Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Feminismus beiseite und das Offensichtliche zuerst: Schoßgebete ist ein Buch über Bio. Alles, was Charlotte-Elizabeth (die Autorin-Erzählerin) erzählt, ist Bio. Graphie, Macht, Gemüse. Biomangold, Biobordellbesuch, Biotherapie: Nichts geschieht aus Lust, auch die echteste Geilheit ist ein Geschacher mit dem Bio-Überich, bis in die Details besetzt mit Strategien, die Liebe dreckig zu halten und das Gewissen sauber. Der Zufall wandert als Tod — Tod der Brüder — durch diese verminte Landschaft, als einziger souverän, frei von der Pflicht, ein Guter zu sein: Der Tod darf eine echte Sau sein, das macht ihn so schrecklich und attraktiv.

Ein Sexbuch ist Schoßgebete nicht. Gegen diese Behauptung sprechen: Verlagsmarketing und PR, der Titel, die Erwartungen. Dann noch zwanzig Seiten Sex zum Einstieg, aber dann passiert etwas ganz anderes. Dann geht es um Elizabeths Unfall, der Charlottes Unfall ist, es geht roh und geradeheraus um diese Geschichte, die wir, Fanboys aus –|– -Tagen, kennen, ohne sie recht kennen zu wollen: Der schreckliche Unfalltod der drei Brüder auf dem Weg zur Hochzeit. So schlicht soll man das sagen: Der schreckliche Unfall. Mehr gäbe es für uns dazu nicht zu sagen. Eine sinnlose Sauerei, nichts, was irgendjemand aushalten müssen sollte. Was macht die jetzt, in diesem angeblichen Sexbuch?

Die Wahrheit ist, Charlotte macht, was sie am besten macht: Sie spielt Klavier auf der Medienmaschine, und ihr Trick ist wie immer, weniger langweilig zu sein. Das ist ein Vehikel für eine ganz andere Erzählung. Und es gibt einen Grund, warum der Unfall erzählt werden muß, und öffentlich erzählt werden muß, mit dem breitesten Publikum und den angefixtesten Lesern: Während der Tod eine echte Sau sein darf, darf der Axel Springer-Verlag das nicht.

Der Moment, in dem der Zeitungsmann bei Elizabeth anruft, um ihr die Nachricht vom Tod ihrer Brüder zu überbringen und irgendein Kapital aus ihrer Schwäche zu schlagen, ist ein sonderbar transparenter Moment, weil er im erzählerischen Rahmen des Buches keinen Sinn ergibt. Die Zeitung interessiert sich nicht für Elizabeth (die keinen Beruf hat), sie interessiert sich für Charlotte, die bunte Frau aus dem Fernsehen. Das Bild vom ausgebrannten Auto, dem Scheiterhaufen der Brüder, ist für die Leser der Boulevardzeitung nur interessant, weil die toten Brüder die Brüder einer Fernsehfrau sind. Das Bild ist gruslig, wirklich schrecklich ist es genau für sie. Und dann dies: Ihre Beliebtheit, ihr heilloses, wunderbares, harmloses, unschuldiges Gelaber über Musik hat irgendwie genau diese Möglichkeit, sie zu verletzen, produziert. Und natürlich wurde sie verletzt, mit dem Maximum an Schäbigkeit.

Und hier zieht sie los, Jahre später, eine Million oder noch mehr Feuchtgebiete im Rücken, bringt ihr zweites Buch als Sexbuch in Anschlag, zieht durchs Fernsehen und baut Publikum, auch ihr neuer Verlag kann bei einem sicheren Seller nicht anders, als auf die ganz große Pauke zu hauen, die ganze Maschine läuft auf Hochtouren, und dann, nach zwanzig Seiten, macht sie statt der Skandalnudel die Autorin, wechselt auf die Seite der ursprünglichen Ehrlichkeit des Erzählens, und erzählt eben nicht ihr Trauma, sondern den Hintergrund für eine Geschichte der Niedertracht. Die ganze ratternde Medien- und Skandalmaschine setzt einen Takt aus: Dieser Punkt ist gemacht. Wer so etwas tut, ist ein Schwein. Da steht sie, ganz kurz, in den Trümmern ihrer Unschuld, ein bisschen von unten gefilmt, im Gegenlicht, eine qualmende Kamera in der Hand: Was für ein Triumph. Und dann rattert die Maschine wieder an, Elizabeth quasselt wie Charlotte, die große Erfinderin der handgeschnitzten Holztelefone, in ihren besten Tagen, auf einen Dreier zum Rausschmiß zu und noch ein bisschen Bioquatsch obendrauf, und das war’s dann, und danke, ihr Lumpen.

Die Frau, die wir zärtlich Charlotte nennen, auch wenn sie (wie vor ein paar Jahren) Bücher schreibt, die wir nur mittelinteressant finden, bleibt am Ende: Die öffentlich private, eindeutig verletzliche Figur, die immer Fernsehen macht, auch wenn sie Literatur macht: Literatur, die sich gut im Fernsehen auf Effekt lesen lässt, Literatur, die Satz für Satz sich windet in der Totalität medialer Quatschmoral. Vor allem aber bleibt sie zuverlässig eine unverbitterte, sehr unterhaltsame Kämpferin gegen den Scheiß.

Link | 12. August 2011, 1 Uhr 28 | Kommentare (2)


2 Kommentare


very nice piece of work, pal!

Comment by dust | 13:59




Gut geschrieben, perfekt empfunden.

Comment by Indication | 20:15