Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Diesmal, in der unsentimentalen Düsterstimmung, die mich beim Anblick des winterlichen Biberach jedes Jahr unfehlbar befällt, fiel mir die Besonderheit der Biberacher Architektur besonders auf. Warum, weiß ich nicht, vielleicht, weil die Neuerungen eine kritische Masse erreicht haben seit dem Ende meiner Schulzeit, oder weil das Jahr der großen Schnellreiserei, das hinter mir liegt, mich mit einer zweifelhaften Gewohnheit des eiligen Aburteilens vorgefundener Architektur- und Stadtstrukturen ausgestattet hat. Jedenfalls bemerkte ich die Stahlbleche und Stahlstangen, die aus den Fachwerkhäusern wie den Neubauten unterschiedslos in alle Richtungen hinausragen, über die gepflasterten Biberacher Plätze hinaus, die in der Sonne glänzenden Glasflächen, Stangengestelle, Vordächer, Blechgaupen und Edelstahlkonstruktionen, die überall vor- und zwischengehängt werden in dieser Stadt. Mit diesem Edelstahlbarock einher geht eine typographische Vorliebe der von den Biberachern unentwegt neu beauftragten Biberacher Werbeagenturen für Groteskschriften und geometrische Logos; überall sind an die Wände Kreise (Optiker), Ecken (Hörakustiker) und Us (Cafes) mit Laserpinseln angebracht, bisschen groteske Auszeichnungsschrift links, bisschen rechts. Nur der Optiker Rach rückt nicht ab von seinem schmiedeeisernen Brillengestell, und die Schwäbische Zeitung hat nach etwas mehr als einem Jahrzehnt in einer scheußlichen Verdana-Livree immerhin zu Papierschriften zurückgefunden.

Dieser barocke Kult eines sogenannten „Modernen“, das in Biberach immer noch in der Zukunft vermutet wird und nicht 80 Jahre zurück in der Geschichte, ist wohl direktes Produkt eines Provinzkomplexes — eben nicht „Laptop und Lederhosen“ wie auf der anderen Seite der A7, sondern die ganze Zeit nur Laptopgeschwenk zum Beweis der Anschlußfähigkeit an den Rest der Welt: Die tatsächlich wichtig ist für das lokale Erfolgsmodell, bei dem es sich ja um den deutschen „producer’s goods“-Maschinenbau handelt, von dem in der Wirtschaftspresse immer zu lesen ist.

Leider ist die daraus entstehende Architektur so dämlich, daß man den Wunsch kaum unterdrücken kann, mit einer hübschen liebherrgelben Planierraupe den ganzen Blechtand mitsamt dem Fachwerk, an den er angehängt ist, gemütlich plattzufahren, daß es allenthalben scheppert, und die Stadt, wenn sie schon dem Fachwerk, auf das sie heimlich stolz ist, nach vorne nicht traut, in ungeflickt — und dann wirklich neu — noch einmal aufzubauen. Geld wäre da.

Besonders schlimm hat es das Wieland-Gymnasium erwischt, einst von einem richtigen Architekten im Zeitgeschmack der 60er erbaut: In den großzügigen, herrlich dunklen und kühlen Nordhof zwischen Aula und Haupttrakt, in dem zwischen zwei Eiben eine raue Granitvariante des Rodinschen Denkers saß, hat die Biberacher Verbesserungswut zwei Hubschrauberladungen Blech, Edelstahlstangen und Glasscheiben geschüttet, direkt auf den offenen Wandelgang zur Aula, die man jetzt in quasi dauerhaft erstarrtem Entsetzen beim Versuch beobachten kann, sich vor dem indiskreten massigen Blechhaufen zum Stadtbach hin wegzulehnen oder gleich davonzulaufen und sich einer Schule anzuschließen, die nicht von einem Rudel Barockmodernisten mit Hubschraubern und Blechflatrate verbessert worden ist.

Link | 27. Dezember 2011, 16 Uhr 45