Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Auf der Brücke traf ich sie wieder, die wilde, große Einsamkeit: Ein vertrauter Wind griff meinen Schal und machte mit ihm, was er auch mit dem Rauch aus dem Schornstein des fernen Heizkraftwerks machte: Zog ihn zurück über die Gleise, und auseinander, und flach über die Stadt.

Ich strahlte, strahlte die Leute mit Rollkoffern und britischem Englisch und Wiener Deutsch an, die mir entgegenkamen; da war ich wieder, unerkannt, unter Fremden, auf der Brücke, ich konnte umkehren oder weitergehen, nach Kreuzberg und was danach kommt — jedenfalls Menschen in Türmen, Menschen in Türmen unter den Rauchfahnen der Heizkraftwerke und dem steingrauen Himmel Osteuropas.

Zwei Schritte zur Seite und hinaus aus der unverbrüchlichen Betriebsamkeit der Brücke standen kalte Fahrzeuge zwischen der Fassade des letzten Wohnblocks und der Mauer zu den Gleisen hin. Hier sollte ich nicht sein, hier hatte ich nichts zu suchen, hier gab es nichts zu tun und nichts zu nützen, hier wohnte man in billigen Neubauwohnungen oder war woanders. Ich war da, weil ich zu Fuß ging, an der Bahn entlang immer ungefähr auf das riesige Hellweg-Schild über den Ruinen zu.

Das irrationale Element, das mich hergebracht hatte, auf die Brache zwischen Reste von Eisenbahn-Betriebsgebäuden und Parkplätze und zerschlagene Gehsteigplatten, war eine minimale ästhetische Regung: Es genügt, zur Miete zu wohnen und die Fenstergriffe, die der Vermieter eingebaut hat, für scheußlich zu halten. Entweder man besitzt seine Immobilie und wählt die Fensterbeschläge beim Kauf der Fenster selbst, oder man mietet und nimmt hin. Wer mietet und trotzdem Fenstergriffe kaufen will, verlässt das Reich des rationalen Konsums und endet so folgerichtig wie freiwillig in den toten Zonen.

Verfall ist nur ein leichtes Nachlassen unserer Aufmerksamkeit, kleine Freiheiten der Welt, wenn wir nicht hinsehen, oder für einen Moment die Hysterie nicht aufrecht erhalten können.

Ein Außenposten der anderen Seite, wo wieder Stadt ist: Eine Aldi-Blase, begrenzt durch die großzügige Willkür der Parkplatzeinfriedung. Dahinter: Schutt und eine Ruine, stählerne Treppen und Scherben.

Die Rückseite des stillgelegten Heizwerks, die Feuerwache im Halbdunkel, Laub auf den Gehsteigen, Zufahrten und Rampen, längst durchlässige Absperrungen mit rotweißen Bändern in Fetzen, Bäume ohne Zukunft und Fahrzeuge mit Werbung, die Auskunft über die Leben ihrer Besitzer geben. Ein Essen-Auf-Rädern-Auto stand dort, das mir einige Tage zuvor viel weiter im Norden aufgefallen war. Dann das groteske Portal des Verlagshauses des Neuen Deutschland. Wind, steinerne Wolken, Halbdunkel, leere Stadt voller Menschen.

Schließlich der charakteristisch jähe Übergang zwischen Zone und junk space — eine „Möbel-Oase“, ein Baumarkt. Dazwischen, eingefasst von drei fensterlosen Hallenwänden, im Licht mehrerer Halogenstrahler: Ein Beach-Volleyball-Feld mit blutenden Farben, die schwarzen Feldbegrenzungsstreifen flatterten im Wind, wo sie nicht im Sand festlagen.

Bei Hellweg: Weihnachten. Blaue LED-Sterne über dem Eingang, leuchtende Weihnachtsmänner in den Fenstern. Überraschend die Wärme im Innern, das Licht, eine freundliche alte Berlinerin am Informationsstand, ein junges Paar mit Spanplatten und Farbe. Schöne Fenstergriffe gab es selbstverständlich nicht. Ich schlenderte durch die Gartenabteilung: Palmen, Übertöpfe in allen Farben, kleine Igel aus Ton und Zimmerbrunnen mit LED-Beleuchtung. Leise summten die überlasteten Generatoren für das Baumarkt-Illusionsfeld.

Erst der Ostbahnhof war wieder stabile Realität, ein flackernder Vorraum, einige Stufen, die niemand so geplant hätte, und ich war zurück in der Stadt. Dem Hellweg räume ich an diesem Standort keine langfristigen Chancen ein. Zu nahe am Abgrund.

Link | 15. November 2008, 21 Uhr 09 | Kommentare (2)


2 Kommentare


Ja, das war mal eine ganz verwunschene Ecke. Bei Hellweg war einst der Wriezener Bahnhof und wo das ND steht der Alte Ostbahnhof der Ostbahn, der aber schon 1882 mit der Einweihung der Stadtbahn geschlossen wurde.

Zum Glück sieht man der Metro an, daß sie dort nur steht, bis bessere Zeiten anbrechen und man hoffentlich einen sinnvollen Plan für das Gelände findet.

Comment by stralau | 18:20




neulich in einem von mir regelmäßig besuchten discounter: wachskerzen mit unten eingebauter farbwechsler- LED.

Comment by fabe | 22:31