Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Es ist jetzt also etabliert, daß der Ausdruck des Persönlichen vom Herrschaftssystem gewünscht ist, darum ist jede persönlich-subjektive Kunst eine eigentliche Staatskunst, die Kunst der herrschenden Ideologie also, und (mit der Ausweichbewegung des Subversiven) abzulehnen. Dieses unbequeme Argument lässt sich jedoch leicht gegen sich selbst wenden, denn tatsächlich ist genau diese Ausweichbewegung ja die treibende Kraft einer konstant das Subversive entübelnden und es sich einverleibenden Maschine (the great meat grinder) — das ist genau das Pendel, das das Uhrwerk ticken macht.

Und da das Mittel gegen die Unflat nicht die Erregung ist, der vernünftig vorgetragene Widerspruch, der sich nämlich sofort in Gegenunflat verwandelt, sondern einzig das Schweigen, wenn also jede Äußerung eine Abstimmung ist, unabhängig von ihrem Gehalt, dann gilt das auch für die Gegenrichtung: Die letzte Möglichkeit der Negation ist der Filter. Wie es keine Rolle spielt, ob Dein Argument vernünftig oder nur laut ist, denn ich werde mich nicht dazu äußern, ich beschweige es, so spielt es keine Rolle, ob Deine Kunst persönlich ist oder politisch: Ich ignoriere sie. Nun kann ich nicht leben ohne Input (nicht bin ich ohne Input, denn ich denke nicht) — wie kann ich also existieren als einer, der nicht spricht und nicht hört? Um sich zu entziehen? Und wie ist eine Organisation von Menschen denkbar, in der nicht gesprochen und nicht gehört wird — eine Organisation ist ja nötig, wir sind zu viele, um jeder für sich Möhren zu züchten.

Dazu gibt es die liberale Geschichte, daß der Kunst erlaubt sein muß, sich zum politischen Geschehen zu äußern, und daß das nicht möglich sei, wenn sie das nicht unmittelbar könne. Diese Geschichte ist falsch. Die Unmittelbarkeit einer Kunst hat mit der Aussagefähigkeit zum politischen Geschehen (und wir können auch sagen: zum Geschehen überhaupt) gar nichts zu tun, sie kann auch einfach so treffen, entweder zufällig, was in Ordnung ist, oder aus Gründen konkreter Anwendbarkeit einer irgendwie gearteten Allgemeingültigkeit. D.h. der Drang nach Unmittelbarkeit der Kunst zum Geschehen ist gar nicht dem vermeintlichen (liberalen) Zweck geschuldet, sondern einem heimlichen Nebenzweck: Er dient nur der Eitelkeit des Produzenten (die nichts mit seiner Fähigkeit zur Autorschaft und Kontrolle zu tun hat). Der Produzent will sagen können: Diese schlaue Sache zum Geschehen habe ich gesagt. Und so entsteht die ganze erbärmliche Referenzkunstscheiße, die wir sehen: Irgendein Gedanke, der irgendwie clever war und in der Luft lag, weil er sich auf irgendwas bezog, worauf man sich gerade beziehen konnte, aufgegriffen vom Produzenten, schnell in die Referenzkunstscheißfabrik hineingesteckt und von den Wichteln ausgetüftelt, und heraus kommt das sammelbare Stück Referenzkunstscheiße, immer schön genau ein gottserbärmlich öder Gedanke pro Stück.

Was ich also dagegen vorschlage, ist ein Tunnel. Der Tunnel ist der große Bullshitentwerter.

In den Tunnel geht die Produktion derer, die am Weiterdenken der Welt, und das heißt ihrer Verneinbarkeit, interessiert sind, hinein, wird anonymisiert und um n Jahre verzögert. Das andere Ende des Tunnels spuckt Kunst aus, hypefrei und ohne Großkünstler, wirklich fähig zur Negation, also gefährlich. Selbstverständlich funktioniert der Tunnel nur, wenn er von einer religiös organisierten Gefolgschaft ausschließlich benutzt wird.

Link | 16. November 2010, 21 Uhr 59 | Kommentare (1)


1 Kommentar


vor lauter ausweichen und einverleiben wird einem ja ganz schwindlig. interessante folgerungen, um nicht zu sagen – faszinierend.

Comment by queen of maybe | 16:16