Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

[Phoenix-Nachtprogramm zu den Nürnberger Prozessen und dem Umgang mit Recht und Unrecht im Krieg. Überwiegend Interviews aus den 70er Jahren, unkommentiert, seit fast fünf Stunden, von Marcel Ophüls. Fast fünf Stunden reglos gebannt, ausgelaugt jetzt, ausgelaugt und ratlos umgeworfen. Schwer festzumachen, was es ist, vielleicht sogar Neid auf den Umgang mit dem Thema: Die Intelligenz und ruhige Ernsthaftigkeit fast aller Gesprächspartner. Der Schwerpunkt, um den die Interviews kreisen: Daß diese Zivilisation, noch vor 30 Jahren, an die Möglichkeit glaubte, Vernunft über Macht zu setzen und daß der Zynismus eine Sache nur für das banale Monster war, für den faszinierenden Glücksritter, Flieger und Morphinisten auf der Anklagebank, eine Kuriosität fast.

Der Eindruck, Menschen zuzuhören, die einer üblen Wirklichkeit mit Kultur und Vernunft begegnet sind: die Kommunistin aus der Resistance; der Vater des in Vietnam gefallenen amerikanischen Soldaten, der zum Tod seines Sohnes Stellung nimmt nicht mit pazifistischen Sprüchen, sondern klaren Einsichten und einer überlegten Position zu Recht und Verantwortung und mit leise verhaltener Wut über die Schäbigkeit des Vorgangs, amerikanischen Gefallenen posthum vietnamesische Orden zu verleihen; der britische Adlige, Ankläger in Nürnberg, in dessen unfassbar vornehmer und unheimlicher, weil vollkommen ressentimentfreier Kälte das Bombardement von Dresden mir zum ersten mal erschreckend plausibel erschien; der Amerikaner, der von seinen Gesprächen mit dem deutschen General erzählt und von seiner ihm unheimlichen Sympathie für die hilflose Soldatenseele, deren einzige Sorge vor der Hinrichtung es ist, dem Hauptmann der siegreichen feindlichen Armee die Schande zu ersparen, mit einem in einem Raum zu sitzen, der gehängt und nicht soldatisch erschossen werden soll; der traumatisierte Vietnam-Deserteur in Kanada; sogar Speer, dessen Verhalten vor und nach 45 so merkwürdig konsistent wirkt: schwach, mittelmäßig, demütig, nur eben weder böse noch dumm; Studenten im Seminarraum, ernst und bescheiden, eine ausgestorbene Gattung — es herrscht ein Ton von Respekt und ehrlichem Bemühen um das Recht —

— und dann dagegen, sparsam eingesetzt, die richtigen, wirklichen und ewigen Schweine, die BRD-Geschäftsfeisten, die Leugner und aaligen Interessenwahrer, die rückgratlosen Gelegenheitsergreifer und freudlosen Zyniker; von diesem Typus, den man heute überall und ausschließlich reden hört; die haben dann wohl irgendwann gewonnen, so scheint es, wann ist es passiert, und das ist der eigentliche Kulturverlust… ich hör‘ ja schon auf.)]

Link | 18. April 2006, 4 Uhr 41