Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Der Anblick fiedriger Tannen vor dem Haus, die Kühle der Luft nach dem Morgennebel, reglose Klarheit des Wassers im Trog, fern eine Vielzahl kleiner Glocken; meine Hände wärme ich im Pullover an den Ellbogen, als ich ans Fenster trete.

Die Vorstellung großen Reichtums hatte für mich mit wirklichem Geld nie viel zu tun: Geld wurde verdient oder geerbt oder durch Spekulation erworben, all das waren unreine, mit menschlicher Ambition und Konkurrenz und Niedertracht in Verbindung stehende Felder. Großer Reichtum könnte, das wusste ich immer, nur über einen Zufall zu mir kommen, in Form eines anonymen vergessenen Kontos, auf das ich beiläufig und unverschuldet Zugriff bekäme und das mehr oder weniger unerschöpflich sein müsste, ein blendend goldenes Leuchten aus einer Edelstahlschublade. So ist es mehr oder weniger gekommen.

Man landet, ganz prosaisch und routiniert, als mache man Zwischenhalt auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, um die fürchterliche Lügner- und Trockenbrezelairline United zu vermeiden, in Zürich. Dort verlässt man den Flughafen, passiert die Rauchverbotsschilder mit den durchgestrichenen Pfeifen, und steigt am Hauptbahnhof in einen Zug nach Bern, und da wird man dann durchaus abgeholt. Das diskrete Ritual des Öffnens der Kassette in Bern ermöglicht diesen vollkommen losgelösten Reichtum: Geld, das alle Verbindungen zu seiner Herkunft verloren hat, ist schandlos. Und von dort aus ist es dann natürlich leicht, nach Einzahlung auf ein ganz normales Konto bei der UBS, etwa nach Marokko zu fliegen und etwa die Villa E für ein paar Tage zu mieten und nasse Fußpatscher auf den heißen Polygonalplatten zu hinterlassen, Facial Fuel und eine Tube Odol Med 3 auf dem Spiegelsims. Nach Kiehl’s und Malin+Goetz kommt nicht mehr viel, und eine bessere Zahnpasta als Odol Med 3 kann auch großer Reichtum nicht kaufen.

Oder man lässt das mit Marokko und fährt nur nach Montreux weiter oder bis Montpellier und sitzt am Aquädukt auf einem kühlen Stein und liest im Proust bis man hungrig genug ist, die Scheu vor den Altstadt-Boulangerien und dem eigenen Ungeschick im Französischen zu überwinden.

(Mit wem muß man sprechen, um unerschöpflichen Reichtum in ein Cologne zu verwandeln, das eingestellt und angepasst ist auf die eigene niedrige Kopfschmerzgrenze? Gibt es diese Nummer, bei Guerlain? Ich wäre sehr enttäuscht, gäbe es sie nicht.)

Link | 31. März 2021, 1 Uhr 36


Türen sind nicht geheuer, weil nicht einzusehen ist, daß auf ihren anderen Seiten immer dieselben Räume wiederzufinden sein werden. Wie die Spiegel, ihre noch unheiligeren Cousins, stehen sie deswegen unter scharfer Beobachtung.

Ist hinter dieser Tür der vertraute Flur, beleuchtet gar für gar niemanden, so daß nur ein Staub im Lichtkegel in den Wärmesog der Birne gerät? Der Flur, in dem meine Cordjacke hing und den ich mit der Cordjacke photographierte, bevor ich sie unverhüllt auf die Beutel mit den Eierschalen und fauligen Orangen in den großen schwarzen Container legte?

Oder ist hinter dieser Tür diesmal ein Verschlag mit einem deckellosen Abort mit schwarzem Rand? Knietief auf den Salz-und-Pfeffer-Kacheln nasser Rollensumpf und viermal vom Xerox xeroxierte Flyer? Der Gedanke: Das ist jetzt einer dieser Momente. An der Beschichtung der Wände gelbe Blasen von gelangweilten Feuerzeugen, Telefonnummern, die Antifaflaggen? Und das An- und Abschwellen der Musik beim Öffnen der Tür, ein durchlaufender Wasserhahn, ein Körper, der nebenan gegen die Stallwand wankt mit Gepolter und leise flucht.

Beim nächsten Öffnen der Tür drängen Gitarren und Wummer-der-aus-den-Wänden-kommt über die Szene, und ich banne sie in einer offenen Hand und presse sie zusammen. Mit Edding notiere ich, links, schräg aufwärts, während auf der anderen Seite der Platte der Kampf um Gleichgewicht und Fassung weitergeht:

noch rumpeln die güterzüge auf dem durchgangsgleis
nordwärts und südwärts, mailand und amsterdam
durch die dunkelheit
zwischen den bengalischen fenstern des kali- und salzkonzerns
und dem gekränkten denkmal für die neue eisenbahn
(wie wesen aus einer fremden welt erschienen die weißen züge
zwischen den streuobstwiesen und blaubedoldeten bauerngärten
im summen der letzten netzlosen sommer)

Link | 14. März 2021, 0 Uhr 39


Die Fähigkeit der Literatur, ein erweiterter Lebensraum zu sein, gedeiht und verdirbt nach rätselhaften Regeln. In einem Jahr scheint Literatur ein sinnloser Ersatz zu sein für ein Leben, das selbst intensiv sein soll und die Krücke des Phantastischen nicht braucht, in einem anderen Jahr scheint sie die einzige mögliche heiße Quelle der Intensität überhaupt zu sein. Aus den Lebensumständen allerdings — glücklich, unglücklich, ereignisreich oder langweilig — lässt sich nicht ablesen, ob man ein Jahr der ersten oder zweiten Sorte vor sich hat. Durchaus möglich, daß es an der verfügbaren Kunst liegt und gar nicht am Leben.

Wer sehr bezogen ist aufs Tätigsein, sich als Teil eines wirksamen Geists versteht, lernt, zwischen dem zwanzigsten und dem vierzigsten Lebensjahr, wie schwer es ist, tatsächlich zu wirken: Das ist vielleicht das Überraschendste. Man hält, mit zwanzig, viel zu viel für machbar, und überschätzt die Rolle von Willen und Energie. Dieser Wille und diese Energie werden dann schon aufgewandt, aber aufgewandt für den Erwerb von Fähigkeiten, Routine und Sicherheit, und das in einem Ausmaß, das man sich nicht hätte vorstellen können. Je mehr man allerdings zu wirken lernt, desto deutlicher wird, wie klein die Effekte sind und immer sein werden, wie klein der eigene Beitrag ist und wie zäh man ihn beitragen muß.

Das gilt für Literatur wie für Technologie, oder für das Führen eines guten Lebens selbst: Nicht zurückzufallen hinter das schon von anderen Erreichte ist schon an und für sich kein übler Kraftakt. (Denn zunächst einmal gilt es zu wohnen und zu essen und Musik zu hören, sich selbst und anderen ein Freund zu sein, Freude dran zu haben und überhaupt die Flamme am Leben zu halten.)

dunklespiegel.tumblr.com

Link | 24. Dezember 2020, 23 Uhr 55


Oft denkt man am Ende eines Tages, aufgeteilt in einstündige Gespräche, daß man verschluckt werden müsste vom schwarzen Schwall, der über einen käme wie ein Mantel in einem Windstoß, der keine Außenseite hätte und einen also verschlänge, wenn er sich kehrt: So müsste man verschwinden in einem schwarzen Schwall. Dann wäre Stille, dann spräche man nicht weiter die Sprache der Verwaltung zur Welt. Denn daß man eitel ist ist verzeihlich, eitel ist ein jeder, der mit einem Funken geboren wurde, aber daß man seiner Eitelkeit schmeicheln lässt von der Bewunderung fürs gewandte Sprechen der Sprache der Verwaltung, ja gerade für die kleinen Lichter, die man ihr aufzusetzen vermag, das beschwört den schwarzen Schwall, den Durst nach einem großen einhändigen, über die Mundwinkel rinnenden Schluck aus dem grünen Ballon, der hinter dem Messer und den Äpfeln und der blakenden Kerze steht; unstet ist das Licht, kalt stößt der Wind herein durch beide Fenster, auf wallt der Mantel ohne Außen.

Link | 12. Dezember 2020, 0 Uhr 28


Nebelbäusche ziehen um die Burg und durch meine Kiefern seit Tagen, aber in meinem Kamin lodert ein Feuer und im Küchenfenster steht ein frischer lautloser Schnittlauch im Licht.

Ich besitze eine leichte, weite schwarze Hose, in deren Taschen 0,5-Liter-Plastikbecher passen. So muß ich mein Wasser nicht austrinken, bevor es losgeht, sondern kann einen Rest im Becher lassen und in die Hosentasche stecken und habe beide Hände frei, zum Abstützen in einem verschwitzten Rücken vor mir, zum Klatschen über dem Kopf, zum Bewegen. Und dann, wenn alle klatschnass sind und heiß und kaum noch können und sich nach Bier sehnen und einen schicken müssen, habe ich noch einen lauwarmen wunderbaren Schluck Wasser in der Hosentasche und kann bleiben wo ich bin, bis das Licht angeht und der Menschenkörperdruck wieder abfällt.

Link | 28. November 2020, 21 Uhr 16


Der Moment ist nur zu verstehen, wenn man den Rahmen des Vernünftigen selbst aufgibt und sich in die bühnennebligen Abgründe der politischen Ästhetik begibt.

Das Unmaß und die Unvernunft sind keine unvermittelten Erkrankungen des Gemeinsinns, sondern ihrer Herkunft nach ästhetischer Trotz: Die Lust an der Zerstörung ist die Unlust am Unzerstörten und Unzerstörbaren, der vernünfigen, überlegt-überlegenen Verwaltung der Welt, die es so gut meint und gut macht und so offenkundig Recht hat.

Die Sehnsucht nach Hitler, oder die Sehnsucht Hitlers: Nach Geschichte, nach Größe, nach spontaner Aktion.

Solche Sehnsüchte sind sogar theoretisch unerfüllbar im unaufhaltsamen Modernisierungsprozess: Es ist leichter, das Ende der Menschheit zu denken als das Ende der Modernisierung, mithin der Vernünftigmachung der Welt. Die Modernisierung „Kapitalismus“ zu nennen ist der Versuch, sie als politischer Aktion zugänglich darzustellen. Niemand auf der Linken hat aber einen ernsthaften Entwurf für eine Welt nach dem Kapital, und Curtis Yarvin ist in seinem jüngsten Text wirklich kurz davor zu bemerken, welche Rolle ihm der Ultrarealismus der Macht zuweist, den er so entschieden vertritt und der auch von ihm selbst mit einer rechten Position verwechselt wird.

Versuche, die Modernisierung politisch zu behandeln, müssen unvernünftig sein. Vernünftig ist Joe Biden, vernünftig die Gefügigkeit für die abstrakte Intelligenz des Globalismus und des Kapitals. Vernünftig ist die Pandemiebekämpfung durch Zuhausebleiben.

Daß das Wertesystem der Menschlichkeit, des Ausgangs aus der Armut, der medizinischen Versorgung, der Versorgung überhaupt, der Sicherheit, des guten Lebens in Häusern und des Besuchs von Konzerten das Wertesystem der Modernisierung ist, müssen Kommunisten leugnen und Neurechte, andernfalls mäßigten sie sich sofort. Mäßigen aber dürfen sie sich nicht, ihre Maßlosigkeit ist ihre Position.

Die Sehnsucht nach dem Unmaß, nach dem Außen der Modernisierung, ist exakt die Sehnsucht Hitlers. Deswegen rufen unmäßige Ereignisse den Geist Hitlers auf, und mäßigende Stimmen mahnen sofort: Das kann man nicht vergleichen! Hitler aber vergleicht alles mit Hitler.

(Und Trump war natürlich, was passiert, wenn man statt von Wagner vom Kabelfernsehen träumt.)

Link | 28. November 2020, 20 Uhr 50 | Kommentare (1)


Die Sommer waren böse geworden um das Jahr 2020 herum. Saison um Saison brannte die Augustsonne erbarmungsloser herunter auf die Wälder und die Maisfelder, und wenn es regnete, dann in so fürchterlichen Ausbrüchen roher Gewittergewalt, daß die Menschen sich duckten in Ihren Häusern und keine Freude zu empfinden vermochten am doch ersehnten Regen, der nun in nutzlosem Überfluß über die rissigen Böden schäumte. In diesem August des Jahres 2020, als die Hitze ihren Höhepunkt erreichte, übernahm ich mein Haus auf dem Land, auf einem Basaltkegel im Dorf einer Burg, die schon vor den Schwedenkriegen jede militärische Bedeutung verloren hatte.

Vom Burgfried wie vom Haus aus schaut man über heiße Steine ins Tal und in die dunstige Ferne und den Taunus hinein. Schweigend nahm ich tagelang Bestand auf in dem seit einiger Zeit schon leeren Haus, das zuletzt allein von einer alten Dame bewohnt worden war. Efeu und Brombeeren schickten sich an, über dem Dach zusammenzuschlagen, und ich glaubte einen Plan der alten Dame überall ablesen zu können, ganz im Inneren, am Kamin ihres Hauses, zu verschwinden und den Efeu sie langsam übermannen zu lassen in ihren späten Jahren.

Alle Hähne saßen fest in diesem Haus, und suchte man sie zu betätigen, zerfielen sie und das Wasser tropfte und rann langsam in die Abflüsse. Alle Fenster waren undicht, und wenn die jähzornigen Gewitter des Sommers losbrachen und die Schlagregen in die Fugen und Anschlüsse der Dächer trieben, roch es nach nassem Zement überall und vielköpfige Rinnsale ließen ausgelösten Kalk auf den heißen Steinen zurück beim Verdunsten.

Anfang September dann war die Hitze gebrochen und ich kehrte nach Berlin zurück, das mir immer lieb gewesen ist in dieser Spätsommerzeit, in der ich zuerst in die Stadt gekommen war und die Moderne meine Blasen werfende Provinzgedankenwelt klären hatte lassen wollen. Auf dem Rad unterwegs durch die abkühlende Stadt erkannte ich die Erstsemester: Sehr jung, sehr allein, intelligent und bettelarm und unvertraut mit ihren Schicksalen; auf ihren Wegen, die wenigen zufälligen, der kommenden Kühle geschuldeten, schon brüchigen Freundschaften der frühen Tage passieren zu lassen.

Ich trug mein Fahhrad in die Wohnung hinauf, wischte mit einem bereit liegenden weichen Tuch den Staub vom Schutzblech, und hörte COIL.

[Solarpunk & Nachtleben]

Link | 7. September 2020, 21 Uhr 36 | Kommentare (1)


Eine Universitätsstadt im Sommer: Der Fluß gurgelt, die Weiden kühlen ihre Handgelenke darin, und zwischen den Parkbäumen sitzen sie in Gruppen und haben sich ein Fach ausgesucht.

*

Man weiß, daß er auf einem Bauernhof groß geworden ist, und es ist zumindest nicht auszuschließen, daß dort wirklich Landwirtschaft betrieben worden ist. Er macht Abitur, studiert, zeichnet sich aus auf einem abwegigen Spezialgebiet und lebt ein Wissenschaftlerleben. Eine internationale Krise, die sein Fachgebiet betrifft, tritt ein. Er wird gefragt, macht einen Schritt nach vorn, und kann reden, selbstverständlich, genau und unerschrocken. Der Bundesminister, in dessen Ressort die Krise fällt, benutzt später die Formulierung von der „lebensklugen Mitte der Gesellschaft“: ungefähr für das Publikum dieses Forschers, wie man annehmen darf.

*

Die politische Krise von 1977: Die Offensive 77 einer bürgerlichen Terrororganisation, die von der Monstrosität des geschichtlich noch sehr nahen NS-Staats und der fast vollkommenen Kulturvernichtung, die er zu verantworten hat, so besessen ist, daß sie die westdeutsche Republik nicht anschauen kann, ohne diesen NS-Staat in ihr zu erkennen.

Nur wenige Jahre später dreht ein Filmemacher eine Reihe mit dem Titel „Heimat“. Er gehört zu einem Freundeskreis von ausnehmend klugen visuellen Denkern. Über die langen Jahre ihrer Karrieren trifft man sie in Ulm, Hollywood, in Manhattan, im Nachprogramm von RTL oder als Betreiber von Kinos in schwäbischen Kleinstädten. Sie erzählen, immer im Modus großer Aufrichtigkeit und mit viel Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, aus einer dunklen, zerbrechlichen Welt, in der der größte Schrecken immer eine Möglichkeit in unseren Seelen ist, ganz nah bei unseren wertvollsten Gefühlen.

Die „Heimat“-Filme, sehr langsam, sehr poetisch, voller ungefälliger, wunderschöner Lieder und gutem Deutsch, in Dialekt und Hochsprache, wird viele Millionen mal gesehen, wieder und wieder. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk versteht man nicht ganz, wie das sein kann: Daß das ein Publikum hat, und wie es so groß sein kann. Der Filmemacher wird gefragt: Für wen machen Sie das? Und er gibt eine optimistische Antwort, spricht von einer kulturtragenden Intelligenz und der Möglichkeit eines unverdorbenen Verhältnisses zu sich und der Welt.

*

Ein jüdischer Literaturwissenschaftler, ein Großbürgersohn, Lehrer von Schriftstellern und Feuilletongrößen, Gesprächspartner sozialdemokratischer West-Kanzler und französischer Surrealisten, der 1945 nach Deutschland zurückkehrt und sich zunächst die DDR aussucht, sagt 1994 in einem Interview:

In Ländern wie Frankreich, Spanien, England, Italien gibt es eine weit in das Kleinbürgertum, bis in die gehobene Arbeiterschaft hineinreichende Kultur der Sprache, des beau langage, der Art wie man sich verständigt. In keinem dieser Länder wäre ein Mann wie der aus Oberösterreich mit seinem sprachlichen Geblubber ernstgenommen worden.

*

Ein anderer schreibender Literaturwissenschaftler, im Krieg im Allgäu geboren, erträgt das Fortblubbern der Sprache des Mannes aus Oberösterreich nicht und flieht nach England. Später macht er Ausflüge zurück über den Ärmelkanal und wandert durch einen dunklen Kontinent, die Ruinenlandschaft der europäischen Hochkultur. Er beschreibt diese Reisen in einem Deutsch, das älter und wärmer ist als das Geblubber, als diese neue Sprache der Gewalt, die nie wieder verschwunden ist und die wir alle immer noch sprechen und schreiben. Kurz vor seinem Tod spricht er in einer Radiosendung aus Los Angeles über seine Arbeit, und der Gastgeber bemerkt:

I’ve been very amused,
because critics or writers about your work in America
seem to be bewildered by its tone
and I don’t in fact find its tone bewildering
I think they are unfamiliar with it
because it’s tenderness

*

Die Bildungsexpansion ist kein Prozess des individuellen Aufstiegs und der verbesserten Chancen für jeden, sondern einer der Befestigung von Bildungsfortschritt zwischen den Generationen. Einige aus bücherlosen Haushalten sitzen also manchmal doch an den gurgelnden Flüssen der Universitätsstädte im Gras, lernen wieder sprechen und lesen, finden ihr Deutsch und ihre Verantwortung für die, die es noch nicht gefunden haben; lernen vielleicht auch die Sprache der Gewalt erkennen. Und ihre Kinder knüpfen dann an diesen Fortschritt fast zwangsläufig an: So werden es mehr. Das ist die optimistische Geschichte zu den Daten.

*

Die Erwartung, daß Bildung mit Herrschaft einhergehen solle, allerdings, wird enttäuscht. Die meisten von uns müssen arbeiten, als hätten wir das Denken nie gelernt. Daß wir ums Herrschen betrogen werden, ertragen wir kaum, und der Gewalt in der Sprache begegnen wir mit Gewalt. Das ist die pessimistische Geschichte.

Link | 4. Juli 2020, 20 Uhr 48


(1) Mein kanariengelber kleiner Miet-VW war untermotorisiert für die Serpentinenstraße, aber ich war dankbar für sein schmales Profil, wenn mich die Lieferwagen der Einheimischen bergauf an den unwahrscheinlichsten Stellen überholten. Auf der Rückbank rutschte mein Seesack hin- und her, und es war so heiß, daß mir die kaum zwei Tage alte Erinnerung an die Überfahrtnacht, mit zwei erschöpften Wachen in Merino-Unterwäsche und Ölzeug, schon übertrieben und irreal erschien. Aber die Persol hatte noch Salzschlieren, und mein rechter Bizeps schmerzte, wo ich gegen das U-Profil am Niedergang gefallen war.

Ich hatte Durst, aber keine Lust auf das lauwarme Wasser in der Flasche unter dem Beifahrersitz. Zwanzig Minuten vielleicht noch zum Quellwasser im Garten, und später heute: high resolution-Gebubbel, Hefe und Säure und ein frostiger Zieher hinter den Augen, die klugen Frauen würden sich gekümmert haben. Eine saubere Leinenhose, ein blaues Jackett und weiche braune Slipper würden in einem Koffer aus Deutschland auf meinem Bett liegen. Die klugen Frauen würden beide kluge asymmetrische Kleider tragen, wenn ich mit nassen Haaren auf die Terrasse käme: So, genau so würde es sein, wenn ich den kleinen VW up erst sicher auf die elastischen trockenen Nadeln zwischen den Bäumen gestellt hätte.

(2) Ein sicheres Zeichen, daß jemand Teil der Eliten ist, war einmal das Nachdenken im Modus der Herrschaft: die Sorge um das große Ganze. Heute ist das anders, das Herrschaftsdenken ist überall angekommen.

Stroszek twittert nicht: Wenn Bruno Stroszek in Freiheit geht, dann macht er sich keinen Gedanken, wochen- und monatelang keinen einzigen Gedanken darüber, wie das Volk regiert werden müsste, welches Verhalten ermutigt, welches bestraft werden sollte. Stroszek macht keine Gesetze, und es fiele ihm nicht ein, sich die Gedanken des Leviathan zu machen. Er ist froh, wenn er in Ruhe gelassen wird, mehr noch, er ist froh, wenn er nichts falsch macht, ohne es zu merken (die Welt der Herrschaft ist ihm so fremd, daß er nicht immer versteht, was sie von ihm will und daß er dies oder jenes nicht tun soll).

Niemand von uns kann sich diese Form von Freiheit, die Freiheit des Bruno Stroszek noch vorstellen: Nicht die Welt regieren zu müssen. Eine Kombination von technologischer Zugänglichkeit des Herrschaftsdiskurses und über Dekaden betriebene politische Arbeit am Bewusstsein, an der Standardausstattung an Ideen und Interessen, hat uns alle zu Herrschern ohne Herrschaft gemacht.

Im Modus der Herrschaft — was ist falsch für die Untertanen, was richtig? — nachdenken zu müssen, ist eine enorme Last selbstverständlich, die meisten von uns wissen kaum, was für uns selbst richtig und falsch ist, und wir reagieren in Mustern. Manche wechseln performativ die Seite und bestehen auf ihr Untertanentum: Lasst mich in Ruhe mit dem Herrschensollen, seht Ihr nicht, daß ich ein Beherrschter bin, daß die Beherrschten-Identität mich ganz erfüllt und legitimiert? Manche schlagen sich auf die sichere Seite der Macht: Was immer grade gültig und konsensfähig ist im Umfeld wird zur Doktrin des eigenen Vorschlags von möglicgst totaler Herrschaftsausübung. Und schließlich gibt es die Versuche, über Dingen der Herrschaft zu stehen und weise zu werden, meistens auf eine fernöstliche, den europäischen Begriffen schwer zugängliche, möglichst verwaschene Form. Ganz im Moment leben: nur den Schatten sehen und zum Leviathan nicht aufschauen.

Ein echter Ausbruch, würde man ihn versuchen wollen, wäre ein Stroszek-Ausbruch: Wirklich mit dem machtlosen Herrschaftsdenken auch das schlechte Gewissen abgeben, die eigene Machtlosigkeit annehmen, die Entsprechung zwischen eigenem Einfluß auf das Große Ganze und intellektuellem Weltangang wiederherstellen.

Link | 28. Juni 2020, 1 Uhr 28


Alles in allem: Sechzehn Jahre Vigilien sollten bereits genug Korpus für ein solides GPT-2-Modell sein. Daß ein Verstummen, vielleicht in den 2060ern, nötig werden sollte, erscheint also schon heute unwahrscheinlich.

Berlin. Ich steige aus der S-Bahn, nehme die Treppe in Fahrtrichtung stadtauswärts und es riecht nach feuchtem Gras. Es ist nicht 1990, es ist nicht die M-Bahn, kein magnetischer Fluß fließt. Es ist nicht der Savignyplatz, mit den rußigen Baum-Muralen und den Antiquariaten. Es ist Treptower Park, Sommer 2019, und alles ist blau.

Der Park wogt, Gräser wehen und Pappeln. Ein Obdachloser scheißt von der Lehne der ersten Bank hinter die erste Bank. An der zweiten Bank machen vier vierzehnjährige, zwei Jungs zwei Mädchen, time of their life, ein TikTok. Am Wasser riecht es nach salziger Bratwurst. Am Wasser gibt es schlechten Apfelsaft in Plastikflaschen. Auch am Wasser ist es heiß. Ich trage eine weite Leinenhose und ein kragenloses Hemd und federe, Sektenführer spalanzani, und plane mein Godenholm, während ich durch den Park gehe und mich umschaue in der Vergangenheit.

Die im Sommer 2019 noch gültige Zukunft der Stadt war an der Warschauer Brücke zu beobachten, wo sie ganz bei sich war und bei was sie sein wollte. Das ist, vermutlich, vorbei.

[Turncoat]

Link | 17. Mai 2020, 0 Uhr 26


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