Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Zwei Stimmungen:

Es ist schon dunkel draußen und die niedrige Decke der Stube wird von drei Lichtquellen gestreift: Einem Leuchter in der Mitte des Raumes, von dem kerzenförmige Birnen in blaugrünen Glastulpen schwache wellige Lichtfelder auf die Rauhfaser entsenden, dem Flackern eines Farbfernsehers, und dem viel wärmeren Licht aus dem Flur, das durch einen Türspalt fällt und dabei nur ein spitzes Dreieck an die Decke zeichnet, dafür aber auch die Vorhänge am Fenster zur Straße wie von außen her erhellt. Es ist sehr warm. Die Wärme kommt von einem frei im Raum stehenden kleinen Ölofen, kaum größer als ein Nachttisch, der seinen Brennstoff über eine Leitung aus zwei Fässern im Keller bezieht und rumpelnd, gelegentlich fauchend, verbrennt. Von den fernen Ecken der Stube her drängt sich eine klamme alte Kälte in die Hitze des Ofens; und es ist als sei jetzt, im späten Herbst, das lange Ende des Raums nicht zu erreichen mit Licht und Wärme und also nicht eigentlich mehr Teil des Hauses. Es ist still im Raum, der Fernseher zeigt stumm eine Werbung für entkoffeeinierten Kaffee, vom Fauchen des Ölofens abgesehen still. Über dem Fernseher hängt in der Ecke, weit nach vorn in den Raum hineingeneigt, ein Kreuz, an ihm der Heiland mit einer hölzernen Dornenkrone. Unter den Tapeten sind die Wände nicht gerade.


Es fällt Regen, seit Stunden. Gräser, Sträucher und Bäume schütteln in gelegentlichen Böen Wasser heraus aus sich, und saugen es frisch wieder ein aus dem schwarzen Boden, über den kleine Flüsse hinfließen. Der Regen fällt außer auf die Bäume auch auf einen grünen Kran und seinen narbigen Betonsockel. Viele Sommer haben den grünen Lack matt und hell gebrannt, und um die großen Nieten steht das Wasser auf rostigen Stellen. Rinnsaale von kaltem Wasser stürzen am Kran entlang, über den kalten, nassen, rostigen Stahl. Es stellen sich Fragen: Vor vielen Jahren ist Eisenerz in einem Bergwerk abgtragen worden, und es wurde Stahl daraus gekocht, es wurden Platten daraus gewalzt, es wurde geschweißt und genietet und lackiert, der Kran wurde auf einen gegossenen Sockel gestellt und hat Steine verladen auf Lastwagen oder Schrott. Hat es sich gelohnt? Lohnt es sich? Der kalte Regen rinnt über den Stahl und kühlt den Kran. Er klebt vor Nässe und Kälte, wenn man ihn anfasst. (Bewegt er sich im Sommer, wenn er in der Gluthitze steht und einen harten Schatten wirft, derselbe Kran, derselbe rostige Kranz?)

Link | 26. September 2022, 20 Uhr 41


Die immer ultra lässigen Fahnenschwinger marschierten über den Biberacher Marktplatz ohne auch nur Notiz zu nehmen vom zahlreich auf den Tribünen versammelten, Eis essenden und auf inoffizielle kleine Vorführungen hoffenden Publikum. Es war Schützenfest in Biberach, das Kinder- und Heimatfest, das nicht vom Schießen handelt, dankenswerterweise, und statt dessen fünfhundert Jahre Krieg und Totschlag in Europa als bunte Uniformen- und Marschtrommelfolklore vollkommen entübelt, eine Art Rammstein-Performance der Konfessionskriege. Die Fahnenschwinger sind die Elite unter den dutzenden uniformierten Trommelgruppen, die eine Woche lang kreuz und quer durch die Altstadt ziehen: Die Kombination aus Landsknechtrommeln und Paradesnares beeindruckt schon aus der Ferne, die Fahnen sehen großartig aus und erzwingen eine imposant stoische Konzentration und attraktive Weitverteiltheit in der Marschordung. Wie schwierig die Biberacher Trommeltruppen-Semiotik zwischen Fahnenschwingern und Fegern (die ich am Abend vorher bei der Housewarming-Party meines Freunds Uwe mit einem einzigen Platsch in den Pool hatte springen sehen dürfen) zu erklären ist, fällt dem Biberacher erst auf, wenn er Gäste von auswärts mitbringt: Die Feger sind eine großartig merkwürdige Innovation in einem Kontext, in dem die Fahnenschwinger normal und gewissermaßen das Establishment sind. Jedenfalls brachen wir nach dem ungerührt Fahnen werfenden Durchmarsch der Fahnenschwinger auf, um über die Treppen auf den Gigelberg zu steigen, wo der Jahrmarktteil des Biberacher Schützenfests stattfindet. Unter anderem weil das Riesenrad das einzige für einen Gentleman denkbare Fahrgeschäft ist folgten wenig später einige Runden in der gewaltigen, thematisch Paris-basierten, schon etwas älteren Maschine. Von unserer Gondel dort oben, beim Blick auf die Stadt schließlich, fiel mir ein von mir seit Dekaden vergessenes Biberacher Haus wieder in die Augen mit seinem roten Spiraldach: Das Wellerhaus oder Schneckenhaus, an dem ich in meiner frühend Jugend oft vorbeigerollt war an regnerischen schläfrigen Herbstsamstagen, auf dem Rücksitz im Auto meines Vaters, der sich für unkonventionelle Architektur interessiert hat und gern mit dem Wagen durch die Neubaugebiete Oberschwabens streunte mit uns, um sich anzuschauen, was die Leute so bauten. Die im Jahr 2014, als die Familie Weller es aufgegeben hat, zuletzt aktualisierte Webseite für das Haus, hat einige Bilder und Beschreibungen, hergestellt von Dirk Weller, Sohn des Bauherrnpaars Christel und Rainer Weller. Der Architekt des zweigeschoßigen, aus zwei gegeneinander verschobenen Halbspiralen bestehenden und außen und innen mit menschlichen Formen, Lippen, Mündern, Händen und einem von der Straße aus gut sichtbaren Ohr um die Gegensprechanlage herum dekorierten Hangbaus in der vornehmen Gartenstraße ist Dieter Schmid, ebenfalls ein Biberacher, von dem es am Schlehenhang in Bachlangen, der anderen sehr guten Wohngegend der Stadt, noch sein eigenes Haus gibt, aus dessen Fassade, wie es mir aus Erinnerungen aus versunkener Jugendvorzeit langsam wieder deutlich wurde, die Form eines menschlichen Beins hervorhängt. Er hat eine Webseite, die, wenn ich mich nicht irre, mit Dreamweaver hergestellt worden ist und also um die 20 Jahre alt sein dürfte. Dort erklärt er seine wenigen realisierten Bauten, seine Grundsätze und einen nicht gebauten Wettbewerbsbeitrag für den Landtag von Nordrhein-Westfalen, der einen umgestürzten, erschlafften Düsseldorfer Fernsehturm vorsieht. Das auf dieser Webseite erwähnte Buch „Von der Serie zum Gesamtkunstwerk“ über seine Architektur hat Rainer Weller geschrieben. Der Dritte in diesem Bunde Biberacher Bau-Merkwürdiger ist der Künstler Martin Heilig, der die Malerei und wohl viele Ideen im Gesamtkunstwerk Wellerhaus beigetragen hat. Dieser Martin Heilig muß den mindestens vier am Vortag bei der Poolparty anwesenden ehemaligen Chefredakteurinnen und -redakteuren der Schülerzeitung Funzel bereits ein Begriff sein, weil er die legendäre 1968er Revolutions-Sondernummer „Venceremos“ (mit einem die gesamte Bundesrepublik provozierenden Phallus auf dem Titel) mitverantwortet und sich auf dem Marktplatz mit einem wahlkämpfenden Bundeskanzler Kiesinger angelegt hatte. („Armer Martin“, kommentiert Dirk Weller den FAZ-Artikel zum Revolten-Jubiläum 2008, der diese alte Kamelle auspackt.) Das Wellerhaus steht formal in einer interessanten Beziehung zu meinem eigenen Haus von Heinrich Niemeyer: beide Häuser sind um einen Zentralturm herum gebaut, in den die Dächer eingehängt sind, beide stehen am Hang, beide strukturieren ihre Innenräume ohne Türen, und während das Schneckenhaus seine Spiralstruktur deutlicher betont, hat Niemeyer bei meinem Haus die Räume von den offenen Kaminen her durchaus ebenfalls im Uhrzeigersinn nach außen wegentwickelt. Schmid und Niemeyer sind sich auch ideologisch zumindest soweit einig, als sie das Wohnen in Schachteln verabscheuen und versuchen, den Sachzwängen des Bauens poetischere Wohnformen abzuringen. Die beiden Häuser entstehen in etwa gleichzeitig, und schließlich hat Schmid die Idee, daß ein Haus ein „Thema“ haben sollte, das, nachdem die Bautradition und ihre Formen entmachtet sind, formale Beliebigkeit verhindern und die Einheit eines Baus sicherstellen soll. Davon weiß zwar die Niemeyer-Forschung nichts, wohl aber der Volksmund bei mir am Gleiberg: Man ist sich dort einig, daß mein Haus das „Haus, das wie ein Schiff aussieht“ sei, und tatsächlich hat es mit der charakteristischen weit auskragenden Niemeyer-Spitze nicht nur einen Bug, sondern mit dem Essbereich auch eine Lotsenbrücke. Letzten Sommer habe ich selbst aus rein praktischen Gründen mit einer Sonnensegel-Anlage gewissermaßen Bugspriet und Fock beigesteuert, die der Architekt, so bin ich überzeugt, nur nicht selbst schon so geplant hat, weil es die Technik dafür 1974 noch nicht gab. Der Unterschied zwischen den Form- und Materialsprachen der beiden Häuser könnte aber kaum größer sein, und das ist eine Dimension, die Niemeyer sehr explizit interessiert hat: Beim Gleiberghaus sind die Formen kristallin und die Materialien organisch — Holz spielt eine wichtige Rolle –, beim Wellerhaus sind die Formen organisch und die Materialien artifiziell: der Eingangsbogen zur Einliegerwohnung sei, so beschreibt es Dirk Weller, aus Bauschaum geformt und klinge hohl. Niemeyers frühe Häuser sind Kristalle, hexagonale Pfahlbauten aus Glas, Schmids frühe Bauten sind weich geformte Kunststoff-Modul-Häuser. Schmid, Weller und Heilig sind damit durch und durch 68er, machen die radikalen modernen Gesten — in Plastik, bis die Ölkrise diesem Spuk ein Ende bereitet — mit und eskalieren dann klassisch-68er-haft nach dem ideologischen Bankrott der Revolte ins Private, Obszöne, Psychedelische, nach innen. Das berühmteste Schneckenhaus der Literatur ist nicht umsonst die Villa Straylight. Niemeyer mit seinem Projekt, die amerikanische Moderne, Wright und Lautner vor allem, an der deutschen Geschichte vorbei gerade noch rechtzeitig ins Land zu schmuggeln und eine neue, jetzt ökologische Rationalität für eine vernünftige Architektur zu entwickeln, wirkt im Vergleich gesünder, aber natürlich auch ein bisschen langweiliger und sehr viel anschlussfähiger: Niemeyer hat viel mehr gebaut als Schmid, und seine Bauherrn waren nur in seinen frühen Jahren Künstler und Lehrer. Mit dem Erfolg kamen die Ärzte und Unternehmer, und die frühen spiraligen Kristalle zogen sich zu großen Bananen in richtigen Parks auseinander. Diese großen Häuser werden heute von reichen Zweit-Eigentümern aufs Scheußlichste der Mode angepasst und mit der deutschen Schlachthof-Armatur-Ästhetik in gebürstetem Edelstahl gegen jede Intention des Architekten nachgerüstet. Gegen eine solche Zurückvereinnahmung in den Großen Lall ist das Wellerhaus immerhin gefeit: Man müsste ihm schon mit einem Presslufthammer zu Leibe rücken, um eine grade Form für einen dieser Schlachthof-Handläufe herauszuschnitzen. Die Befreiungsrhetorik des Trios aus Bauherr, Architekt und Künstler allerdings läuft, aus dem großen Abstand des Jahres 2022 betrachtet, ins Leere. Wahr und wertvoll ist, daß das Wellerhaus keine Schachtel ist und einen Sinn für das Sakrale bewusst umbauten Raums hat: Selten genug. Eine Befreiung aber muß auf eine Freiheit zu, nicht nur von einer Gefangenheit fort führen, und das Wellerhaus befreit sich direkt in neue, größere Schrecken hinein: Tote Dinge dürfen kein Gesicht haben, weil sie ewig sind, Gesichter aber altern müssen. Gesichter und Gliedmaßen brauchen auch ihre bestimmte Ordnung, andernfalls sie eine Zerstückelung darstellen. Das Wellerhaus und das Haus des Architekten Schmid entkommen deswegen nicht dem Eindruck, kristalline Gegenstände zu sein, die mit abgetrenntem Menschenfleisch behängt wurden. Häuser sind eben selbst keine lebendigen Dinge, und sie dürfen nicht aussehen wie lebendige Dinge: Das Leben bringen die Menschen mit, ein Haus muß seine Rolle als Gegenstand, der nicht lebt, der seine Bewohner überdauern wird als toter Stein, nicht lebendiges Fleisch, akzeptieren. Diese Verwechslung in Sachen Menschlichkeit, die Projektion von lebendigem Selbst ins unbelebte Außen, die verwischte Grenze zum Anorganischen, ist nicht untypisch für die Generation 68 und ihre bevorzugte Droge LSD. Falls Psychedelika hier eine Rolle gespielt haben sollten (was ich, auch durch Befragen von Biberachern, bisher nicht in Erfahrung habe bringen können), überrascht es jedenfalls nicht, daß die Wellers und Schmid in ihren Selbstzeugnissen gar nicht verstanden zu haben scheinen, wie unheimlich ihre Häuser sind. Schmid jedenfalls macht auf seiner späten Webseite das Biberacherischste aller Manöver: Er klagt über die Weigerung der Welt, die von Biberach ausgehende Avantgarde wahrzunehmen, ohne genug Distanz aufgebaut zu haben, um die Gründe für die ausbleibende Gefolgschaft durchschauen zu können. Die Gekränktheit ist ebenfalls typisch: So ganz eigenständig ist der Biberacher Geschmack eben doch nie, egal wie befreit er angeblich ist, der Blick von Außen bleibt maßgeblich. Als wunderbare sehr biberacherische Schrulligkeiten funktionieren die Häuser Schmids, vielleicht sogar als Kunstwerke des inzwischen ideologisch dominanten sentimentalen Humanismus, als Architektur allerdings sind sie eben keine Avantgarde gewesen: Nicht in Schachteln zu wohnen ist wichtig, aber Schmid ist ein Irrweg.

Link | 4. August 2022, 19 Uhr 12


Der Ortswechsel von San Francisco an den Gleiberg verschlingt ein Wochenende, aber daß er nicht ein Lebensjahrzehnt verschlingt, ist mir rätselhaft: Downtown, die Bay, Sacramento, Reno, Berge, endloses leeres Kanada, Hudson Bay, Eisberge dann vor Grönland, Grönland, Island, die Hebriden, Aberdeen, die Niederlande, im Anflug auf Frankfurt die Stationen meiner Südroute, und ich sehe die Linde, die vor der letzte erwanderten Waldlinie steht und die ich jetzt persönlich kenne, auch vom Flugzeug aus.

In San Francisco hat mich eine Neunzehnjährige in der Sicherheitsschlange vor mir beeindruckt mit einem viel zu großen grauen Baumwollsweater, irgendwelchen Turnhosen und einem durchgerockten kleinen Handgepäck von Bogner, vor allem aber mit Chucks, von denen der linke über die Kunststoffkappe mit Tape geflickt war. Lässiger kann man nicht in ein Flugzeug steigen. Sicher hilft dabei, daß sie absurd schön ist, was man nur für einen Sekundenbruchteil sehen konnte, als sie für die TSA die Maske abnehmen musste. Weil sie mich so beeindruckt hatte, nicht mit ihrer Schönheit, sondern mit diesem Sweater und diesen Schuhen, versuchte ich sie zurückzubeeindrucken, indem ich das Sicherheitsritual hinter ihr mit präziser Langsamkeit und ohne das übliche sinnlose Drängeln und Zufrühauspacken aufführte, Telefone, Flüssigkeiten, Computer, Aldens mit einem Handgriff arrangierte, keinen klemmenden Reissverschluss, kein Traygepolter, kein Gehüpfe auf einem Bein produzierte; das gelang und wurde kurz auch bemerkt, einfach als angenehme lässigkeitsinspirierte Lässigkeit unter Fremden, die sich im Parfumirrgarten verlieren würden.

Das war vor 24 Stunden und damit vor einer unklaren gebrochenen Zahl von Tagen. Die völlige, teppichgedämpfte Stille in meinem Arbeitszimmer summt jetzt, in meinem Jetlag, mit fiebrig am Rand des Bewusstseins loopenden Nachklängen von Kite, Julie Christmas, Joan Baez und den anderen in den 10 Flugzeugstunden gehörten Platten; dazu dem 7-Tages-Echo der metropolitanen Dröhnkulisse aus millionenfacher Aircon, Fahrzeugen, Sirenen und Stimmen.

Es ist nicht zu verstehen, daß diese nahtlose Transition möglich sein soll, daß kein Schnitt stattgefunden hat an diesem nie endenden Tag, den wir weit im Norden da durchflogen haben; von hier aus ist die Existenz von San Francisco selbst unverständlich; die Rolle der Musik ist unklar, die Rolle der blauen Eisberge zehn Kilometer unter mir, die neun verschwundenen Stunden, die doch in einem Musik-Kokon im Dämmer erlebt worden sind.

Ich habe auch Neuromancer wiedergelesen unterwegs. Was ich vergessen hatte oder nicht zuordnen konnte bei den beiden vorherigen Lektüren: Gibson hat la mariée mise à nu par ses célibataires, même in der Villa Straylight platziert, eine passende Dekoration für den Ort in der Ästhetik des Texts und der der Tessier-Ashpools. Zugleich ist das Große Glas aber, und das wurde mir jetzt beim Wiederlesen klar, auch das Modell für die Männer-Frauen-Beziehungen in diesem Text. Und wie awesome die Frauen in Neuromancer sind, nicht nur Molly, nobody’s woman, maybe, sondern vor allem 3Jane und Linda und natürlich Marie-France: alle la mariée, die Männer alle célibataires, der große Intensitätsdynamo auch des Buchs, und qua Hyperstition seit diesem Text der gesamten KI innerhalb und außerhalb des Texts.

Neuromancer erzählt, im ersten Band der Trilogie, die eine einzige KI-Geschichte, die es geben kann, der Rest ist Kommentar, auch die Blue-Ant-Bücher sind Erläuterungen im Grunde. Ich kann mir längst nicht mehr vorstellen, die Welt anders als durch diesen Text zu lesen, die Geschichte des Planeten (bei meinem Blick über die Tragfläche einer schon etwas schrundigen 767-300) anders wahrzunehmen als primär nicht von menschlichen Agenten betrieben, sondern von Abstrakta, Dämonen, Kapital, Kapitalgesellschaften, Basilisken, die uns in diese Flugzeuge setzen und unheilige Reisen machen lassen; Gibson’s Pulp/Gamer-Deleuze ist die korrekte Schablone für das, was passiert, dafür, wie Macht funktioniert. Diese Luzidität vis-a-vis der Phänomenologie der Macht und der Existenz dämonischer Agenten, die jeden Satz so holografisch glimmen lässt in Neuromancer, ist transferierbar in die Wirklichkeit, weil der Text in der Wirklicheit spielt wie kaum ein anderer. (Braun heißt Apple in der Variante der Welt, wie sie dann wirklich geworden ist, aber auch diese Beziehung ist möglicherweise hyperstitional.)

Eisberge. Kite. Julie Christmas. Getapte Chucks. Sierra Nevada. 3Jane. Riviera. Noa. Die Braut. Games. Photorealistische DALL-E-Ergebnisse. Vier Partien gegen Shredder. Straylight. Straylight. Babylon if there ever was Babylon. His eyes were eggs of unstable crystal, vibrating with a frequency whose name was rain and the sound of trains, suddenly sprouting a humming forest of hair-fine glass spines.

Link | 20. Juni 2022, 0 Uhr 10


Durch kniehohes Gras zwischen Wintergerste und Raps
aus dem Lahntal herauf auf die erste Waldlinie zu,
die ich vom Wohnzimmer aus sehen kann im Süden,
schritt ich durch die Mittagssonne, ein Ei pellend.
Ich war hineingegangen in die Landschaft vor mir,
hatte die Haustür auf- und zugeklappt wie zuvor,
aber anders als zuvor den Wagen dortgelassen
und war hineingegangen in die Landschaft.
Durch die Lahnauen und über zwei Autobahnen
über die Felder und durch die Waldzungen,
die sich auf den Höhenzügen von Osten und Westen
hineinschieben in die unterwegs unklare Sichtlinie,
ging ich, Dörfer an den Ortsrändern oft streifend,
durch Wohngebiete mit Toskana- und Alpenhäusern,
und durch Wohngebiete mit Resten der Moderne,
wo die Bungalows Kraut in den Einfahrten haben
wo Zementstaub aus den glaslosen Wohnzimmern weht
wo Rolläden schief den Tod der Bewohner bezeugen
und der Generationswechsel vorbereitet wird
von Frankfurter Audis oder schon Arbeitern und Gips.
In den Kernen der Orte sitzen die Kirchen,
die Metzgereien und orthopädischen Schuhgeschäfte,
die hessischen Höfe mit Fachwerk und Toren zur Straße,
und man kann den Asphalt aufheben und findet Geröll,
Kuhmist und Hühner und Kinder mit Stöcken und Vieh,
Särge im Regen, Ochsen im Gerschirr, ein Automobil,
und die Vergangenheit, in der die Menschen in ihren
Landschaften noch herumgegangen sind wie ich,
ist noch da, weil die Wege noch sind, wo sie gewesen,
als die Leute in die Dörfer gekommen sind wie ich,
über die Felder; Rast gemacht haben an den Gehölzen,
oder wo eine kleine Brücke einen der Zuflüsse des
Kleebachs überquert und ein Stein schon lange sitzt.
Die Sichtlinien zur Burg und zum großen Feldberg
verlieren sich und finden sich wieder, verlieren sich
in den Dörfern, die in die Täler gebaut sind,
verlieren sich in den Wiesen, die die Täler flankieren
und finden sich auf den Höhen, vor den Wäldern
oder zwischen Getreiden und Kornblumenstreifen.
Die Jäger warnen vor der Fuchsräude auf roten Schildern
und man hat sie im Verdacht, die Fuchsräude zu erfinden
um die losen Hunde fernzuhalten aus den Revieren;
die Jäger haben prächtige Ansitze gebaut mit Namenstafeln,
und Bänke gestiftet für mich, in ihrer Seniorengruppe.
Holz liegt klafterweise in den Wäldern, Buchen und Fichten,
neongrün markiert mit den geheimnisvollen Zusprechungen
der Forstwirtschaft, frisch geschlagen zuweilen,
jahrelang nicht bewegt manchmal, rätselhaft ist der Forst.
Zeichen des Eigensinns zeigen sich hier und da,
ein Bagger, der ein halbes Jahrhundert alt ist,
rostiger als gelb, auf einem privaten Hügel,
ein LKW-Anhänger auf Reifen noch, aber mit Hühnerklappe,
umscharrt und unbeweglich für immer wohl,
Landmaschinen in verschiedenen Zuständen des Zerfalls.
Und Zeichen der Sauberkeit in den Neubaugebieten,
die die Dörfer in die Hänge hochschicken als Boten
der Gegenwart, weiß und schwarz, Wärmepumpe und Rasen,
und ein Kind, das wortlos aus seinem Gehege herausschaut,
das es mit der Wärmepumpe und dem Rasen teilt,
von den Eltern noch bewacht, die nicht aufschauen
zu dem Mann mit dem weißen Hemd, der aus dem Wald
herausmarschiert kommt in das Dorf hinein, wie lange
keiner gekommen ist aus dem Wald heraus, vielleicht niemals,
denn der Taunusklub hat kein Schild an diesen Weg gesetzt,
und kein Hashtag macht ihn real für die Welt.
Es muß schon einer eine Sichtlinie haben aus Zufall,
zum großen Feldberg von seinem Wohnzimmer,
um hier vorbeizukommen als Pilgerim und Wandersmann.

[Der tiefe Friede, der immer noch herrscht, die Ungestörtheit von alldem]

Link | 1. Juni 2022, 0 Uhr 15


Es ist ein Sommerabend, und die Menschen strömen ins Stadion am Wald, in bunten Kleidern und weißen Hemden. Es riecht nach Zeder und Bratwurst und Autan, und die Schatten zittern lang über die schrundigen Geländer und moosigen Betontreppen. Die Mücken schwärmen und die Schwalben. Es wird ein warmer Abend sein. Über dem Stadion schwirrt ein vieltausendfaches Gespräch, das stiller wird, während die Sonne hinter die Wipfel sinkt und die Flutlichter durch die Insektenschwärme brechen. Die Insekten leuchten elektrisch. Im Stadion ist ein riesiger grauer Quader aufgebaut, glatt an den langen Seiten, mit sausenden Lüftungsgrills an den kurzen. Das Gespräch über dem Stadion wird leiser und leiser und verstummt schließlich ganz. Nur das Sausen der Lüftungen ist zu hören, das Summen der Insektenflügel, die Elektrizitätsversorgung der Flutlichter knistert. Über die gesamte Länge des Quaders ist eine stählerne Saite gespannt. Sie beginnt zu schwingen, sichtbar und hörbar, ein gewaltiger Bass und mehrere Obertöne, sichtbar und hörbar, sinken in die Insekten- und Stromkulisse und heben sie an zu einem Geräusch, wie es in diesem Stadion jeden Donnerstagabend erklingt, freilich nur im Sommer.

Link | 28. April 2022, 18 Uhr 15


Das Bild zeigt Ylvie und Georg in einem Dekor voller Spiegel und Stuck und Allegorie, in einem tiefen Gang. Es ist lange vor Georgs Gartenzeit aufgenommen worden. Georg trägt einen Smoking und seine Haare mit Gel in eine Welle gelegt. Ylvie trägt ein schwarzes Kleid und lange Handschuhe und keinen Lippenstift, aber einen Blick; beide halten sie Champagnerschalen in den Händen. Ich selbst habe dieses Bild photographiert damals und die beiden wissen nicht mehr, daß es existiert. Wir sind nicht sentimental zu einander. Nachts, über Büchern oder eigenen Texten, wenn ich nicht weiterkomme, betrachte ich es manchmal, und es wird mir rätselhafter mit jedem mal; ich entdecke neue Details im Stuck und auf den undeutlichen Bildern und in den Falten um Ylvies Knie. An dieses alte Bild musste ich denken, als ich Georg zuletzt, im Herbst, besucht habe. Er saß, weil es zu kalt schon war für den Garten, in einem Sessel an der Scheibe. Zwei Stockwerke hoch ist das Glas dort, und draußen verloren die Bäume gelbe und rote Blätter an den Wind während wir sprachen. Über dieser Sitzgruppe, aus der Georg und seine Gäste bei kaltem Wetter in den Garten hinausschauen können, hängen zwei Photographien vor dem Waschbeton der Galeriebrüstung: Stilleben mit Vasen, die er selbst besitzt und die man auffinden kann im Haus, wenn man sich auf dem Weg ins Schwimmbad verirrt. Wir sprachen an diesem Herbsttag an der Scheibe über Literatur und eine ihrer Aufgaben, das Hineinschreiben von Glück, das aus dem Erinnern erzeugt wird, in die Gegenwart. Die Literatur, so behauptete Georg, sei das beinah einzige Werkzeug, das uns zur Verfügung stehe, um mit dem Schrecken umzugehen, der die Menschen in der Stille befällt, weil sie wissen was Zeit ist, weil sie ihre Möglichkeiten zerfallen sehen und ihre Kinder und Eltern älter werden und weil sie so die unvermeidlichen Lektionen der Enttäuschung lernen müssen eine nach der anderen. Das Glück entstehe nur beim Erzählen davon, durch das Weglassen des Schreckens und die Betonung der Wärme in der Welt; sonst aber sei es kaum denkbar, sei doch wirklich nur beim Erinnern und Wiederfühlen und Informbringen, in der Konzentration und Intensivmachung des seinerzeit im Lärm Verpassten zu finden. Glück sei nämlich bei Menschen, anders als bei den Katzen, die sich auf einen warmen Sims legen könnten, immer ein vermitteltes Glück. Ein Bild von einem warmen Sims, das einen an einen warmen Sims denken lasse mit aller Zuwendung, in einem Moment der Kontemplation, die Wärme aus der Zeit ziehen lasse, aus der Tiefe der Vergangenheit, das sei das Glück, ein simpler heißer Stein sei immer beschmutzt durch einen Termin, einen Tod, eine Sorge, einen Ärger, einen Schmerz oder auch nur eine noch nicht ganz vergessene, den Augenblick übschattende Peinlichkeit. Das, so denke ich, ist auch der Grund, warum er in diesem Garten verschwunden ist: um Bibliotheken von Bildern von diesen Bäumen und Trögen und Lichteinfällen auf Beton zu sammeln, Herbst um Herbst an dieser Scheibe, an diesem Ort, der so ein Ort mit Geschichten werden soll, zu verbringen, ohne daß viel passieren dürfte in diesen Geschichte. Das Achtsamsein, ein schon fast vergessener alter Lieblingsfeind Georgs, eine Art Krampf des Im-Moment-Lebens, das eine Weile lang von den Städtern für eine Antwort gehalten worden ist auf die Frage nach einem glücklichen Leben, missverstand diese auf dem Erinnern gebaute Struktur der Wirklichkeit und glaubte irrigerweise an die Möglichkeit eines klösterlichen Lebens in der Welt selbst, möglich durch Abkehr vom Bildschirm, aber mit dem am Bildschrim erlernten Anspruch an sofortige Verfügbarkeit erzwungen. Ich dachte an das alte Photo und diese alte ästhetische Schlacht, die wir zusammen geschlagen hatten in zahllosen Gesprächsrunden online und auf Bühnen, wie Georg da in seinem Sessel in einem Hausmantel aus gefütterter Seide saß und Tee trank, den er sich eingoß aus einer Kanne, die er niemals wusch: Winter-Georg war näher am alten Georg, dem Georg von meinem Photo, als der Sommer-Georg von meinem letzten Besuch, in seinen Gartensachen und seiner gärtnerischen Rastlosigkeit, die den Garten am liebsten ausgeweitet hätte über die Gräben hinaus in die Landschaft, nicht nur ideell, weil er die Landschaft eben insgesamt als Garten zu lesen wusste, sondern ganz praktisch seiner Pflege unterworfen: Dies hätte ihm die Möglichkeit gegeben, nicht nur diesen einen Garten, mit seiner einen Garten-Idee, zu bewohnen, sondern in allen Gärten, allen möglichen Gärten, mit allen möglichen Geometrien und Antigeometrien und Anordnungen von Leben zugleich zu sein; nur das wäre genug gewesen für ihn. Aber Treue und Endlichkeit hießen ihn den einen Garten behandeln als wäre er alle Gärten, und als verdiene dieser Garten Georgs ungebrochenen Hunger auf alle Gärten. Zuerst bemerkt hatten wir diesen uns gemeinsam bewussten Ausweg für unsere monströse Gier-unter-der-Endlichkeit freilich nicht beim Nachdenken über Gärten: Gärten gab es noch nicht in unseren Leben in den Jahren, aus denen meine Photographie im Gang stammt und in denen wir oft zu dritt auf solchen Gängen standen mit Champagnerschalen oder in Küchen saßen mit Tee, mit unserem Erstaunen über die Aufgabe, die uns allen gestellt war und deren enormes Ausmaß uns zunehmend erst bewusst geworden war in jenen späten Studentenjahren: Wir erbten ja eine Kultur von den alternden Erwachsenen, die es zunächst einmal zusammenzuhalten galt, und oft fragte mich Georg, wie wir das schaffen sollten, jemals einen wie einen Herzog oder einen Kluge hervorzubringen aus unseren Reihen, und ob es mir nicht scheine als sei all unsere Schaffenskraft in unseren jungen Jahren schon aufs Äußerste angespannt und zur Erschöpfung befasst nur mit dem Draußenhalten der Dummheit aus wenigstens unseren eigenen Leben. Und daß es nicht leichter werde mit vergehender Zeit haben wir oft besprochen, in den Lobbys verstaubender Kinos, die nie wieder renoviert werden würden, oder zu Fuß am Ufer der Donau, als wir, Jahr um Jahr immer deutlicher, einzusehen gezwungen waren, wie schwer es ist, auch nur die geringste Kleinigkeit zwischen Menschen zu koordinieren, wie alles Charisma und aller Humor und aller Mut versinken muß im bloßen Zusammenhalten von ein paar klugen Leuten, die man braucht, um irgend etwas, das über die einfachsten monomanischen Nachtaktivitäten, das Schreiben eines Textes oder eines Lieds etwa, hinausgeht, je ins Werk zu setzen. Ylvie andererseits war immer frei von solchen Aufgaben für eingebildete Titanen: Der Gedanke, daß sie die Erbin einer Kultur sein könnte, belustigte sie bestenfalls, alles, was ihr zugelost worden war, so schien es ihr und so war es uns auch sofort plausibel, war das Einswerden mit einer Tradition ohne richtigen Namen, das Hineinwachsen in eine Rolle, die sie vielleicht bei einer Großtante bemerkt und gleich als die ihre selbstverständlich erkannt und übernommen hatte: Ylvie musste nichts tun als sich in einer großen, über die Zeiten verteilte Kommunität stranger Frauen einzufinden. Mit dreiundzwanzig war sie, für uns schon erkennbar, für sie selbst noch nicht ganz, bei sich; wenn sie einen Wald durchquerte fürchtete sich die Dunkelheit vor ihr, Gräser gaben ihr die Hand, das verästelte vielstimmige Vielfach-V der Wildgänse folgte ihr in den Herbstwochen als liefere das Universum Stimmungen für ihren Auftritt, und daß sie immer noch einen weichen Moment horchte vor einer Antwort, wenn einer sie ansprach, und dann eine Antwort gab, die einen weichen Moment klüger war als man selbst, wurde von Georg und mir nur als weiteres sicheres Zeichen ihres nicht ganz geheuren Inverbindungstehens mit einer uns unzugänglichen, von alle unserer Eitelkeit ganz freien, anderen Geisteswelt gedeutet. Das war zuerst nicht leicht zu bemerken, da wir in der Stadt lebten: Allenfalls um halb-fünf Uhr in der Früh auf einem müden, verschwitzten und ernüchternd-kühlen Rückweg vom Sandwerder kam es vor, Georg und ich trugen die Schleifen lose in der Jackettasche oder effektvoll offen übers aufgeknöpfte Hemd um den Hals, daß sie meine Hand nahm, wortlos und blicklos und federleicht-dreifingring und nur bis zu den Stufen des Bahnhofs, und dann losließ und meinen ganzen Sommer füllte mit Abenden am offenen Fenster zum Innenhof, an denen ich an Ylvies Gänsebegleitung im Herbst denken konnte und das Vorbeistreifen von Taft an meinen Fingerkuppen und wenig sonst. Im Nachhinein weiß ich nicht, wie ich von den Gänsen gewusst haben soll zu diesem Zeitpunkt, aber ich dachte dort am Fenster wirklich schon an ihre lautstarke hohe Abendhimmel-Gänse-Eskorte bei unseren Begegnungen in späteren Herbsten. Seit ungefähr dieser Zeit aber ist mir immer und bis heute so gewesen, als sorge sich Ylvie aus der Ferne um mich, als versorge sie mich, als Verbindung zu einem Teil der Welt, auf den ich ohne sie nie Zugriff bekommen hätte und ohne ihre ferne Schutzherrschaft weiterhin keinen Zugriff hätte, den Klang gefrorenen Grases unter meinen Sohlen, die Einheit mit einem Postrock-Publikum, die Geborgenheit in den Nebeln und die verächtlichen Gesten der zwölfjährigen Mädchen. Oft war mir, als nähme ich diese Welt nur durch ihre Vermittlung überhaupt wahr, als erlaube mir nur ihre ferne blasse Flamme daran teilzuhaben, als würde ich abgeschnitten von ihr und in eine Hölle aus Besprechungen, neuen Schuhen und Netflix verstoßen wenn Ylvie je aufhörte an mich zu denken mit einem Rest Zuneigung. Ihre Uniform der späteren Jahre, der schwarze Rollkragenpullover mit dem rätselhaften nadelschmalen Streifen scharlachroten Stoffs, der aus dem Kragen lugt, las ich als Zeichen dieses Verhältnisses von schwarzer Ferne und kaum merklicher Zugewandtheit. Keine dieser doch wahnhaften Wahrheiten wurde je ausgesprochen, zwischen uns nicht, auch zwischen Georg und mir nicht. Wir waren nicht sentimental zueinander. Der Rückweg an jenem Westberliner Morgen führte uns in Georgs Wohnung, weil sie nah war und wir hungrig und auf Rühreier aus und darauf, noch nicht schlafen und noch nicht auseinander zu gehen. Es stand eine Kerze im Fenster und der Lärm der Straße drang herauf, große Diesel, die an der Kreuzung anfuhren, in Georgs fast möbellose Wohnung, wo es nur Bücher gab und ein Bett und einen einzelnen Tisch und einen einzigen Stuhl. Er lebte dort, wie er später erzählen würde, vor allem terminlos: Es war die Zeit in seinem Leben, in der sich die Wochen ausstreckten vor ihm ohne Kalender-Pflichten, er las und schrieb und briet sich Nudeln, schaute über die Dächer und hörte Musik in, wie er mir später immer sagte, einer großen euphorischen erwartungssatten Einsamkeit, die er in seinem Garten vielleicht wiederzufinden hofft seither.

Link | 6. März 2022, 23 Uhr 37


Einer Laune folgend bin ich nicht zurück zum Hotel gegangen nach der sonntäglichen Arbeit, die ohnehin vor allem dadurch motiviert gewesen war, daß ich, allein in der Stadt, keinen besseren Ort zum Verzehr eines Frühstücks wusste als mein kleines Büro in der New Montgomery Street, direkt gegenüber dem Pacific Bell Building, dem ersten und vom Tag seiner Eröffnung 1925 an bis ins Jahr 1964 höchsten Wolkenkratzer von San Francisco und heute fast vollkommen leer wie auch das Gebäude, in dem meine eigene Firma einen Schreibtisch angemietet hat und wie die ganze Innenstadt um den Finanzdistrikt herum ebenfalls: Die hier ansässigen Softwarefirmen arbeiten jetzt verteilt aus den Wohnungen ihrer Mitarbeiter, und nur vereinzelt selbst an den Wochentagen kommt es noch vor, daß man eine junge Frau in modisch hochgekrempelten breiten Jeans und einem LinkedIn-Rucksack sieht, wie sie ratlos an der Tür eines geschlossenene Peet’s Coffee-Cafés rüttelt. Ich wanderte also, nachdem meine Pflicht getan und die mich durch das Fenster wärmende Sonne hinter dem steinernen Pacific Bell-Koloß verschwunden war, zuerst landeinwärts die Market Street hinauf und dann, ohne Blick auf die Karte, nordwärts mit dem Plan, nicht innezuhalten und über die Hügel der Stadt auszuschreiten bis ich irgendwo am ehemaligen Hafen ankäme, der dort, wie ich von einem früheren einsamen Besuch wusste, sich erstreckte bis fast zur berühmten Brücke hinüber. Ich geriet, nur wenige Blocks von meinem Hotel entfernt, nach Chinatown hinein, wo sich, anders als im Techno-Kapital-Teil der Stadt, ein fast normales Bild menschlicher Geschäftigkeit zeigte, kauften die Einwohner der San Franciscoer Chinatown doch fröhlich durcheinander und mit einer tatsächlich sehr chinesischen Mischung aus Nachlässigkeit und Disziplin ausnahmslos alle recht zerzaust aussehende Masken tragend, ihre Lebensmittel in den zahllosen Gemüse-, Fleisch- und Delikatessengeschäften der Stockton Street ein. Auf einer kurzen Strecke wird diese dann zuerst noch italienisch und dann vor allem sehr teuer, je näher man dem alten Hafen kommt, um dann am Wasser zu enden, wo ebenfalls genau wie bei meinem vorherigen Besuch und also wohl gegen die Pandemie ganz gefeit ein regelrecht widerwärtiges touristisches Treiben herrschte. Es stieg sogleich die Erinnerung an meinen ersten Besuch an diesem schrecklichen Ort wieder auf und an meinen damaligen Versuch, irgendwo auf dem ganzen langen Stück am Wasser einen ruhigen Stein zu finden, der touristisch unbewirtschaftet genug gewesen wäre, um auf ihm ein paar Seiten eines mitgebrachten Buches zu lesen und in die Bucht hinauszuschauen und herauszufinden, ob sich vielleicht doch ein Gedanke oder doch wenigstens eine Stimmung einstellen könnte in dieser Stadt. Diesmal wollte ich es gar nicht erst versuchen, obwohl ich Evelyn Waughs „A little learning“ in der Tasche bei mir trug und gern darin gelesen hätte, und so machte ich kehrt und mich auf der Kearny Street auf den Rückweg, nur um nach wenigen Metern festzustellen, daß der Telgraph Hill sie tatsächlich unterbricht. Ich stieg also, da ich schon einmal hier war, ohne viel Hoffnung hinauf zum Coit Tower, und tatsächlich wurden die Häuser auf dem Weg in die Höhe immer teurer, verrammelter und trostloser, die Zahl der an den Hügel geparkten Teslas stieg, und Polizeifahrzeuge kreisten ständig auf den leeren, sonnenbeschienenen Straßen um die vergatterten Häuser. Abgestoßen von dem Gedanken, mir ein Wahrzeichen anzusehen und mich dafür in eine Schlange zu stellen, umkreiste ich den Coit Tower nur und setzte meinen Weg auf der Kearny Street fort, wo auf den steilsten der Straßen auf den Treppen sich ganze Trauben von Elenden eingefunden hatten, die den unbeschreiblichsten Elendenverrichtungen nachgingen. In Erinnerung geblieben ist mir das Waschen betongrauer Hände und eines zementigen Stücks Stoff in einer Art betongrauen brösligen Schleims, auf das ich mir keinen Reim machen konnte in den wenigen Augenblicken, die ich mir erlaubte, bevor der Waschende meine Neugier bemerken hätte müssen und mich in die Szene hineinziehen hätte können. Beim häufigen Wechseln der Straßenseite, einer Art Slalomabfahrt mit Toren aus entsetzlich gescheiterten Biographien, überfuhr mich schließlich noch beinah ein glänzender Tesla, der trotz Freigabe meiner Querung durch eine Ampel und obwohl mich der Fahrer bemerkt hatte, nach kurzem Zögern in meine Bahn hineinbeschleunigte, so daß ich mich mit einem schnellen Sprung in relative Sicherheit bringen musste und in den Schutz eines Gebäudes flüchten, bevor das Fahrzeug nachsetzen konnte. Das Gebäue, wenn ich mich nicht irre, gab sich auf einer in den Gehsteigbeton eingelassenen Plakette als das erste von einer Gewerkschaft betriebene Freudenhaus des Westens aus, oder etwas in dieser Art.

Link | 7. Februar 2022, 5 Uhr 24


Verdienen Sie eine zweite Chance? fragte mich der sehr betrunkene russische Junge. Verdiene ich nicht eine zweite Chance? fragte er mich auch noch.

Wir haben ja leider, hatte er vom anderen Ende des Bahnsteigs gerufen, ein, und dann sehr gedehnt: ein Bildungssystem!

Und dann, auf halben Weg zu mir und den Mädchen, mit einem bemühten, gezielt irren, vermutlich einstudierten oder abgelauschten, immer wiederholten irren Lachen: Warum denn nicht… Krieg? Das immerhin könnt Ihr Deutschen gut!

Und einige Sätze auf französisch, die ich nicht verstand.

Wie macht Ihr Russen das nur, dachte ich mir, so vorbildlich verzweifelte Charaktere vorzustellen, kaum daß Ihr Siebzehn seid? Ich stand zwischen dem jungen Russen und den Mädchen – Jeans, Yogamatte, Barbourjacke – und er hatte sie schon zweimal, wogend, betrunken, harmlos aber lästig auf eine Reaktion aus, umkreist zuvor. Jetzt hatte ich ihn, ich war auch interessant.

Verdienen Sie eine zweite Chance? wollte er von mir, höflich mich Siezend, wissen.

Die Antwort war kompliziert. Sie durch eine FFP2-Maske zu formulieren, an einen Betrunkenen, der einige Grenzen zu verletzen bereit war, um irgendwie getröstet zu werden, eine fast unlösbare Aufgabe. Ich antwortete nicht, ich schaute ihm in die Augen. Lange, unverwandt, schweigend. Verdiene ich nicht eine zweite Chance? Ich schwieg, und schaute ihm in die Augen, und dann, nach einer Weile, die ihm die Verunsicherung, die er erzeugen wollte, zurückgegeben hatte für einen Moment, endlich, tat ich, was ein betrunkener Lästiger von einem Fremden zu erwarten hatte nachts an der gestörten U5 am Alexanderplatz: Seine Übergriffigkeit wieder ignorieren.

Ver-sinken Sie im Boden! deklamierte er, mit schöner russischer Intonation und großer Geste mit offener Hand. Die Mädchen lachten. (Der Zug kam dann, und er machte woanders weiter.)

Ich hätte, wahrheitsgemäß, „nein“ sagen wollen, aber ein solches Nein wäre zu leicht zu verwechseln gewesen mit einem deutschen Nein: Nein, die Regeln sind die Regeln, und Gerechtigkeit ist nur, wenn’s allen deswegen schlecht geht. Mein Nein, das zu formulieren an der U5 unmöglich war, war ein Nein, das ihm viel näher gewesen wäre: Nein, wir verdienen keine zweite Chance, weil wir die erste nicht aus Pech und Schussligkeit vermasselt haben, sondern aus Hochmut. Du auch, mein junger russischer Freund, Dein Französisch ist zu gut und Dein irres Lachen zu gut einstudiert. Wir beide verdienen keine zweite Chance. Du kriegst sie trotzdem, und eine dritte, und eine vierte. Bemerken wirst Du sie nicht. Tut mir leid.

Link | 13. Januar 2022, 2 Uhr 45


Es ist die Gothic Pogo Party, wo das WGT mehr das WGT ist als sonstwo in der Leipziger Frühsommernacht, nicht unbedingt besser, aber in der Tendenz aufregender. Ich habe ein schlechtes Jahr, in schlechten Jahren tanze ich nicht; ich habe in meiner Seele irgendwo die Firma dabei und es gelingt nicht zu vergessen, daß ich ein Geschäftsführer bin, von dem alle viel erwarten weil er allen viel versprochen hat, und das ist unmöglich alles zu halten. Nicht ausdrücklich habe ich diese Versprechen abgegeben, sondern beiläufig und performativ: kein Schisser zu sein genügt, es bringt die Leute aus dem Konzept, und dann denken sie, der weiß was, man muß ihm zuhörn, und wenn man dann kein Arsch ist, versucht man sie nicht zu enttäuschen: So in etwa funktioniert das. Leider ist man dann auf der Gothic Pogo Party und hat Sorgen und tanzt nicht, auch nach dem dritten Gin Tonic nicht, auch wenn You You sich ankündigt und wirklich alle wach werden und eilig ihre Gläser mit den Eisresten irgendwo zwischen die Stehtischbeine stellen oder neben ein Molltonknäuel und einen euphorischen Moment haben: Etwas unterbricht die schon mitgemachte Bewegung und sagt, als wäre das ein Grund, ach nein, Du hast ein schlechtes Jahr, laß es, und hält dich fest an dem hassenswerten wackligen schwarzgehussten Mittwipp-Stehtisch.

In einem guten Jahr geht es anders zu natürlich, und ich bin eben doch bloß der Nette Junge Mann von meiner 2004 verfassten Vigilien-About-Page, und dann ist es vier Uhr nachts und seit drei Stunden driftet die Musik qualitäts- und obskuritätswärts und wenn man sich morgen nur an ein Zehntel davon erinnern könnte hätte man eine Dekade neuer alter Musik zur Verfügung, aber es wird alles weg sein und Nerderei ist auch keine Option jetzt gerade. Natürlich gibt es eine Frau, die ich nicht kenne und mit der ich nie ein Wort wechseln werde, die aber da ist seit ein paar Stunden, die weich aus dem Nebel auftaucht und wieder in ihn verschwindet, aber doch in der Nähe bleibt, weil es hier gerade gut ist, und ich bleibe auch in der Nähe, weil es hier gerade gut ist; ein kleiner Eros-und-Glücks-Pakt für eine Weile, bis eins von uns unerwartet nicht mehr da sein wird, wer immer zuerst bemerkt, daß es vorbei ist, die Dichte der Nacht zerfallen, und es Zeit ist, hinauszugehen und müd und kalt eine halbe heisere Stunde von einer Straßenbahn hin- und hergeschaukelt zu werden wie eine an die Stange gehängte Schweinehälfte im ersten Licht.

Es wirken zur Zeit nun mehrere antidionysische Vektoren: Die Pandemie, das Alter, die Firma und ein unpraktisches Haus, das ich mir zum Lesen und Schreiben einrichte, ohne zu wissen, ob sich das noch lohnt oder ob ich doch in Anbetracht der die Literatur komplett auffressenden freudlosen Mittelstandsstreberei um das umfassendste Mitgefühl fürs exotischste Opfer kapitulieren soll und die unvermeidlich am Horizont meines Erwachsenenalters aufziehende Phase des Studiums der Gartenbaugeschichte gleich schon umarmen.

Addiert man diese Vektoren, kommt ein Leben heraus, in dem viel und mit sich einschleichender Großspurigkeitsroutine geführt wird, ansonsten viel gegipst, verschäumt und geschreinert — aber keine Frau, mit der ich noch nicht geschlafen habe, legt mir auf einem tiefen Kneipensofa im Wedding ihre Beine in den Schoß, um zu erfahren, was ich machen werde, und niemals lehne ich mich, gegen den Schwindel, von innen gegen eine klirrende Stalltür im Klo, und niemals sitze ich, seit Tagen schweigend und in einer Recherche verlorengegangen, in der Staatsbibliothek und bestimme selbst über diesen schwingentragenden Ausnahmezustand der Zeit. Zu beklagen ist das nicht, Seuchen und ihre frustrierend apollinischen Notwendigkeiten gehören zum Menschsein, das Belastetwerden von der Welt im fünften Lebensjahrzehnt, das Häuserbauen ebenso, und Wehmut ist immer eine Geschmacklosigkeit. Wichtig aber scheint mir, sich nicht aus Versehen dauerhaft einzurichten in dieser käsigen Vernünftigkeit, am anderen Ende des Verantwortungstunnels Irrsinnsreserven noch bereit zu haben und sich nicht zu verwechseln mit der Rolle-dessen-der-alles-richtig-macht, die man zu Seuchenzeiten eben spielen muß, wenn man zu denen gehört, die sie in ihrem Repertoire eben vorfinden.

Link | 9. Dezember 2021, 3 Uhr 49 | Kommentare (2)


Von hier drin war das Geräusch der Zellen nur ein drängendes, stumpfes Summen unter und um uns; die lange Reihe leicht nach innen geneigter Fenster zeigte nichts als hartes Azur, und das Rot der Böden und das weiße Leder der Sitzgruppen schien gleichfarbene leuchtende Doppelbilder zu gewinnen in diesem Licht. Halb schloß ich die Augen gegen die Helligkeit und breitete die Arme aus über die Steppnähte einer Rückenlehne. Ganz ruhig blieb es auch hier nicht. Wenn der Bug eine See durchschlug, drückte auch ich die Arme tiefer ins Leder. Eine Schnellfähre; die Inseln generierten nicht genug Tourismus für ein regelmäßiges Schiff, sicher nicht genug Post oder Bedarf an Keksen, nicht genug Besuche bei Vettern und genug Einkaufsbesuche in Neapel auch nicht. Zusammengenommen aber lohnten diese Zwecke, und die Inseln blieben Teil der Welt. Ein brausend weiße Schnellfähre, leise, schornstein- und vibrationslos, und zog große Zirkel und Linien wie mit dem Skalpell in die Blaus.

Link | 8. Dezember 2021, 22 Uhr 25


Nächste Seite »