Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

und jetzt natürlich: Die Krise, unsere willkommenste Entschuldigung; die Wirklichkeit der Nullerjahre ist intakt. Sie unterscheidet sich von anderen Wirklichkeiten dadurch, daß sie ungefügig ist, aus Tatsachen besteht, mit denen es klarzukommen gilt — Globalisierung, Klimakatastrophe, Abstieg, Praktika, diese Perlen auf der Angstschnur laufen hektisch durch die schweißigen Denkfinger, heiligemuttergottesvolldergnaden, ützeunstodhagelschlag. Da ist also angeblich Krise, da würde man denken: Das fällt jetzt in sich zusammen, dieses Wirklichkeitsgefüge, diese Drohkulisse, in langsamen Scherben gleiten die zerschmetterten Wahrnehmungspanzer aus unseren Blickfeldern, und auf tauchen Städte und Menschen und Klaviere und Eichhörnchen und Bierlager und Theater und kristallene Messerbänkchen und Meißel und Steine und dreckige Laken, aber nichts, nichts dergleichen: Mehr Anstrengung! Es ist Krise, der Druck steigt! streck dich weiter! — von wegen Krise.

Link | 30. Juni 2009, 22 Uhr 46


und dann tauchten die Communities auf — und ich hatte sofort den Verdacht: Der Seid-Zusammen-Imperativ, der darin war, würde die ganze Leere dieser gemeinsamseligen Schulhoftrinkereien zu mir zurückbringen (dabei sein oder nicht dabeisein, was wäre schlimmer?) Die Zeit der schönen Einzelgänger musste vorbei sein, jetzt kämen die Gruppen zurück, mit ihrem Zusammengehörigkeitsterror (der die stille Erregung der Verbundenheit der letzten Jahre ablösen würde), mit ihren Ritualen und befestigten Sprachen und gefälschten Gemeinsamkeiten durch Proklamation. Der klassische Sympathietrojaner: Wer wäre gegen Gemeinschaftlichkeit, hast du was gegen uns, und warum schlechte Laune? Seid zusammen, seid zusammen, seid immer zusammen, und auch dein moderner Lebenszustand, Städter, der du die Nachbarn nicht kennst, sei aufgehoben in unserer Allumarmung. (Und alle, die da allumarmen, sind Singles, sogar in sogenannten Beziehungen sind sie strukturelle Singles: Anhänger des Nichtverbindlichen, der darwinistischen Kategoriefehler-Ausrede vom Bedürfnis, das ist Konsens, das Modell von Bedürfnissen, die erst einmal da seien, und dann zu befriedigen.)

Und die Cioran-Leser machen ernst und stürzen sich mit 24 vom Dach. Verdammtnochmal.

So dampft also voran, Piraten und venturekapitalbefeuerte Kommunisten, natürlich seid ihr die Guten (ehrlich, ich zweifle nicht an eurem Modell der negativen Freiheit), und die Kräfte der Geschichte seid ihr zudem, dampft voran in eure entfleischte Zukunft, diesen unausweichlichen Zustand des ewigen ungehinderten Beteiligtseins an gar nichts, und Glück auf, ihr Datengruben-Kumpels, die ihr das Gold der Gemeinsamkeiten schürft, um Ringe zu schmieden zum Ausdruck einer heiligen Verbindung, die nur durch Unfollowen zu lösen ist. Nur, verzeiht mir, in meinem Kopf ist eine Stimme und sie rät mir, nie einem Hippie zu trauen —

[es liegt ein Grauschleier über der Stadt]

Link | 28. Juni 2009, 15 Uhr 42 | Kommentare (1)


wie ich erschrak, als ich in einem schon etwas älteren Buch glaubte, ein Deppenleerzeichen entdeckt zu haben, als sei mir meine letzte Zuflucht genommen, als begänne auch hier schon die schön verbundene Wirklichkeit auseinanderzufallen in für Suchmaschinen und glasig starrende Dummköpfe leicht aufzunehmende Fragmente; aber ich irrte mich, alles war gut: Es war kein Bonbon Papier, es war ein Bogen Papier, der da im Papierkorb knisterte.

Link | 27. Juni 2009, 10 Uhr 47 | Kommentare (1)


die ersten Zombies, die ersten echten Zombies

[auch: Zu niemandem mehr sprechen (und zu Gewohnheiten), und wie plötzlich niemand mehr denkt und alle nur plappern, wer hat euch erlaubt zu plappern, wann habt ihr aufgegeben, und kommt da niemand nach, was ist los mit euch, dachtet ihr das würde ein Spaziergang?]

Link | 26. Juni 2009, 23 Uhr 50


Nach einigem Herumfragen wurde dies geforwardet, mit harten Umbrüchen und drei Ebenen: >>>-Quotezacken.

Herumhängen an der Schaubühne: Wir haben genug von der Gegenkultur Ostberlins, deren Beziehung zur Mainstreamkultur, die sie abzulehnen vorgibt, uns zu symbiotisch ist. Wir glauben nicht daran, daß alles, was schlecht ist, in dauernder Bezugnahme zu bekämpfen ist, denn wir wissen, daß alles, was schlecht ist, diesen Bezug antizipiert und in sich hineinschluckt. Das Hase-und-Igel-Spiel langweilt uns zu Tode. Wir sind kein Teil der kulturell-gegenkulturellen Jagd auf das nächstironischere Zeichen: Wir sitzen lieber im Foyer eines westberliner Theaters und warten darauf, daß etwas Interessantes passiert. Wir nennen das „Herumhängen“, weil das nach peinlich bemühter Jugendsprache klingt.

Wir hängen an der Schaubühne herum, weil jemand sitzenbleiben muß, wenn alle rennen, um sich rechtzeitig in die richtige Distanz zu bringen. Man erkennt uns daran, daß wir da sitzen, auch während der Veranstaltungen. Nicht immer, manchmal gehen wir auch zuschauen, aber man kann nicht jeden Tag Iphigenie ertragen. Weine nicht, du hast nicht Schuld.

Es ist durchaus möglich, daß wir nur an der Schaubühne sitzen, weil die Frauen dort interessanter sind als anderswo (oder die Männer, jedenfalls die Menschen in ihrer geschlechtlichen Dimension, nicht wahr). Es ist auch möglich, daß wir da sitzen, weil der Kurfürstendamm im Regen unendlich viel interessanter ist als Facebook. Und weniger wütend macht.

Wir glauben, daß der Müßiggang besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Wir reden über Medea, von der wir fast nichts wissen, um nicht über Musik zu reden, über Bands, die es ganz alleine geschafft haben, ohne Plattenfirma! bloß im Netz! Wir schimpfen auf Iphigenie, um nicht auf das Indie-Biedermeier schimpfen zu müssen, das doch unser Rückzugsraum sein sollte. Wir ertragen die Skinny-Hipster nicht mehr, diese Jungs in engen Hosen und spitzen Schuhen, wir wollen auch keine Mädchen mit riesigen Sonnenbrillen mehr sehen. Wir sind ausgebombt, und im Cafe der Schaubühne riecht es nach Kohlsuppe. Wir sehen irgendwie aus. Wir taugen eigentlich nicht zur Identifikation. Wir halten Monologe, die strenggenommen ganz schön thomasbernhardesk sind. Wer ‚Kunst‘ sagt, kriegt eins aufs Maul.

Aber wirklich: Vielleicht warten wir nur darauf, daß jemand hereinkommt, ins Foyer der Schaubühne, fantastisch aussieht und uns mit nach Hause nimmt. Vielleicht passiert es dauernd. Wir finden, daß wir das zugeben können. Manche von uns rauchen, andere haben Kopfweh. Wir denken eigentlich nicht, daß wir zu alt für irgendwas sind, oder zu jung. Wir denken lediglich, daß wir ein beschissenes Jahrzehnt hinter uns haben, in dem wir alle viel zu fleißig und viel zu zaghaft waren.

Wir sitzen da, umgeben vom Pathos der Freundschaft und mit sonderbar sepiafarbenen Heiligenscheinen, und starren auf die trübe Leuchtreklame der Bowlingbahn gegenüber. In keinem Fall sind wir geschäftig. Wer geschäftig ist, hat immer eine Ausrede. Wir haben keine Ausrede, wir lassen es geschehen.

Und jetzt kommt Dir der Verdacht, daß sich das lohnen würde bei uns, daß das irgendwie gut ist oder vorn, dieses Herumsitzen an der Schaubühne, und Du willst dazugehören. Man kann aber keinen Mitgliedsantrag ausfüllen, und modische Zeichen, um sich an uns heranzuschleimen, haben wir auch nicht zur Verfügung gestellt. Nun, das ist ein hartes Brot.
Die Lösung wird sein, Dich ins Cafe der Schaubühne zu setzen. Bring Zeit mit, sei aufmerksam. Bring etwas zu lesen mir. Wir kommen und gehen, wir treffen uns, wir werden geküsst, wir gehen die Stufen zum Klo hinab, wir drehen uns um, wenn jemand hereinkommt. Du wirst warten müssen. Du wirst lange warten müssen, warten, daß endlich was passiert.

Link | 23. Juni 2009, 22 Uhr 17 | Kommentare (3)


der Badewannenrand im Blick der Fremden: Voll regloser, friedlicher Gegenstände. Vermutlich gibt es diese Fremden noch, die die Gegenstände so wahrnähmen: überraschend reglos und friedlich. Die Fremden sind aufmerksam und langsam, ihr Wohlwollen und ihre Begeisterungsfähigkeit überschneiden sich (die Fremden sind jung). / Frühstück / Abwarten, Aufregung: die Gegenstände im Badezimmer, reglos, fremd —

Link | 15. Juni 2009, 8 Uhr 24


ja, natürlich: an einem warmen Abend eine Laterne am Ende des Bahnsteigs

Link | 8. Juni 2009, 0 Uhr 53


Vorausgesetzt, es gibt den Kitsch, natürlich.

Link | 1. Juni 2009, 1 Uhr 47


und mancher, sagt sie, wird nie geliebt
und das ist doch, darauf er, sehr ungerecht, und lässt sich allein durch Sozialismus nicht ändern

und sie wieder: aber da, da gibts keine Lösung… nur, die christliche Religion verspricht diese Lösung (legt die Hand an ihre Wange) – da werden dann alle geliebt. Aber… mmmmmm, schwiiiierig.

(Rois/Kluge — dctp.tv)

Link | 1. Juni 2009, 0 Uhr 37


Neben der Postmoderne, die sozusagen den Clown machte, saß die ganze Zeit auf einem niederen Schemel im Schatten des Vorhangs, bockig der Mythos.

Das ist einfach nicht aufgelöst, was werden soll, aus dem verschütteten Gefühlsmaterial, niemand hat je den Kitsch raussortiert und runtergebracht; ich sage Ihnen, das muß der Grund sein, warum in einem schwäbischen Schulbus der achtziger Jahre, einem abwegigen Ort, sich zwei Bauernburschen mit weißen Schnürbändern von einem Keller erzählen mussten, in dem man dann auch mal die Hand heben durfte.

Link | 1. Juni 2009, 0 Uhr 25