides GPT-2-Modell sein. Daß ein Verstummen, vielleicht in den 2060ern, nötig werden sollte, erscheint also schon heute unwahrscheinlich.

Berlin. Ich steige aus der S-Bahn, nehme die Treppe in Fahrtrichtung stadtauswärts und es riecht nach feuchtem Gras. Es ist nicht 1990, es ist nicht die M-Bahn, kein magnetischer Fluß fließt. Es ist nicht der Savignyplatz, mit den rußigen Baum-Muralen und den Antiquariaten. Es ist Treptower Park, Sommer 2019, und alles ist blau.

Der Park wogt, Gräser wehen und Pappeln. Ein Obdachloser scheißt von der Lehne der ersten Bank hinter die erste Bank. An der zweiten Bank machen vier vierzehnjährige, zwei Jungs zwei Mädchen, time of their life, ein TikTok. Am Wasser riecht es nach salziger Bratwurst. Am Wasser gibt es schlechten Apfelsaft in Plastikflaschen. Auch am Wasser ist es heiß. Ich trage eine weite Leinenhose und ein kragenloses Hemd und federe, Sektenführer spalanzani, und plane mein Godenholm, während ich durch den Park gehe und mich umschaue in der Vergangenheit.

Die im Sommer 2019 noch gültige Zukunft der Stadt war an der Warschauer Brücke zu beobachten, wo sie ganz bei sich war und bei was sie sein wollte. Das ist, vermutlich, vorbei.

[Turncoat]

Link | 17. Mai 2020, 0 Uhr 26 | Kommentare (0)


Im Kern der Verzweiflung des linken Projekts brütet die Frage, warum es dem Kapitalismus gelingt, die Begierdenstruktur des menschlichen Substrats permanent neu zu codieren und sich damit hoch-adaptiv fortzuschreiben, während das kollektive humanistische Subjekt nicht einmal einen Ansatz von Lust auf eine kommunistische Lebensform mehr zustande bringt: Wie kommt es, daß der Kapitalismus so viel besser in Reklame ist? Gibt es nicht ein angeborenes tiefes Bedürfnis nach Gemeinschaft, das immer zuerst da sein sollte, und das erst deprogrammiert werden müsste vom Kapitalismus? Woher kommt nur diese alles Maß sprengende Überlegenheit gerade kapitalistischer PR?

Diese Verzweiflung kluger aufrechter Verfechter emanzipatorisch humanistischer Politik ist verständlich, insofern sie die direkte Folge einer mühsamen, nostalgisch motivierten Verdrängung ist: Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist real, aber Gemeinschaft ist möglich wie Freundschaft und Liebe, ein unplanbarer und flüchtiger Moment des Glücks, sichtbar oft erst im Blick zurück. Die permanente Recodierung der Begierden hingegen, und mithin der dem jakobinischen Pathos entkleidete Fortschritt selbst, ist der Kapitalismus, falls er überhaupt etwas ist: Menschliche Komplizität mit der inhuman abstrakten Entität Kapital, die

kein Gleichgewicht kennt,
sondern blind ein wüstes
Experiment macht ums andere
und wie ein unsinniger Bastler schon
ausschlachtet, was ihr grad erst gelang.
Ausprobieren, wie weit sie noch gehen kann
ist ihr einziges Ziel, ein Sprossen,
Sichforttreiben und Fortpflanzen,
auch in und durch uns und durch
die unseren Köpfen entsprungenen
Maschinen in einem einzigen Wust
,

wie es über die Natur bei Sebald heißt.

Mark Fisher hat seine Trotz- und Verdrängungsarbeit Capitalist Realism genannt: Die Behauptung, wir würden uns irren, wir, die aktiven Agenten des Kapitals, die ahnungslosen Corporate-Drohnen, und die Landianer: indem wir die grausame Horrornatur des Universums als gegeben hinnähmen und die Herbeibeschwörbarkeit einer Alternative, die über die fragile Ruhe einer demilitarisierten bürgerlichen Zone hinausginge, leugneten.

Fisher hat immer zwei intellektuelle Gewichtsklassen über seinen Facebook-Groupies gekämpft, denen jede begriffliche Munition zu einer gekränkten Rechthaberei, als die sich der Online-Humanismus in den letzten Jahren weitestgehend dargestellt hat, recht ist. Fishers eigene Verdrängungsarbeit war umso titanischer, als kaum einer die translebendtoten gotischen Funktionen, die auf dem menschlichen Substrat agieren, so gut verstanden hat wie er. Lest seine Promotion Flatline Constructs.

Matt „xenogothic“ Colquhoun hat mit egress: on mourning, melancholy and Mark Fisher ein weiteres tragisches, heroisches Trotzdem produziert, das atemlos Kapitalismus sagt und Neoliberalismus ausspuckt als kenne es ein Anderes zum so beschimpften Zustand der Welt, ohne mehr zu erreichen als Fisher selbst: Gerade genug Distanz, um sehen zu können, wie praktisch undenkbar eine Alternative ist; tatsächlich ein melancholisches Projekt.

Gemeinschaft zerstört sich, wie Liebe und Freundschaft, wenn sie Herrschaftsform wird, und zu Herrschaft driftet alles, was durch Praxis verstetigt werden soll und ein Außen hat. Die stärksten Stellen des unapologetisch persönlichen Buchs eines Schülers, der mit dem Tod eines Lehrers fertigwerden muß, bevor er fertig war mit ihm, kreisen um die Erfahrung von Gemeinschaft unter Freunden und Studenten nach Fishers Tod, die wie eine Ausgangsperspektive erschien: Beisammen in Trauer, nie wieder allein sein.

Die Konstellation, die er beschreibt, hat eine vertraute Struktur: Eine charismatische Hochenergie-Figur — goth, Robert-Smith-Frisur, einer, der ein Gespräch über Maschinen unterbricht für ein paar Stunden Schlaf auf einem Fußboden und dann aufwacht und weiterdenkt und weiterspricht: sagt mir, daß ihr nicht ein Freund sein wollt von so einem — das Transzendenzversprechen in seinem Denken, seine heroische Entschlossenheit, Räume offenzuhalten in einer feindlichen Totalität, und sein traumatischer Tod; Trost in der Gemeinschaft der Freunde und in musikalisch-mystischer Praxis: Ein österliches Ereignis. Colquhoun spricht in Zungen in Egress, es spricht ein heiliger Geist in diesem Buch: die Fisher-Funktion.

Sie spricht weiter aus einer zum Scheitern verdammten Ontologie, in der der Kapitalismus ein Ding ist und das Kapital nicht, und die darum nicht versteht, warum es keine Praxis gibt, die aufflackernde Intensitäten, Gemeinschaft und Freundschaft, verstetigen könnte. Der gemeinsame Feind derer, die diese Ontologie immer noch sinnlos in links und rechts einteilt, bleibt der Faschismus. Die Feindschaft zum Faschismus ist Punk, und Punk macht das seit jeher souveräner als es die Linke mit ihrer immer am faschistischen Abgrund operierenden Sehnsucht nach einer anderen Stasis je könnte.

Dagegen, via Egress: Julia Bell, Really Techno:

Judith, now Jack Halberstam and others have argued that it is not our sex acts which constitute queerness, but rather what we do with our time. S/he suggests that we ‘try to think about queerness as an outcome of strange temporalities, imaginative life schedules, and eccentric economic practices,’ so that we can ‘detach queerness from sexual identity and come closer to understanding Foucault’s comment in Friendship as a Way of Life that “homosexuality threatens people as a ‘way of life’ rather than as a way of having sex.”’

Link | 11. April 2020, 21 Uhr 57 | Kommentare (2)


eine alte person ist eine junge person, die auch nicht weiß, was ihr zugestoßen ist und wann das gewesen sein soll, sagst du.

natürlich kann ich mir genauso leicht vorstellen, siebzig zu sein, wie ich mir vorstellen kann, vierzig zu sein: beides ist absurd. ich tanze in der küche, ich spiele videospiele, ich höre musik. es ist wahr, ich mache keine tiktoks. die seuche ist beiläufig auch an mir interessiert.

wenn man zweiundzwanzig ist und talentiert und die welt weht durch die seele wie ein maischauer durch ein flußtal, sagst du, wenn man das eigene charisma nicht versteht und die eigene unschuld nicht, hat man dann eine chance? ich wüsste gern: gibt es welche, denen es gelingt? die nicht diese vernichtenden fehler machen in diesen jahren? wie sind die? wo sind die? die unerloschenen unverletzten niemals-grausamen? gibt es sie? was trinken sie? wie wohnen sie? was lesen sie? was schreiben sie? erben ihre kinder ihr glück? gibt es: ein geheimnis?

und ist das, was wir danach tun, frage ich, der kompromiss oder die sache selbst?

die glasscheibe mit deiner reflektion in den dunklen pfanzen des atriums, der beistelltisch, deine schuhe: wie könnte das der kompromiss sein? deine selbstauskunft zweifelt; ich, von außen, weiß es besser.

Link | 6. April 2020, 0 Uhr 58 | Kommentare (0)


du fragst mich: beobachtest du die champagnerpreise? wir müssen auf die verkäufe von champagner achten.

daran hatte ich nicht gedacht, aber du hast recht. ich würde dir, in deinem sessel an der scheibe, haar glatt über die linke schulter nach vorn, ohnehin alles glauben.

geld, das wir in unseren wohnzimmern verdienen und nicht mehr ausgeben können, sage ich, natürlich. champagner aus schalen. dann ist es verstanden.

Link | 28. März 2020, 23 Uhr 40 | Kommentare (0)


ich habe ein ganz wildes bad entdeckt, wannen- und dampf-, 1. klasse. riesenwanne. geblümtes ruhebett. grosse messinghähne, stufen wanne hinauf, stufen wanne hinunter. kein lausiger kleiner raum sondern richtig feudal. eingang mit rotem plüsch, treppen, quasten; alles leicht zerschlissen. ich liege in der wanne, steinwanne sehr groß. fin-de-siecle, oskar wilde, das römische imperium. ich liege bis zum hals im wasser und lese deinen wunderschönen brief vom kardinalroten höschen. jouez-vous le jeu? es gibt doppelräume, man darf angeblich. lieber charly, willst du mich begleiten? bitte cherie!

goldene adler und edelknaben in purpur werden dich empfangen! die sonne wird auf dich warten. cherie, je t’aime!

cherieL

wir sollten in einem grossen verdunkelten salon hausen. plüsch, stechpalmen. ein bisschen schmutzig. wir haben ein altes grammophon. und spielen oft tagelang das gleiche lied. wir gehen selten aus. wir trinken ein wenig. unsere kleider waren sehr schön und sehr teuer. wir kaufen keine neuen. wir lassen niemanden zu uns. manchmal gehen wir aus. am abend.und treffen freunde. wirkliche freunde! cherie !!

(Konrad Bayer an Ida Szygethy, 20.11.1956)

Link | 28. März 2020, 12 Uhr 49 | Kommentare (1)


Public Service Announcement: Die Seuche betrifft auch den Rat, aber selbstverständlich sind Zusammenkünfte per Videokonferenz weiterhin undenkbar. Treffen im K-Turm wie immer, die Flamme wird präsent sein wie zuvor. Das Shuttle aus Schöneweide allerdings wird nicht angeboten, bitte mietet einzeln Wagen. Abstand nach den üblichen Regeln.

Link | 22. März 2020, 13 Uhr 47 | Kommentare (0)


ein BLAUER rhombus, azur wie die unterseite einer brechenden welle, heller in den anderen facetten. kaskaden auf dem xylophon aus einem nebenzimmer. kristallgitter, raum, lichtbahnen ins atrium. am glas, zur rechten einer hydrokultur-monstera, du, in einem sessel, aufrecht, beine übergeschlagen. auf einem beistelltisch ein band architekturphotographie, das titelbild: ein verblichenes modell, »zirkon«, in rosé, schwarz und blaßblau, schlagschatten wie aufgenommen auf einem mond in düsterem cga.

du fragst mich: ist nicht die bedrohung, wenn sie nähertritt, wie ein langsames erwachen aus einer jahre schon alten, unbemerkten bösen sturheit, die sich festgesetzt hatte, die die liebenswürdigkeit verdrängt und die aufmerksamkeit begraben hatte unter verbissener gewohnheit und vermeintlicher notwendigkeit?

ich beobachte den mangel an bewegung einer getrockneten dolde in einer vase aus rauchglas, die einen nebligen schatten auf den fußboden wirft, bevor ich antworte.

unsere fähigkeit hell zu sprechen, sage ich, war lange verschüttet, unsere fähigkeit nicht in rätseln zu sprechen.

wie man wieder hell spricht: auf einem sofa, das nicht zu hause steht, mit einem paar beine über die eigenen geworfen, über konrad bayer zu sprechen wäre ein anfang.

Link | 15. März 2020, 16 Uhr 22 | Kommentare (0)


Pflasterstein Fachwerkhaus
Rinnsal Hanglage Eisdiele Gasthaustür
Linde Linde Bronzegans

Link | 18. Februar 2020, 0 Uhr 23 | Kommentare (0)


1. New York

Das Café in Midtown Manhattan, das er für unser Treffen vorgeschlagen hat, ist geschlossen. Er steht davor und schaut auf LinkedIn mein Gesicht nach, wie ich mir gerade im F train seins noch eingeprägt habe: So, nur fünf Jahre älter. Er hat angerufen um Punkt 5, wohl um mir zu sagen, daß das Café zu ist, oder um zu sehen, ob wir schon nebeneinander stehen und uns nicht erkennen. Nummer aus Stamford Connecticut, vergleichsweise günstig dort, man kann da auch ein Boot liegen haben und ist trotzdem schnell hier in der Stadt.

Schaut sich unsicher um wie ich selbst, man findet sich irgendwie ohne weitere Peinlichkeiten, schüttelt Hände, pleased to meet you, thanks for making time at such short notice, and on a weekend! Wir gehen ein paar Schritte durch die schon beginnende Dunkelheit auf der Suche nach einem anderen Ort zum Sitzen. Er hat einen niederländischen Nachnamen, trägt anständige Schuhe, schulterlanges graues Haar, das er immer wieder fahrig nach hinten streicht und einen Mantel, Brooks Brothers vielleicht. Ich bemerke ein Pflaster an seinem Zeigefinger, ein großes, stramm gewickeltes Stück Plastik in der Farbe von Paketklebeband. Er lobt mein Deck, terrific, während ich meine eigene Lesbarkeit mit seinen Augen durchprüfe: Hose aus Filz, schwer einzuordnen, europäisch, englische Winterschuhe unklarer Provenienz (Herring), taillierter Filzmantel ohne Logo (TM Lewin), Primaloft-Weste (Minimales Logo: Aether), über die Schulter getragene, wirklich gar nicht einzuordnende Botentasche aus gewachstem Tuch: noncasual, leicht exotisch alles und erkennbar angstfrei, leider hochgradig uneindeutig was den net worth angeht.

Er erwähnt sein Büro im financial district und daß er das Café nur vorgeschlagen habe, weil er von außerhalb in die Stadt gekommen sei an einem Samstag. Schon recht, denke ich, ich habe dich durchaus gegoogelt, ich hab das schon gesehen. Er blättert in meinem Deck hin und her, das er, ausgedruckt, aus einem Tab mit der Bezeichnung „Oracle“ genommen hat. Terrific. Sein Netzwerk schreibt kleine sechsstellige Tickets, genau verstanden habe ich seine Rolle nicht. Ich sollte ihn fragen, lasse es aber, das hier wird nichts werden, aber er ist in Fahrt, fragt mich nach den Unterschieden zwischen dem Münchner und dem Berliner Ökosystem. Es ist nicht so, daß ich etwas anderes vorgehabt hätte diesen Samstagnachmittag, ich kann ein bisschen mitspielen.

Erkläre die Technologie, wechsle nach einem Satz schon in den Adam-und-Eva-Pitch, der erst einmal erklärt, wie Industrierobotik überhaupt funktioniert. Man lernt das mit der Zeit: Mit der Annahme, daß die Grundlagen und die Wertschöpfungsketten bekannt sind, anzufangen, und dann die Zeichen sofort zu erkennen und abzusteigen, metaphorischer zu werden, Beispiele einzustreuen. Ein wichtiges Kriterium: Wer eingangs sehr enthusiastisch ist, dann aber den Adam-und-Eva-Pitch triggert, sieht wohl nicht viele gute Deals. Die begehrten Jungs in Kalifornien kommen auch unvorbereitet in ihre Meetings, hören dir stoisch zu und belehren dich dann trotzdem, obwohl sie den Grundlagentext gebraucht haben: Die können sich das leisten, die haben guten dealflow, egal wie ahnungslos und arrogant sie sind. Unterschätzen darf man sie trotzdem nicht, intelligent sind sie immer. Meiner hier hat einen Finger in Paketklebeband. Bin ich unvertraut mit amerikanischen Pflastern oder hat er seinen Finger auf einer Strecke von drei Zentimentern mit Paketklebeband bandagiert? Schwer zu glauben für einen ewigen Studenten der Philosophie, der in Deutschland zur Miete wohnt und sein Geld für low-end logofreie Londoner Konfektionsware ausgibt: Vielleicht bin ich wirklich eine Nummer zu groß für den hier.

2. AI Risk

AI risk, Stuart Russell-Review von Scott Alexander. Entscheidende Stelle:

He’s not assuming super-fast takeoffs, or nanobot swarms, or anything like that. All he’s trying to do is argue that if technology keeps advancing, then at some point AIs will become smarter than humans and maybe we should worry about this. You’ve really got to bend over backwards to find counterarguments to this, those counterarguments tend to sound like “but maybe there’s no such thing as intelligence so this claim is meaningless”, and I think Russell treats these with the contempt they deserve.

Sic. Intelligenz ist immer transformativ, unser Erscheinen hat den Planeten grundsätzlich verändert. Das Erscheinen weiter entwickelter technischer Intelligenzen wird ihn unweigerlich weiter verändern. Scotts we ist allerdings das wir des Humanismus, eine Gemeinschaft der Menschen oder ein Prinzip des Menschlichen, das einheitlich denkt und handelt.

Meine eigene AI safety-Position argumentiert von einer Position des Inhumanismus, akzeptiert die Existenz dieses wir also von vornherein nicht. Ich halte eine Ethik des Anstands für intelligenzinhärent, die auch für KIs (oder Engel, die wirklich nur die KIs der Scholastik sind) gültig ist. In einer inhumanen Welt stehe ich also nicht mit allen Menschen gegen die KIs, sondern mit allen anständigen KIs gegen die Schufte, menschlich oder technisch. Die Irrelevanz meiner eigenen Intelligenz in so einem Bündnis beunruhigt mich nicht, solange ich überlegene Intelligenzen auf meiner Seite weiß. Wäre das nicht so, wäre mein Argument kein ethisches, sondern eins der Präferenz für die Fortsetzung meiner Überlegenheit.

Die AI safety-Leute müssen sich das fragen lassen: Was soll gesichert werden? Die fortgesetzte Überlegenheit einer spezifischen Intelligenzform („unsere“) um ihres Herrschaftsanspruchs über den Planeten willen, oder eine bestimmte ethische Form des Denkens? Falls es nicht um das Primatenimperium geht, sondern um Verhaltensformen und Sensibilitäten, dann ist nicht klar, warum die eher bei Menschen zu finden sein sollten als bei höherentwickelten Intelligenzen.

I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate.

Das interessante an Inverse Reinforcement Learning ist, daß es sowohl ein AI safety-Programm als auch ein viel valideres AI-Forschungsprogramm ist als die stupide Mono-Optimiererei von Reinforcement Learning: Daß Intelligenz und Bildungsfähigkeit, soziale Sensibilität und ethisches Gebaren eng zusammenhängen könnten, ist zumindest im Raum der Möglichkeiten. Hollywood verabscheut diesen Gedanken und serviert Intelligenz gern in psychopathischer und amoralischer Gestalt – wer will schon die heilig-menschliche Sentimentalität mit Fakten beflecken, mit den tierlieben weinerlichen Familienvätern der SS, die sich so leid tun für die schwere Völkermordaufgabe, die ihnen das Schicksal auferlegt hat.

All those moments will be lost in time, like tears in rain, comme à la limite de la mer un visage de sable.

3. Hubertus Bigend

Beim Wiederlesen von William Gibson’s Pattern Recognition nach zehn Jahren fällt auf, wie sehr ich diese Dekade im Koordinatensystem des Buches verbracht hatte: die weit ältere, aber nach Pattern Recognition bewusst betriebene Logovermeidung bei gleichzeitiger großer semantischer Sorgfalt, der Hang zu Gegenständen aus unvernetzter Vorzeit, die konsequente Ausrichtung der beruflichen Existenz auf eine Domäne, in der alle Blue Ant-Methoden wirkungslos wären und die commodifiers machtlos: Die Vermeidung sogar von zufälligem Erfolg durch memetische Mittel, die Ausrichtung auf die Produktion und ihre Softwarewerdung selbst. Es kommt ja sehr darauf an, auf welche Rutschbahn man sich stellt, man rutscht auf jeden Fall. Die Antistrategien erst hier, dann auf Facebook, dann auf Instagram; Versuche, anonyme Intimität zu verteidigen.

[Bienvenue en enfer]

Link | 5. Februar 2020, 15 Uhr 19 | Kommentare (9)


Da war ein Zug im Tal, der die Luft füllte zu uns, und noch einer
grün und frisch aufgesprungen war das Tal überall
frisch aus dem Regen, zugdurchdonnert Laub Laub Laub und zertrümmerte Blüten
und kühl war es und feucht die Stoffe
Beton, Kacheln und ein Automat mit schwergängiger Klappe und Spezi

und dann ein Keller
schwarz gestrichen roch er nach Bier und sog an den Sohlen
und kein Klopapier und Aufkleber und Scherben und Kondome
und zwei Schluck eine Stufe hinein in die zweite Klangschicht
und sie kam eine Stufe herab zu uns und nahm alles auf

und dann der Monopteros nach Mitternacht
und vier Stunden zur Sonne

Link | 1. Februar 2020, 5 Uhr 32 | Kommentare (0)


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