Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

In unserer Ecke der Weblogwelt ist es derzeit ja eher ruhig. Deswegen mache ich mich gelegentlich auf, um woanders Seiten zu finden, auf denen man was lernen kann.

Jedesmal komme ich enttäuscht zurück von diesen Streifzügen durch die Blogrolls anderer Leute. Natürlich gibt es die Seiten an der Wahrnehmungsgrenze, von denen ich schon weiß: Die sind gut, die ich aber nicht regelmäßig lese. Das sind die Lichtblicke. Dann gibt es Seiten, die nett sind, aber unbedeutend, was nichts anderes heißt, als daß sich da Leute für andere Sachen interessieren. Dann die schlechterdings schlechten Seiten der Dummköpfe, Eitelköpfe, Wannabe-Literaten, Kids und Selbsthasser — die sind auf den ersten Blick zu erkennen und egal. Erschreckend viele Weblogs sind aber von dieser Sorte, vor der man eigentlich nur Angst haben kann. Schon ein paarmal habe ich mich deswegen hier aus dem Fenster gelehnt und Unverständnis geerntet, auch bei den großen Weisen des Geschäfts.

Also noch einmal der Versuch zu erklären, warum das alles so gruselig ist, und wieder ohne Zeiger auf jemand bestimmten.

Ich glaube, es geht um einen Jargon der Kälte. Nun bin ich sehr für’s Kühle, mag keine Sonne und blasse Haut viel lieber als braune, schätze es, wenn Menschen kontrolliert sind und erwachsen und zurückhaltend. Ich mag totalitäre Architektur, steife und klare Ästhetik jeder couleur; dabei war mir die Welt schon immer zu farbig und organisch, und am Winter freut mich die allgemeine Komplexitätsreduktion, weil das Laub weg ist, der Krach abnimmt und alles ein wenig ernsthafter wird.

Aber: Diese Kälte steht in einem… nun, dialektischen Verhältnis zu den Dingen, gegen die sie aufgestellt ist. Für sich allein wäre sie furchtbar, aber sie ist Schutz gegen zu viel Wärme, also Bewegung – dazu muß die Bewegung aber da sein. Soweit, so selbstverständlich.

Hinter dem Jargon der Kälte ist keine Bewegung und keine Wärme erkennbar, und das macht ihn so unheimlich. „Knutschen auf einem Schlafsofa“ ist eine sehr technische Beschreibung dessen, was da vorgegangen sein mag. (Fragen Sie sich: Würde ich so etwas schreiben?) „Gepflegt und züchtig fummeln“ macht Gänsehaut. (Frage: Was für einer müsste ich werden, um so etwas zu schreiben?)

Interessanterweise sind es fast immer Frauen, die diesen Jargon sprechen — der männliche Jargon der Kälte ist viel älter und wird höchstens noch als Provokation gebraucht.

Ziemlich sicher bin ich übrigens, daß da nicht fiese Ganzkörpereisklötze am anderen Ende der Leitung sitzen, sondern daß es bei diesem Jargon um Ironie und Distanz geht: Wenn schon Privates berichtet werden muß, dann wenigstens ohne innere Beteiligung und als Konstellation von Technologieproblemen und Sitcom; in diese Sorte abfälliger Formulierungen gesetzt, die für schnelle Lacher sorgen und die man schon länger aus den klassischen Vorlesetexten kennt. Natürlich entschuldigt das nichts, die Jargon-der-Kälte-Texte sind unwiderruflich so häufig wie scheußlich, und deswegen gelobe ich Besserung und les‘ wieder hier in der Ecke derer, die das nicht nötig haben.

Link | 27. Oktober 2005, 13 Uhr 58 | Kommentare (4)


4 Kommentare


ja, da bringen Sie was auf den punkt, was man zunehmend auch auf bedrucktem papier findet. die ersten debütantinnen schreiben jetzt so. gerade les ich ein buch, bzw. versuche es, das ist komplett in diesem niedlich-kalten duktus geschrieben, irgendwo zwischen kleinmädchenhafter harmlosigkeit und pophipper coolness. leider macht es mich wahnsinnig und ich schaffe höchstens ein kapitel am tag, obwohl alles witzig sein soll und erotisch, laut klappentext. die protagonistin soll übrigens, auch lt. klappentext, sehr phantasievoll sein, vermutlich kommt da diese ganze niedlichkeit her.

und irgendwer kommt dann immer und verweist auf angebliche subkutane abgründe und meint, das unausgesprochene ist ja automatisch immer dabei, weshalb das alles sehr „verstörend“ sei.
und das sind dann meistens männer. da haben sich dann die richtigen gefunden, denk ich mir.

Comment by andreaffm | 12:56




Es geht einfach am leichtesten und macht anscheinend noch immer Eindruck. Don Alphonso hat einen entscheidenden Einfluss darauf und ist der Großmeister dieser Bewegung. Er kann sich diesen Jargon aber erlauben, im Gegensatz zu den Anfängern. Die Lifestylepresse, die hier an der Uni umsonst verscherbelt wird, prägt diesen „herrlich zynischen“ Stil auch. Wenn man heute über Gefühle schreibt, dann gemein. Mehr traut man sich nicht, mehr kann man wohl nicht. Ich auch nicht, darum lass ich’s lieber.

Comment by froschfilm | 15:16




der don-alphonso-these kann ich nicht zustimmen, da wird nicht „gefummelt“, auch nicht „gepflegt“. sein jargon ist eher eine weiterentwicklung dessen, was mal mit tempo furore machte (also kein wirklich aktueller lifestyle, eher einer von vor 15 jahren), aber verquirlt mit gesellschaftsromanen aus dem 19. jahrhundert. oder so ähnlich. (hoffentlich liest er das nicht.)

als verursacher hab ich eher zeitschriften wie neon im visier, außerdem gewisse moderatorenfiguren und -figurinnen des deutschen musikfernsehens. die sind ja auch alle so niedlich und so hip und wenn sie nicht aufpassen, enden sie wie susanne fröhlich und schreiben romane für frauenzeitungsfrauen.

da es zu meiner großen verwunderung immer noch menschen gibt, die fernsehen, sickert sowas runter bis in die weblogs. und in die bücher. und bis nach klagenfurt, wo dann sechzigjährige juroren damit konfrontiert werden, was schon wieder unterhaltsam anzuschauen ist (da guck ich dann doch mal fernsehen.)

Comment by andreaffm | 11:33




Ich hatte ja ursprünglich „Neon“ statt „Lifestylepresse“ in meinem Kommentar stehen, also haben wir den Übeltäter! Noch schlimmer als die eiskalten Beiträge sind – zumindest in den Kiddie-blogs – die trostspendenden Kommentare dazu.

Comment by froschfilm | 09:16