Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Herbst 2006: Die Kälte kriecht die Mauern hoch, Kohle habe ich keine gekauft dieses Jahr. Es wird verfeuert, was noch da ist. Wenn das letzte Bruchbrickett durch den Schornstein ist, muß hier Schluß sein. Über der Stadt hängt endlich wieder der winterliche Betonsarkophag; auch mein Nachbar ist rechtzeitig zu seiner strukturlosen, rund um die Uhr klingklongenden Alptraumklaviermusik zurückgekehrt. (Eine Zeit lang war er kaum zu Hause, das hatte wohl mit einer Frau zu tun.)

Dazu seelische Leichenstarre: Zwischen 12 und 14 Stunden programmiere ich täglich, während ich auf ein Zeugnis warte, um nicht untätig zu sein, fanatisch, damit die Arbeit nicht umsonst sei. Wochendenen finden nicht statt. Ein Unterfangen auf eigene Faust: Keine Finanzierung und kein Auftraggeber.

(Aktuell ist die Alptraummusik in eine Phase vollkommener Infantitlität getreten, das Klavier schlägt möglichst lange möglichst unregelmäßig einen einzigen hohen Ton an, um dann, als es nicht mehr auszuhalten ist, einen debil grinsenden Manson-Messias hinterherzuschicken: einen üblen Halbton höher geht es weiter mit der Anschlagerei; es ist schon wieder so mutwillig.)

Daß drastischer Mangel an eigenem Einkommen, gerade in Verbindung mit grauer Arbeit, tatsächlich tötet, daran kann kein Zweifel sein. Geld kauft sich Wahrnehmung: Ein Gewitter auf dem Land. Wind in Brandenburg. Housewarming in Düsseldorf. Heimat 2. Bücher und Musik und Schauspiel und Essen für Menschen.

Und so viel ist klargeworden über die Steppenwölfische Idiotie™: Es ist zwar kein unüberwindliches Problem, ohne die Frauen zu leben; die Zähne zusammenzubeißen, das geht. Unerträglich ist, obwohl man das so wollte, daß sie weitermachen können. Nicht daß es ihnen gut geht; der Beweis der Beliebigkeit der eigenen Existenz in ihren Existenzen ist aber doch eine unflätige Grausamkeit. (Und dabei geht es nicht um die Luxusprobleme der Eitelkeit, eher um die unerträgliche Tatsache der Nichtigkeit allen Aufeinanderangewiesenseins.)

Es sind die letzten Wochen in diesem Zustand. Das Zeugnis ist unterwegs. Dann wird gewürfelt.

[dead flag blues]

Link | 30. Oktober 2006, 15 Uhr 04


Da wir grade dabei sind: Kaufen Sie diese Fernseher. Das ist atemberaubend. Und ich will bitte das nächste mal dabei sein, wenn jemand eine so fantastische, unverantwortlich teure und wunderschöne Schweinerei veranstaltet.

[Es war auf „Das Vierte“ oder so einem Nichtsender. Und ich dachte: Heilige Scheiße. Sie haben einen vollkommen unterschätzten 60er-Jahre-Kunstfilm in die Klauen bekommen und ahnen nicht, was sie da ausstrahlen. Das wäre natürlich noch besser gewesen, aber auch so: Fantastisch.]

Link | 29. Oktober 2006, 22 Uhr 59 | Kommentare (2)


Und ich sage: Es wird ohnehin zu viel geredet. Taten! Verdammtnochmal.

[Was mich am Reden immer besonders aufbringt: Es kommt immer einer und sagt „Nö, so nicht“ und man kann nichts, aber absolut nichts dagegen tun, daß der denkt, er hat Recht. Man kann bloß wieder antworten, und dann geht ein gewaltiges Gequatsche los und am Ende weiß keiner mehr, wo die Grenze ist zwischen Blödsinn und Vernunft. (Manche bestreiten auch rundheraus ihre Existenz und wenn man das Wort „Blösinn“ nur sagt, sagen Sie: Seht ihr! Er nimmt also seine Gegner nicht ernst!) Bah. Wie ich die ungeerdeten Vernünfteleien satt habe.]

Link | 29. Oktober 2006, 14 Uhr 11 | Kommentare (1)


Vor zwei Dingen jedenfalls darf man sich nie fürchten: Trash und Liebe.

Link | 26. Oktober 2006, 23 Uhr 12 | Kommentare (1)


Kultur & Gespenster

[Sag mir doch einer was!]

Link | 25. Oktober 2006, 13 Uhr 56


Stalker habe ich vor einigen Wochen zum ersten mal gesehen. Seit heute habe ich eine Version hier. Selbstverständlich werde ich diesem Film verfallen oder bin es schon. Nicht dem, was gesprochen wird, den Bildern. Und dem Ton. Vor allem dem Ton. Ich glaube, ich habe großartigeres überhaupt nie auf einer Tonspur erlebt.

Reinheit. Der sorgfältige Umgang mit jedem Zoll Realität; das Tempo. Reichtum, Drohung.

Link | 24. Oktober 2006, 16 Uhr 29 | Kommentare (2)


Und das ist ja in diesem Zusammenhang schon eine interessante Frage: Ob wir den wahrgenommenen Mangel an Joseph Conrad in unseren Leben selbst zu verantworten haben oder ob wir durch die Umstände doch entschuldigt sind -?

[Es könnten ja einmal die Umstände sein!]

Link | 23. Oktober 2006, 1 Uhr 45


– Ey wat machstn du’n hier? rief der eine junge Typ freudig überrascht; – Weesick selba nich, äh, Döna fressn glaubick! antwortete der andere schon über die Schulter am Arm einer resoluten Sechzehnjährigen, die ihn zur Treppe zog und ihm den Plausch nicht gestatten wollte. Warschauer Straße, großer Samstagabendumsteigebetrieb.

Ich hatte es mit einer für Oktober sehr lauen Nacht zu tun, das Blickefangen war außerordentlich leicht. All diese unglaublich schönen Menschen waren unterwegs, ich konnte mir nicht vorstellen wohin. Überhaupt konnte ich mir nicht vorstellen: Wo schliefen die? Wo kam so viel Schönheit und Kraft unter? Warum brach das nur samstagabends frei, welche Wände hielten das alles während der faden Tage?

In der U-Bahn saß einer und zeichnete, die andern versuchten ihm zuzuschauen, er war aber gewitzt und saß günstig. (So fanden wir nicht heraus, ob er zeichnen konnte.) Eher zufällig las ich während der langen Fahrten „Fabian“ von Kästner, es war sonst nichts im Haus gewesen, aber natürlich machte es Spaß, durch diese Stadt zu fahren mit der Lektüre. Im Südosten ist zur Zeit überall Ersatzverkehr, alle naselang muß man durch einen überdimensionierten Bahnhof und den Bus suchen, speckig und verklebt und sinnlos groß ist alles, aber im Glas der kleinen Bude hängt die Pappe „Suche Floristin“, und so geht das halt.

In all der nächtlichen Bewegung und Jugend und Gloria ist das beherrschende Thema aber Schlaf: Alles passiert noch immer unter Glocke, noch ist der Ort nicht wieder aufgewacht, trotz allem nicht, es geht um nichts, das ist es, man gewinnt nicht, man verliert nicht, man hungert nicht, nur irgendjemand baut überall leere Sandsteinfassaden und Bahnhöfe, damit wir merken, daß Zeit vergeht. (Ein Erwachen kann man sich tatsächlich nur als Explosion denken, wenn überhaupt.)

[Parties immerhin, Stahlbäder der Eitelkeit. Der eine Typ erklärt der armen L., daß er in Cambridge gewesen sei und fließend Französisch spreche („fließend“ sagt er), daß man die Geschichten des anderen Typen über Franzosen, die sich in WGs schlecht benommen haben, aber nicht generalisieren dürfe. Ich schäme mich. Eine Stunde später erzähle ich trotzdem unkontrolliert von mir selbst, verdammter Muskat; wenn ich noch etwas vorhabe in diesem Leben, dann das zu lernen: Wie man auf Parties trinkt und plaudert ohne Selbstgefälligkeitskater tags darauf — man sollte ein zweites Leben erfinden, eines, das noch schlechter zu verkaufen ist.]

[In meiner süddeutschen Heimatstadt mache ich längst das Gegenteil, ich lüge den alten Gefährten die Hucke voll, Geschichten mit weißen Anzügen und Ebenholzknäufen die niemand glaubt, ich rolle die Augen und sage: Du ahnst nicht, was hinter den Kulissen der Hauptstadt… alles, alles, um der Ödnis wechselseitiger Lebenswegevaluation zu entgehen, ohne mich dem Kontakt mit Leuten entziehen zu müssen, die ich eigentlich mag — schwierig, aber inzwischen lustig -]

Link | 23. Oktober 2006, 1 Uhr 00


Wie üblich versöhnt mich das Ende mit dem Roman (Alles was du brauchst, Kennedy). Auch muß man sehr achtgeben, daß man nie ungerecht ist mit den Unarroganten, und Frau Kennedy gehört dazu.

Ich verstehe, was sie da macht, und es ist redlich und gut. An vieles gewöhne ich mich nicht und eine Menge vermisse ich schmerzlich, aber das sind idiosynkratische Abneigungen und Vorlieben. Wenn ich eine Besprechung machen müsste, würde ich unbedingt betonen, daß ich nicht der Richtige bin für ein Urteil.

Link | 17. Oktober 2006, 15 Uhr 01


Schwäche.

Link | 17. Oktober 2006, 14 Uhr 53


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