Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ich breche auf, als es schon zu dunkeln beginnt: Die Theaterferien sind zu Ende, das Café der Schaubühne hat wieder geöffnet. Ich mache mich auf zu einer Erprobung. Ich notiere: Die Ästhetik der Lampen in McDonalds-Filialen und in den Lampenabteilungen der Baumärkte ist jederzeit identisch: Die verwaschene, fettige Grenze dessen, was als frisch und modern gilt. Ich notiere: Seinen Pflichten (als Rezensent beispielsweise) nicht nachzukommen —

Ich fahre S-Bahn, über den Dächern dräut es. Die Stadt, die wie ein einziges, schlecht gemachtes Set aussieht: Der Mann, der im Tunnel tatsächlich einen Münzfernsprecher benutzt, meine Drehung, mein auffällig zielloses Zögern, als es zu regnen beginnt, genau in dem Moment, als ich den Zug verlasse; daß alle anderen Regenschirme dabei zu haben scheinen; es ist alles nicht besonders glaubwürdig.

Die Schaubühne: Der leichte Regen rechtfertigt meine Anwesenheit. Sonst wäre es schwer, hier zu sitzen. Es wird wohl nicht gespielt heute, ich bin allein. Das Licht ist etwas unbequem, es ist alles weniger gemütlich, als ich das in Erinnerung habe. Ich frage mich, wie oft ich hier sein könnte, ohne gefragt zu werden, was ich da eigentlich will — leider gibt es Radio, Radio 1 vermutlich, das ist ein Nachteil. Das Überdrehtheitsgebot, das im Radio herrscht, passt schlecht zu meinen Absichten.

Eine nicht ganz junge Westberlinerin, die auch ein bisschen reden will mit dem Mädchen am Tresen, verlangt ein Glas Weißwein und bestellt dann, nach kurzer Besinnung, eine halbe Portion Nudelsalat: Jetzt sind wir zu zweit in dem halbrunden Raum. Es gibt noch keine Fische im Aquarium, die Fische sind zum Ende der letzten Spielzeit ausgezogem. Ich glaube, sie waren nicht essbar. Ich versuche zu lesen, aber das erbärmliche Radio 1-Gequatsche — das erste Berliner DDR-Motorradmuseum ist eröffnet — lässt mir kaum eine Chance.

Ab und zu gibt es mysteriöse, weitgehend unverständliche Durchsagen aus den Tiefen des Theaters. Vielleicht wird doch gespielt. Oder das Theater spricht mit sich selbst, die Hallen monologisieren. Es riecht nach Essen, ein billiger Geruch von Tomatensuppe füllt die Stille. Geschichten, die ich erzählen könnte, falls das Mädchen an der Theke doch wissen wollen sollte, ob ich gefährlich bin: Eine Wette, oder: Ein Spiel. Oder: Ich warte auf jemanden. Das stimmt ironischerweise, in einem durchaus konkreten Sinn, die Person hat einen Namen und ich würde sie erkennen — ich weiß nur sonst nichts über sie, und daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kommt, oder doch kaum jetzt, macht die Sache nicht uninteressanter.

Die alte Westberlinerin bekommt den Auftrag, den Tresen im Augen zu behalten, — ‚ich pass auf!‘ — während das Mädchen kurz verschwindet. Außer der Alten und mir ist niemand im Raum. Die Autorität ist abwesend. Ich stehe unter Beobachtung und halte den Blick gesenkt. Ich sehe, glaube ich, seriös aus.

Durchsage: Jemand (unverständlich) wird zum Saal A gerufen, zur Absicherung des Speerwurfs.

Die Alte ruft dem Tresenmädchen zu: ‚Nu war eene Durchsage!‘

Offenbar wird doch Theater gespielt, hinter den Glaswänden und der abgedunkelten Stille, aus der langsam die Sommerwärme herauskühlt. Ich beschließe, aufzubrechen, bevor die Pause beginnt. Westberlin. Es ist kühl, aber wieder trocken. Schaufenster: leere, brütende Lichtkammern. Zwielicht auf den Nebenstraßen, ein Jaguar. Ein Restaurant, warm und hell, voller Menschen, indische Kellner tragen Tabletts über ihre Köpfen hin, Gewürzduft kurz. — die Leute in Charlottenburg leben behütete, einfache Leben, nichts wird ihnen zustoßen (ich kann mich an dieses Gefühl erinnern). Wieder Stille, erste Blätter auf dem Gehsteig. Das wärmende westberliner Zwielicht. Zwei Abiturienten stürmen die Bahnhofstreppe hinunter, die ganze Treppe in fünf Riesensprüngen, das machen die beiden so, das haben sie lange miteinander geübt. Am Bahnsteig: Geruch von Pilzen, nach dem Regen.

Das Geräusch der Elektromotoren, die sich gleichenden Bahnhöfe der Stadtbahn. Draußen, an einem verlassenen S-Bahnsteig, sich zu Hause fühlen, oder: wie sich alles in Gold verwandelt, wenn man ohne Wollen schaut. (Deswegen trauen wir den Immer-Bemühten nicht: weil sie das Gold nicht sehen können. Sie würden bedenkenlos zerstören, weil sie nicht wissen.)

Eine mehrere Stunden alte Kurznachricht lädt mich zum Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin. In der Villa am Wannsee soll ich im Vorraum mit dem Flügel nach rechts gehen, den Gang zur Küche hin nehmen, dann die Treppe im Seitenflügel hinaufsteigen und in der zweiten Etage Zimmer 7 suchen. Ich betrete das Gelände, auf dem Menschen stehen und sich unterhalten, betrete das Haus mit größter Selbstverständlichkeit, finde Zimmer 7, klopfe, werde willkommen geheißen. Ich habe Hunger. Vor dem Haus werden noch Nudeln verkauft. Der Tomatensoßengeruch aus dem Foyer der Schaubühne hat mich wieder, jetzt esse ich, es ist gar nichts einzuwenden gegen die Tomatensoße.

Die Sommerfestnacht am LCB: Es ist zu kalt und windig, um am Ufer zu trinken, es wird also getanzt. Die Musik ist schrecklich-schön und von allen Bedenken befreit. Natürlich ‚Haus am See‘, natürlich ‚Beat it‘, natürlich ‚Smells like teen spirit‘, natürlich ‚Killing in the name of‘. Das Berliner Feuilleton und der Betrieb tanzen wild zu ‚Killing in the name of‘. Burkhard Spinnen ist ein strenger, aber gütiger Vater, und tanzt auch. ‚Insomnia‘, die 8:39 lange Version: Diese langsam freigeschälten arschgeilen endkitischigen Keyboardkaskaden meiner Abizeit hatte ich vergessen, da sind sie wieder, auf dem Parkett einer Wannseevilla. Grauhaarige Verlagsdamen tanzen zu ‚Insomnia‘, und es rutscht ihnen unversehens immer wieder ein wenig Tango in die Bewegungen. Eine Autorin möglicherweise russischer Herkunft, die auf Deutsch schreibt, schon in Klagenfurt gelesen hat und ein weißes Kleid mit Buchstaben drauf trägt, ist von der seltenen Sorte der Flummitänzerinnen: Sie hüpft seitlich ins Blickfeld hinein und wieder hinaus, kurz ist sie weg, dann bounced sie wieder auf ziemlich hübschen Korksohlen im Krebsgang vorbei. Besonders lustig ist, daß sie aus der Nähe dann haargenau wie eine dreissig Jahre jüngere Version von Sigrid Löffler aussieht. Ein Germanist aus Wien setzt sich hier und da dazu und versucht seine Belesenheit zu verbergen, scheitert aber. Eine Germanistin aus Franken, die für eine große und bekannte Werbeagentur arbeitet, tanzt ziemlich lasziv. Viele Batteriesäure-Weißweine später erfahre ich, daß sie Christin ist und Feministin und überfordert mit der Aufgabe, sich unter diesen Bedingungen einzureden, daß es okay wäre, Werbung zu machen. Das sagt sie so nicht, die Gesellschaft und der Kapitalismus seien, sagt sie, daran schuld, daß sie als Frau immer als Objekt wahrgenommen werde, sagt sie, und wer diese Begriffe für zweifelhaft halte, gehöre wohl zur postmodernen Truppe. Ein dichter Panzer aus aggressiver Unsicherheit. F. wird indeß mehrfach von seiner Frau vor den Nachstellungen älterer Literaturdamen gerettet. Einer (dessen Namen ich nicht nenne) wuschelt einer anderen (deren Namen ich nicht vollständig kenne) durchs Haar und lässt heimliche Erkundigungen einziehen, ob sie nun lesbisch sei oder nicht. Die graue Eminenz des Hauses berichtet, daß sich an der Bar soeben eine verheiratete Frau mit Kindern einer Ex-Praktikantin an den Hals geworfen habe. Das, sagt die noch gar nicht so graue Eminenz des Hauses, sei wohl dieser Tanz auf dem Vulkan, schließlich sei Krise. Ich habe Zweifel. Das Fest endet in einer Viererrunde ‚Wahrheit oder Pflicht‘, ich leide gutmütig ein wenig, weil das offenbar, wie ‚Insomnia‘, nie aufhört, werde geschont und nehme immer Wahrheit. Dann frieren wir sehr, übermüdet, unter rosafarbenen Wolkenbändern auf den Bahnsteigen der Wannseebahn.

Als ich aufwache, lese ich Tom Kummers Text über die Facebookmorphose des Pop-Journalismus im Freitag.

[(unverständlich) wird in den Saal A gerufen zur Absicherung des Speerwurfs]

Link | 30. August 2009, 19 Uhr 16 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Danke mal wieder!

Comment by froschfilm | 15:04