Vigilien

is there any any? nowhere known some?

Ich langte also an in Georgs Garten, wie ich es mir wohl ausgemalt hatte schon seit langem, zu Fuß, etwas erhitzt und schummerig, am Ende eines zweitägigen Marsches von Frankfurt herauf nach einer Übernachtung in einer Pension mit drei Schälchen Marmelade: Aprikose, Erdbeer, Himbeer. Ich kühlte meine Hand am Kugel-Knauf des Tors zum Garten, das überhaupt der einzige Übergang zwischen Georgs Welt und der anderen Welt ist, da er selbst seinen Wagen an der Straße parkt und zum Haus, wie ein Besucher, durch die Pforte und das Spalier der Eiben geht. Als die Kugel warm geworden war in meiner heißen Hand, drückte ich die eiserne Tür auf und trat ein, und es fielen sofort eine Kühle und ein Waldduft auf mich herab und lösten meine Schläfrigkeit ab, und das Dröhnen des Frühsommernachmittags wich einem feinen Sirren und Knistern und einer Vogelvielstimmigkeit, die auch draußen schon hörbar gewesen sein musste und sich durch ein hüfthohes Eisentor doch jedenfalls nicht hatte aufhalten lassen. Georgs Garten ließ keine Ordnung erkennen, die Hecken zu Straße waren Schnappschüsse laubiger Explosionen, und lange Äste flogen hier und dort in alle Richtungen aus dichten Haselbüschen und Hainbuchen aller Größen heraus. Nichts schien Grenzen gesetzt bekommen zu haben, obwohl doch, das wusste selbst der unerfahrene Gärtner, der ich bin, es sich nicht um eine Wildnis handeln konnte: zu viele Wege waren gangbar ohne dornige Versuche, einen Besucher etwa ins Unterholz zu zerren, zu viele Fluchten offen und etwas zu ebenmäßig die dunkle Doppelfolge der Eiben zum Haus hinauf. Efeu und Immergrün stritten sich unter den Hölzern und der Efeu blieb Sieger in der Höhe. Das erste Gebäude, das man passiert in Georgs Garten, ist das kleine Reaktorhaus, rechterseits nur ein paar Schritte hinter den Wegbäumen zurückgesetzt. Ganz eingehüllt in Ranken ist diese Anlage, und das dunkel duftende Laub dämpft das Surren der Turbine, das man so, vom Pfad zu Haus hinauf, eher auratisch ahnt als hört: Einem Test diesbezüglich würde ich mich nicht stellen wollen, und vielleicht ist es nur das Geräusch, gerade an der Wahrnehmungsschwelle, aber ich bin doch Zeit meines Lebens überzeugt gewesen, daß sich schnelldrehende elektrische Felder mir direkt mitteilen: Ich spüre die Präsenz von Turbinen. Auf der linken Seite, etwas versetzt und dem im Efeu versunkenen kleinen Maschinenhaus gegenüber, liegt ein Wassertretbecken im Schatten eines Walnussbaums. Kein Blatt, keine Nadel, nicht einmal Blütenstaub schwimmt im blau leuchtenden knietiefen Wasser. Das Haus selbst ist sichtbar von hier aus: als eine Ecke, die aus der Vegetation lugt, auf zwei flachen übereinander gelagerten Terrassen voller Waschbetontröge, Blumen unten, Kräuter oben, eine ganze Wildnis von Minze gleich zweimal. In der Flucht weht Lavendel in einem der Tröge. Der Garten ist zu groß für Georg, oder Georg ist zu klein für den Garten, aber das, so sagt er, ist das angemessene Größenverhältnis: Ein Garten, den man beherrscht, ist ein trauriges Dokument der Angst, wie Herrschaft immer zuallererst ein Ausweis der Angst sei. Georg muß nicht mehr herrschen, diese Zeiten hat er hinter sich gebracht, absolviert mit der angespannten Selbstverständlichkeit, mit der man Abitur macht oder ein Staatsexamen. Georg hat früh seinen gegenwärtigen Zustand der Beschäftigung erreicht, immer leicht überfordert, aber recht eigentlich ohne Ziel und ohne daß jenseits der chaotischen Haselnüsse jemand Notiz nehmen müsste von seiner Existenz und seiner Erhaltung des Gartens. Ich bin sicher, daß er reich genug wäre, eine Armee von Gärtnern messerscharfe Rasenkanten anlegen zu lassen und etwas Dekoratives mit Steinen anzufangen und sich zu langweilen. Aber er gräbt die Brombeeren eigenhändig aus, in dieser Jahreszeit, in der es einen, so sagt er, in Anbetracht der Zähigkeit und erstaunlichen Wucherungsfähigkeit der Brombeeren jeden Tag aufs Neue Wunder nimmt, daß die Brombeeren nicht längst die dominierende Art auf dem Planeten geworden sind, die Menschen erstachelt und erstickt und mit den ihnen dann im Übermaß zur Verfügung stehenden Möglichkeiten selbst mit dem Denken begonnen haben. Vielleicht hätten sie den Schritt in ihrer genetischen Vergangenheit schon einmal unternommen und sich erschrocken dabei, und beschränkten sich gerade deswegen seither auf dieses tumbe Wuchern, sagte er mir einmal mit einem halb zum Zufahren auf die Knolle schon erhobenen Spaten. Georg lebt, darauf legt er Wert, auf seinem großen, ordentlicheren Zeitgenossen doch durchaus verwildert erscheinenden, Grundstück, nicht in der Natur: Er lebt in einem Garten mit Büchern und der Musik und einigen Stühlen, für die er jährlich wechselnde Lichtungen in seine Gebüsche schneidet und auf denen er dann gern bis spätnachts beim Schein einer tragbaren elektrischen Laterne sitzt und liest und langsam kleine Weißbrotscheiben mit getrocknetem Schinken isst. Man müsse den Unterschied kennen, und die Zeitgenossen sprächen, wenn sie über die Natur sprächen, längst immer und ganz selbstverständlich über die zweite Natur, die Gärten, den vom Menschen gepflegten Planetengarten. Die erste Natur, die rohe, gleichgültige, im Überlebenskampfdurcheinander kaum je in ihre mögliche Form hinein gedeihende Natur, ein Ort größter Grausamkeit und Krebsigkeit und Mißachtung aller Gleichgewichte, sei, glaubt Georg, für die dritte oder vierte Generation von Nichtbauern gar nicht mehr erkennbar und vorstellbar. Der Gedanke eines Gleichgewichts, eines Friedens der Natur, sei nur Gartenbewohnern möglich, die lange genug im Garten gelebt hätten, um eine Fürsorgezartheit auch für die Schlangen sich zu erlauben. Die Sehnsucht nach der Natur bei diesen Menschen sei darum in Wahrheit eine Sehnsucht nach gelungenen Gärten, die Unberührtheit eine falsche Idee, die nur darum so eine Konjunktur habe, weil so viel Berührung, so viel Gartenbau so misslungen sei und Gärten des Verderbens modisch und überall anzutreffen seien um die Häuser der Leute herum, voller Steine und Stacheln und Kisten aus gezinktem Stahl. Es sei die ästhetische Qualität der Arbeit an der Landschaft, die wir beurteilten, selbst die unerfahrendsten im ästhetischen Urteil, wenn wir eine Gegend schön fänden. Die Windräder, die Georg ebensosehr liebt wie ich selbst, seien dabei kein schlechterer Schmuck des Gartenplaneten als die Bäume und Heiden, sie würden schließlich auch hineinkomponiert in die Landschaften wie die Zwillingslinden mit den Bänken dazwischen an den Wegkreuzungen der Vergangenheit, und die Sonne sinke über die Stoppelfelder hin und mache lange Schatten mit diesen Linden und den Windmühlen ohne Unterschied, hatte mir Georg bei einem früheren Besuch gesagt im Hinaustreten auf die Terrasse an einem Regentag. Dem Fallen der Tropfen durch das Laubwerk der Linden hinter dem Haus hatten wir dann eine Weile schweigend zugehört und wohl beide an den von Georg beschworenen Schatten des Windrads auf einem abendlichen, schon abgeernteten Kornfeld gedacht. Es war dies auch der Besuch gewesen, bei dem ich mit Georg in den Keller seines Hauses hinabgestiegen bin, weil wegen des Regens im Garten kein Bleiben gewesen war. Dieser Keller war von Georg, als er das Haus übernommen hat, als bloßer Lagerkeller für Heizöl wahrgenommen worden, hat er mir damals erzählt. Beim Abbau dann der Ölheizung sei zum ersten mal elektrisches Licht dort hinunter gebracht worden und hinter den beiden großen Kunststofftanks, wie sie in unserer Jugend überall in deutschen Kellern standen zur Aufbewahrung des übelriechenden Heizdiesels, sei damals der Zugang zu der gänzlich dunklen Sammlungs-Anlage gefunden worden, eine fast zweistöckige Halle mit starken Stahlbetonstreben und -Säulen, um die ein halbes Dutzend Nischen gruppiert war, mannshoh etwa und tief wie ein Kinderzimmer eine jede, aber nicht ebenerdig betretbar, sondern auf Kniehöhe über der tiefen Halle angelegt. In diesen Nischen hatte Georg mithilfe der indifferenten Monteure, die mit der Demontage der Öltanks beauftragt gewesen waren und ihm leuchten mussten, eine Vielzahl von hölzernen Regalen, teilweise verhängt mit Tüchern, vorgefunden, in denen ein Vorbesitzer mit einer von keiner Ordnung beeinträchtigten Leidenschaft Trinkgläser aller Größen und Dekore und Schliffe versammelt hatte. Er, Georg, habe sich in der Folge auch nach Entfernung der Tanks nie durchringen können, diese Katakomben der Trinkgefäße auszuräumen und den Platz neuen Zwecken, die ihm auch beim besten Willen, wie er sagte, nicht einfallen wollten, zuzuführen. Zumal eine der Nischen, und diese hatte er mir bei meinem Besuch an jenem Regentag besonders lange erklärt, nicht Regale mit Gläsern und schmiedeeisernen Kaminbestecken, Pumpen und stumpfen Tischbesen enthielt, sondern eine ganze Landschaft längst schon niedergebrannter Kerzenreste, teilweise noch in Kandelabern und zwischen aus dünnen schwarzen Stangen geschmiedeten Kreuzen aufgestellt. Zur orthodoxen Anmutung dieser selsamsten der Nischen fehlten allerdings die Ikonen, und Georg verweilte bei seiner Erklärung bei diesem ihm besonders rätselhaften Umstand, nicht ohne eine gewisse Dankbarkeit, wie mir schien. Er benutze, sagte er mir beim Wiederhinaufsteigen in den Regentag, diesen Keller als eine Verbindung zu den Vorbesitzern und Erbauern seines Hauses und seines Gartens, und manchmal, wenn es regne und keine Tätigkeit sich darum anbiete, steige er hinab mit einer seiner Gartenlampen und konferiere mit dem Kristall und den metallenen Kreuzen und versuche das Leben seiner Vorgänger an diesem Ort zu erahnen, an dem er doch sein Leben auch sonst verbringe mit dem was er vorfinde, nun schon im dritten Jahrzehnt. Daß er nie voranzukommen schien in diesen Jahrzehnten, die Beständigkit der wechselnden Pflanzen auf seinen Terrassen, die Verbesserungen an der Dachabdeckung, die Unbeweglichkeit des Eibenspaliers von der Straße herauf, haben mich immer beeindruckt bei meinen Besuchen bei Georg, sein scheinbares Außerkraftsetzen der Zeit durch eine Tätigkeit, die ganz auf sich selbst bezogen war und auf Georg, der seinen Teil des Planeten bewirtschaftete, sichtbar nur für mich und die Ylva und ein halbes Dutzend andere Vertraute. Einmal habe ich ihn seine Daseinsform selbst benennen hören, das Werk des Kümmerns hat er es genannt an einem der seltenen Abende zu dritt in den frühen Tagen mit Ylvi. Das Werk des Kümmerns müsse eben zuerst einmal täglich getan werden, es müsse, so hat er sich ausgedrückt, abgetrotzt werden dem Kapital und der Welt, und das sei eben Arbeit und sehr materiell, mit der modischen Achtsamkeit nicht zu erreichen und als Folge von erkauften Erlebnissen nicht zu denken, sondern nur als tägliche Praxis. Überhaupt müssten wir aufhören, immerzu vom Kapitalismus zu sprechen und unsere Denk- und Empfindungsunfähigkeit zu entschuldigen mit einem angeblichen Grundwiderspruch: Ob es uns nicht ebenso bequem wie verzweifelt und traurig erscheine, wie viele unserer früheren Freunde den Beginn des Werks des Kümmerns verschöben oder seine Notwendigkeit nie begriffen, aus einer ihnen eingeredeten Verachtung für das Materielle heraus, das ja eben aus einer Schale für die Minze und dem Geruch einer Pfeffermühle und einer Decke aus Islandwolle bestehe, und ob nicht das angebliche Gelöstwerdenmüssen eines Grundwiderspruchs nicht die beste Waffe eben des Kapitals geworden sei in seinem Bemühen, uns fernzuhalten von der Welt und uns zu seinem Dienste sich zu erziehen. Der Garten gedeihe nicht von selbst, heute nicht und nicht erst in einer fernen Zukunft, wenn nur ein sogenannter Systemwechsel erst vollzogen sein, der Garten sei vielmehr jeden Tag das Werk, und der Planet sei der Garten, und alle Versuche, ihn, also Georg, abzulenken von diesem Werk und dem Zusammensein zum Beispiel mit der Ylva und mir in diesem Garten an einem solchen Abend, komme ihm zunehmend abwegig und überspannt vor. Viele Jahre ist dieses sonderbar explizite Gespräch nun schon her, in dem gewissermaßen niedergelegt wurde, was seither und vorher schon galt, aber sonst nie besprochen wurde, in Georgs Garten. Ich machte meinen Schritt zu Ende zwischen den kühlen Eiben und stand still: Ein sonnenheller Streif lag auf dem Weg. Ich schloß die Augen, und musste tief und schmerzhaft einatmen in zwei stockenden zitternden Zügen: Wo Ylvi wohl war in diesem Moment? In einem thüringer Kornfeld mit einem Bündel Ähren für ein Photo, oder mit einem zenbuddhistischen Buch in einer Wanne über der Südkalifornischen Steilküste, oder in den Marschen. Ich öffnete die Augen, nahm mein Telefon zur Hand. Die letzte Nachricht von Ylvi war vier Monate alt. Schreib wieder, sagte ich zu den Eiben. Ich darf es nicht tun. Ausgerechnet von der transparenten und immer wie entrückten Ylvi hatten wir beide, Georg wie ich, diese radikale Diesseitigkeit gelernt, diesen Verzicht auf Ausflüchte und Ideen von Allmacht, und sie selbst hatte sie, soweit wir erfahren konnten, von ihrer Großmutter übernommen, wie die geflochtenen Haare und die unerklärliche Zutraulichkeit der Kohlmeisen. Das Fortlaufen der unerbittlichsten Auswahl unter ihnen, wie unter allem Lebendigen, überall, auch in diesem Garten, nimmt sie grimmig hin, und auch der Menschenstolz, mit dem sie ihr begegnet, das trotzige Trotzdem-Kümmern, ist mir an ihr immer als ein in ihrer heidnischen Ikonographie verborgenes heimliches Christentum erschienen. Georg hat mir oft beschrieben, wie sie der Saison um Saison in seinem Garten sich langsam vollziehenden allergrößten Grusamkeit nachgespürt haben, lauschend, die Spuren von Tod und Überlebenskampf verfolgend; den Krieg der Elstern gegen die Eichhörnchen und die tote Kohlmeise in einem der Tröge, die vielleicht, so Georg, ein Hölderlin unter den Meisen gewesen ist und zugrunde gegangen an einer Einrichtung der Welt, in der kein Platz gewesen ist für eine wie sie. Er setzte eine Flasche aus Frankreich importierten Cidre neben seinen aus dem Keller geborgten Kristallkelch auf den Waschbeton, um ein Kehrblech holen zu gehen für die Kohlmeise, damals, und ein kalter Tropfen Kondenswasser machte sich auf den Weg, sammelte Gleichgesinnte ein auf seiner Spur zur Erde hin, netzte einen Kiesel, der seinen Platz gefunden hatte im Zement seit vielen Jahren, und kühlte die Beinchen einer Sammetmilbe.

Link | 8. August 2021, 15 Uhr 40 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Er ist wieder da und besser denn je! Ich wolllte ursprünglich diesen Song von Shrin David anhören, aber vorher nochmal schauen, ob sich in den Vigilien was getan hat. Es hat. Der Song passt jetzt nicht mehr, aber das hat mich noch nie gestört.

Kommentar by Simon Deichsel | 22:46