Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

China ist das Land der Dynamik, Chinas Gemüt ist gesund. China ist der antimelancholische Ort, nur Europa schwelgt in Wehmut über seiner Geschichte.

Und dann landet man aus Versehen im Olympiapark in Peking. Über den leeren, von stilisierten Fackel-Laternen gesäumten Boulevard hallt die Lautsprecherstimme, die erst auf Mandarin, dann auf Englisch erklärt, daß das hier der Olypiapark sei, daß es auch ein Schwimmbad gäbe, und daß das National Convention Centre und das Intercontinental ebenfalls zum Park gehörten. Das Band wiederholt sich alle paar Minuten, dazwischen plingen ein paar sanfte Töne über die Flächen, auf denen fahl und flach eine Gerd-Ruge-Januarsonne steht, und davor das Stadion, in Bleibändern. Sonst ist es still und bitter kalt. Der „Versunkene Garten“, der die Eingänge zur U-Bahn, zu einem Einkaufszentrum, diverse Läden und die ein oder andere architektonische Extravaganza beherbergt, ist teilweise abgesperrt. Das Sicherheitsglas der Einfassung ist scheibenweise craqueliert, auf der Absperrung vor dem Geländer steht „Do not rely on safety“. Die Läden haben keine Fußböden und dreckige Scheiben.

Und dann: Das Xin’ao Shopping Centre. Der spukhafteste Ort seit sehr langer Zeit. Das unterirdische Einkaufszentrum ist riesig, vier Türen führen aus dem versunkenen Garten hinein. An einer davon knien zwei Männer und tauschen am Fußboden ein Schloß, eine zweite steht offen, die Flügel der dritten sind mit einem großen lila Fahrradschloß zusammengebunden. Drin eine Sicherheitsbeamtin, zwei Frauen mit breiten Mops, die den Fußboden rund um die Uhr so spiegelblank polieren, daß ich versucht bin, seine Rutschigkeit zu testen. Dann kommt ein meterlanger Rezeptions- und Infotresen, besetzt. Mehr Sicherheitspersonal. Irgend etwas stimmt hier nicht. Ein zweites Stockwerk, ein großes Atrium. Wieder Sicherheitspersonal, wieder Frauen mit Mops. Kein einziger der Läden ist vermietet. Jede einzelne der Glasfronten ist mit Folie abgeklebt, schön gestaltet. Auf den Folien sind Kinder und Blumen. Auf den Folien steht „Gifts“, „Fashion“, „Children“, „Playground“, „Dinning“ und „Coffee“. Im Wechsel. Schlucht um Schlucht: Diese Folien, Sicherheitspersonal, Frauen mit Mops. Dann zwei Menschen in Tierkostümen aus zerdrücktem Plüsch: ein Pandabär, ein Löwe. Ein junger Chinese drückt den Löwen. Eine junge, sehr schöne Chinesin lässt sich von ihrem Begleiter vor einer „Fashion“-Folie fotographieren. Zwei nicht abgeklebte Räume finde ich: Ein Multiplexkino, in dem drei Filme laufen, einer davon mit Pandabären. Sieben leere blaue Bildschirme, ein Pandabärenfilmbildschirm, eine Komödie, und ein Film, in dem Mongolen verhauen werden. McDonalds, schräg gegenüber, ist offen und gut besucht. Sonst nichts als Folien, Sicherheitsleute, Frauen mit Mops, Folien. Das Xin’ao Shopping Centre.

Zurück in der Kälte fallen mir die fingerbreiten Risse im Beton auf. Ich trete beim Spazierengehen Kunststoffbretter aus dem Bodenbelag, ihre langen Enden springen mir entgegen. Kein Zweifel: Ich befinde mich in einer zwei Jahre alten, spiegelblank gemopten, chinesischen Ruine.

Link | 24. Januar 2011, 10 Uhr 45 | Kommentare (2)


2 Kommentare


Wie beneidenswert. Das würde ich mir gern ansehen. Die versammelte Mopskompanie. Von den chinesischen Geisterstädten haben Sie sicherlich schon gelesen.

Comment by nyctea | 19:52




Impressed. Sehr schöner, gegenwärtiger und poetischer Text.

Comment by dust | 11:29